Ausgabe 
29.6.1934
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Freitag, den 29. Zuni

Nummer 49

Oie Oorflinde.

Von Peter Bauer.

Du ragst mit mächtig grünem Hut Als alter Hirt der grauen Häuserherde.

Genügsam weiden sie die selbe Erde Jahrein, jahraus und mehren Gut und Blut.

Dein Rauschen hütet Tag und Traum.

Berlaufen in die Welt ist nicht verloren.

Dein Duft bleibt wie die Seelen eingeboren. Gibt keiner fremden Witterung Recht und Raum.

Du lebst mit allen Lust und Rot, Sterne und Sonne, Regen, Blitz und Winde. Zum heiligen Ahnenbuch ward deine Rinde' Die krausen Kerben künden Lieb wie Tod.

Und immer auferstehst du frisch, So oft sich auch zum Fall die Blätter färben. Dein Schatten spendet noch den späten Erben. Und Segen weht von dir auf Herd und Tisch.

Opfer und Ende."

Von Hans Grimm.

Zum Gedächtnis des Tages, an dem vor 50 Jahren das erste deutsche Kolomalland erworben wurde, erschien unter dem TitelLüderitzland. Sieben Begebenhei- t e n" (Verlag Albert Langen / Georg Müller, München) ein neues Buch von Hans Grimm, in dem der Dichter von Volk ohne Raum" mit der unvergleichlichen Meisterschaft seiner Sprache und der bannenden Gewalt seiner hohen dichte­rischen Kunst das stille Heldentum der deutschen Siedler, Soldaten und Kaufleute in Deutschsüdwest erschütternd leben­dig werden läßt. Mit freundlicher Erlaubnis des Verlages bringen wir aus diesem Buche folgenden Ausschnitt zum Abdruck:

Kurz vor Einbruch der Nacht fingen die Farbigen an, hinter dem Aiufe herumzuwirtschasten. Die drinnen hatten in der Zwischenzeit die Tire der Wohnstube und die Fenster der Schlafkammer, so gut wie sie tmnten, zugebaut. Sie merkten, daß die kurze Leiter hinten angestellt m.-rbe und daß der Versuch dem Dach gelte. Die festgeschraubten Well- bl chplatten über dem Gebälke der Schlafkammer hielten den ersten ir geschickten Handgriffen und Anfällen stand. Da wurde die Leiter »eitergerückt an die Rückwand der Wohnstube. Der Kaufmann sagte jur grau:Geh du mit dem Kinde in die Schlafkammer". Er nahm das Mite mit grobem Schrot geladene Gewehr, das er vorher der Frau zigeben hatte. Er stand an der Tür und sah hinauf an der Wand des Simmers, wo Balken und Platten auf der Mauer auflagen. Seine hinde zitterten etwas. Die Ecke oben zwischen Mauer und Dach war idion dunkel. An den Wellblechplatten wurde gerüttelt, sie bewegten sich «ich gleich, die aufgelegten schweren Steine polterten, dann fielen die trten Platten und Steine krachend und staubend in die Stube und zer- Idlugen einen Rohrstuhl. Der Kaufmann hob das Gewehr, er blickte idarf nach der Lücke in der Decke. Er konnte den Schrotschuß bald «igeben. Der Getroffene schrie fürchterlich und stürzte vom Dache, andere ioirben mitgerissen oder sprangen vielleicht herunter, und die Leiter Idilug um.

Alles das war drinnen zu hören. Es folgte dann nur noch ein Serien von Steinen rückwärts durch das Loch im Dache, wobei die Serfer nicht ganz nahe stehen konnten. Die Steine zertrümmerten die Ufr und ein paar Bilder, sonst geschah nichts.

Dann wurde es still und war es Nacht.

Der Kaufmann kam in die Schlafkammer, er sagte:Man hört keinen m hr. In der Nacht greifen die Herero nie an. Und morgen früh ist Dch die Polizeipatrouille hier fällig. Gott fei Dank! Und auch von Oka- k-ibja werden sie hierher unterwegs fein. So was spricht sich doch sl'urn, als flöge es. Dem einen Kerl habe ich's aber selber schon bt;ablt." -

Er sagte:Ich muß jetzt etwas schlafen, falls es vor Ankunft der Pl lizei noch zu tun geben sollte."

Sie verrammelten die Türe von der Schlafkammer zur Wohnstube. i>i* Frau wundert sich, daß der Mann so schnell einzuschlafen ver­

möchte unter diesen Umständen. Aber es beruhigte sie auch ein wenig.

Als es draußen heller Tag wurde, hatte sie selbst fest geschlafen. Der Mann weckte sie. Des Mannes Gesicht sah im Dämmer der Kammer so verzerrt und zermürbt aus, daß sie vor dem Gesichte zurückschrak und erst, als er seine Worte wiederholte und als sie Rauch roch, die Not selbst erkannte.

Der Mann sagte:Sie haben durch die Rückwand der Wohnstube ein Loch gebrochen. Sie bohren und arbeiten schon lange daran. Ich habe fortwährend zugehört. Sie haben jetzt dürres Streuwerk und Holz und Petroleum geholt und haben es angezündet."

Mann und Frau saßen darauf eine Weile auf der Bettkante. Sie hatten das schlafende Kind zwischen sich gerückt. Sie versuchten beide zu horchen, ob die Patrouille der Polizei käme ober ob Hilfe käme von Okahandja ober ob sonst etwas geschähe, das die Lage ändere.

Sie glaubten es noch, als schon die Zwlschentüre schwelte und das Löschen der schwelenden Stelle ihnen noch gelang. Sie glaubten noch, daß Hilfe kommen würde, bis auf einmal der Rauch und das Feuer zu stark geworden waren und das Kind weinte und nach Luft jappte. Da machten sie ein Fenster der Schlafkammer frei.

Zu sehen war niemand, es wurde auch nicht gleich geschossen. Der Kaufmann rief:Paulus, Paulus, ich habe euch niemals etwas getan. Ich war gut zu jedem von euch. Das habt ihr mir selbst bestätigt. Wollt ihr jetzt die Frau und das Kind verbrennen?"

Er bekam Antwort von rückwärts. Die Antwort lautete fast wie am vorhergehenden Nachmittage:Wenn die Frau das Kind mit dem Hereronamen herausbringt und zu uns kommt, bann wirb bem Kinbe unb ber Frau auch jetzt nichts geschehen." Die Antwort bekam aber noch einen Zusatz. Der Zusatz lautete:Der Kaufmann soll, wenn bie Frau unb bas Kinb heraus finb, am Fenster stehen bleiben!"

Vielleicht verstand der Mann allein die ganze Bedeutung der Ant­wort. Er- sagte:Wir müssen sofort heraus, ehe noch ein Kerl, der nichts weiß, uns steht und denkt, er könne herschießen. Ich gehe zuerst aus bem Fenster, bann reichst bu mir bas Kinb unb mein Gewehr, bann kletterst bu rasch hinaus, dann läufst du mit bem Kinbe zu Paulus' Hütte; in ber Zeit verhanble ich mit ihnen." Er zog, währenb er sprach, einen Schemel ans Fenster, bamit sie es leichter hätte Er stieg aus bem Fenster, er empfing bas Kind unb bas Gewehr, sie stieg nach unb nahm bas Kinb.

Gerabe in biesern Augenblick wurden von jenseits des Flusses ein paar "Schüsse auf das Fenster abgegeben. Die Frau erhielt einen Streif­schuß an der Stirn. Sie rief im Laufen mit dem Kinde:Einen Schuß habe ich weg". Sie meinte zu hören, daß ihr Mann hintereinander zwei Schüsse obgebe. Sie bekam im Flußbette noch einen Schuß in die Schulter und das Blut begann ihr über die Brust zu laufen.

Nach der zweiten Verwundung hörte sie kein Schießen mehr, sie gelangte auch unaufgehalten zu den Hütten des Großmannes und Evan­gelisten Paulus. Das Kind war heil und meinte nicht. Sie verlangte von einem Weibe aus den Hütten zu trinken, sie verband sich bie Schulter mit ihrem Hembe, davon sie ein Stück abriß.

Dann kam Paulus. Der Großmann sagte:Warum seid ihr nicht früher herausgekommen? Wir haben dich schon gestern gerufen. Nun ist das meiste verbrannt, bas wir hätten brauchen können. Es mtrb bir unb dem Kinbe bennoch nichts geschehen, weil bie Deutschen auch mit ben Frauen nie Krieg führen." Sie hörte anbere reben, nicht bie Frau, nur bas Kinb bürfe leben bleiben. Aber Paulus wieberholte:Es wird dir dennoch nichts geschehen, du kannst dich jetzt ausruhen in einer von meinen Hütten mit deinem Kinde, bis bu ben Weg zum Missionar machen kannst in Dtjituefu". Die Frau hörte stumpf zu, sie hielt nur bas Kinb sehr fest, sie sah auch ohne neuen Schrecken jenseits bes Flusses ihr Haus und den Laden lichterloh brennen, sie sah auch einen Herero mit ihres Mannes Gewehr und einen mit ihres Mannes gewohntem Hute und einen mit ihres Mannes gewohntem Rocke. Sie sah sonst nichts mehr von ihm; auch von Gefangenen aus der Werft war später nichts über ihn zu erfahren.

Dem Kaufmann selbst ist also geschehen wie vielen Deutschen, deren Leib auf schwere Weise eins geworden ist mit der harten, heißen Erde von Südwest. Er war gleich den meisten seiner Landsleute weder ein Negerausbeuter, noch ein Gewaltmensch, noch ein Eroberer, noch ein kühner Abenteurer, sondern ein fleißiger Kleinbürger, der einen etwas rascheren Aufstieg suchte, als die alte Heimat ihm zu bieten vermochte. Er wurde wie die andern auf feinem neuen Wege bei Sonne und größerer Freiheit immer näher an das Schicksal gerückt, er stand ihm eines Tages plötzlich einsam gegenüber, ganz erbarmungslos Auge in Auge; und dann zeigte sich freilich vor dem Unabwendbaren auch bei ihm ein Stück Heldentum.