Merk neigt sich zu ihm. Aber wie erstaunte er, als er seinen nadelgestachelten Freund anredete. War es Täuschung? Gaukelten ihm seine Augen Phantasien vor?
Tschuang! redete er ihn an. Was tust du?
Der Kaktus hatte eine zierliche, winzige Blütenknospe getrie- ben. Wie ein lieblicher Gedanke entsprang sie seinem alten Stachelhaupt, gleich einer zarten, keuschen, doch bestimmten ^dee. Niemals hatte sich Tschuang derlei einfallen lassen. Ein Ere,gms! Und Merk hatte seinen Freund für völlig abgeklart gehalten. Er blühte, er hatte eine Knospe angesetzt. O -Uchuang!
Oder, ach! schickte ihm Tschuang eine Botschaft? Ein geheimes Wort? So lange hatte er geschwiegen, und nun: wollte er ihm ^"Merk" war tief bewegt. Er hätte niemals solche feine Regung von Tschuang erwartet, innerstes Leben, das anv Licht drängte. Gab er ihm jetzt zurück, was er ihm all die Jahre hindurch anvertraut hatte? Liebe und verborgenes Verständnis? Er hatte dem Freund die Geschichte seines Lebens erzählt — erzählte ihm nun der Freund auch eine Geschichte — und sie war geformt wie eine ^Gerührt ging Merk abends heim. Kaum, daß er die Stunde seines nächsten Besuches erwarten konnte. Und dann stand er wieder vor der Stachelpflanze, in Betrachtung versunken. Die Blute war herangewachsen und strahlte in einem seltenen Rot. Erstaunlich! Eine solche Blüte hatte er noch nie gesehen, auch die Gartner des Botanischen Gartens wußten sich nicht einer so merkwürdigen 00 Woran" gemahnte"^- ihn nur? Er schloß die Augcn,undda entstand vor seinem inneren Gesicht nebelhaft, doch immer deutlicher werdend, ein Bild: die Farbe der Blüte glich genau der Farbe eines Kleides... Seidenrot und zart geflammt... Es war das Kleid einer Geliebten. Merk erschauerte, angeruhrt von geisterhafter Regung. Ein alter Schmerz, den er längst verwunden glaubte, erwachte wieder in seinem Herzen, er war ganz verwirrt. , .
Einmal, vor Jahr und Tag, hatte er zu seinem Pflanzenfreund Tschuang von jenem Mädchen gesprochen: er hatte ste ihm geschildert, ihre Anmut, jede ihrer Bewegungen: damals, wahrhaftig, hatte sie ein rotes Kleid von der Farbe der Blute getragen. Er hatte sie sehr geliebt und war sehr von ihr geliebt worden. Aber ihre Eltern erlaubten ihr nicht, ihn, den Anwaltsschreiber, zu heiraten: eines Tages führte sie ein Kolonialwaren- Händler zu einer thüringischen Kleinstadt heim. Doch wurde sie nicht glücklich ihn ihrer Ehe, die Rosi Lengfelder...
Merk blieb bis zum Abend im Botanischen Garten, der Zauber der Blüte ließ ihn nicht los. Als aber die Dämmerung hereinbrach, mußte er gehen. Mit einem letzten, zärtlichen Blick grüßte er die seltene Blüte. Da war ihm, als winke aus der Pflanzenwilönis eine ahnungsvolle Wunschgestalt, aus Duft geformt, mit Blütenhänden, Pflanzenarmen, Blütenlippen... Be- rÜ"(Sine1 Woche*i> litfj t e die wunderbare Blüte. Dann welkte sie und fiel ab. Als Merk in den Garten kam, hing die Blüte an einem der langen Stacheln. Er fühlte einen körperlichen Schmerz, so leid tat es ihm. Die feine Blüte!
Ach, Tschuang Yuan! Sie war so schön, ich hatte sie lieb!
Aber Tschuang stand starr, in würdiger Haltung, abgeklärt und weise. Die Stelle, wo die Blüte geprunkt hatte, war vernarbt. Der alte Pflanzenfreund hatte nichts weiter mitzuteilen, seine zarte Geschichte war erzählt.
Merk nahm behutsam die welke Blüte vom Stachelgcstcht seines stummen Freundes und legte ste in sein Notizbuch. Zu Hause wollte er in sein Pflanzenbuch schreiben, wann die Blüte abgefallen war, wie er sie geliebt Hatte, wie sie aussah.
Ein paar Tage nachher fand Merk frühmorgens auf seinem Pult im Büro einen Brief. Es war ein Brief seiner Schwester. Sie hatte allerlei zu fragen und aus ihrem Dorf Neuigkeiten mitgeteilt. Nichts von Bedeutung, doch am Ende des Briefes, was stand da? hingekritzelt in eine Ecke ... Rosi Lengfelder ist am Sonntag ganz plötzlich gestorben.
Merk wurde blaß, seine Hand zitterte, rundum schwankte plötzlich das Zimmer, er mußte sich gegen sein Aktengestell lehnen, aus dem die Negistrierzettel nach ihm herauszüngelten...
Ach, Tschuang! flüsterte er und preßte die Hand aus fetit Herz...
Wallfahrt nach Oberammergau.
Von Ern st Wesner.
Oberammergau, Pfingsten 1934.
„Wenn einmal der Tag der Verheißung anbricht, wo die deutschen Stämme sich wieder als ein Volk fühlen und die Kräfte sich frei und kräftig regen werden, wo der Atem eines neuen Lebens, den alten Volks- und Kunstgeist wieder auferwecken wird, der wieder schöne Feste schafft, dann mag man auch des Oberammergauer Passionsspieles gedenken." Unter dem Eindruck seines Besuches in Oberammergau hatte.der Hofschauspieler Dev- rient diese Worte geschrieben. Anerkennung klang daraus, wie sie ein großer Schauspieler nicht bedeutungsvoller ausdrücken konnte, aber auch eine gewiße Skepsis darüber, ob die Eigenart des Passionsspieles je von der Allgemeinheit recht erfaßt würde.
Wir freuen uns, daß seit dieser Zeit Oberammergau von Spiel zn Spiel immer mehr Menschen zu einer Wallfahrt anlockte und aufsorderte, daß also — so gesehen — Devrient ein wenigs zu schwarz gedacht hat. Nick, doch klingen uns seine Worte in diesem Jahre besonders vertraut, so als ob sie eine Verheißung bedeute
ten, die erst viel spater in einem besonderen Sinne klar erkannt werden konnte. .
Oberammergau führt in diesem Jahre sozusagen „autzerPlan- mäßig" sein gehaltvolles Passionssprcl durch. Mitten in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges, im Jahre 1633, ^rach die ßest im Orte aus und forderte täglich mehr Opfer. Die bedrängte Bevölkerung gelobte in ihrer Not, sie würde von nun ah alle zehn Jahre zur Ehre Gottes das Spiel von der Passion des Weilands aufführen, wenn Gott die Plage von dem Orte nehmen würde. Die pfarramtliche Chronik berichtet, daß von Stund an die Seuche einhielt. Und im nächsten Jahre gingen die Oberammergauer in die Kirche, um „ihren Passion" zu spielen.
„Der Passion" sagt der Oberammergauer auch heute noch, nach dreihundert Jahren, da er das Jubiläum der Passionslpiele begeht. Ein Gelübde, von den Vätern abgegeben, ist als Verpflichtung von jeder nachfolgenden Generation übernommen und erfüllt worden, als hätte sie es selbst abgelegt. Das vielzitierte und so oft mißbrauchte Wort vom „Brauchtum" — bekommt es nicht hier seinen echten Klang, seine innere Bedeutung wieder?
Aber um dies alles zu erfahren, brauchte man nicht erst nach Oberammergau zu reisen. Längst sind die PassionSspiele als eine kostbare Besonderheit der Einwohnerschaft eines Dorfes im bayerischen Hochlande zu einer Angelegenheit geworden, von der die Welt spricht, mit der sich Deutschland beschäftigt. Es mochte in stüheren Jahren ein bißchen Snobismus bei so manchem Be- ucher mitgespielt haben, wenn er sich anschickte, nach Oberammergau zu fahren — „Mau muß das doch einmal gesehen haben" — heute ist das erheblich anders. Wer nach Oberammergau fahrt, um diese Jubiläumspassion zu erleben, wird in seinem Innern ; davon beherrscht sein, die Bekanntschaft mit einem S tuck d e ut- ch e r Volkskunst zu machen oder wieder aufzufrischen, das etwas wesentlich Anderes darstellt als ein Festspiel an sich.
Aber da fällt uns der Mann ein, der in der Eisenbahnfahrt nach Oberammergau mit Nachdruck sagte: „Was wird da für eine Reklame mit den Passionsspielen gemacht! Das ist doch auch nur eine Sache des Geschäfts". So also wäre Oberammergau anzusehen? Da muß man doch einmal beobachten, wie das Spiel auf die Beschauer von heute wirkt. Das sind doch alle» ganz moderne Menschen, Personen, die von Pest und anderen Seuchen kein- Ahnung mehr haben, wohl aber vom Theater sehr viel wissen. Wie reagieren die auf das Passionsspiel?
Es gibt für den mit Skepsis geladenen Beobachter eine große Ueberraschung. In dem außerordentlich glücklich gebauten Passionsspielhaus mit seiner auf ideale Art in die Landschaft em- gefügten großen Bühne wird die Schar der Besucher — 5200 Menschen füllen von Spiel zu Spiel das Haus — bei den ersten Takten des Orchesters gefestelt, ergriffen, gepackt. Erstaunlich, dieser beinahe jähe Uebergang zur Ruhe und Sammlung, erklärlich wohl nur aus dem Inhalt des jahrhundertealten Spiels.
So ist es der Text wohl, der ergreift und packt?
Die Größe des Hauses macht es notwendig, sich mit dem Textbuch vertraut zu machen. Und so lernt man denn auf diese Weis- recht genau das Passionsspiel als Dichtwerk kennen, ein Werk, das in Form und Inhalt wohl Jahrhunderte überdauert hat, in seinen Worten jedoch so manche Abänderung erfuhr. Nicht alle Acnderungen sind glücklich zu nennen, nicht immer sind es Worte eines Dichters, die sich an uns wenden. Es klingen Sätze auf, ote unserer Zeit fremd geworden sind — kein Wunder, wenn man sich daran erinnert, daß auch die jüngste Ueberarbeitung des Werkes fast 120 Jahre alt ist. Die Sprache entwickelt und formt sich täglich neu, und das Textbuch vom Oberammergau ging diesen Weg nicht mit. Da klingt so manches fremd ins Ohr.
Dann muß es die Musik sein, die das Wort verklärt und veredelt, wird man vermuten. Aber auch hier läßt sich dies und jenes aussetzen. Der Oberammergauer Lehrer Rochus Debler schrieb sie zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, Haydn und Mozart haben einen großen Einfluß auf seine Arbeit aus- geNbt. Es mag sein, daß sie dem an klassische Musik gewöhnten Obr manchmal zu leicht, zu wenig ernst klingt. Aber an vielen Stellen erhebt sie sich zu hinreißender Schönheit und wuchtiger L>I$on Text und Musik muß gesagt werden: Beide sind als etwas historisch Gewordenes hinzunehmen.
In Oberammergau geht man diesen Fragen nicht aus dem Wege. Man spricht das ungefähr so aus: Text und Musik haben ihre Mängel. Unsere Sprache ist einfacher, klarer, knapper geworden, und wir Menschen von heute empfinden anders als die Menschen vor mehr als hundert Jahren. Wir lieben und verstehen anderseits auch wieder mehr als die jüngste Vergangenheit das aus dem Volk, ans Blut und Erbe Gewachsene, selbst wenn es in der Form nicht immer ganz entspricht. So wechseln bei der Erörterung dieser Fragen Gefühl und Ehrfurcht vor dem Hergebrachten, von dem von den Vätern Ererbten mit dem Drängen nach einem neuen selbständigen Schaffen, nach dem neuen Geist in Form, Ausdruck und Gestaltung, nach dem aus dem Wollen und dem Können der Zeit geborenen Neuen. Uns so ist es heute in Oberammergau, daß die alte Generation der Spieler beim historisch gewordenen Text zu bleiben wünscht, die jüngere Generation hingegen vor neue Aufgaben in Text uns Musik gestellt zu werden wünscht. Sicher werden die nächsten Jahre eine Anseinandersetzung bringen.
Alt und jung spielen aber heute noch gemeinsam, und ihrem Spiel ist anzumerken, daß sie mit angespanntem ernsten Willen an die Erfüllung der gegenwärtigen Aufgabe Herangehen. Daher kommt der Geschlossenheit des Werkes und des Spieles die
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