Ausgabe 
25.5.1934
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger________

JahrgangZreitag. den 25.Mai __________mniuncr39

Oie Botschaft der Blüte.

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ihren Namen in seine Liste ein und ihre besonderen Kennzeichen. Ging aber eine Pflanze ein, zeichnete er in seinem Buch hinter ihren Namen ein Kreuz und schrieb die Todesursache hinzu, die Krankheit und den Befund. So war er, und so lebte er.

Im Winter muhte er den Botanischen Garten sehr entbehren, einzig das Glashaus machte ihm Freude. War es dann einmal ein sehr kalter Sonntag, rührte er sich nicht aus der Stube. Er trug zu Haus einen rot- und gelbgestreiften, auswattierten Um­hang, den er einst aus einer Versteigerung erstanden hatte und der ihm das Aussehen eines Mandarinen, eines chinesischen, im Ami ergrauten Hofbeamten gab. Freilich war ihm der Mantel um eine Handbreite zu lang; der gelbgefahte Saum schleifte beim Auf- und Abwandern aus den Fersen; doch Merk hatte sich zu einer Kürzung nickt entscheiden können, er hätte den schönen Saum opfern müssen. Wenn Merk so in seinem Zimmer hm und her wandelte, im Mund eine lange, dünne Türkenpfelfe, glich er wahrlich einem fernöstlichen Weisen. Er las in seiner Pslanzen- liste, nannte die Gewächse, stellte sich ihr Gedeihen vor, ihre Winterblüte und ging im Geist im Botanischen Garten bet seinen Lieblingen umher. Sie grünten und wuchsen; er sah sie aufstreben und sich miteinander verschlingen zu einem flammen­den und strotzenden Gewebe von Blättermustern, Rankenschlangen und Blüten. Sie umarmten ihn mit schweigendem, feierlichem Dickicht, umfächelten ihn mit Zackenblättern doch wenn plötzlich die Wirtin klopfte und eintrat, entwich der holde Garten bis zur Zimmerwand und verwandelte sich in die geblümte, grün ange­malte Tapete, und Die Frau gewahrte nicht, daß ihr stiller, un­scheinbarer Mieter ein hierhergebannter, fernöstlicher Schrist- kundiger, Gelehrter und Hofbeamter war und nicht der Schreiber und Registrator Merk aus dem Rechtsanwaltsbüro.

Ebensowenig ahnten es die Gärtner und Gehilfen im Bota­nischen Garten, und sie, die nie Wunderbares erlebten, bemerkten nicht, daß Merk unter den Pflanzen Hof hielt und mit den Kakteen geheime Unterredungen führte.

Er trat in den Garten, ernst und heiter und begab sich um­gehend zu den Kakteen, und die Kakteen standen ehrerbietig und starr. Sie alle blickten aus ckhn. Und auch die andern Pflanzen verhielten sich so. Merk ging zu einer schönen Agave, die mitten unter dem Stachelvolk gedieh, und zeichnete sie durch einen freundlichen Blick aus. Die Agave funkelte. Wie Brunnenstrahlen O^^Guten^Morgen" dachte er. Guten Morgen, schöne Agave. Mit

Bergblumen.

Von Maria Paschen.

Blumen wachsen in Fülle hier oben In tieferen Farben, mit stärkerem Duft Als unten int Tal. Hier blaut der Enzian. Ach, welche Bläue! Und hier wie Gold Steht Arnika.

Und weiße Dolden Schimmern am Abhang, Und Glockenblumen Und Eisenhut. Unten im Tal Glühen sie anders, Hier sind sie streng Und ihr Duft ist herb.. Arm ist der Boden, Dem sie entsprießen, Kurz ist ihr Sommer, Kalt ihre Nacht. Aber sie stürben. Würdest du sie In den reichen Boden Des Tals verpflanzen.

6OC®ieOlt®Sitnei eilten mit den Kannen durch die Gehege

jedem Tag wirst du schöner...

Die Agave glänzte noch stärker als zuvor. Merks Blick über­tastete ihre Blattspitzen, daran scharfe Dornen saßen. Gefährliches Pslanzenmädchen! meinte er liebevoll. Nur keine Angst, hier wirst du nicht gefressen!... Er wandte sich einem Schlangenkaktus zu, der in der sonnendurchschienenen Luft herumsuchte, mit fingern­den Zweigen, dünn gegliedert wie Krebsgclenke. Immer langer werden deine Beine, alter Schlemihl! Immer dünner. Kein Wunder, daß du schattenlos bist! Nimm dir ei» Beispiel an dei­nem Nachbarn, an Dschingis Khan: rote der Fleisch ansetzt! Was er sür einen Speckkopf hat.

Merk lächelte boshaft. Er konnte sich wohlangebrachte Scherze gestatten: heute war ja Sonntag, das Nechtsanroccktsburo geschlos­sen, und er hielt eine Pflanzenversammlung ab. Wav sich roochen- taas in seinem Innern staute, heut ließ er es ausbrechen Spöttisches, Scherzhastes, Heiteres und Geheimes. Die grünen Freunde erfuhren es, teilten es mit ihm, verstanden ihn...

Saaten sie nicht jetzt eben: Guten Morgen, Exzellenz! hörte es deutlich, hinter den Lichtdünsten des Morgens, fein

begossen die Gewächse.

Merk trat zu seinem besten Freund, einem Igelkaktus. _ der Pflanzenliste hatte er den chinesischen Namen Tschuang Yuan, das heißt:Urbild", denn der Kaktus war das Vorbild aller Kakteen: sleischig, dick, stachelig, gutmütig von Aussehen. Rund war er wie ein Mond und bespickt mit sprießenden Sternen-

Nach einer alten chinesischen Legende hatte ihn Merk zur Doktorwürde des höchsten Grades erhoben, zum Vorsteher des Pflanzenpalastes. Diesem Doktor Tschuang Yuan hatte er seine innersten Gedanken anvertraut, mancherlei Hoffnungen, mancher­lei Leid. Jahre schon kannten sie einander, tschuang war abge­klärt weise und gerecht, er hatte die Zeit kennengelernt, bei ihm war alles gut aufgehoben, man konnte mit ihm besprechen, wav auch immer war.

Erzählung von Friedrich Schnack.

Merk, ein Junggeselle in den Vierzigern, sanften, doch schlossenen Wesens, war Schreiber eines Anwaltburos. Ihm ob­lag es, die Aktenregistratur zu führen, einlaufende Briese und Urkunden in ein braunes Buch zu verzeichnen und die Rechnungen für die Klienten des Anwalts auszustelleil. Es war keine wichtige Arbeit, die man von ihm forderte, war sie .auch notwendig, wie das verzwickteste Rechtsgespenst und die scharssinnigste Auslegung. Er hielt sich im Hintergrund des Arbeitszimmers, wo die Regale vor den Wänden standen und die Registerzettel wie schlappe, graue Zungen, beschrieben mit Zahlen und Buchstaben, au;- den Aktenbündeln hingen. Dort, zwischen Gestellen uiid wineni ab- gcgrissenen Schreibpult, übte er feine bescheidene Tätigkeit aus, in sich gekehrt kauzig, stets beschäftigt und pedantisch genau, ein fleißiger und pünktlicher Mann, der weder Staub auf einen Aktenstößen, noch unerledigte Rückstände vor seinem -Schreibzeug duldete, wenn er abends den Hut vom Kleiderrechen nahm un heimginq. Es hatte für seine Kollegen den Anschein, als begehre er nie über den engen Rahmen seines Schreiherdaseins hinaus- znkommen und etwa die Amtshöhe eines Bürovorstandes zu er­klimmen. Vielleicht, so er dies je angestrebt hatte, war ihm der Wille dazu längst eingeschlafen. Sein Haar war «rau, und in seinem Gesicht gab es Falten, rote sie Ermüdung, Enttäuschung und ein abgestandener Schmerz hinterlassen. So hielt er sich denn auch im Hintergrund des Daseins: er bewohnte einsredlerhaft m einem abgelegenen Stadtviertel bei einer alten W'twe enie einz g Stube, ging niemals am Abend aus zu etnem Glas B.er, zu Kartenspiel oder ins Kino, wie es seine Amtskollegeu zu tun pflegen, bummelte auch Sonntags nicht auf den Hauptstraßem unternahm keine Ausflüge; solange man ihn kannte, zeig e er sck ungesellig, als Sonderling und Winkelspinner. Man wußte nur so viel von ihm, daß er in seiner Freizeit überaus gern und au - schließlich in den Botanischen Garten ging, wo er stundenlang fremde Gewächse anstarrte «nd tiefsinnige Betrachtungen vor den Kakteenzuchten anstelltc. Von solcher Liebhaberei hatte er auch seinen im Büro geprägten Spitznamen: Kaktecnmcrk.

Wer hätte geahnt, daß er auch hier in der Pflanzenwelt und im Zaubergarten der Blumen von seinem Negistriemvesen nicht ließ! Er führte säuberlich Register aller nn Botanischen Garten gedeihenden Gewächse, eine wunderliche Liste, darin er jegliche Pflanze aufs genaueste beschrieb und ihren lateinischen Namen, wenn es seine Kcniitnisse erlaubten, auffuhrte, nebst sonderlichen, selbstgefundenen Ausdrücken und Namen. In dem grünen Re^ch der Botanik wußte er besser Bescheid als die Gartner, dm mit den langschnäbeligen Gießkannen durch die Gehege schlupftem Wurden die Anlagen oder Gewächshäuser um en-e neue Pflanze bereichert, Merk wußte es alsbald; entdeckte sie, behüte sie auf­merksam, hieß sie sogar vielleicht nut einem Wort insgeheim willkommen und am Abend trug er zu Hause in seiner Stube