Ausgabe 
24.12.1934
 
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Beim Abendessen sollte die Familie auch einen Schnaps haben, das war alter Brauch, und Rinaldus war derienige, der die Gläser ein­schenken sollte. Das war für ihn ein feierlicher Augenblick; er sollte die Karaffe mit den großen gemalten Rosen in seinen Händchen halten. Aller Augen beobachteten chn.

Halte die Rosenkarasfe in der linken Hand, wenn du Leuten ein* gießt, die älter sind als du, sagte der Vater. Du bist alt genug, etwas anzunehmen und etwas zu lernen.

Und Rinaldus nahm die Rosenkarasfe in die linke Hand. Er goß so vorsichtig ein, daß es ein förmliches Schauspiel war, streckte dabei die Zunge heraus, legte den Kopf auf die Seite und goß.

Die Abendmahlzeit war das reine Festessen, es gab Fladenbrot, Sirup und ein Ei für jeden. Außerdem konnte man sehen, daß es Weihnachten war, denn es gab noch Butter zum Brote.

Tor sprach laut Luthers Tischgebet.

Aber nach der Mahlzeit irrte sich der kleine Didrik im Tage, ging zum Vater und zur Mutter und gab ihnen die Hand zum Dank fürs Essen. Der Vater ließ es ihn tun, bevor er etwas sagte; als er aber fertig war, sagte Tor doch:

Du solltest uns heute abend nicht für das Essen danken, Didrik. Es ist gerade nichts Verkehrtes dabei; aber du weiht, am Neujahrsabend folljt du für das Essen danken.

Didrik war nun so beschämt, daß er sich ganz zusammenduckte, und er brüllte beinahe los, als die Geschwister über ihn zu lachen begannen.

Tor hatte sich wieder mit der Pfeife im Munde auf das Bett gelegt, und die Frau wusch die Tassen ab.

Ja, das war ein tüchtiger Schneesall, den wir hatten, sagte sie.

Er ist wohl auch noch nicht zu Ende, erwiderte Tor. Der Mond hat einen Hof, und die Elstern fliegen dicht am Boden.

An einen Kirchgang ist für morgen wohl nicht zu denken, was?

Ach, Gott behüte. Du hast wohl nicht im Kalender nachgesehen, wenn du morgen auf Kirchgangswetter hoffst.

Wie ist denn der Aspekt?

Er sieht wohl nicht besser aus, als ein Kalb ohne Beine. Ich würde sonst nicht so schlecht davon reden.

Nein, wirklich I

Gib meine Brille her, Rinaldus, aber laß sie nicht auf den Boden fallen, fuhr Tor fort. Und er untersuchte noch einmal den gefährlichen Aspekt. Ja, da siehst du, sagte er zu der Frau. Es ist nicht besser, als ich tage.

Jesus behüte uns alle! meinte Kirsti und faltete ihre Hände. Be­deutet das da Unwetter?

Ja, das bedeutet Unwetter. Aber das ist doch wohl noch nicht der schlimmste. Wenn du einen Aspekt von der richtigen Sorte sehen willst, bann sieh dir hier den fünften Februar an. Das ist wohl kein geringerer, als der Antichrist selbst, mit zwei Hörnern.

Jesus, Gott behüte uns alle! Und Timian, der in Amerika ist.

Nach diesem Ausruf trat für ein Weilchen Stille in der kleinen Stube ein. Draußen begann es zu stürmen und der Schnee zu fegen. Die Kinder unterhielten sich miteinander und vergnügten sich mit oer= fchiedenen Dingen; die Katze ging von einem zum andern und ließ sich streicheln.

Ich möchte wohl wissen, was der König am Weihnachtsabend ißt? brachte Didrik hervor.

Haha, da gibt es wohl feine Butter und süße Kuchen, rief die kleine Lena, die erst acht Jahre alt war und es nicht besser wußte.

Denke, süßen Kuchen! Und bann auch noch Butter daraus, sagte Didrik. Und der König trinkt wohl eine ganze Rosenkarasfe allein aus?

Aber Rinaldus, der der älteste war und bereits weit in derAus­legung" gekommen war, lachte über dieses Gerede laut auf:

Nur eine Karaffe! Haha, der König trinkt wohl mindestens zwanzig!

Zwanzig, sagst du?

Ja, die trinkt er mindestens.

Nein, bist du verrückt, Rinaldus! Cs ist unmöglich, mehr als zwei zu trinken, sagte die Mutter, die am Herde stand.

Aber nun mischte sich auch Tor hinein. _

Was faselt ihr da? sagte er. Glaubt ihr denn etwa, der König trinkt solch gewöhnlichen Schnaps? Der König trinkt etwas, was Schampaner- trunk heißt, will ich euch sagen. Davon kostet eine einzige Fla che fünf bis sechs Kronen, je nachdem wie die Preise in England sind. Und den trinkt der König von früh morgens bis spat am Abend, nichts als Schampanertrunk. Und jedesmal, wenn er ein ^as ausgetrunken hat stößt er es so hart auf bas Tablett, daß es zersplittert, und sagt zur Prinzessin: Nimm es fort! fagt er!

Aber in Jesu Namen, warum zerspUttert er denn die Glaser? fragt Kirsti.

He solch eine Frage! Glaubst du, daß er sich herablaßt, die ganze Zeit aus ein und demselben Glase zu trinken, so ein Mann, wie der ift?

Pause. ... , .,

Ich begreife nicht, Tor, woher du immer alles weißt, sagt die Frau ganz still.

Ach, erwidert Tor, bei mir hapert's auch manchmal; es war Mar nicht fo leicht zu meiner Zeit vor dem Pfarrer zu bestehen. Damals mußte man feine Dinge können. *

Dann erhob sich Tor, legte die Pfeife fort urö W na« g Pulver. Er wußte wohl, wo es versteckt war, denn er hatte es ]ew)t am Fußende des Bettes vergraben, als er bas letzte Mal vom Kramer

kam; aber er fragte doch danach und rief dadurch ehte feierliche Stim­mung in der Stube hervor.

Als das Pulver hervorgeholt war, teilte er es in drei gleiche Telle und packte es in dreieckige Papierstücke ein. Dann setzte er die Mütze auf. Die Kinder versammelten sich neugierig um ihn und baten, mit ihm gehen zu dürfen, denn sie wußten, was bevorftand. Und bald saß Kirsti allein in der Stube.

Tor und die Kinder arbeiteten sich bis zum Kuhstall durch, sie wollten das Pulver verbrennen. Der Schnee fegte wild um sie herum. Tor machte das Zeichen des Kreuzes, dann öffnete er die Stalltüre und machte abermals das Zeichen des Kreuzes, nachdem er eingetreten war. Der Stall lag im Halbdunkel, alles war still, man hörte das Wiederkäuen der Kuh. Tor zündete ein Lichtftümpfchen an und steckte dann die Pulverpäckchen an, eins für die Kuh, eins für das Schwein und eins für das Lamm; die Kinder sahen mit heimlichem Beben zu, keines von ihnen sagte ein Wort. Dann machte Tor wieder das Zeichen des Kreuzes und ging. Er rief nach Lena, die zurückgeblieben war, um das Lamm zu streicheln, daß sie sich sputen möchte und kommen. Und Tor und die Kinder kehrten wieder in die Stube zurück.

Das ist ein richtiges Wetter draußen, sagte er, der ganze Berg steht wie in Rauch.

Er legte sich wieder aufs Bett, bis der Kaffee fertig war, während die Kinder mit Kleinigkeiten sich am Tisch zu beschäftigen begannen. Sie wurden immer lauter und lachten dazu bisweilen über die gering­fügigsten Dinge. Tor sprach durch das Zimmer hin zu seiner Frau.

Ja, ich möchte wirklich wissen, was... Nein, Kinder, ihr lärmt fo, daß man sein eigenes Wort nicht versteht ... ich mochte wirklich roiffen, wo ich hin soll und mich wieder nach ein bißchen Arbeit umsehen, sagte er.

Die Frau goß Kafsee ein.

Ach, da findet sich schon Rat mit Gottes Hilfe, erwiderte sie.

Vielleicht gibt es unten im Dorf ein wenig Drescharbeit.

Ach ja, da findet sich schon was... Komm, und trink nun Kaffee.

Als Tor seinen Kaffee getrunken hatte, zündete er wieder seine Pfeife an. Er zog die Frau zur Tür hin und flüsterte dort ein Weilchen mit ihr, so daß die Kinder sich fast verrückt lauschten, um zu hören, was da gesagt wurde. Als aber die kleine Lena ihren naseweisen Kopf Mi­schen die Eltern stecken wollte, wurde sie schnell fortgeschoben, und die Brüder riefen ihr schadenfroh zu:

Siehst du, da hast bus!

Aber Klein-Lena war boch so nett und lieb, daß niemand bas Herz hatte, sich über sie luftig zu machen. Darum gab Rinaldus ihr auch e daraus einen großen, blanken Knopf und erfreute sie mit dem gen, was er hatte.

Der Vater ging zum Schrank hin und nahm dort ein Paket herab. Dieses Paket enthielt eine Sendung von Timian in Amerika, eine Boa aus weichem, schwarzem Fell und mit Quasten. Timian hatte wohl daran gedacht, wie kalt es dort oben in den Bergen im Winter war, und bann hatte er diese Boa heimgesandt, die die wärmste Halsbinde war, die er je gesehen hatte. Sie war wohl auch nicht so billig gewesen.

Aber wer sollte nun die Boa haben? Tor, wie auch seine Frau, hatten über die Frage des langen und breiten nackgedacht, und endlich hatten sie bestimmt, daß Rinaldus sie haben sollte; denn Rinaldus wäre der älteste, außerdem hatte er oft Gänge ins Dorf zu machen, fo daß er wohl etwas Warmes brauchen konnte.

Rinaldus, komm her! sagte Tor. Hier ist eine Halsbinde von Bruder Timian für dich. Und bas ist eine gehörige Halsbinde! Aber du mußt vorsichtig damit sein, damit du noch etwas Feines um den Hals hast, wenn du vor dem Pfarrer stehst. Da, verbrauch sie mit Gesundheit!

Nun entstand eine Verwunderung und Freude, an der alle teil­nahmen. Die weiche Boa wurde eine halbe Stunde lang beschaut und befühlt, und die kleine Lena ward nicht müde, mit ihren kleinen blauen Händchen darüber hinzustreichen. Ader sie durste sie nicht fest umlegen, nein, ja nicht umlegen, sie wäre noch zu klein dazu. Dagegen bekam Lena ein kleines Licht, und dieses Licht zündete sie fortwährend an und löschte es wieder aus, denn sie konnte es sich nicht leisten, es bren­nen zu lassen. Didrik war der einzige, der nichts bekam; aber der Vater versprach ihm eine ganz neue Biblische Geschichte, sobald er mit Dresch- arbeit im Dorfe unten ein wenig Geld verdienen könnte.

Der Schnee trieb immer dichter gegen die Scheiben, und bisweilen siel sogar Schnee durch den Schornstein herab, bis ins Feuer auf dem Herde. Es war schon spät und Zeit, zu Bett zu gehen; morgen gab es wohl wieder dieselbe Arbeit mit dem Schneeschaufeln.

Ja, geht nun auf den Halbboden hinauf und legt euch zu Bett, Kinder! sagte Tor. Betet zu Jesus, bevor ihr einschlast, und macht bas Zeichen des Kreuzes über Gesicht und Brust.

Und die Kinder krochen bann, eines nach dem andern, die Leiter hinauf. Rinaldus durfte feine Boa, in Papier eingewickelt, mitnehmen und Lena kam mit ihrem Lichte in der Hand nach...

Um zwölf Uhr, als alle schliefen, hörte die Mutter in der Stube oben etwas rascheln. Sie rief hinauf, ob jemand oben wach wäre. Keine Antwort. Alles blieb still. Ein Weilchen später trippelten kleine Füße über den Boden, die vorsichtigsten Schritte, die man kaum noch hören konnte das war die kleine Lena, die sich doch im Dunkeln zu der Boa hingeschlichen hatte, um sie umzulegen und nun schreckliche Angst hatte, dabei ertappt zu werden. . ,

Die feine Boa! Es war der weichste Gegenstand, der je tn der Berghütte gewesen war, und Rinaldus benutzte sie nur zweimal mit größter Vorsicht beim Kirchgang. Ader trotzdem begannen im Sommer jämmerlich die Haare auszufallen, und in die Quasten tarnen wahr­haftig die Motten.