Ausgabe 
24.8.1934
 
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frischer Bergeslust." Er tauchte die Hände In den Kohlenstaub und ließ sie wieder weih werden. Er jonglierte mit drei Stücken auf einmal, falls ihm überhaupt Zeit dazu blieb. Immer mehr Frauen und Kinder aus der Nachbarschaft kamen Passanten blieben stehen lachten und kauften auch.

Und dann schwenkte Hans glückselig zwei leere Riesenkörbe über feinem Kopf. Die Leute verstreuten sich und langsam kamen Herr Possel und Tochter auf Hans zu.Gestatten Sie", sagte Herr Possel, fischte sich die Seife aus dem Cmatlbecken und wusch sich damit die Hände. Nachdem er sie mit seinem Taschentuch abgetrocknet hatte, waren sie schmutziger als vorher. Hern Possels graue Mauseaugen drückten ehrlichste Bewunderung aus.Donnerwetter, junger Mann, Sie können was. Das ist die elendeste Seife, mit der ich mich in meinem Leben gewaschen habe, da gehört was dazu, die zu verkaufen. Wie roärs, junger Mann, wenn Sie mal probeweise zu mir kämen? Ein Geschäft meines Stils verlangt allerdings andere Methoden als Straßenhandel. Sein Sie nicht übermütig sondern bescheiden, dann können Sie sich vielleicht einarbeiten .."Ja", unterbrach Hilde, und so übermäßig liebenswürdig dürste er zum Beispiel in unferm Geschäft gar nicht zu der weiblichen Kundschaft sein." Hans sah ihr strahlend mitten in die Augen, da wurde sie rot wie die untergehende Sonne und beguckte sich angelegentlich ihre Fußspitzen.

Siebenmal war Jammers Willi Seife holen gegangen. Seisenberge türmten sich in der Jämmerfchen Küche. Mahlzeit, Frau Jämmer", sagte der Freund, griff hinter die Kasse und nahm sich sein Stück Seife, ehe sie's hindern konnte.Den Kaffee zahl' ich gelegentlich mal, Frau Jämmer, kommt ja wohl nicht so drauf an, wo sie jetzt so im Golde schwimmen." Und er klemmte sich sein Seifenstück in die Tasche. Es war gut. wenn Hans seine kleine Goldmünze wieder- bekam, trotzdem sie gar kein Gold war. Sie war immerhin ein Erb­stück, und Erbstücke gehören nicht in fremde Hände.

Höflichkeit der Völker.

Von London bis Assuvn.

Von Friedrich F r e k s a.

Andere Länder, andere Sitten! Das klingt sehr einfach, bis man es am eigenen Leibe erfährtAndere Länder, andere Sitten" be­deutet auch andere Umgangsformen, andere Höflichkeiten. Und Höf­lichkeit ist gewissermaßen das Schmieröl der ganzen Reijemaschine. .Geht dieses Schmieröl aus, knarrt die ganze Reise.

Als junger Mann kam ich nach England und wurde eingefuhrt in der reiezenden Familie eines angloindischen Obersten, der zwei Töchter hatte, die sich meiner Unbeholfenheit aufs liebenswürdigste annahmen. In der Woche daraus sah ich die eine der beiden Schwestern auf der Bondstreet vor einem großen Schaufenster stehen und lief erfreut Über den Fahrdamm, um die Dame zu begrüßen. meiner Anrede schrak das Mädchen zusammen, drehte sich um, wars mir einen entsetzten Blick zu und stürmte davon. Ein robust aus- sehender Herr machte ein paar für mich nicht gerade schmeichelhafte Bemerkungen. Ich hielt das ganze für ein Mißverständnis Als ich derselben jungen Dame ein paar Stunden später vor dem Alhambra- Theater begegnete, wandte sie demonstrativ den Kopf ab.

Ein Freund belehrte mid):Du hast den gröbsten Verstoß be­gangen, den es im englischen Tagesleben gibt!"

Die Dame grüßt den Herrn zuerst! Sie hat das Vorrecht, unbe­queme Bekanntschaften durch Schneiden abzulehnen. Es ist, wenn mans richtig nimmt, eine gute Sitte, die besonders jungen Damen sehr viel Belästigung erspart. Sie hängt zusammen mit der ganzen englischen Lebenshaltung. Die Regel heißt: Dringe nie ungerufen in bcn Lebenskreies des andern ein! Zum Beispiel: Sie treffen einen guten Bekannten im Lesezimmer des Klubs, wo er eine Zeitung fcurdifiebt Es wäre ein Fehler, diesen Mann in seiner Lektüre zu stören. Wenn er, der zuerst da ist, Sie begrüßt, ist das etwas andere^ Aber er wird es Ihnen nicht Übelnehmen, wenn Sie sehr kurz sich bedanken und auch nach einer Zeitung greifen.

Darum ist es in England auch verpönt, etwa ,emand im Eisen- bahnwagen anzufprechen Kein Gentleman stellt sich allem dem andern vor. Es bedarf dazu eines Dritten, der tue Bekanntschaft ver­mittelt Sie dürfen keine unbekannte Dame zum Tanz ausfordern. Dies führt, wie ich's auf Brioni erlebt habe, manchmal zu großen Unzuträglichkeiten. Im Tanzfaal des Insel-Hotels brach beinahe eine Fehde aus zwischen englisch-amerikanischen Herren.einerseits und ita­lienischen Marineoffizieren andererseits, und zwar über dies Auf­forderungsrecht zum Tanz In England gilt es für den Mann, gegen Frauen Zurückhaltung zu üben und hilfsbereit ZU fein, sobald 'S «eben ».»< ».- d»

auf der Annäherung und vor allem dem liebenswürdigen Gespräch beruht. Meinen Freund, den Maler Alfred Richard Langer^ fand ich in Paris in einer verzweifelten Lage vor. Er erhielt keine Postmehr^ er war wie abgeschnitten von allen Freunden und Bekannten. Als ich bei der Hausmeisterin, der Concierge, nachfragte, machte diese be­häbige Dame in ihrer Loge eine spöttische Bemerkung.

Was war geschehen? Er hatte versäumt nach semern Emzug die Bekanntschaft der Portierfrau zu m^hen, mit ihr fist. Worte zu wechseln, ihr vielleicht ein paar Blumen oder Süßigkeiten mitzu- brinqen. Und die Frau vergalt ihm feinen Fehler. Bei ihr wurden gemäß französischem Brauch, die Briefe für das Haus abgegeben bet ihr wurden sie von den Mietern abgeholt, ihren Lwbstngen brachte sie sie selbst Und da sich Monsieur Langer mit ihr nicht gestellt hatte, er­hielt eben Monsieur Langer keine Post!

Der Franzose will den anderen Menschen sehen, sprechen. Er ent­scheidet nicht sachlich, wie der Engländer sondern personlich^ Er sucht die Ansprache. Und er verzuckert das Leben mit kleinen Süßigkeiten

und Aufmerksamkeiten, die nicht viel kosten.Kleine Geschenke «halten die Freundschaft!" ist eine echt französische Maxime. Und dieses Be­dürfnis eines lebhaften Verkehrs mit dem anderen, der fröhliche Aus­tausch von Ansichten in der Eisenbahn, auf dem Dampfschiff steigert sich, je weiter der Reifende in den Süden des Landes gelangt. Da gilt es schlagfertig zu fein, die richtigen Antworten zu finden, und vor allen Dingen muß man lachen können, zumal über sich selbst, wenn man eine Ungeschicklichkeit begangen hat.

Italien ist das Land der Gentilezza, der großen Zuvorkommenheit eines gegen den andern. Die Italiener wissen, was die Fremden für die Einnahmen ihrer jeweiligen Stadt und des ganzen Landes be­deuten. Sie verzeihen dem Fremden sehr viel, aber einiges verzeihen sie nicht. Treten Sie in einen Raum ein, in dem sich eine Dame allein befindet, mit deren Familie Sie nicht sehr vertraut sind, so gilt es als unhöflich, wenn Sie sich nicht sofort aus dem Zimmer, in dem sich diese Dame befindet, zurückziehen.

Die italienischen Männer allerdings wissen sehr wohl, daß manche Ausländerin nicht so denkt und verhalten sich demgemäß...

In Spanien äußert sich die Gastlichkeit großartig, fast wie im Orient von Tausendundeiner Nacht. Das erfuhr ein Freund von mir, der sich in Berlin zweier spanischer Herren sreundlich angenommen hatte. Als er die beiden in Barcelona wiedertras, stellten sie sich und das ist wörtlich zu nehmen in seine Dienste. Sie nahmen ihm jede Beschwernis ab. erleichterten ihm jeden Schritt und zahlten wie selbstverständlich jeden Pfennig für ihn im Weinhaus oder im Cafe. Als er am Schluß eines Abends auch etwas leisten wollte und heim­lich in einer Bar den Kellner im voraus bezahlte, verfiel der eine der beiden Gastfreunde in einen Wutanfall über dieseEntehrung", und es kostete unendliche Mühe, ihm klarzumachen, wie der Deutsche das gemeint hätte.

Hier wirkt noch das Ehrgefühl des Hidalgos nach: Geld ist Dreck, Ehre alles!

Die größte, umständlichste Höflichkeit entfaltet der Chinese alten Stils. Er erniedrigt sich vor dem Besucher, er bietet ihm sein ganzes Haus als Geschenk an, aber dabei gilt die Spielregel, daß der andere dieselbe Höflichkeit besitzt und sich's nicht etwa zuschuldenkommen läßt, dieses Anerbieten ernst zu nehmen. Im alten China vor 1900 herrschte eine Höflichkeit, die auf bestimmten großen Gesetzen die Sippenver­bundenheit beruhte. Der Meliere war stets bevorzugt, und besonders verehrt wurde, wer dem Schrifttum angehörte: der Dichter, der Ge­lehrte. Unter europäischem Einfluß begannen die Sitten, besonders im Küstengebiet, zu verwildern. Dem weihen Manne gegenüber zeigen heute jüngere Chinesen eine bewußte Unhöflichkeit, weil sie der Mei­nung sind, der Weihe, der unzeremoniös ist, kenne Höflichkeit über­haupt nicht, sei ein Barbar.

Höflichkeit gibt es auf der ganzen Welt. Sie äußert sich manch­mal sehr sonderbar. Ein Freund von mir hatte sich in Assuan mit Karawanenleuten aus Dafür angefreunöet, die ihn zu einem Topfe Reis einluden. Und da er unter ihnen faß, war er Gegenstand der allgemeinen Höflichkeit, die darin bestand, daß jeder seine Hand in den Reistopf steckte, eine kartoffelgroße Kugel formte und sie ihm in den Mund schob Wollte er ein Wort sprechen, wurde ihm der Mund mit einer neuen Reiskugel gestopft Er wußte, es wäre gegen die Höf­lichkeit gewesen, wenn er aufgestanden wäre. Und fo taute er an einem Klotz im Zeitlupentempo und wartete wiederkäuend ab, bis der Reistops der Gastfreundschaft leer war

Nur das eine erlaubte er sich zutun": Er ist nie wieder nach Assuan gefahren...

Katarina kann sich nicht entscheiden.

Roman von Viktor von Kohlenegg.

Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H Berlin.

IFortfetzung.i

Was ist los, Till? Konferenz beendet?"

Was willst du hier?" Sie klemmte ihre Zeichnungen und Papiere geschäftig unter den ArmKomm, mein Junge! Wir gehn in meine Kabine. Herrje, schon zwanzig nach zwölf? Ich verzichte aus die Haus- kantine. Mich verlangt nach einem besseren Happenpappen. Du kommst doch mit mir essen, Diez? Oder willst du nicht?"

War er unverschämt, Till?" fragte er.

Wer? Ich habe tollen Hunger, Diez."

Soll ich ihn k. o. schlagen?"

Wen? Du bist verrückt!"

,Lch wünsche zu wissen--", gebot er blaß.

Komm hierherein! Ich mach' dich daraus aufmerksam, daß sämtliche Wände Ohren haben. Ich mache mich rasch fertig..." ;

Diez steckte, finster abgekehrt, seine Hände in die Hosentaschen und starrte zwei Löcher in die Fensterscheibe, die auf den oben Hof sah. Sie stülpte sich im Gehen eine Art Hut auf; Diez kam sich schauderhaft schmutzia und erbärmlich vor. _ m ,

Ich bezahle natürlich für mich", erklärte sie draußen.Du bist kein Krösus mehr bei Mutzebecher." , <&«

Das habe i ch zu bestimmen!" sagte er scharf.Wir fahren zu Klmg- feil Nollendorfplatz." Er würde krumm liegen hinterher, noch krummer; dabei fiel ihm plötzlich ins Gemüt, daß er früher einmal Eugen Brosses widerwärtiger Erscheinung dort begegnet war, dem Ekel ... Doch da schmetterte schon norm Haus die Elektrische heran.

Bei Klingseil bestellte Diez mit strenger Miene.Ich trinke am Tage keinen Wein! Niemals, Diez!" Er bestellte ein halbes Fläsch­chen Markobrunner.So, danke, Herr Ober! Und nach der Suppe wird restlos gebeichtet, meine gute Till. Er war srech wie?"

Also schön: Er wollte mich küssen und mich furchtbar komischI auf feinen Schoß "ziehen und fo weiter... Er sauste ziemlich allem In feinen Stuhl."