Gießener Zamiliendlätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1954 Freitag, den 247August Nummer 65

Abend im Moor.

Von Peter Bauer.

Die gelben Mummeln verhüllen ihr Flammen, Die Weiden rücken dichter zusammen.

Kein Blatt wagt lei- mit dem andern zu rauschen, Der Wind halt den Atem, um tiefer zu lauschen

Und dumpf wie Schläge der Landknechtstrommel Rollen durchs Rohr die Rufe der Bommel.

Der rote Mond im Erlengestänge Entschwebt, als scheuchten ihn feindliche Fänge,

Und strahlt erst auf an der Sterne Schwelle Zu vollem Glanz, zu flutender Helle,

Und schließt wie in eine silberne Truhe

Die Wasser in seine himmlische Ruhe.

Aus der Knabenzeit.

Bon Hermann Hesse.

Es war eine schöne Zeit, als wir noch zwölfjährig waren und als her Sammetwedel noch lebte, der ionderlingbafte Besitzer eines Kram­ladens in meiner Vaterstadt.

Der unglückliche Mann mit seiner Brille und seiner hohen wei­bischen Stimme war die Zielscheibe unaufhörlicher Neckereien. Für uns Schulbuben war es immer eine neue Wonne, diesen harmlosen lind etwas komischen Menschen zu verhöhnen. Wir verstanden seinen ichleichenden Gang, seine unbeherrschte Fistelstimme nachzuahmen, wir waren es, die seinen Namen in den fatalen Sammetwedel verwandelt batten. Und zu unfern ständigen Freuden und Uebungen gehörte es, üühmorgens an der Glocke seines noch verschlossenen Ladens Sturm ;u läuten und dann um die Ecke zu verschwinden. Wir schrieben ihm auch zuweilen kleine Spottbriese in Versen oder schickten ihm mit der 'post angebliche Bestellungen aus ungeheuer große Warenlieferungen lu. Auf der Straße wurde er von uns allen stets mit phantastischer Ehrerbietung wie ein Fürst gegrüßt, was er immer hier und. da wieder einmal ernst nahm und geschmeichelt erwiderte, und ganze Abende lang belagerten wir seine Ladentreppe

Eines Abends bummelte ich mit drei Kameraden untätig auf dem Marktplatz. Es fing gerade an. ein wenig langweilig zu werden Wir batten den Polizeidiener gehänselt, wir hatten dem Siegrist beim Abendläuten geholfen, und jeder hatte sich mit dem Sackmesser ein bllbsches Stuck Glockenseil abgefchnitten; dann hatten wir dem ner­vösen Apotheker, dessen Leiden uns unverständlich war und der jeden von uns wie einen Satan haßte, Knallerbsen an die Fensterscheiben leworfen. Darauf waren wir am Marktbrunnen beschäftigt gewesen, batten drei von seinen Röhren mit unfern Seilstumpen verstopft und kn Anblick genossen, wie aus der vierten Mündung ein herrlicher Wasserstrahl drei Meter weit über das Becken hinaus auf den ae- pflaftcrten Marktplatz schoß. Jetzt wußten wir nichts Neues mehr «nzufangen, und dunkel wollte es auch schon werden Es war zwar ichon Sommer, aber was hatten wir davon, denn es gab auf die

ichlimmen Maifröfte hin kein Obst in der Gegend Die Stachelbeer­sträucher hatten wir schon geleert, wo wir nur zukommen konnten,

inb statt der abendlichen Expeditionen aus Kirschen und anderes irrühodst sahen wir uns auf Indianerfpiele angewiesen Es waren

schlechte Zeiten, und vergebens hatten wir in stundenlanger gefahr­

voller Arbeit die Stacheldrähte an mehreren Obstgärten abgezwickt

Ich geh' heim", erklärte der Philipp gelangweilt

Nein, halt doch!" riefen wir andern und zogen ihn mit uns die schmale steile Kronengasse hinab Da kam mir plötzlich ein Gedanke

Zum Sammetwedel!" rief ich begeistert ..Wir sind schon eine kwigkeit nimmer bei ihm gewesen "

Gesagt, getan Mit wenigen Sätzen hatten wir tm Sturm seinen Silben erreicht Es war alles ruhig und kein Mensch im Laden, und zwischen den Blechbüchsen und Seifepaketen stand friedlich der dunkle li'kerne Brasilianer und tag an feiner ungeheuren Zigarre

Rar dem Schaufenster hielten wir Kriegsrat, und es wurde be­schlossen die Intrige durch einen schlichten Ladenbefuch einzuleiten chrei Rappen wurden lufammengefchofsen. und mich traf das Los die Pichde zu eröffnen Ich sollte in den Laden gehen und nach aller'ei Gingen im Preise von drei Rappen fragen, das Geld aber natürlich rur im schlimmsten Notfälle ausgeben. Dann würden wir weiter fchen

Die Klingel ertönte, und mit freundlichem Gruße trat ich in den loben, in bem schon bas Licht brannte Mißtrauisch empfing mich ber Unter Karamellengläsern, Zuckerhüten und Kaffeebüchsen halb ver­

borgene Sammetwebei Ohne Zweifel ahnte er, da er mich kannte, etwas von der Ruchlosigkeit meiner Absichten; aber kaufmännische Diplomatie nötigte ihn zum Höflichsein Ich pflegte für meine Mama nicht selten einige Pfund Zucker, Salz, Grieß oder Reis bei ihm zu holen, war also ein alter Kunde.

Der Kaufmann blickte mich durch die trüben Glaser seiner Brille argwöhnisch an Wir kannten einander, wir zwei, und wir liebten einander nicht Und ich wußte, daß er einmal zu meiner Tante ge­sagt hatte, es sei ihm ein absolutes Rätsel, rote aus einer so frommen und unbescholtenen Familie ein so gottloser Bengel habe entspringen können

Was willst haben, 'Bub?" fragte er kurz.

Ich sah mich im Laden um Es gab da eine Masse von Sachen, die ich gern gehabt hätte! Mit zehn ober zwanzig Rappen in der Tasche wäre viel zu machen gewesen Aber mit meinen drei einzelnen Rappenstückchen stand ich oor einer knappen Auswahl. Was dafür zu Haden ist, wußte ich genau: ein paar Zuckerabfälle ober Johannisbrot ober zwei Zigaretten ober ein Pulverfrofch Sonst nichts; höchstens etwa noch ein bißchen Schnupftabak.

Ich weiß noch nicht bestimmt", sagte ich zögernd. Er brauchte ja nicht zu wissen, wieviel Geld ich habeHaden Sie Schneeberger Schnupftabak?"

Ich wußte zwar, daß von dem seinen, weißen Schneeberger, mit dem man Menschen und Tiere viertelstundenlang niesen machen konnte, auch die kleinste Schachtel zehn Rappen koste Aber ich konnte es ja einmal probieren Ich hatte Zeit, und der Sammetwedel würde wohl auch Zeit haben, dafür stand er ja in feinem Laden

Während ber Krämer nach feiner Schublade ging und mir den Rücken zuwendete, sah ich in der Scheibe ber Ladentür meine Kame­raden lauern drei vorsichtig emporgereifte, inbmnerfdjlaue Gesichter mit pfiffigen Spionsaugen Ich zwinkerte ihnen heimlich zu.

Indessen kehrte der Sammetwedel mit leeren Händen zurück. Das Glück war mir hold es gab keinen Schneeberger mehr!

Aber in vier, fünf Tagen trifft wieder eine Sendung ein, er ist schon bestellt Dann kannst du ja wiederkommen", sagte er.

Ich stellte mich entrüstet

Das ist aber schade! Gar keinen Schneeberger mehr! Aber hoben Sie andern Schnupftabak?"

Er sah mich argwöhnisch an.

Es sind vier Sorten da" sagte er kurzzu was brauchst du ihn denn?"

Er ist für meinen Onkel", sagte ich unschuldig.

Da stellte er mehrere Büchsen vor mir auf Ich fragte eingehend nach Preis und Güte leber Sorte, schwankte endlich zwischen zweien, konnte mich nicht entschließen und nahm schließlich eine Prise zum Probieren Ich mußte sofort schrecklich niesen, und ein vehementes Lachen, das vor der Türe auf der Gaffe draußen losbrach, machte mich besorgt. Ich beschloß, mich für diesmal zurückzuziehen.

Also, danke schön Ich komme dieser Tage dann nochmals her, wenn es wieder Schneeberger gibt. Es sollte doch eigentlich Schnee­berger fein "

Mit höflichem Gruß verließ ich den Laden und stattete meinen Spießgesellen Bericht ab. gab ihnen auch ihre zwei Rappen wieder. Der dritte hatte mir gehört Auf dem Heimweg lachten wir noch viel und berieten uns eifrig. Dann war unser Schlachtplan entroorfen.

Es gab einen sauren Tag für den armen Sammetroebel. Gleich am folgenden Morgen erschienen, mit angemessenen Pausen natürlich, etwa dreißig Schuljungen hintereinander in feinem Laden, die alle Schneeberger Schnupftabak verlangten Am Nachmittag und am zweiten Tage wiederholte und verdoppelte sich das Schauspiel Der sanftmütige Kaufmann fchnitt anfänglich faur» Gesichter bann wurde er grimmig, und schließlich war er nahe am Weinen, geriet in Raserei und schrie in der höchsten Fistel:Hinaus'" sobald er das Wort Schneeberger horte Vor der Ladentür aber standen wir alle felig wartend und begrüßten jeden seiner Zornausbrüche mit Zuruf und Wonnegeschrei

Arn Abend des dritten Tages gelüftete es mich mächtig, selber noch einmal beim Sammetroebel vorzusprechen, was ich ihm ja eigentlich fchulbia war Ganz wohl war mir nicht bei diefem Unternehmen, und das erstemal kehrte ich auf ber Labentreppe roieber um Aber dann fchämte ich mich faßte Mut und nahm den Türgriff nochmals in die Hand Ich trat ein. sagte sittsam Grüß Gott und schwoll vor verhal­tener Neugierde

Wie ists jetzt mit dem Schneeberger?" fragte ich bescheiden Natürlich glaubte ich bestimmt zu wissen, daß der Tabak unmöglich schon da fein könne

Der Monn warf mir einen gefallenen Zornblick zu, er hatte mich nicht vergessen. Doch sagte er kein Wort, sondern kniff den Mund ein