Er
Tag der Toten.
Von Gertrud A u l i ch.
Die Welt ist wie ein Traum vom Leid.
Die Zeit steht still, wohl eines Herzschlags Länge. Das Leben zahlt durch kleine Opfergänge An seinen Tod in Ewigkeit.
Die Toten auferstehn in unfern Sein,
Die noch Vertrauten und die längst Entschwebten, Die unerlöst in unferm Blute lebten Mit aller Daseinslust und Sterbenspein.
Und wir erleben Vater, Bruder, Kind Und ihres Seins letzte Metamorphose, Und ahnen, daß das Unbegriffne, Namenlose Nur andre Zeichen für das Leben find.
Wir fürchten nicht mehr jenes Andersfein Mit Einsamkeit und Grabesfinsternissen,, Weil wir mit unferm tiefsten Glauben wissen: Das Leben liebt uns, läßt uns nicht allein.
Der Tag ist weh; von Gräbern wehn Noch Totenklagen und Gesänge ...
Doch über eines Traumes Länge Erblüht das Lied vom Auserstehn l
^.Hamburger!", schrie Kompes und rannte auf Remholb zu, „Hamburger, komm heraus, wir kriegen Besuch!" Er legte Reinhokd den Arm um die Schulter und ließ ihn sanft zu Boden gleiten. „Was 'st mit dir, Reinhold", fragt er, „ist es dir nicht gut? Hast du noch etwas abgetnegt?
Tadellos ^mch^gri°om'mem tadellos", sagte Reinhold. Es wurde ihm plötzlich heiß im Hals und im Mund, und er mußte husten und ver- ^“sanitäter!", schrie Kompes, „Stubbe, her da!" Der Hamburger war binzugetreten und klopfte Reinhold auf die Schulterblätter, well ihm nichts anderes einfiel. „Kollege", sagte er mit bedrückter Stimme und neigte sich tkf vor Reinholds Gesicht, „hör mal zu, Kollege, du kannst ,a noch Horen, ja? Also nichts für ungut wegen heute früh. Das war nur so. Ver- *t£1,W tnot auch Stubbe da und wollte ihm den Rock aufknöpfen, und auch Engels trat hinzu, an feinem weißen Spitzbart zu erkennen, und Unteroffizier Bette und alle die anderen. Nein, alle waren es nicht, langst nicht alle, es war ein lichter Kreis, der da um ihn stand. Engels beugte sich jetzt vor. „Aber was willst du denn noch hier? , sagte er fast streng, „gehörst du denn noch hierher?"
Reinhold schwieg und sah sich im Kreise um. Dann nickte er heftig mit bem Kops. Darauf wandte er sich ab und hob die Hände vor den Mund. Stubbe ließ ihn in das Gras gleiten. „Gleich, gleich", sagte er leise zu den anderen und winkte sie fort. „Ruhig, ruhig, immer ruhig, Kamerad , sagte er nach seiner Weife zu Reinhold und legte ihm die Hand auf die Schulter. Aber Reinhold war es schon geworden.
fceit hörte er noch wie die Gäule mit der Feldküche durchgingen, und wie ?ch ^s stoßende Klirren und Rumpeln der Wagen in der Ferne verlor Nack einer Weile aber kehrte ihm der volle Atem zurück, und er erhob sich, seinen Weg fortzusetzen, doch verbot er sich, nach den Verbanden zu ^*@5 dunkelte schon, als er unter den Kastanien hervortrat
sah hinüber, wo die Lauben standen, aber er sah sie mcht mehr, nur die Geschütze waren noch zu sehen, die kantigen Rahmen der Schutz- schilde standen schwarz gegen den grünlichen Himmel, m welchen die ersten Leuchtkugeln stiegen. Es roch nach Brand. Auf dem Bohnenfeld lag es wie flache Heuhaufen, hier und da. Es waren gefallene, wie Reinhold nun wußte, aber er vermochte ihrer keinen zu erkennen. Aus den Unter ständen drang ein schwacher Lichtstrahl nach rückwärts. Der letzt Dorbettam, ^^„Kompes^'fagte" Reinhold und blieb stehen, "denn er wurde plötzlich
Oer Bruder des Schlafes.
Vom Bildnis des Todes in der Geschichte.
Von Dr. Jürgen Schäfer.
Der letzte Sonntag des Kirchenjahres, der den immer gleichen, weihevollen Kreislauf der hohen Feiertage der Christenheit beschließt, ist dem Gedächtnis der Toten gewidmet. Ehe die frohe Botschaft des Advents erklingt und einen neuen Anbeginn in Christi Geburt verkündet, verweilen die Gedanken in Trauer bei den Abgeschiedenen und beugen sich ehrfurchtsvoll vor der stillen Majestät des Todes.
Schon dies königliche Prädikat, das dem Tod gewährt wird, weist daraufhin, daß man der dunklen und notwendigen Gewalt, die unser Leben auslöscht, gleichsam selbst eine, wenn auch erhöhte und übermächtige irdische Gestalt gibt. Zwischen das diesseitige Leben und das unergründliche Jenseits fällt so des Todes körperlicher Schatten, und in vielfältigen Formen wandelt er durch die Menfchengefchichte, sich in Seele und Geist der verschiedenen Völker und Zeiten geheimnisvoll spiegelnd. Während sie aber eine Geschichte des Lebens ist und von den Taten der Lebendigen erzählt, ist die Geschichte seines Gestaltwandels, die sich im unveränderlichen Rhythmus vollzieht, doch nur äußerliches Bild eines Ewiggleichen, des Todes. Seine Herrschaft leitet sich aus einem höheren Gesetz ab.
und wenn seine Gewaki auch In die irdische Welt hineinragt, so hak sie ihren Ursprung doch im Göttlichen, das diese Welt mit ihrem „Stirb und Werde" geschossen hat. Dennoch ist es kein müßiges Beginnen lenen Vorstellungen nachzugehen, die dem unsichtbaren Tod eine sichtbare Gestalt und irdische Attribute gegeben haben, und seine Bildnisse zu betrach- ten, in denen sich die Phantasie des Menschen seines unerbittlichsten Feindes und zugleich gnädigen Freundes bemächtigte.
Den „Sohn der Nacht" und den „Bruder des Schlafes" nannten die Griechen den Tod und stellten ihn als einen Jüngling und als einen Genius mit gesenkter Fackel bar. Das Abbild der Seele, em Schmetterling, wurde zuweilen diesen Gestalten beigegeben, auf deren Antlitz Trauer aber auch sanfter Friede lag. Ebenso wurde der Tod als ernster Mann dargestelll, der den Menschen gütig die Hand retdjt, um fie auf ihrem letzten Weg zu geleiten und ihnen freundlich zur Seite zu stehen. Al Lessing in seiner 1769 herausgebrachten berühmten Abhandlung Wie die Alten den Tod gebildet" diese freundlichen Gestalten dem --wilden Knochenmann" des Mittelalters entgegenstellte, erweckte er eine Anschauung wieder, die völlig aus unserer Vorstellungswelt verschwunden war und mit der die Verklärung des Todes irn klasstschen Zeitalter der deutschen Dichtung eingeleitet wurde. Dennoch finden sich m der. Anttke neben diesen versöhnlichen Darstellungen des Todes auch bereits Gestalten in denen die Grausamkeit und das Schreckliche fernes Waltens verkörpert war. Als finsterer Opfervriester, der in ein schwarzes Gewand gehüllt war, waltete der Tod hier seines unerbittlichen Amtes und schnitt dem Sterbenden das Haar ab, als Zeichen, daß er den Gottern der Unterwelt geweiht sei. Auch in den Dichtungen der Romer ist Mors eine blosse, bleiche Gestalt von übermenschlicher Große, deren dusterer Schot- ten ganze Städte und weite Schlachtfelder überschattet und mit Schwert UIXign ber altchristlichen unb frühmittelalterlichen Kunst ist nur selten ein« Verkörperung bes Todes zu finden. Erst im 11. Jahrhundert treten solche Darstellungen zunächst in der Buchmalerei auf. ®ie in bem berühmten Wanbgemälbe „Der Triumph bes Tobes aus ber Mitte bes 14- J°hr- hunbert, sinb es häßliche Greise ober häßliche Frauen, bie ben Tod ver- anschaulichen. Dann aber setzt sich die Darstellung eines der apokalyptischen Reiter als des Todes durch, und aus der Offenbarung des Johan nes werden die gewaltigen Verkörperungen der Todesmacht übernommen. Hoch auf den Wolken thront der Sterbeengel, eine Krone auf bem Haupt unb in ber Hanb eine Sichel, bie alle Sterblichen mebermahen soll, wenn bie Zeit ber Ernte herangekommen ist; unb ber apokalyptische Reiter auf fahlem Pferb mit bem bloßen Schwert kehrt immer roteber. Auch ber Tob aus bem norbischen Mythos hat ein Pferb als Begleiter, aber er reitet nicht selbst auf ihm, fonbern er fetzt bie Seelen auf ben Rücken bes Pferbes unb geleitet sie, bas Tier am Zugel fuhrenb, ins
"Bon ber Wenbe bes 14. zum 15. Jahrhunberi an finden wir den Tod immer häufiger als halbverwesten Leichnam ober als Skelett dargestellt, unb aus bem Anfang bes 16. Jahrhunberts stammen bie graphischen Zeichnungen bes Tobes, von benen bie berühmteste „Der reitende Tov von Albrecht Dürer ist, bie ben Tob als Skelett mit Krone unb Sense auf einer alten Mähre reitenb, zeigt. Nun sehen wir ben Tod in vielen Berufen unb bei ben verfchiebensten Beschäftigungen, wie sie bas Alltagsleben bes Volkes ausfüllen. Der Tob tritt als Fischer auf, ber feine Netze ausfpannt, um bie ahnungslosen Menschen wie Fische bann emzu- fanqen; auch wirft er bie Angel nach ihnen aus unb lockt sie mit einem Köber. Als Jäger legt er ben Menschen seine Schlingen und als Holzhauer fällt er mit wuchtigem Axthieb die Bäume an den Wurzeln. In der Gestalt eines Ackermannes jätet er den Garten und düngt das Lanv mit dem Blut und dem Leichnam der Abgeschiedenen. Seine Hauptattribute aber sind das Stundenglas, durch das des Menschen Leben als leichter Sand rinnt, und Sichel und Sense, mit denen er als Mader über bie Wiese geht, um bie Blumen zu schneiden. Im Spiel vom Gevatter Tod heißt es: , .
„Ich bin ein Schnitter, heiß der Tod, Ich bin gesandt vom höchsten Gott, Heut wetz ich das Messer, Es schneid schon viel besser, Bald werd ich drein schneiden, Du mußt es erleiden, Feins Blümelein."
Auch als Spielmann und Tänzer tritt der Tod auf. Fiedelnd schreitet er seinen Opfern voran, die von der Melodie seines Liedes angewgen werden und zitternd und furchtsam den Fuß zum Reigen heben. Menschen verschiedenen Geschlechtes, Alters, Standes und Berufes werden f» aus bem tätigen Leben abgerufen, unb ihr Tanz versinnbilblicht bie Vergänglichkeit alles Lebens und bie gleichmachende Unerbittlichkeit des Todes Auch auf dem Schlachtfeld schwingt der Tod seine Fahne, die den Totenkops und die gekreuzten Knochen als Wappen zeigt, unb er zieht siegreich ber unabsehbaren Schar der Krieger voran, die sich gegen jeden irdischen Feind trotzig behaupten, ihm aber sich still ergeben haben. In all diesen Gestaltungen verbinden sich alte deutsche Ueberlicferimgen mit christlichen Vorstellungen zu zwingender Einheit und schaffen Symbole von großer Eindringlichkeit. Das schlichteste und tiefste Werk, das die Allmacht des Todes vereint mit der teuflichen Urgewalt und der furchtlosen Lebenskraft des Menschen veranschaulicht, ist Dürers Kupferstich „Ritter, Tod und Teufel".
Die Schrecken des Todes find in allen diesen Darstellungen nicht verborgen, und doch haftet seinem Tun, in welcher Gestalt er auch immer auftritt zugleich etwas Erhabenes, ja Begütigendes, und Lebensbeiahsn- des an Er, der „nicht als Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen" erscheint, führt den Menschen in seinem großen Triumvywg einem allumiassenden Sein tu, dessen geheimnisvoller Glanz alle Gestattungen des Todes in der Menschenqeschichte umweht, „Der Tod ill verschlungen in den Sieg, Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg.
Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Drühl'fche Univerf itäts.Buch, unb Steindruckerei. A. Lana«. Gießen-


