braunen Augen und die niedlichsten runden Pudellocken. Und da Hans noch nie verliebt gewesen war, so verliebte er sich sosort richtig. Wenn schon, denn schon. Und: die oder keine.
chans wartete aus der gegenüberliegenden Straßenseite. Gegen acht Uhr kam die Niedliche mit einem älteren Mädchen über die «traße. Die beiden gingen in eine Konditorei. Hans schluckte heftig, sagte sich: seht oder nie! — folgte den Mädchen und fetzte sich zu ihnen an den Tisch. Seine Mutter hatte ihn gelehrt: wer liebt, hat Mut, und das ^"Die^ Niedliche ^wurde von der Freundin Hilde genannt, und Hans sagte wenn er ein Mädchen wäre, möchte er nur Hilde heißen, es wäre ein wunderbarer Name. Er sagte, daß ihre Hande weißer wären als die Schlagsahne aus ihrem Kirschkuchen. Das stimmte zwar nicht, aber man merkte, daß er es glaubte. Und er erzählte von sich und seinem Leben, von seinem Seisenhandel und wie doppelt und dreifach gern er die Stelle in dem Geschäft bekommen würde, In dem auch sie tätig war. Da machte die Niedliche einen hochmütigen kleinen Mund und meinte: fo’n Straßenhandel mit Seife ließe sich doch nun im Traume nicht mit ihrem herrlichen Geschäft vergleichen, und sie glaubte nie im Leben, daß ihr Vater einen fo unerfahrenen und z,em- lich frechen jungen Mann einstellen würde.
Hans fühlte sich einen Augenblick lang leicht verwirrt. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, daß Hilde Herrn Possels Tochter fem könnte Na, er hatte das Mädchen arm gewollt, er würde es auch reich nehmen Er sagte, ihr Vater könnte selig sein, wenn er ihn als Angestellten bekäme, er wäre ein großartiges Verkaufstalent. Und schließlich versprach ihm Hilde, morgen nachmittag mitsamt ihrem Vater zum Alten Markt zu kommen, um selbst zu sehen, wie wunderbar er seine märchenhafte Seife verkaufte.
Hans saß in seinem häßlichen kleinen Zimmer und bedachte sorgenvoll das auserlegte Problem: märchenhafte Seife märchenhaft verkaufen. Wie kann man dies ordinäre Zeug märchenhaft verkaufen? Ganz gemeine Kernseife, nichts als Kernseife Hans fing an zu dichten. Es fiel ihm schwer. „Die Seife hat zwar nicht Pariser Duft — doch riecht sie rein nach frischer Bergesluft" Ober- „Diese Seife ist das beste — nehmt die Reste, nehmt die Reste." Ach. wären's erstmal Reste. Als er ganz verzagt wurde, dachte er an seine Mutter. Als sie starb, hatte sie ihm eine kleine vergoldete Münze gegeben und gesagt: nimm sie Junge, sie sieht nach Gold aus und ist's nicht, aber sie hat mir Gold eingebracht. Nimm die kleine Münze, mein Junge, und laß sie dir mein und Vaters Glück bringen.
Hans hielt mit der Linken die kleine Münze und mit der rechten ein Vaarstück Geiefe Daraufhin tarn ihm ein Einfall, und er ging zu feinem Freund Denn einen guten Freund brauchte er in diesem Fall.
Seife, Seiiife! schrie Hans am nächsten Nachmittag. Ein regnerischer Windstoß blies ihm sein Haar zu einer kleinen Säule. Neben ihm standen zwei Riesenwaschkörbe mit Seife, eine Pappschachtel mit Kohlenstaub und ein mit Lametta umwundener Waschständer mit einem kläglichen kleinen Emailbecken. Seife — Seiiife!
Was hatte Hans in der Konditorei gesagt: Fräulein Hilde, ich habe mein Kapital in mir, ich bin ein Talent, bringen Sie Ihren Herrn Vater mit, ich bitte Sie. Ich kann, ich werde — Sie werden sehen, Sie werden ... Lieber Gott, es gab nichts zu sehen.
Der Freund kam und stand beifeite. Dann sah Hans von weitem Hilde kommen mit einem kleinen rundlichen älteren Herrn. „Hallo, ein Stück Seife" rief der Freund und bekam ein Seifenpaar.
Mit diesem Seifenpaar verschwand der Freund in dem kleinen Gase gegenüber. Das gehörte der anerkannt habgierigen Witwe Sammer Der Freund ging an die Theke, da standen viele Frauen der Nachbarstadt, um Brot ober kleine Kuchen 3U kaufen Hinter der Theke bediente Witwe Iämmer, und ihre alte Schwiegermutter fah ihr dabei zu. „Frau Iämmer", sagte der Freund — „schnell eine Tasse Kasfee und ein Butterbrötchen und — haben Sie doch bitte die Liebenswürdigkeit, mir schnell mal das Paar Seife durchzufchneiden — die Stücke bänaen zusammen wie meine Liebe an Ihnen, und ich will das eine Stück meiner Braut mitbringen." Da nahm die Witwe ein Stück Einwickelpapier und ein Extrameiier und versuchte, das Seifen- paar mittendurchmschneiden Aber ihr Messer stieß auf etwas Hartes. „Nanu", machte sie ärgerlich und wollte die Stücke mit der Hand auseinanderbrechen Oh" rief sie und bekam einen knallroten Kops. Dann schob sie die Stücke wieder zusammen und hinter die Kaste und tat. als mär’ nichts gewesen Der Freund solle sich mal ruhig setzen und erst seinen Kaffee trinken, die Seife gäbe sie ihm gleich — ein rostiger Nagel märe drin, wo er das Schundzeug denn gekauft hätte? „Na brüten vom Hans", tagte ber Freunb
Die Frau Kleinau war schon draußen und ftürite über den Marktplak zu Sians. Die Iämmer. diese raffinierte Perfon! Ein rolliger Nagel? Haha Seit wann glänzen rostige Nägel wie ®ofb? Sie hatte es genau gelebn und ein paar andere Frauen hatten auch gemertt, daß mit ber Seife was los war Schmugglerware mit Goldstücken brin verlleckt« „Geh gleich rüber 3um Hans, zehn — zwanzig Stück Seife holen" raunte bie Witwe Iämmer ihrem kleinen Jungen zu Ein wahrer Segen, baß man Kinber hatte
Hans war rot vor Aufregung unb Spannung Glückte alles! Klavvte alles? Er wollte nicht nachbenfen Er war In fieberhafter Tätigkeit. Er tauchte feine Hänbe in bie Kille mit Kohlenstaub, baß sie schwarz würben wie die Hölle unb wusch sie in dem kleinen Emai - beefen, baß sie weiß schienen wie eben gefallener Schnee. „Diele Sei!« ist bas beste — nehmt bie Reste, nehmt bie Reste!" Ein paar Kinder standen um ihn herum unb staunten wie er die Seife hoch in "urt warf unb mieber auffing Im Hintergrunb sah man Hübe mit ihrem Baler Wenn sie jetzt nur nicht fortgingen wenn nur . . Da kam die Frau K<e>nau fchon an und da Jammers Willi die Schmiea->rmiitter und die Frau Räsgen, und alle kauften Seife. Klirrend fiel Geld >n die kleine Zigarrenkiste neben Hans. Er schrie und lachte unb llibelle: „Die Seife hat zwar nicht Pariser Dust — boch riecht sie rein nach
und stellte statt aller Anftvvrt zu meinem peinlichsten Erstaunen eine Schachtel vor mich hin, die den soeben eingetroffenen Tabak enthielt.
Ich hatte keinen Rappen im Besitz und fing nun an, mich der Sage nicht mehr gewachsen zu sühlen. Vor der Türe brach das ganze Rudel meiner Kameraden in einen sanatischen Jubel aus. Sie hatten jetzt den doppelten Genuß, den Sammetwedel im höchsten Aerger unb mich in ber Klemme zu sehen. Mir würbe eng ums Herz.
Aber es mußte etwas geschehen; der Krämer sah meine Der.egen- heit und starrte mich voll Ingrimm wartend an. Ich nahm die oer- wünschte Schachtel in bie Hanb, roch verlegen an bem Schneeberger unb stellte sie bann mieber auf ben Labentisch zurück.
„Es ist boch nicht ber richtige", sagte ich schließlich frech unb entfloh eiligst nach bem Ausgang. . . ,, ,
Da ereignete sich etwas Außergewöhnliches. Der fünfte Sammet- roebel verlor ben letzten Rest feiner Würbe, er (prang schnaubend hinter dem breiten Ladentisch hervor und stürzte mir nach auf bie Gasse, mit fliegenben Rockschöhen unb klappernden Pantoffeln.
„Der Sammetwedel! Oha, der Sammetwedel!" schrien alle Jungen und rannten gaßaus, gaßab davon. Im Wettrennen brauchte keiner von uns ben Mann zu fürchten, auch ich hatte mich längst um bie Hausecke gebrückt unb fühlte mich gerettet, während ber Wütende meinen Kameraben nachjagte, von benen er natürlich keinen erwischte. _ ... , ,
Unb nun geschah bas Merkwürdige; der Sammetwedel verlor im Rennen einen von seinen Pantoffeln — ich wie der Blitz hinterher, raffe den Pantoffel auf und verschwinde. Und der Sammetwedel hinkt halbstrümpsig ins Haus zurück Es war eine vollständige Niederlage.
Ich trug den Pantoffel im Triumphe durch die abendliche Gaffe, auf einen Stecken gestülpt, und wir johlten und fangen dazu. Es war ein schönes Stück, auf Stramin gestickt, mit einem üppigen Ornament von bläulichen Rosen. v „
Die Mächtigen Helsen einander und Sammetwedel, den ich besiegt hatte, brachte mich auf dem Wege der Feigheit und der Diplomatie zu Falle. Ich habe für den Pantoffelraub zwei Trachten Prügel und drei Stunden Arrest bekommen, die eine Tracht zu Haufe, die andre samt Arrest in der Schule Unter meinen Kameraden aber war ich für lange Zeit zu einem bewunderten Stern geworden.
Eigentlich müßte Ich jetzt auch noch erzählen, wie Ich — von meinem Vater nach langem, zähem Trotz gezwungen — dem Sammetwedel feinen Pantoffel wieder hintragen und selber überreichen mutzte. Da alles nichts half, tat ich wenigstens vorher noch ein wenig Bogelleim in das Innere des Schuhs. Aber das Weitere ist für mich gar so beschämend.
Gold und Seife.
Von Irmgard Keun.
Hans war ein hübscher junger Mann mit blitzblauen Augen und einem dicken blonden Haarschops Er war gesund, lustig und unternehmend und hatte eigentlich nur einen Nachteil, den er allerdings mit sehr vielen gemeinsam hatte: er war arm.
Hans hatte wohl oft von Menschen gehört, die von der Hand im Mund lebten, aber seitdem er bas selbst versucht hatte, glaubte er nicht mehr recht an biefe Möglichkeit. Lieber rannte er hinter ber Arbeit her, unb manchmal erwischte er auch ein Zipfelchen ihres borstigen sackleinenen Gewanbes. Schließlich bekam er auch einen Erlaubnisschein für Straßenhandel, und damit ließ sich fchon allerhand anfangen. Er glaubte an sich und an die Zukunft und war im großen Ganzen mit sich unb ber Welt euwerftanben, mit ber Welt etwas weniger als mit sich. Das ganz große Glück würbe fchon kommen, unb er pfiff unb lang, well er glaubte, baß Fröhlichkeit das Glück anzieht. Er war ein hübscher unb kluger junger Mann.
Das Glück kam in Gestalt von Kernseife unb würbe von Hans in dieser Verkleidung natürlich zuerst nicht erkannt. Durch einen Freund war Hans zu einem Posten Kernseife gekommen — viele graubraune Stücke, die paarweise zusammenhingen. Und die sollte er aus dem Alten Markt verkaufen. Da stand er nun tagsüber in Sonne und Regen, hatte an jeder Seite einen riesengroßen Waschkorb stehen unb schrie: Seife, Seiiiifei
Abenbs schimpfte er mit seinem Freunb: eine berart jämmerliche Seife hätte er nie in Fingern gehalten, nie könnte er sie loswerben, unb sie nähme ihm gerabezu bie Lust zum Leden. Aber bas letzte sagte er nur so dahin. Aus Aerger über bie Seife unb über ben Freunb sprach er nicht mehr, fonbern las in ber Zeitung. Unb ba las er beim auch, bah Possels Delikateßwarengeschäft einen ersten Verkäufer suchte, unb solch einen Posten wünschte Hans sich fchon lange, benn er hatte große Lust, enblid) einmal an ber richtigen Stelle zu zeigen, was für ein tüchtiger Kerl er war.
Poffels Delikateßwarengeschäft war bas schönste in ber ganzen Stabt. Hans hatte roeber Erfahrung noch Branchekenntnis, unb es war eigentlich lächerlich anzunehmen, baß et eine so erstklassige Stellung bekommen könnte. Aber Chance bleibt immerhin Chance, unb es ist furchtbar bumm, ausgerechnet bie Ueberlegungen anzustellen, bie mutlos machen. Hans schob sich also bie Zeitung in bie Tasche unb tobte burch die Straßen. Er lief fo schnell, wie man mit gesunden Beinen unb Lungen nur laufen kann, benn es war gerabe sieben Uhr, unb ber Laben würbe vielleicht noch auf — unb Herr Posfel zu sprechen fein.
Als Hans ankam, ließ gerabe ein weißes kleines Fräulein schwere braune Jalousien herunter. Hans fragte nach Herrn Posfel. aber ber war heute abenb nicht mehr zu sprechen. „Hier tut ein starker Mann not", meinte Hans, als er sah, wie bie Kleine sich mit ber Jalousie abplagte unb fragte, ob er ihr helfen bürste. Er hals ihr, unb sie lächelte ihn freundlich an, unb Hans glaubte plötzlich, noch nie ein so reizendes Gesicht gesehen zu haben. Die Kleine hatte die blankesten


