GiehenerZailiilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang1954
Zreitag, den 25. Februar
Nummer 15
Schloß Eger.
Von Theodor Fontane.
Lärmend, im Schloß zu Eger, Ueber dem Ungarwein Sitzen die Würdenträger Herzogs Wallenstein:
Tertschka, des Feldherrn Schwager, Jllo und Kinsky dazu, Ihre Heimat das Lager, Und die Schlacht ihre Ruh.
Lustig flackern die Kerzen,' Aber der Tertschka spricht: „Ist mir's Nacht im Herzen Oder vorm Gesicht?
Diese Lichter leuchten Wie in dunkler Gruft, Und die Wände, die feuchten, Hauchen Grabesluft."
Feurig funkelt der Unger,' Aber der Kinsky spricht: „Draußen bei Frost und Hunger Schüttelte so mich's nicht.
Hielte lieber bei Lützen Wieder in Qualm und Rauch,' Wolle Gott uns schützen, Oder — der Teufel audj."
Jllo nur, Herz wie Kehle Hält er bei Laune sich, Dicht ist seine Seele Gegen Hieb und Stich, Trägt ein Büffelkoller Wie sein Körper traun, Lustiger und toller War er nie zu schaun.
Und vom Trünke heiser Ruft er jetzt und lacht: „Das erst ist der Kaiser, Wer den Kaiser macht; Eid und Treue brechen. Taten wir's allein?
Hoch der König der Tschechen, Herzog Wallenstein!"
Burg- und Schloßbewohner Ruhen ... Da sieh, in Stahl, Buttlersche Dragoner Dringen in den Saal;
Buttler selbst, im Helme, Tritt an den Jllo: „Sprich, Seid ihr Schurken und Schelme Oder gut kaiserlich?!"
Hei, da fahren die Klingen Wie von selber heraus, Von den Pfeifen und Schwingen Löschen die Lichter aus;
Weiter geht es im Dunkeln, Nein, im Dunkeln nicht: Ihrer Augen Funkeln Gibt das rechte Licht.
Tertschka fällt; daneben
Kinsky mit Fluch und Schwur; Mehr um Tod wie Leben Ficht selbst Jllo nur, Schlägt blindhin in Scherben Schädel und Flaschen jetzt, Wie ein Eber im Sterben Noch die Hauer wetzt.
Licht und Fackel kommen, Geben düstren Schein: Ineinander verschwommen Blinken Blut und Wein; Ueberall im Saale Leichen in buntem Gemisch, Stumm, vor seinem Mahle, Sitzt der Tod am Tisch.
Buttler aber wie Wetter
Donnert jetzt: „Laßt sie ruhnl Das sind erst die Blätter, An die Wurzel nun." Bald in Schloßes Ferne Hört man's krachen und schrein; — Schau nicht in die Sterne, Rette dich, Wallenstein!
Wallenstein.
Zu seinem 300. Todestage.
Von Leopold von Ranke.
Wir entnehmen die folgende klassische Charakteristik des Friedländers dem zwölften Kapitel der „Geschichte Wallensteins" von Ranke.
In der Reihe der Strategen nimmt Wallenstein eine ehrenvolle und selbst eine bedeutende Stelle ein. Die Entwürfe seiner Unternehmungen zeugen von Berücksichtigung nicht allein der politischen, sondern von der noch selteneren der großen geographischen Verhältnisse. Bemerkenswert in dieser Beziehung ist sein Feldzug gegen die Dänen von Oberschlesien bis nach Jütland und sein Friede mit ihnen, die Stellung, die er bei Nürnberg nahm; selbst jene Bewegung nach Sachsen, die zur Schlacht von Lützen führte. Man sollte nie vergessen, daß er den andringenden norddeutschen, damals auch nordeuropäischen Streitkräften gegenüber Schlesien, das der Religion halber zu ihnen neigte, zweimal für das Haus Oesterreich gerettet hat. Die Aktionen, die ihm einen Namen gemacht haben, an der Dessauer Brücke und bei Wolgast, bei Kosel und bei Steinau, wurden immer im rechten Moment an der rechten Stelle ausgeführt; eigentümlich bei Wallenstein ist die Verwendung der leichten Kavallerie zugleich mit dem Feldgeschütz, durch die er meistens den Platz behielt. Er ist immer als der vornehmste Begründer der österreichischen Artillerie betrachtet worden; er darf wohl als ein solcher für das österreichische Heerwesen überhaupt angesehen werden.
Die Armee war aus allen Nationen zusammengesetzt; in einem einzigen Regiment wollte man zehn verschiedene Nationalitäten unterscheiden. Die Obersten waren, wie vor alters in den kaiserlichen Heeren, Spanier, Italiener, Wallonen, Deutsche; Wallenstein liebte, auch böhmische Herren herbeizuziehen, um sie an den kaiserlichen Dienst oder auch an seine eigenen Befehle zu gewöhnen; der Kroate Jsolani führte die leichte Reiterei, eifersüchtig darauf, daß kein Ungar ihm vorgezogen würde; wir finden Dalmatiner und Rumänen. Die letzteren zog Wallenstein den Polen vor, deren Obersten sich unbotmäßig und fremdem Einfluß zugänglich zeigten. Besonders war das norddeutsche Element stark bei ihm vertreten; man findet Brandenburger, Sachsen, Pommern, Lauenburger, Holsteiner. Zu beiden Seiten, unter Gustav Adolf und Wallenstein, haben die Norddeutschen den Krieg gelernt. Auf das Bekenntnis kam unter Wallenstein nichts an; einige seiner wehrhaftesten Obersten, Pcchmann, Hebron, waren Protestanten; wir wissen, daß es zu den Grundsätzen bei der ersten Zusammensetzung der Armee gehörte, Protestanten so gut wie Katholiken aufzunehmen. In dem ungarischen Kriege haben beide zusammen gegen die Türken gekämpft; beim Wiederaufwogen des religiösen Streites stand man von dieser Mischung ah. Wie die Liga nur Katholiken in ihrem Heere sehen wollte, so hatte die Armee Gustav Adolfs einen durchaus protestantischen Charakter. Unter Wallenstein überwog der militärische Gesichtspunkt den religiösen. Die Obersten beider Bekenntnisse bildeten ein einziges eng znsammenschließendes Ganzes unter einem General, der nicht danach fragte, zu welchem ein jeder gehörte. So ist es selbst in der französischen Armee in den ersten Dezennien unter Ludwig XIV. und später wieder in der preußischen unter Friedrich II. gehalten worden. Wallenstein sah es gern, wenn große Herren in seinen Dienst traten; aber auch Kaufmannssöhne — wie besonders erwähnt wird —, frühere Juwelenhändler, Emporkömmlinge selbst aus der dienenden Klasse waren ihm willkom-


