Ausgabe 
16.3.1934
 
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Nummer 2\

Jahrgang (934

Freitag, den (6. März

seinen Schiffsreisen kennengelernt haben mochte, der Kapitän, der Eisen, Baumwolle, Oel und Fette gefahren hatte. Und wie er auf den Wogen des Meeres hinausgesteuert war, seinen Zielen ent­gegen: so trieb Greta auf den Strömungen ihrer Vorstellung und Gedankenlust nach Abwechslung und Ferne fort und weiter als der verunglückte Seemann, denn ihr Fahrzeug befuhr auch Länder und Städte.

Aber war dies die einzige Ablenkung und Freude, die sich ein junges Mädchen wünschen und gönnen durfte? Ein Mädchen dieser Zeit. Und würde sie niemals lieben und geliebt werden? Greta fühlte sich sehr einsam.

Und als sie sich wieder einmal ganz verlassen vorkam, hatte sie einen absonderlichen und sentimentalen Einfall, über den ihre Arbeitskolleginnen sicherlich gelacht hätten, wenn er ihnen bekannt geworden wäre. Aber Greta führte ihn ganz heimlich aus. Mit ihrer hübschen Handschrift schrieb sie abends etwas auf einen Briefbogen und legte ihn am nächsten Arbeitsmorgen verstohlen in eines der von ihr gefertigten Streichholzpakete. Ein kleiner Brief war es, für den Zufall geschrieben und auch für die Hoff­nung, ein Brief in die unbekannte, lockende Welt. Und das Paket, in das er verschlossen wurde war es nicht einer der vielen Bau­steine an der unendlich langen Fernbrücke, die täglich am Packtisch gebaut wurde? Auf einer Zündholzbrücke sollte Gretas Brief hin- auswandcrn. Sie hatte darin ihrer Verlassenheit Ausdruck ge­geben, einem unbekannten Empfänger ein Geständnis gemacht, ^öffentlich, dachte sie, kommt der Brief an einen richtigen Men­schen. Und sie stellte sich darunter einen hübschen Mann vor, viel­leicht einen Seemann, einen Kapitän oder Lotsen. In einer schlichten Reimerei hatte sie ihrem persönlichen Gefühl nachge­geben.

Bitte! stand groß und zügig auf dem Briefbogen oben ... und darunter hieß es:

Wer dieses Paket erhält, Ich bitte ihn, mir zu schreiben. Ich habe keinen Freund auf der Welt: Ich möchte nicht traurig bleiben!

Sie hatte mit ihrem vollen Namen Greta Wels unterzeichnet, und daneben die genaue Anschrift der Fabrik vermerkt. Und jetzt stak der Brief in dem Streichholzpaket, das fließende Band führte es von Gretas Tisch weg, und wer wußte, wohin.

Das Paket aber hatte es nicht eilig. Es kam mit den anderen Tagesleistungen aufs Lager der Fabrik und wurde eingestapelt. Die Streichholzpost brauchte ihre Zeit. Endlich, nach Wochen, ver­frachtete der Lagerbeamte eine Schiffsladung voll Strcichholzkisten und Gretas Brief. Er trat eine vorbestimmte Reise an.

Längst hatte jedoch Greta ihren Einfall vergessen. Zwar hatte sie einige Zeit lang auf eine Antwort gewartet, da sie aber aus­blieb, dachte die Schreiberin auch nicht weiter an ihr Geschreibsel. Sie hatte auch andere Sorgen: ihr Lohn war gekürzt worden, und sie mußte, wegen schlechten Geschäftsgangs der Fabrik, sogar ihre Entlassung befürchten. Monate vergingen. Als sie den Brief ge­schrieben hatte, war es April gewesen, jetzt war Oktober. Greta war nicht entlassen worden, der schlechte Sommer war überstan­den, nun, im Herbst, ging das Zünöholzgeschäft wieder flotter, es werden mehr Streichhölzer angczündet.

Eines Morgens legte der Bürodiener einen Brief vor Greta auf den Packtisch. Für mich? sagte sie erstaunt. Es war ein Brief aus dem Ausland und an Greta gerichtet. Sie sah sofort: etne amerikanische Briefmarke klebte auf dem Umschlag. Wer mochte ihr schreiben? Vielleicht jemand, der etwas über ihren verstor­benen Vater wissen wollte. Sie war sehr neugierig, den Inhalt des Briefes zu erfahren aber jetzt war keine Arbeitspause, unauf­hörlich flössen die Streichholzschachteln heran und erlaubten keine Unterbrechung im Arbeitsgang. , . , . _ r

Wie erstaunte sie aber, als sie hernach den in deutscher Sprache geschriebenen Brief las, wobei sie sich erst erinnern mußte, baß sie einmal in einer kuriosen Laune einem Paket ein paar Zeilen Dei9,5Berte§Cltsiäutetn Wels!" las sie.Ich habe Ihren dem Zu­fall anvertrauten Brief erhalten. Da mich das Gedicht doch wohl von Ihnen selbst verfaßt? sympathisch berührte, schicke ich Ihnen einen schönen Gruß. Vielleicht freuen Sie sich darüber, so daß Sie wenigstens heute nicht traurig zu sein brauchen. Ihre Streichhölzer kaufe ich gern. Ich bin Inhaber einer Drogerie, die ich von meinem Vater, der Deutscher war, geerbt habe. Mein Ge­schäft hat eine gute Lage, und die Stadt, wo ich lebe, ist sehr hübsch. Sie heißt Providence, und man hat von ihr nicht weit zum Atlantik..." So schrieb der amerikanische Streichholzkäufer.

Idyll.

Von Paul Appel.

Sie schläft. Mondlicht schließt sie in ihre Kissen ein. Nur diese Schulter und die holde Brust gehorchen nicht, Sie glänzen vor: warten sie, daß ich mich entzücke?

Ich öffne irgendartig meine Lippen: Ein Mann ist einer, der noch banken will, So klingts mir vor.

Dann stell ich Kindertische längs zum Mondbett hin, Schütt Wicken aus und Winden, Portulak, Verbenen: Vielleicht, am Morgen, liegt ihr kleiner Arm in Blumen.

Oie Zündholzbrücke.

Von Friedrich Schnack.

Was sind schon Streichhölzer? Sie werden angebrannt und weggeworfen. Und doch ist kein Ding auf der Welt so gering, daß sich daran nicht ein Schicksal heften könnte.

Greta Wels arbeitete seit mehreren Jahren in einer Streich- holzsabrik. Mit siebzehn war sie dort eingetreten, jetzt, ein Mäd­chen aus der Zeit, war sie zwanzig, und seitdem tat sie in der Woche die gleichen Handgriffe: sie verpackte die Streichholzschach­teln in die bekannten Pakete. Die Schachteln flössen zu ihr und den Mitarbeiterinnen an dem langen Tisch heran, geschwind und ge­nau fertigten die geübten Finger die Pakete, und das laufende Band führte sie davon, ununterbrochen, wie eine endlose Kette ihre Glieder. In Gretas Vorstellung begannen die Zündhölzer ihre weite Reise in die Welt, überall hin, wo man nur Streich­hölzer kaufte und verbrannte, in Europa ebensogut wie in Uebersee.

Greta war hübsch. Sie hatte ebenmäßige Züge, die ein wenig schwermütig schienen, leuchtend blondes Haar und dunkelblaue Augen. Der längliche Gesichtsschnitt ließ erkennen, daß sie und ihre Vorfahren aus dem Norden stammten. Obwohl sie nicht viel an ihr Aeußeres hängen konnte, bewies sie in der selbstgeschnei­derten Kleidung doch Geschmack und auch eine persönliche Note, und so sah sie besser aus, als man eigentlich bei ihrem geringen Verdienst vermuten konnte. In dem scheinbar gelassenen Mädchen stak eine phantasievolle Unruhe, wahrscheinlich ein Erbteil von Seite ihres Vaters, der Kapitän auf einem Frachter gewesen war, ehe er in einem Sturm vor der schwedischen Küste Schmbruch erlitten und dabei den Tod gefunden hatte. Gretas Etnsalle strebten gern über den Alltag hinaus, am liebsten malten sich ereignisvolle Geschehnisse in ihrem Sinn, in denen sie die Haupt­rolle spielte und möglicherweise rührten solche Anwandlungen ebenfalls von ihrem Vater her, der in seiner Jugend viele Svrünge in die Welt getan hatte, die damals noch weit und offen vor einem jungen abenteuerhungrigen Burschen lag. Tue Zund- holzschachteln, wie sich eine an die andere auf dem fließenden Band reihte, kamen Greta zuweilen wie geheimnisvolle Brucken in die Ferne vor. Ihre Bilder und Wünsche Sickte sie wahrend der Arbeit darauf entlang irgendwohin. Die Richtung war nicht so wichtig, nur fort, hinaus, weg von dieser Fabrik und dieiem unruhevollen Sinn.

Gretas Mutter war nach dem Eintreffen der Nngluckvbotschaft von der schwedischen Küste einem alten Herzleiden erlegem Ge­schwister waren nicht vorhanden. Ware nicht ihre Tante geweien, die Schwester des Vaters, hätte das Mädchen nach dem der Mutter allein gestanden. Die Lehrcrswitwe nahm sie z,1t ft*. Freilich mußte sich nun Greta ,»gleich nach einer Stellung umtun, die kleine Witwenpension reichte nicht für zwei. Er gelang Greta, als sie sechzehn war, Laufmädchen und Hilfspackertn in einem Pharmazeutischen Unternehmen zu werden, ^gen ^n geringes Entgelt: und als die Fabrik wegen schlechten Geschäftsgangs! schlie­ßen'mußte, fand sie ein Unterkommen tn der *»»

sie bald Packerin wurde. Witwenpension und Fabriklohn wurden zusammengelegt auf diese Weise schlug ^sa^bett ver-

Wenn sie abends zu Hause war, die kleine Hausaroelr ver richtet, die Kleiber und Wäsche in Ordnung und noch ein wenig Zeit übrig hatte, auch nicht zu müde war, nahm sie aus den Reiten der einstigen Lehrerbibliothek gvrne eln Buch. Nicht um lh«m schmalen Wissen aufzuhelfen rote sollte fte? ®tc brauchte er regung und eine Entspannung grrgen die, seelische W a maschinellen Tagesarbeit. Sie brauchte kmne Verführungen und Ausschweifungen fite ihre Phantasie. Meist tat es etn Land über fremde Länder, Sitten und Menschen, rote sie i&t Beter W

SietzenerKnmIienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger