Deutschland und in den anderen europäischen Staaten eine Tat der Städte war, der Bürger und später des vierten Standes, des Proletariates. Nur auf dem Asphalt der großen Städte, inmitten von Elend und Glanz, in dem rasenden Wechsel der menschlichen Schicksale konnte in der modernen Gesellschaft dre Stimmung von Erbitterung, Ungebundcnheit und Auflehnung erwachsen, die den Borabend jeder Revolution der letzten Vergangenheit kennzeichnet. Haus und Hof, die dem Bauern das Gefühl der Sicherheit geben, scheinen ihn also zu einem Revolutionär ungeeignet zu machen, der alles im Stiche läßt, um sich rücksichtslos für eine neue Idee, für einen neuen Staat einzusetzen, denn die wichtigste aller revolutionären Notwendigkeiten, die Bildung von marschbereiten und kampffähigen Formationen, scheitert an seiner festen Verwurzelung mit der Erde. Gewiß: Patriotismus und politische Leidenschaft sind bei ihm schwerer entzündbar, bas Hcimatsgefühl in seiner Vaterlandsliebe und die häufig religiöse Ehrfurcht vor der Autorität sind konservative Kräfte. Und konservative Revolutionäre? Wir haben unseren Blick zu lange an dem Bild der „fortschrittlichen" und proletarischen Revolutionen geschult, um in dieser Wortverbindung nicht einen Widerspruch zu sehen. Erst der Rembrandtdeutsche Langbehn und Möller van den Bruck verkündeten seit langem wieder eine Politik von konservativer und zugleich revolutionärer Gesinnung. Sind es die edelsten Werte, die konserviert, die erhalten werden wollen, dann vermag auch der revolutionäre Funke in solchen Gemütern zu zünden und sie zu politisch weitausgreifenden Handlungen auszurufen.
Der Bauernkrieg und seine Vorläufer ist eines der großen und
tragischen Beispiele in der deutschen Geschichte: es zeigt den Bauern als konservativen Revolutionär gegen politische Mächte, die die unantastbare Würde der heimischen Erde und die Reinheit des religiösen Erlebens bedrohen. In den Anfängen jedenfalls war es keine Bewegung eines verelendeten Standes, um wirtschaftliche Nöte zu bannen. Es war der Kampf einer bodenständigen Schicht um die Wiederherstellung des ursprünglichen, von der germanischen Ueberlieferung geweihten Rechtszustandes. In den fürstlichen Kanzleien erhielt der römisch-rechtlich gebildete Jurist eine immer größere Bedeutung. Ein fremdes und dem Volksempfinöen häufig widersprechendes Recht vernichtete ein Stück der bäuerlichen Gerichtsbarkeit nach dem anderen. Damals setzte bereits eine Entwicklung ein, die den Boden dann später zu einem Marktobjekt, zum Gegenstand der Spekulation herabwürdigte. Auch im Geld- und Kreditwesen begann die Auflehnung gegen einen vielerorts eingerisienen wucherischen Mißbrauch, einen der ärgsten Würger freien Bauerntums. Eine der Hauptforderungen des Bundschuh im Bauernkrieg war deshalb, das Zinsnehmen zu verbieten. Eine fünfprozentige Abgabe sollte nicht als Zins, sondern als Abgabe gelten. Der Drang nach einer Säuberung der christlichen Kirche von „Pfaffcnmißbrauch" und „Pfrün- denwirtfchast" war eine der mächtigsten Antriebsfedern. Die reformatorische Gesinnung war sehr stark in den Reihen der Bauern. Ucberall aber spürte man die Zeichen volksfremder oder gar volksfeindlicher Gewalten und sah den Bauern von seiner großen Aufgabe für die Erhaltung der Volkswirtschaft abge-
drängt.
Das bekannte große Werk von Wilhelm Zimmermann, das jetzt wieder in einer Neuauflage unter dem Titel „Der deutsche Bauernkrieg" in ausgezeichneter Bearbeitung von Gottfried Falkner im Verlag „Das Bergland-Vuch", Graz, erschienen ist, hat dieses „größte Ereignis der deutschen Geschichte", wie Ranke es nennt, zu einseitig geradezu als Ausdruck eines Fortschrittsgeistes dargestellt und dabei den konservativen Charakter dieser Revolution verkannt. Ueberall, wo die Aufruhrbewegung der deutschen Bauern zu Beginn des 16. Jahrhunderts aufflammte, in der Schweiz, am Rhein, in Süd- und Mitteldeutschland, war es dte gleiche Erinnerung an Zeiten freieren Bauerntums und die Hof^ nung auf ein gerechteres Regiment der Obrigkeiten. Wenn anch viele Gründe zur Entstehung der Vauernunruhen mrteinander verflochten waren, so kehrte doch derselbe Leitgedanke immer wieder: nur ein gleichberechtigtes freies Bauerntum, das nicht der Willkür der Territorialfürsten und geistlichen Machthaber ausgeliefert ist, kann das Reich sichern. Damals schon entstand der Gedanke eines Ltalkskaisers", mit dem sich sehr häufig das Erwachen des nationalen Ehrgefühls wie z. V. bei Karls des Kuhnen Angriff auf die Rheinlande im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts verband.
Materielle Not und Machttrieb haben gewiß manchen Bauern zum Aufrührer gemacht. Der tragende Untergrund aber war sittliche Empörung, verletztes Gerechtigkeitsgefühl mrd twfstes religiöses Verlangen. Das Schlagwort vom „Göttlichen Recht oder der „Göttlichen Gerechtigkeit" hatte dem Bundschuh schon in den Anfängen Kraft gegeben. Man wollte wieder die Recht»- und Sittenauffassungen, wie sie aus dem <h^^sss^h°6ermanischen Gemeinschaftsleben heraufgewachsen waren, zur Verwirklichung bringen, damit alle — Fürsten und Bauern — dem gemeinen Wohl untertan würden. In diesem Sinn war der Bauernkrieg eine konservative Revolution. Es ging um Haus und Hof, um Glaube und Freiheit, also um die Werte, aus denen jedes bäuerliche Gemeinwesen gleichwelcher Epoche ferne Kraft rreht. Daraus wird uns auch verständlich, warum in der Nationalen Revolutwu der Bauer seit vielen Jahrhunderten wieder zum ersten Mal eine führende Rolle spielen konnte. Heute am Ende der ersten siegreichen deutschen Revolution hat der Bauer im Dritten Reich mlb- lich die Stellung im Leben der Nation gewonnen, die er schon 1525 erstrebte.
Oer Sternenboum.
Roman von Friedrich Schnick.
(Schluß.)
Kaum, daß er den Weihnachtsabend erwarten konnte. Langsam schlichen die Wochen. Und doch war schon ahnungsvolle Zeit, ein versteckter Glücksschimmer entkeimte den Tagen, wie Lichter funkelten die Gedanken. Tiefer Schnee war gefallen, alle Wälder weiß, alle Straßen verschneit, die Dächer winterlich verwunschen. Die Bauernschlitten, beladen mit Fichten und Tannen, knarrten aus den Forsten und glitten die Straße hinunter, nach Passau und überallhin auf die Weihnachtsmärkte.
Nur gut, daß die Arbeit drängte, sonst hätte sich Juppi tat Hinsinnen und im Warten verzehrt. Aber die vielen Weihnachtsaufträge ließen einem keine Zeit zum Nachdenken und Wünschen: die Hämmer klopften, die Feilen raspelten, die Sägen kreischten. Alle Tage fragten die Kunden nach, wie es mit ihren Tischen, Aufsätzen und Spiegeln stehe, und die roh fertigen Möbel kletterten übereinander bis zur Decke hinauf. Da mußte man beim Zeug sein, und abends fiel man müde in den „Kahn".
Endlich war es so weit. Der Meister hatte ihm die Feiertage frei gegeben. Auch Otto konnte Urlaub nehmen, zu seinen Eltern in einem Dorf der Umgegend.
Am Vorabend des Festes wurde zeitig der Hobel hingelegt. Die fertigen Möbel fuhr Otto den Kunden zu, und während der die Trinkgelder einsteckte, wurde Juppi von der Meisterin zum Arbeitsschluß mit einer Ohrfeige bedacht. Sie war wieder einmal böser Stimmung, weil ihr Mann nicht heimkam und das Esten auf dem Herd verpruzelte. Juppi aber hatte in seinem Reisefieber vergessen, den Leimtopf vom Feuer zu nehmen, der Leim war angebrannt, und es stank. Heiß brannte auch die Maulschelle, sie brannte bis in die Freude und den Weihnachtstraum: Finsternis zog über Juppis frohe Seele.
Gott sei Dank, nun war er endlich mit dem Aufräumen der Werkstatt am Ende. Fort aus dem Sarghaus, aus dem Maulschellenhaus! Rasch. Juppi. Hinaus aus der Moderluft und dem Weibsgekeif. Ein paar köstliche Tage erglänzten und winterten heran. Schnell zog er sich um und eilte hinunter. Verabschiedete sich von der Frau, wünschte verhalten gute Feiertage. Sie nickte bloß, ihr Haarschopf klunkerte. Gut, daß sie ihn nicht aufhielt, er hatte alle Eile, er mußte noch zwei Stunden weit bis zum Vahn- ort marschieren, und um fünf ging der Zug nach Passau.
Auf der Stiege begegnete er dem Meister, der sich mit den Händen an der Wand anhielt. Armer Kerl, dachte flüchtig Juppi. Schwerfällig hinkte der Zuspätkommende herauf, nach Schnaps und Bier roch er. Er streifte den geschmeidig ausbiegenden Lehrling.
„Ich gehe, Meister", sagte Juppi, den Hut abnehmend, „wünsche gute Feiertage..."
„Feiertage ..." murmelte der Mann und stapste von Stufe zu Stufe.
Daß er das Trinken nicht lasten konnte. Juppi sprang hinunter. Oben ertönte ein geller Schrei, die Frau fuhr aus der Küche. Gleich darauf entstand mächtiges Gepolter und Krachen, Juppi wandte sich blitzschnell um, er hörte einen zweiten, aber ängstlichen Weiberschrei und ein hohles, erschrecktes Aufklagen, das ihm bis ins Innerste drang ... jäh überfinsterte ihn das Sarggestcht... da stürzte, Kopf voraus, der Meister rückwärts die Treppe herunter und krachte mit einem harten Knack gegen die Wand.
Verwirrt hatte Juppi den Drücker der Haustür in der Faust.
Voll Entsetzen starrte er auf das Gesicht, das da am Boden lag und wie im Irrsinn zuckte: die Augen in schrecklicher Ernüchterung aufgerissen, klaffend der Mund, die gelben Zähne ... aus dem Mundwinkel rann ein dunkler Faden. Einen Augenblick zitterten krampfhaft Arme und Beine ... fielen lahm ab. Der heulende Schrei jagte die Treppe herunter ... Ueber die Boöen- stiege hörte Juppi die Schritte des Gesellen donnern ... Ihm wurde schwarz vor Augen: der Meister den Hals gebrochen ... Eine Leiche ...Er sah den Sarg-, ungeheuerlich, aus dem Halb- licht herausschatten, auf sich zustoßen, einen schwarzen Hobel ... Aufgeplatzt war der Deckel und gähnte, ein Rachen ... Die Stickluft überfiel ihn, er wankte ... spürte kalte Luft im Gesichtz,,,
Da war er auf der Straße ...
Floh im Schneetreiben hin,... jammerte leis ...
O Gott!
Der Todesschrecken peitschte ihn ... Seine Gedanken wirbelten wie Schnee, weiß schneite es in seinem Gehirn, schneite es in seinem Herzen, schneite es in seiner Seele, dem leichenhaften wildesten Schneetreiben war er preisgegeben ...
Fort, fort, fort!
Er lief auf der Landstraße, der Wegweiser hielt seine starre Holzhand nach der rechten Richtung, hier mußte er gehn, er ging, er ging. Der Schnee knackte ...
Der Meister knackte ... Er hat sich den Hals gebrochen ... Die Stiege ist er heruntergestürzt ... Er war immer schlecht auf den Beinen ... Vier hatte er getrunken ...
Der Ort blieb zurück, der Kirchturm verblaßte zur Linken, der Schneewirbel hatte ihn verschlungen. Weihnachten ... Sic müssen einen Sarg tischlern... Die Brandung des Schneewirbels verschlang den Weihnachtsgänger. Bäume rechts, Bäume links. Frostgestalten. Vermummte. Tote Fichten. Erloschene Tannen. Hinter Schneevorhängen starrten sie, schneeverpelzt.
Mürk muß einen Sarg anmessen... Einen Meter siebzig lang ... Beschläge ... Oben drauf ein gestanztes Blechkreuz, silbern ... Bier Griffe ... Der schreckliche Reisekoffer ...


