Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Zahrgang (934
Freitag, den J5. )uni
Nummer 45
Kleine Ballade.
Von Detlev von Ltltencron.
Hoch weht mein Busch, hell klirrt mein Schild Im Wolkenbruch der Feindesklingen.
Die malen kein Madonnenbild
Und tönen nicht wie Harfensingen.
Und in den Staub der letzte Schelm, Der mich vom Sattel wollte stechen! Ich schlug ihm Feuer aus dem Helm Und sah ihn tot zusammenbrechen.
Ihr wolltet stören meinen Herd?
Ich zeigte euch die Mannessehne.
Und lachend trockne ich mein Schwert An meines Hengstes schwarzer Mähne.
Sprengpatrouille.
Von Hubert E. Gilbert.
(Copyright 1934 by Gerhard Stalling A.-G., Oldenburg t. O.)
Mit Genehmigung des Verlages Gerhard Stalling, Oldenburg i. O. / Berlin, veröffentlichen wir aus H. E. Gilberts Buch „Drei Krieger", Roman des Front- ofsiziers, den nachstehenden Abschnitt.
Am 12. September erlosch auch am Kotraabschnitt der russische Widerstand. Sengend und brennend zogen sich die Russen weiter rach Osten zurück. Ihre Bewegungen waren nicht mehr ein geord- «eter Rückzug zu nennen. Es war mehr eine regellose Flucht geworden. Auch der Umstand, daß der Zar, ein schwacher und allem Kriegerischen abgewendeter Mann, den Oberbefehl persönlich überrahm, konnte die Zeiger der Schicksalsuhr nicht zurückdrehen. Die erschöpften deutschen Truppen folgten unaufhörlich. Brot hatten sie schon lange nicht mehr gesehen. Die Verpflegungskolonnen kamen richt nach. Munitionskolonnen hatten den Vortritt. Das Salz legann zu mangeln.
Der Regen rann seit Tagen in Strömen. Die Division der leiden jungen Gregersdorsfs rückte auf Lida vor. Frühmorgens Vormarsch, mittags eine kurze Rast ... weiter, bis der Abend kam i nd die Truppen erschöpft ans das nächste beste Lager sanken. Die Infanteristen besaßen keine Strümpfe mehr. Die Wäsche war verlaust, die Tornisterriemen scheuerten und drückten.
„Mein Korpus sieht aus wie ein alter Perserteppich", meinte ein kriegsfreiwilliger Unteroffizier der Maschinengemehrkompanie k-regersdorff zu seinem Nachbar, einem Vizefeldwebel, sonst Ne- gicrungsbanführer in Magdeburg.
„Ich weiß! Nur stellenweise behaart! Diese Läuse ... es ist eine lausige Zeit!"
„Eine große Zeit!"
„Auch das ... aber man fällt bald von's Gerüst!" sagte der Pize und klopfte den Hals seines „Panjepferdes", das er vor einigen Tagen „erobert" hatte.
Hans hatte nachgerade die ganze Kompanie beritten gemacht. Diese Pferde waren hart und beanspruchten kaum eine Pflege.
*
Der Divisionskommandeur, Exzellenz Scharf, ritt an der Marschkolonne vorüber.
„Leutnant von Gregersdorff", rief er, als er Hans erreicht hatte, der müde der Kompanie vorausritt.
Hans wendete sich um. „Nanu?" dachte er. „was will denn der von mir?" Er warf das Pferd herum und ritt an die linke Seite des Generals.
„Sprechen Russisch?" fragte der General.
„Nicht doll, Exzellenz, meine Mutter ist Russin ... ich spreche es leidlich ans, aber nicht gerade fließend."
„Mhm... ich suche einen Offizier, der ... die Bahn im Rücken des Gegners unterbrechen kann ... mit Flieger nach drüben ... kni den ... sprengen ... der Deiwel hilft ihm zurück ... böse Lache ... sehr ehrenvoll."
„Mache ich, Exzellenz."
„Ueberlegen Sie sich's!"
„Ich brauche nicht zu überlegen, Exzellenz ... sowas hab' ich wir schon lange gewünscht."
„Uebergeben Sie die Kompanie dem ältesten Offizier und kom- oi cn Sie mit."
„Zu Befehl!"
Hans ritt zu seinen Offizieren, sagte kurz, daß er eine eilige Sache in ein paar Tagen zu erledigen habe, drückte ihnen, dem Feldwebel, seinem Burschen die Hand und galoppierte dem General nach.
*
„Alles klar?" fragte ber kleine Leutnant Schütz von der Feldfliegerabteilung 125 den Leutnant von Gregersdorff, der über seine deutsche Uniform den Rock eines russischen Offiziers gezogen hatte und sich gerade auf dem Beobachtersitz des Albatroszwei- dcckers festschnallte.
„Ja, alles klar wie dicke Tinte ... Sprengmunition, Kavallerie- znnder, Zündapparat und Fressalien. Zu schleppen werde ich haben ... zu schleppen!"
„Dann los!" rief Schütz und die Monteure warfen den Propeller an. Der Apparat brummte in tiefen Tönen, dann wurden die Holzklötze unter den Rädern entfernt und der Apparat kam ins Rollen. Er raste einige hundert Meter über das freie Feld und hob sich dann.
Hans sah, wie die Gegenstände am Boden immer kleiner wurden, wie der Wald unter ihnen schwand und sie über Felder und kleine Flußläufe flogen. Die Häuser sahen aus, als hätte man sie aus einer Spielzeugschachtel genommen. Die Sonne kam im Osten über den Horizont und blendete die Augen.
Der Höhenmesser zeigte schon 800 Meter. „Ueberall Wälder, dieselben Dörfer und Felder ... wie soll man sich da zurechtsinden", dachte Hans.
Aber der kleine Schütz kannte seinen Weg. Er sah kaum auf die Karte. Sie kamen über einen größeren Ort. Schütz schrieb ein Wort auf einen Zettel und reichte ihn über die Schulter an Hans. Bei dem Gedröhne des Motors und des Propellers konnte mau sich nicht unterhalten.
„Oschmjana", stand auf dem Zettel.
. Nun mutzte Hans, wo sie waren.
Weiter ging es nach Osten. Nach einer guten halben Stunde waren sie da, wo sie landen wollten. Mvlodetschno war ihr Ziel. Mvlodetschno war ein Bahnknotenpunkt, wo die Bahn Wilna— Minsk und die Bahn Bologoje—Mvlodetschno zusammentrafen. Gelang cs, die Bahn an diesem Knotenpunkt nachhaltig zu zerstören, so war es vielleicht möglich, das strategische Ziel, die Umfassung der russischen Hauptarmee, Lu erreichen.
Ueberall hatten die beiden Flieger auf ihrem Wege hinter der Front russische Biwakfeuer, Zelte und Truppenansammlungen ge- sehen. Sie waren auch beschossen worden, doch war es kaum möglich, sie in ihrer Höhe zu erreichen.
Noch lag Mvlodetschno in tiefer Ruhe. Auf dem Bahnhöfe fauchten einige Lokomotiven. Hans sah den weißen Rauch stoßweiße aus den Schornsteinen quellen. Vier Kilometer nordwestlich der Bahnhofsanlagen wollten sie auf einer Wiese mitten im Walde landen. So hatten sie es sich nach der Karte zurechtgelegt. Ssabolotje hieß das nächste Dorf und konnte nur aus wenigen Hütten bestehen. In Spiralen ging Schütz herunter. Er hatte den Gashebel heruntergedrückt und das Gas weggenommen. Lautlos senkte sich der Apparat. Es war noch, sehr früh und niemand auf den Feldern.
Nach einigen Minuten atemloser Spannung setzte der Apparat sanft auf der Wiese auf und rollte noch hundert Meter weiter. „Glatt!" rief Hans und machte sich daran, seine Sachen auszupacken. Schütz half ihm, den schweren Rucksack über die Schultern zu nehmen. In jeder Hand trug Hans noch ein Paket. Die Karte hatte er in einem Zelluloiöetui vor der Brust hängen.
„Stellen Sie erst mal ab und werfen Sie mir den Propeller an! So einfach ist das nicht!" murrte Schütz.
Hans half ihm beim Herumrollen des Apparats, wartete geduldig, bis Schütz fertig war und reichte ihm die Hand.
„Gruß daheim", sagte er. _
„Hals- und Beinbruch", wünschte Schütz und klopfte Gregersdorff auf den Rücken. Dann kletterte er in den Apparat. Hans warf den Propeller an und der Apparat startete glatt. Nach wenigen Minuten sah Hans nur noch ein Pünktchen, das sich immer mehr nach Westen entfernte.
*
Ihm war doch etwas bange, als er sich auf den Weg machte, nachdem er sich genau nach der Karte überzeugt hatte, wo er sich befand. Sie ivaren etivas weiter nach Norden gekommen, als sie zuerst beabsichtigt hatten. Das bedeutete für Hans eine noch größere Strapaze, als es ohnehin war, denn nun mußte er das schwere Gerät uoch weiter schleppen. •
Er iah sich um. Nichts zu sehen. Niemand. Nur die Vögel sangen in den Zweigen. Ein Specht hämmerte tm nächsten Waldstück.


