und Kops sind Hüllen, die auf Erlösung harren. Die Soldaten senken die Köpse, sie gehen langsamer, sie bleiben zurück; heimlich faltet einer die Hände. *
„Ich habe euch befehlsmäßig aufzufordern," spricht auf dem Exerzierplatz des alten Zielen Sohn zur Front seines Regimentes, „daß ihr jeden hinweist, möglichst viel Geld für die innere Anleihe zu zeichnen. Anders kann Seine Majestät die fällige Rate der Kriegskontribution nicht bezahlen." Zieten wendet sich, vor ihm salutiert der Wachtmeister der dritten Schwadron.
„Melde gehorsamst, gesammelte hundert Taler Kurant für den verabschiedeten Herrn Hauptmann Rohri Der Herr Hauptmann hat sieben Kinder, melde gehorsamst!"
Zieten dreht sich, er sieht seine Mannschaft an: Rohr war der strengste, unerbittlichste Offizier des Regiments!
„Der Herr Hauptmann soll in Rot sein, Herr Masorl Er soll nicht darunter schwerer leiden, als wir, daß unsere Armee gewaltsam vermindert wurde!"
Zieten tritt zu seinen Soldaten, er schüttelt Mann um Mann die Hand; er nickt ihnen zu.
Vom schwarzweih gestrichenen Schilderhaus reißt der Wachtmeister den Zettel, der das Geld für die Franzosen fordert.
*
„Es ist direkt zum Verzweifeln", spricht ein Bibliothekarius zu seinem ausländischen Freund. „Alle wissenschaftlichen Sozietäten brechen mit uns ab! Dabei sind wir die Höflichkeit selbst! Ich weise, in wahrster Jnternatronalität, überall, liberal und tolerantest daraus hin, daß wenigstens Kunst und Wissenschaft über dem Kampfe der Völker stehen sollen — es nützt nichts!"
„Rennt ihr das .liberal und tolerant', daß ihr stillschweigend und ergeben die Diebstähle aus euren Gemäldegalerien Und Bibliotheken h!n- nchmt? Warum wehrt ihr euch nicht endlich dagegen? Ihr seid Narren! Ihr gebt ja der Gemeinheit recht!? Ihr bestätigt durch euer Kuschen, daß die Verachtung gegen euch richtig ist! Ihr macht den wenigen, die euch helfen wollen, dadurch ihr versöhnliches Wirken geradezu unmöglich! Haut dach endlich aus den Tisch! Ihr seid komisch! Ihr könnt nur das Extrem! Entweder seid ihr brutal wie Berserker, oder ihr kriecht! Gelassene Würde kennt ihr nicht! Ihr seid das wichtigste Volk der Menschheit, ihr arbeitet und arbeitet wie Sträflinge, ihr arbeitet aber nur um der Arbeit willen! Arbeitet doch endlich um der Wirkung eurer Arbeit willen! Sprecht öffentlich aus, daß es euch verwundert, daß man euch .Barbaren' Bücher und Gemälde stiehlt! Erklärt laut und entschieden, daß ihr eure Kunstschätze, daß ihr die Dokumente, eures Geistes behalten wollt, daß ihr die französische Kultur nicht durch Dürers, Rembrandts. Cranachs und Grünewalds Gemälde verderben wollt, daß ihr eure Werke aus den französischen Bibliotheken zurück haben müßt, daß ihr nicht den französischen Geist durch Leibniz, Kopernikus, Kepler, Guericke, Gutenberg, nicht durch Luther, Melanchthon, Kant, Jakob Böhme. Laoater und Friedrich, durch Hutten, Sickingen und Schelling, um nur ein paar Namen zu nennen, verschlechtern und verderben wollt! Zur Politik gehört Witz! Politik ist Sophisterei! Das französische Lügenpathos ist gegen euch nur möglich, weil ihr es ernst nehmt. Ihr schämt euch ja für die Franzosen! Schlagt sie doch mit ihren eigenen Waffen' Wie soll denn die Verlogenheit der Franzosen offenbar werden, wenn nicht ihr dafür sorgt? Entzündet ein homerisches Gelächter gegen die Franzosen! Nichts ist tödlicher! Wenn man dich sprechen hört, könnte man zweifeln, daß ihr das Blut des großen Friedrich in euch tragt!"
„Es ift schon wahr. Wir sind zu bescheiden."
„Dumm seid ihr! Ihr seid die dümmsten Menschen der Erde!" Traurig nickt der Bibliothekarius.
„Ihr müßt Schindluder um der Wahrheit willen treiben! Euer Friedrich hat gesagt: ,Dte Erde ist das Tollhaus des Weltalls!' Richtet euch doch endlich darnach! Es kann früher nicht besser werden! Es wird früher mcht besser!"
In Danzigs finstern Straßen hallen die Schritte heimkehrender Bürger. Aus weinglatten Kehlen lärmt ein Lied. Vorwurfsvoll ruft vom Gehsteig gegenüber eine Stimme: „Müßt ihr denn immer französisch singen? Singt doch Deutsch'" Sprünge, Körper prallen aneinander, Schläge Schimpfworte, Hiebe. „Deutsches Schwein." Ein Aufschrei; wie ein Irrwisch flieht die Laterne eines Bürgers; die Gruppe der Kämpfenden hat sich vergrößert: Ein Mann ist hinzugesprungen, einer der Angreifer fliegt hoch, niederstürzend schlägt er an eine Hauswand, in hohem Schwung kommt ein anderer auf der Straße zur Erde, der Dritte beginnt um Hilfe zu schreien.
„Sind sie verletzt?"
„Sie haben mich .. durch den Arm ... gestochen; ich war ... ganz betäubt durch die Schläge. Ich danke Ihnen!" Bang leuchten Lichtlein auf; zwei Wachsoldaten kommen; ein Fenster öffnet sich, ein Mann mit weißer, spitzer Schlafmütze spricht feig mit dem Finger zeigend zu den Polnisten .Dort! Der Mann dort, der, der sich den Arm hält, der hat die französischen Herren überfallen!" Die Franzosen raffen sich zusammen Ich bin von des Kaisers Garde!" Entsetzt klirr.end haut das Fenster »u Die Stadtwächter fassen den Gestochenen an: „Sie sind verhaftet'"
„Nehmt auch diesen mit! Der hat uns tätlich attaquiert!"
„Ich gehe von selbst mit! Sie kommen aber auch mit!"
„Nab're’lement! Gern!" Wirr, zornig reden die Franzosen durch- einanhe- Der lange Lümmel muß dran glauben!" — „Wie fühlen Sie sich, Herr Major?" — „Der Mann wird dran glauben!" — „Es scheint ein preiC'i'cbes Schwein zu fein? — „Wir werden das gleich wissen!" Eine trüb brennende Laterne hängt über dem Wachlokal: Neben dem
Verwundeten steht im Lichtschein ein hochgewachsener Mann. „Kommen Sie herein!" gebietet er den Franzosen. Hochfahrend treten sie ein. „Mi sind von der französischen Hilfskommission!" Ties, entsetzt verneigt sich der Polizeileutnant. „Dieser Herr ist Colonel de Cravagnac! Das ist mein Adjutant: lieutenant Premier Schüttle. Ich bin der Major de Vignerolles!"
„Bitte gehorsamst Platz zu nehmen. Stehe völlig zu Dero Diensten!'
„Ich bin ein freier Bürger Nordamerikas! Ich reife im Auftrage meines Präsidenten. Please!" Kreideweiß werden die Franzosen. Zitternd reicht Vignerolles dem Amerikaner den Paß zurück „Wenn Sie nicht wünschen, daß ich Ihrem Kaiser erzähle, daß seine Offiziere schon zu Totschlägern und Schurken geworden sind, zahlen Sie dem Uebersallenen sofort die Barschaft, die Sie bei sich tragen, als Schmerzensgeld! Und bann verschwinden Sie!" Die Franzosen zerren eifrig ihre Geldbeute! aus den Taschen.
„Ich nehme kein Geld von euch!"
„Geben Sie mir das Geld! Ich werde den Herrn bitten, daß er es von Ihnen annimmt."
„Wir werden Ihnen dafür sehr verbunden sein, Herr Gesandter." „Hinaus!"
Die Franzosen verschwinden. „Wir sind machtlos, mein Herr!" stam- melt der Polizeileutnant. „Unser Freistaat ist von Deutschland losgerissen!'
„Er ist es nur, solange ihr es duldet! Kommen Sie! Seien Sie mein Gast; mein Vater war ein Offizier Ihres großen Königs! Er focht neben Washington im Freiheitskampf!"
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Zornig bedrückt schreitet ein pensionierter Major durch die Gäßchen eines märkischen Nestes. Zur Rechten geht die Gattin, zur Linken die stille Tochter. Schnaufend, in Wut und Schmerz umkrampft der Alte feinen Stock. Mitleidig, vorwurfsvoll sieht der Pensionierte sein Kind an. Die lausigen Passanten grüßen es nicht?! Bedrohlich mißt er die Milchfrau, die mit unförmigen Füßen vorüberlatscht. Spöttisch, geradezu spöttisch mustert das gemeine Weibsbild die armselige Toilette seines Kindes! „Will Sie, miserables Weibsbild, von mir kaduk gefuchtelt werden?" — „Herr Vater, ich bitte Sie! Das dürfen Sie nicht tun!" Fast weint die junge Hauptmannsfrau; er bezähmt sich und geht weiter. Hinterdrein keift das Milchweib; aus tiefstem, zerwühltem Herzensgrund seufzt der alte Major auf; Wasser steigt ihm in die Augen; vor einem Giebelhäuschen stehen zwei Zivilisten. Mit . . Gewehren!? Wie anno dazumal, am Rhein? Der Major steht, er fragt zitternd: „Wer wird da bewacht?'
„Der Herr Generalleutnant, Herr Papa, wegen der Festung, die er übergab! Er ist erst jetzt in Untersuchung gekommen!"
„Und da stellt bei euch das .... Zivilistenpack die Wache?"
„Die Herren stehen nur, solange das Militär exerziert, Herr Papa! Von sechs Uhr ab stehen hier die ordnungsgemäßen militärischen Pfosten.'
Gebrochen, mit schleifenden Beinen geht der alte Major weiter. Aengstlich zirkelt der Blick seiner Frau zwischen ihm und ihrem Kinde. „Ist es nicht schön, Mutter?" fragt die junge Hauptmannsfrau, „daß mein Kurt, trotz all diesem Häßlichen pflichtgetreu aushält?"
Bei nassen Augen nickt die Mutter.
Der Major a. D. reißt den Kops hoch: Schüsse blackern! In der Lücke eines beschnittenen Buschzaunes ziehen Soldaten. Die Offiziere sind nichl zu Pferd. Bitter nickt der alte Mann vor sich hin; Keine Pferde! Hcllb- sold! Bürgerliche Kameraden, kein Avancement, kein Ansehen. „Es ist aus!" schreit der Alte. „Es ist aus!" — „Was, Herr Vater?!" „Tochter!" befiehlt der Alte, „mit wem verkehrt ihr?" Die Tochter bleibt stehen, sie bückt sich und reißt Nesseln aus. „Ich bitte dich, deine Kasserollen gesälligst scheuern zu lassen, wenn wir wieder weg sind!" Hingebungsvoll kniet die junge Frau, sorgsam, mit eingedrehtem Schürnchen umfaßt sie die stechenden Stengel einer Brennesselstoude Die junge Frau streift die Blätter in ihr Schürzchen; sie richtet sich auf. „Hast du vielleicht auch nicht einmal mehr eine Scheuerfrau?" — „Nein, Herr Papa; wir haben doch dazu keine Zulagen mehr?! Die Nesseln geben ein hochfeines Gemüse. Mamachen." sagt die junge Frau, „es wird dir gut schmecken."
„Rapport", befiehlt der Alte. „Mit wem verkehrt ihr?"
„Nach Tisch kommen die Kameraden von Kurt zu uns. Wir lesen viel zusammen."
„Bravourös! Höchst honett für Militärsleute! Höchst honett! Das muß ich sagen!"
„Am Sonntag sind wir beim Herrn General. Letzthin haben wir dort mit den Soldaten .Wallensteins Lager' aufgeführt. Ach, Papachen, das war herrlich!"
„Der Porck war schon immer eine überdrehte Schraube! Was will Sie?" Bittend halten die schlanken Finger der Tochter den Alten beim Westenrand, die Hecke umgrenzt den Exerzierplatz.
„Cs ift gerade Ruhe, Herr Papa; hören Sie!" Des Schwiegersohns Stimme sagt hinter der Hecke zu seinen Soldaten: „Ihr dürst nicht fo verallgemeinern! Es taten viele von uns weit über ihre Pflicht! Denkt doch an unseren General!"
„Der schon, aber sonst? ..."
„Waren nicht Scharnhorst, Sd)ill, Blücher und Gneisenau schwer blessiert? Blieben nicht der Prinz Louis Ferdinand und der Braunschweig? In Solberg und Danzig fiel weit über die Hälfte aller Offiziere! Laßt euch nicht durch das Geschimpfe Ehrloser ungerecht machen! Die saßen schön warm hinter dem Ofen, als wir kämpften, die haben kein Recht, auf uns zu schelten! Laßt das Gewesene, seht in die Zukunst! Die Schuldigen sind ja entfernt!"
(Fortsetzung folgt.)
Peraniwortlich: Or. HanSThyriot. — Druck und Vertag: Brühl'scheUniversitäts-Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


