Ausgabe 
9.11.1934
 
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Auf das Grab von Schillers Mutter.

Von Eduard Mörike.

Nach der Seite des Dorfs, wo jener alternde Zaun dort Ländliche Gräber umschließt, wall' ich in Einsamkeit oft. Sieh den gesunkenen Hügel; es kennen die ältesten Greise Kaum ihn noch, und es ahnt niemand ein Heiligtum hier. Jegliche Zierde gebricht und jedes deutende Zeichen; Dürftig breitet ein Baum schützende Arme umher.

Wilde Rose! dich find' ich allein statt anderer Blumen;

Ja, beschäme sie nur, brich als ein Wunder hervor!

Tausendblättrig eröffne dein Herz! entzünde dich herrlich Am begeisternden Duft, den aus der Tiefe du ziehst! Eines Unsterblichen Mutter liegt hier bestattet; es richten Deutschlands Männer und Frau'n neben den Marmor* ihm auf.

Schiller in dieser Zeil.

Zum 175. Geburtstag des Dichters am 10. November.

Von Geh. Rat Dr. Eugen Kühnemann,

o. Professor an der Universität Breslau.

Der Verfasser ist der bekannte Philosoph und Literar­historiker der Breslauer Universität, dessen Arbeiten über Schiller, Goethe, Kant und Herder im Sinne des deutschen Idealismus von großer Wirkung gewesen sind.

Das Eigentümliche, wodurch sich unsere Zeit in diesen deutschen Tagen von den meisten, vielleicht von allen der Vergangenheit unterscheidet, liegt darin, daß die unmittelbaren Angelegenheiten des nationalen Lebens allein die Seelen erfüllen und beschäftigen. Es hat Zeiten gegeben, in denen das Erscheinen einer neuen großen Dichtung ein öffentliches Er­eignis war. Die Zeit Schillers war eine solche. Wieder in anderen Zeiten war es die neue Musik, die leidenschaftliche Kämpfe hervorrief and Alter und Jugend schied. Man kennt das Ringen um Richard Wagner. Dies alles weicht in unseren Tagen in den Hintergrund. Deutsche Geschichte tritt in einen neuen entscheidenden Abschnitt ein: es ist die Selbstschöpfung des deutschen Volkes, die wir staunend und er­griffen erleben. Jedes andere Anliegen steht hiermit verglichen tief im Schatten. Was Deutschland seit den Tagen des A r m i n i u s immer gefehlt hat, das soll ihm jetzt für alle Zukunft zuteil werden, nämlich Sie einfache instinkthaste Sicherheit des nationalen Lebensgefühls. Aber mir wären nicht Deutsche, wenn nicht in dieser ringenden Gegenwarts­seele Deutschlands seit langem schon der Ruf vernommen würde nach einer neuen deutschen Geistigkeit, die der neu gewonnenen Bewußtheit um die Deutschheit entspricht. Noch ein anderes spricht sich mit der gleichen Sicherheit aus, nämlich die Gewißheit, daß diese Geistigkeit nicht aus dem Nichts entspringen kann. Sie wird sich bilden aus der Gemeinschaft mit dm großen Führern, die in früheren Zeiten den deutschen Geist schufen und bedeuteten. Wie jede schaffende Zeit ist auch diese eine Zeit gewal­tiger Gerichte. Sie trennt die Menschen im Namen des neuen Lebens. Wer nicht mitschreiten kann, scheidet aus der Schar der Lebendigen. Wer dm neuen Glauben ergreift, gehört zum großen Orden der deutschen Lebensgemeinschaft. Dies gilt für die Lebenden wie für die Toten. Auch die großen Toten treten vor den Richter und sollen beweisen, daß sie noch in die Gemeinschaft des neuen Lebens gehören.

Die Gedenktage sind immer die Gelegenheit zu neuen Wertungen gewesen. Schillers 178. Geburtstag ruft auch ihn in die Schranken. So jehr oas Urteil Über den dichterischen Wert feiner Werke gefchwankt hat, io unsicher es allmählich in der fortschreitenden Verwirrung und Ver- slachung der Ansichten geworden war, es ist doch niemals die Ahnung davon ganz geschwunden, daß Schiller der größte Volkslehrer der Deut- Ichen ist. Wenn nun jetzt das deutsche Volk an der Hand seines großen Mhrers sich selbst erschosst, ist eine wahre Lebensfrage, des Verhalt- triffes zu Schillers gewiß zu werden und zu erkennen, rote es Zu dem großen Volkslehrer steht. Zu den wahrhaft Großen des Geistes gehören deißt ja nichts anderes als dies: Jeder Zeit und jeder Gegenwart des eigenen Volkes mit neuer Stimme reden, jeder ein neues Antlitz zeigen uni) doch immer dieselbe einzig große Gestalt deutschen Lebens zu sein. Aber wirklich scheint es, als täte unter den großen Werken des Dichters nanches den Mund auf und wolle den Volksgenossen helfen, sich selbst in erkennen. Ja, hin und wieder will es scheinen, als ob die Werke jetzt ias Geschlecht fänden, das ihre wahre Sprache versteht. Sind nicht die R ä u b e r" das stärkste Werk einer wahren Jugendbewegung? Eine tungtoar bildet sich um den Führer. Sie unternimmt, der verkommenen Zeit das Leben zu schaffen, das in Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit vor Sott besteht. Nur daß der heiße Atem Schillers tme em Sturmwind über He Erde fegt Es sind nicht die kleinen Anliegen einer neuen Aufnchtigkeit und Natürlichkeit, denen er das Wort schafft. Es ist die großsie, tue^ allge­meinste Sache: die Menschheit, die Karl Moor betrogen h^ loll auferstehen m einem neuen Schöpfungsmorgen. Es ist im d°ch^en dichterischen ^us .ruck ganz der Gedanke, der jetzt der Jugend e,nen neuen S,nn des Da- -ins gegeben hat. Philosoph, Sozialrevolutionär, ftaatsschopser zugleich l ockt Schiller imF i e s k o" kein öderes Problem an as bas öes kührertums. Fiesko soll der Führer zur Fre heit em. Cs ifetae Xra '»die, daß er in der eigenen Große jlcf) Der^'^. ulJbDfCrn Ißr sich selbst arbeitet, statt sich dem Vo ke und Aner Freche,«.zu opfern. Das Urrecht der Jugend, das Recht auf Liebe wird t

* 1839 wurde in Stuttgart das erste Schiller-Denkmal (von Thor- balbfen) enthüllt.

Liebe* zum Weltgericht über die verkllnstelte und verkümmerte Zelt. Ehe es in Deutschland ein Gemeinbewußtsein des Bürgertums gab, hat Schiller ihm die Sprache gegeben und damit es geschaffen. Der hinreißende Schwung feiner sozialen Tragödie stammt daher, daß sie eine Welt­geschichte bedeutet und mit der Gewalt weltgeschichtlicher Größe spricht. Don Carlos* wird für alle Zeit der schönste Hymnus der Jugend­lichkeit bleiben. Freunde bringen sich selbst und bringen sogar ihre Liebe zum Opfer, auf daß die heilige Sache der Zukunft lebe. Kein Wunder, daß die Jugend einer nicht lange verflossenen Zeit mit der Begeisterung dieser Dichtung wenig anzufangen wußte. Sie hatte keine Idee, für die sich zu opfern ihrem Leben Sinn und Inhalt schuf. Sie hungerte und dürstete wie jede Jugend nach Ideen, aber sie sand weder den Lehrer noch die Gelegenheit, um in der Idee ihr Leden zu weihen. Der Jugend ist in unseren Tagen das schönste Glück der Jugend wieder geworden: sie kennt die heilige Sache, für die sich zu opfern ihr die ganze Lust des Lebens bedeutet. Zu den Jungen dieser deutschen Zeit gehört Schiller. Ihre Seele war seine Seele.

Aber ergreisender noch klingt die neuverstandene Schillerrede aus den großen Werken seiner Reife. Jugend soll nicht in der Selbsttäuschung leben, als sei sie schon das Salz der Erde dadurch, daß sie jung ist. Aus ihr soll das Salz der Erde in heißem Ringen werden. Sie soll es sich wieder einmal vergegenwärtigen, in welchem Ringen Schiller das ge­worden ist, was der Name Schiller bedeutet. Er besaß das Ohr der Jugend und hätte mit Wiederholungen im Stil desDon Carlos" sich jenen brausenden Widerhall wieder und wieder schaffen können, der dem Dichter wie nichts anderes berückend klingt. Statt dessen verstummt er und geht wie ein Schüler auf ein Lernen ein, das ihm die Welt in ihrer Wirklichkeit und Wahrheit erst erschließen soll, wie ein genialer Schüler zwar, der im Schaffen lernt. So entstehen seine Geschichtswerke und tun ihm den Blick in die Wirklichkeiten der großen Weltverhältnisse auf. Bedeutender noch sichern seine philosophischen Arbeiten ihm die Welt­anschauung, die auf dem tiefsten Grunde der Wahrheit ruht. Er bringt den Deutschen die Botschaft von der Ganzheit des Menschentums. Wir sollen die Roheit unseres blinden Trieblebens überwinden in schöner Lebensform. Wir sollen nicht verkümmern in überkommenen Formen und abgelebten Gedanken. Wir sollen uns nicht verstümmeln lassen in einseitiger Betätigung. Wir sollen atmen in einem Leben, das ein ganzer Mensch sich zum Ausdruck seiner Lebendigkeit schafft. In diesem Zusam­menhang weist er der Kunst eine große Aufgabe zu. Vor allem gibt er seiner Tragödie mit Bewußtsein eine erzieherische Sendung. Sie soll die Deutschen dazu bringen, daß sie die volle Wahrheit des Lebens in feiner Schrecklichkeit schauen, in jener Schrecklichkeit, die zugleich die Größe des Lebens ist. Sie sollen in erhabener Erschütterung lernen, groß zu fühlen, um so ihre Seele von allem Kleinen zu reinigen und zur Größe zu führen. Schiller wird der Tragiker des heroischen Willens. Er bildet heroische Menschen.

Aber rührend ist, wie in dem Einsamen eine Sehnsucht erwacht und ihm die Werke seiner größten Liebe schenkt. Cs ist die Sehnsucht zum Volke. Er dichtet den Deutschen zwei große Lieder von Volk und Vater­land. Es sind die größten Gedichte von der Volkwerdung in allem Schrift­tum der Welt. Wie groß breitet er das Volksganze vor uns aus in der Jungfrau von Orleans"! Er beginnt mit den Bauern, die die Arbeit tun, von der wir alle leben, und die geschehen muß Wie auch der Staat sich gestalte. Sie leben gleichsam noch biesfeits vom Staate, in ehr­würdigem Brauchtum, in volkhaftem Aberglauben, verwurzelt im Boden. Die Bürger suchen beim König und Vaterlande Schutz für ihre Arbeit, der niedere Adel widmet ihm 6en Dienst des Gehorsams, der hohe Adel findet in der Aufopferung für das Vaterland feine Ehre. ..Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles freudig fetzt an ihre Ehre!" Schutz, Gehorsam, Ehre sind die drei Gedanken, die in drei Ständen das Volk aufbauen. Es ist das Volk im Entscheidungskampfe um Sein und Nichtsein.

Liegt es über derJungfrau von Orleans" noch hin und wieder wie ein Krampf und wie eine Spannung des bloßen Gedankens, so übersetzt Wilhelm Teil" das gleiche Wunder der Volkwerdung ganz in unmittelbares Gefühl. Es ist das Heimatgefühl, die Heimatliebe, die als Wurzel aller echten Vaterlandsliebe der ganzen Dichtung die Seele gibt. Es ist die große Schweizer Natur, die in diesem Volke Seele ward. Natur und Volksseele sind die wahren Helden desTell". Hochgebirge, Alm und See. Jäger, Hirten, Fischer dasselbe urwüchsige Dasein! Der Bauer auf seinem Hof bildet den liebergang in die bürgerliche Gesellschaft. Alle wollen sie nur eins: die gottgegebene Freiheit ihres natürlichen Daseins wahren. Die fremde Welt von draußen (egt den schweren Druck auf sie, unter der Last des Drucks wächst die Empörung. Sie schreitet vom Raunen in der Stille der Familie über die Verbindung der Freunde, die Jüng­ling, Mann und Greis den drei Kantonen angeboren, zur großartigen Begründung ihrer Volksgemeinde im Rütlischwur. Jedes Volk erhält hier den Schwur der Volkwerdung:Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern". Prachtvoll wird der Bolksheld in den Mittelpunkt gehoben durch die rohe Gewalttat, die aller Menschlichkeit spottend, ihn und in ihm sein Volk in den Stand der Notwehr setzt. Das Fest des geretteten Volkes schließt. Was für Menschen diese Gertrud, die schönste Frauengestakt Schillers, die Wiederauferstehung des Gennaneyweibes, das den Mann in die Schlacht der Freiheit sendet. Für Schiller ist dies alles der größte Gegenstand der Dichtung: der Uebergang eines Volkes aus dem Glück der Natur in das höhere Glück der selbstaeschaffenen Freiheit, vielmehr der Uebergang aus der Freiheit, die ein Geschenk der Natur ist, in die bessere Freiheit des bewußten sittlich-nationalen Willens. Sie sind eine Einheit aus Blut und Boden. Sie verlangen das ewig gleiche Nolksrecht der Selbstbestimmung und Selbstbehauptung in der gottgewollten Eigenart. Wieder berührt es wie wahrhaftiges Sehertum, wie Schiller den uralten Attinghausen sterbend hinüberblicken läßt in die neue Jugend des befreiten Volkes. Schiller hat abermals das deutsche Erlebnis unserer Tage gestaltet.

Unsere Zeitgenossen neigen sehr dazu, die Großen der Vergangenheit danach einzuschätzen, ob sie etwas vorausgeahnt haben von dem, was heute den Deutschen ihr neues Weltbild gestalten will. Sie würden sich selber