Ausgabe 
9.11.1934
 
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ierlin.

Davon.

Luzius saß am Fenster und sah aus die Felder; grüne; braune; gelbe Rechtecke. Noch lag die Sonne darauf, noch war es Tag. Wenn man in Berlin ankam, würde es Abend sein; dazwischen lagen drei Stunden und 300 Kilometer.

Zwölftes Kapitel.

Vera Luzius, die beliebte Filmdarstellerin, wohnte im Westen, nach Charlottenburg zu. Wo Hütte sie sonst wohnen können. Sie hatte die Villa verschmäht und eine geräumige Etage bezogen. Assessor Luzius war dort gewesen und hatte die Einweihung mitgefeiert. Er stand sich mit Vera vorzüglich; nur eben, man wohnte in zwei verschiedenen Städten; man hatte zwei überaus verschiedene Beruse, und die Zusam­menkünfte waren selten.

Er entlohnte den Taxifahrer und stieg die Treppe in das Hochparterre. Er schämte sich ein bißchen. Nun kam er wieder nicht, seine Schwester zu besuchen; sie wäre nicht Anlaß zu dieser Reise gewesen. Er druckte die Klingel und dachte: ich will furchtbar nett zu ihr sein. Er meinte allen Ernstes jetzt seine Schwester.

Das Mädchen ließ ihn ein und schaltete Licht an. Es suhrte ihn in einen kleinen Salon, dessen Tapetenfarbe und Möbelbezüge verrieten, daß er derblaue" heißen würde. An der Wand hingen ein paar gute Gemälde; Makart friedlich neben Manet; Filmbilder Veras waren aus eine Ecke beschränkt Der zierliche Schreibtisch war bedeckt von einem Stapel uneröffneter Briefe. Luzius warf einen Blick darauf; diese Post mar tatsächlich nicht eilig. Junge, unfeste Schriftzüge; Verehrer und Verehrerinnen, Bitten um Autogramme. Im Fenfter blühten viele Blumen. ., ,

Er stand und wartete. Da tat sich zu einem Spalt die Schiebetür auf. Vom Geräusch angerufen, schaute er hin, sah eine Hand, die sich durch die Spalte schob, sah einen Rmg mit blauem Stein an dieser Hand, den er zu kennen meinte, und die Verbindungstür glitt vollends aus­einander. ...

Hallo!" sagte Mita Finkendey, und trat in den blauen Salon über. Ich denke, das Mädchen hat sich verhört. Assessor Luzius I? Da sind Sie wahrhaftig." Sie schlenkerte mit der nonchalanten Gebärde, die er be­lächelte und liebte an ihr, die rechte Hand vor.Ich begrüße Sie. Ihre Schwester Vera muß gleich zurück fein. Wollen Sie sich eine Viertelstunde mit mir begnügen? Nehmen Sie vorsichtig Platz. Dies ist der Salon aus einem bayerischen Lustschloß. Ich halte nicht viel von der Stabilität der Sessel." , , .

Er lachte.Sie I>aben sich hier gut zurecht gefunden, wie es den Anschein hat." .

Sie sah ihn an.Davon später. Erzählen Sie mir erst, rote steht es zu Haus? Ist Papa wütend, hat Mutti viel auszustehen?"

Luzius schüttelte den Kops.Niemand ist wütend. Ihr Herr Papa wünscht Ihnen alles Gute; daß er darunter just den Erfolg beim Film versteht, wage ich zu bezweiseln. Aber Ihre Frau Mutter wäre erfreut darüber."

Mita atmete erleichtert auf.Ich habe mich nicht getraut, einen richtigen Bries zu schreiben", gestand sie.Ich wagte es einsach nicht."

Das ist mir eigentlich unverständlich. Ihr Herr Papa ist doch so ein ruhiger lieber Herr. Wenn Sie Ihm Ihre Gründe klargelegt hätten.

dächtig blieb, habe man ni . mit dem Personenzug 356 nach Karte, die er gelost hatte, bis B<

Luzius bedankte sich. Er sah den angeschlagenen Fahrplan nach. Sein v-Zug holte diesen Personenzug säst ein. Aber leider nur säst. Der Per- fonenjug war immerhin 20 Minuten eher in Berlin, eine Zeit, die Überreichlich genügte, dort unterzutauchen, zu verschwinden.

Schade, dachte Luzius, ich hätte das Zusammentressen gewünscht. Er hätte mir Rede stehen müssen, der sanfte Doktor Bellmann; ich hatte ihm in die Augen geblickt, die mit und ohne Brille so gut zu sehen vermögen. Er hat uns alle lange genug Irregeführt und getauscht. Schade, daß diese kleine Revanche nicht mehr glücken will.

O-Zug Berlin! Zurücktreten!" , v ,

Der Zug schoß brausend in die Halle und stand. Ein Zauberwerk. Nur es achtet keiner mehr darauf. Das Wunder ist alltäglich geworden. Luzius stieg ein. Der Zug fuhr ohne die leiseste Erschütterung an; er glitt davon; die Bahnhofshalle fiel zurück. Brandmauern, Hinterhäuser, mit aufgelegten roten Betten beflaggt. Und der Zug besann sich auf jein D; er warf sich vor wie ein Renner und schoß rauschend der Stadt

Brendel mürbe zu erfahren suchen, wer den BriefAuerbach abgeholt hatte Brendel würde auch für die Sicherstellung der vier Perlen beim Vater Berlebach forgen. Er felber fuhr nach Berlin und er wurde für die Sicherstellung einer anderen Angelegenheit Sorge tragen. Karn er zurück, war hoffentlich alles in Ordnung, hier und m Berttn. Frau Olga hatte bann gestanden, ihr kleines Vergehen, ,das aufschlußreich werden würde; man kannte Motiv und Täter. Und vielleicht hatte auch Mita dann schon gestanden, dicht vor seinem Munde ...

Er nahm seinen Soffer und fuhr zum Bahnhof Als er durch die Sperre gegangen war und feine Fahrkarte in die Tasche steckte, fühlte er die kleine Flasche, die ihm Klarfeld mitgegeben hatte Das Mittel die blauen Flecken von den Fingern zu entfernen. Es tat ihm lew, daß er vergeßen hatte, die Frau Konsul zu erlösen, aber nun mußte sie warten,

bis er zurückkam. _ , . .

War er durch diese Flasche an Doktor Bellmann erinnert worden? Er kehrte um, fragte den Sperrbeamten, ob er sich eines Mannes ent­sinnen könne, so und so gekleidet wahrscheinlich; zwei Handkoffer, fuhr vermutlich nach Berlin.

Und das Unerwartete traf ein. Der Beamte erinnerte sich an diesen Fahrgast. Er und der Kollege vom Kartenschalter hätten sich noch ihre Gedanken gemacht. Jener beschriebene Herr habe nach dem nächsten Zuge gefragt; nicht nach dem Ort, wohin der Zug gehe, sondern wann der nächste Zug abfahre. Das fei ihnen beiden aufgefallen, aber da der Herr dann feine Karte ordnungsgemäß gelöst habe und weiterhin unver- ............ Uchts gegen ihn unternommen. Er fei Dann nach Berlin gefahren; wenigstens laute die

ehe Sie flüchteten, ich bin überzeugt, Sie hätten Ihn auf Ihrer Seite gehabt, zumindest feine Einwilligung zu diesem Startversuch bekommen.

Natürlich. Das meine ich auch nicht. Nur es ist. doch jetzt so schwer, einen Brief zu schreiben und zu gestehen; ihr hattet recht. Oder nicht einmal, nur zu sagen: ich habe mich getäuscht.

Luzius warf ihr einen raschen Blick zu.Sind Sie enttäuscht wor­den?" wagte er zu fragen.

Enttäuscht ist gar kein Ausdruck", sagte Mita trocken.Ihre Schwe­ster Vera ist ganz reizend zu mir. Sie hat es auch durchgesetzt, daß ich als Landmädchen bei einem Erntetanz mitmadjen durste Es wurde dann nichts daraus. Es tarn ganz anders, ich spielte eine kleine Rolle, unerhörter Triumph über Kolleginnen. In Wirklichkeit em, na, lassen wir Krastausdrücke beiseite."

Erzählen Sie!" ,, ...

Im Grunde ist nichts zu erzählen. Vorgestern begann es. Um 7 Uhr muhte ich ausstehen. Dann suhren wir in einen müden Vorort am Waldrand, wo die Ateliers waren. Neu-Babelsberg, naher bei Potsdam als bei Berlin. So gegen 9 Uhr waren wir alle angekleidet und ge­schminkt und warteten. Dabei blieb es. Alle zwei Stunden kam ein Hilfsregisseur und fragte nach, ob wir noch alle anwesend waren Die Aufnahme würde jeden Augenblick fein. Wir faßen auf Banken, Holz­brettern herum. In der Nähe war eine Kneipe, da bekamen wir etwas zu essen. Die Kantine war brechend voll; von Menschen, Essendunst und Tabakgualm. Mir wurde elend. Hundeelend, sage ich Ihnen Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich erschien mir so verlassen unter diesen Leuten, die meist russisch sprachen, sehr hübsch waren, dazu sicher im Auftreten, und dielen Betrieb kannten und als felbstverständlich nahmen. Eine Träne kollerte mir in die Schminke und Augentufche. Sie waren nie in Ihrem Leben fo angemalt? Dann können Sie sich weder den beißen­den Schmerz in den Augen noch die Farbwirkung auf der Backe vor- stellen. Es war doll, Luzius."

Mita geriet in Schwung. Sie dachte nicht an die vertrauliche Anrede, sie achtete es nicht, daß der Assessor seinen Stuhl an ihren Sessel heran- gerütft hatte und ihr recht nahe war.

Weiter", bat er,das ist ja eine unangenehme Beigabe zu dieser ÄU?,®ef)en Sie mir ab mit Kunst. Vera vielleicht und die Elnzelspleler; aber unsere Komparserie interessierte sich für nichts, als am Ende der Wartezeit die zehn Mark zu bekommen." .

Luzius wollte weiterhelfen.Wann war die Aufnahme, wie lange mußten Sie noch warten?"

Mita dachte wohl zurück, die Erinnerung schoß ihr ins Lachen.An jenem Tage kamen wir mit dem Erntetanz nicht mehr an die Reihe. Wir Durften uns am Nachmittag um 5 Uhr abfchrnlnken, jeder bekam bare zehn Mark, und wir durften nach Haufe fahren. Morgen früh um 9 Uhr, schrie der Hilfsregisseur; punkte 9 UhrU"

Das war gestern also?"

Mita nickte.Aber ich habe dem kleinen findigen Kerl Neumann hieß er etwas gehustet. Ich bin um 10 Uhr aufgeftanben. Sogar Vera war schon fort. In aller Ruhe bin ich dann nach Babelsberg I hinausgefahren. Da hatte ich nun freilich Glück. Der Erntetanz war gerade gedreht worden. Ich sollte mich nur wieder ins Bett legen. I meinte der Herr Neumann gehässig, jedenfalls möge Ich verschwinden. Aber den Gefallen tat ich ihm nicht. Ich wartete auf eine Gelegenheit, bis es mir gelang, Ihre Schwester Vera zu erwischen. Sie war nett wie I immer, also wirklich, ich liebe sie geradezu."

Luzius verbeugte sich. Mita sah ihn an, sah sein Lachen.Gestatten Sie eine Erklärung", stellte sie fest, und der Schalk saß ihr in den Mundwinkeln, diesessie" war klein geschrieben!"

Er nahm ihre Hand auf, die da gerade in der Nähe lag.Ein Satz­anfang: ich liebe, kann nie mit einem großgeschriebenen Sie endigen.

IWieso nicht?" .

IIch kann mir das nicht vvrstellen. Wenn ich einem Mädchen sage

und das kann ich mir im Augenblick sehr gut vorstellen!, wenn ich sage: ich liebe..., werde ich bestimmt schließen: Dich!" Sein Blick

I wich nicht aus vor diesem strahlenden Blau. Ihre Köpfe waren sich I nahe; dieses Spiel mit Worten war mehr als ein Spiel, sie wußten es I ja beide; aber sie waren beide nur keck, nicht kühn, sie spielten eben doch I noch und wagten nicht den Ernst.

Mita blickte zur Seite.Ja", sagte sie unangebracht.Wo war ich stehen geblieben? Richtig. Ich lief Dera in den Weg. Sie hielt mich sofort an, und ich klagte ihr mein Leid. Der Herr, der mit ihr ging, lächelte; die Leute jagten Herr Direktor zu ihm, aber Vera nahm ihn beim Arm und bat:Lieber Paulus, tun Sie mir den Gefallen, verwenden Sie meine kleine Freundin."Tue ich Ihnen wirklich einen Gefallen?" fragte er. Und Vera muhte erst noch versichern:einen großen". Da winkte er mir.Können Sie meinen? Ja? Das ist gut. Lassen Sie sich einkleiden. I Sie machen die Zofe, die das Parfüm vergossen hat, respektive vergießt. Schnurstein soll alles oorbereiten. Ihre Tränen Großaufnahme. Sie haben ein nettes junges Gesicht." Dera nickte mir zu, sagte:Weinen Sie recht schön", und ging davon, sie war müde und abgespannt, man sah es ihr an. Sie hatte an diesem Morgen ihren Geliebten erschossen, das war nicht spurlos an ihr oorübergegangen."

Luzius lachte; aber Mita verwies ihm das.Sie Sache ist ernst", behauptete sie und verbiß sich selber die Heiterkeit.Ich stäubte also in einem nett gestellten Boudoir die Frisiertoilette meiner Dame ab, dabei stieß ich mit dem Federpuschel das Parfümfläschchen um. Ein Flakon zerbrach; das war sogar mehr, als beabsichtigt gewesen war. Dabei jtano der Doktor Paulus, ober wie er nun hieß, immer seitwärts von mir, redete auf mich ein mit Zurufen, die anfpornen sollten, aber eine bestimmte Bewegung verlangten. Können Sie sich vorstellen, daß ich o>e Szene sechs- ober achtmal probieren mußte, ehe bie Campen emgestetu würben unb ber Operateur mit bem Kurbelkasten in Tätigkeit trat!?

(Schluß folgt)