So legemt 6er Kirmessonntag. Die Hoffnung auf Regen hatte i sich nämlich als trügerisch erwiesen. Kein Wölkchen am Himmel I ließ die Vermutung zu, daß die Seiöewcher Kirmes zum siebenten Male verregnen-würde. t
Und obwohl die Bäuerin ein über das andere Mal dre Hande zusammenschlug und über sein lästerliches Beginnen jammerte, holte der Bauer nachher die beiden Pferde aus dem Stall und spannte sie vor den Kastenwagen. Zu einer Zeit, als die anderen Bauern ihre Pferde höchstens vor den Kutschwagen spannten, um in bas nächste Kirchdorf zum Gottesdienst zu fahren. Aber Bemmich ließ die krumme Furche keine Ruhe. Mit verbissenem Gesicht lenkte er den polternden Kastenwagen durch das Dorf. Vor ihm fuhr der Schulze mit Frau und Tochter in der funkelnagelneuen Kalesche zur Kirche. Sie drehten sich nach ihm um. Er grüßte mürrisch. Dann bog er in den Weg links ab. Jetzt ließ er die Gäule laufen. Knallte mit der Peitsche.
Plötzlich freute er sich über den schönen Morgen. Und als er mit den Pferden auf den Acker trat, schimpfte er nicht mehr über die krumme Furche, die er da erblickte, er lachte. Das war ja ein schöner Gottesdienst, dem er heute oblag! Ob der Herrgott ihm grollen würde? Nein, dann hatte er nicht Liesen wolkenlosen Himmel über ihn gespannt. Die krumme Furche mußte den Herrgott doch selber stören, wenn er durch das ^immelsfenster auf die Erde blickte, akkurat auf Bemmichs Acker. Vom Kirchdorf klangen die Glocken herüber, und Bemmich pflügte. Da hielt er einen Augenblick an, nahm die Mütze ab und faltete die Hände über dem Pflug. Dann pflügte er weiter, bis die Furche gerade war wie eine straff gespannte Schnur. Jetzt erst zündete er sich seine Sonntagspfeife an. Jetzt mochte Kirmes sein. Zufrieden kehrte er in den Hof zurück, schüttete den Pferden doppelt Futter, drehte seine Frau lachend ein paarmal im Kreise herum, bis sie schwindlig in seinem Arm lag, und dem Willi gab er fünf Groschen zur Kirmes.
Ern paar Handschuhe.
Von Vera C r a e n e r.
Natürlich kommt Stephan erst wieder im letzten Augenblick aus dem Labor fort und zwei Minuten vor Abgang des Zuges auf die Bahn.
„Elende Hetzerei!" schimpft er und stürzt suchend die Wagenreihe entlang. Er springt zur Seite, weil ein Gepäckkarren ihn zu überfahren droht, gerät in Versuchung, schnell noch sämtliche Ueberschriften der ausgebotenen Zeitungen zu studieren, und entdeckt schließlich Irene, deren bunter Schal stgnalisirend zu einem Abteilfenster hinausweht. Sie hat ihm den kleinen braunen Koffer an die Bahn gebracht, den er heute morgen mit schöner Selbstverständlichkeit zu Hause vergeßen hatte und einen angenehmen Eckplatz in einem scheinbar leeren Kupee belegt.
„Sicher kannst du es dir hier bequem machen und vielleicht sogar ein bißchen schlafen", sagt sie und verstaut eine Kakes- schachtel oben im Gepäcknetz.
„Möglich", nickt Stephan und sieht auf die große Vahnhofs- uhr. Es sind nur noch wenige Sekunden bis zur Abfahrt, und es ist höchste Zeit, daß Irene aussteigt.
„Also Freitag bin ich spätestens wieder zurück", sagt er und versucht vergeblich, sich zu besinnen, was er ihr noch hatte sagen wollen. Da war doch irgend etwas gewesen — langsam rollt der Zug an, und mit kleinen, hüpfenden Schritten läuft Irene nebenher.
„Wieder Savoy?" fragt sie zum Fenster hinauf, und Stephan nickt zerstreut. Natürlich Savoy, er hat noch nie wo anders gewohnt, wenn er in Frankfurt gewesen ist, und es ist eine gänzlich überflüssige Frage. Dagegen ist es wichtig zu wissen, daß Petersen von seiner Abreise verständigt werden muß — aber als er ihr das sagen will, ist bereits der letzte Wagen aus der Halle hinaus, und die kleine Frau Irene keineswegs wahrnehmbar in der Menge der Abschiedwinkenden.
Mit einem ärgerlichen Ruck zieht er das Fenster in die Höhe und gewahrt, sich umdrehend, daß inzwischen noch ein Platz in „seinem" Abteil belegt worden ist. Ein gelber Damenulster und eine bunte Neisedecke sind scheinbar eilig niedergelegt worden, und draußen im Gang wartet ein schwarzer Lackkoffer darauf, hineingenommen zu werden. Die Besitzerin der Sachen ist allerdings nirgends zu entdecken.
„Sie wird schon kommen", denkt Stephan und widmet sich der Lektüre seiner Zeitschriften.
Als er mit spöttischem Behagen dem Irrtum eines Fachkollegen auf die Spur gekommen ist und heftig Notizen an den Rand des Artikels kritzelt, erscheint die Dame. Mit geschicktem Griff, und ehe noch Stephan Zeit gehabt hätte, seine Hilfe anzubieten, hebt sie den Koffer ins Netz, ordnet die Decke und ein kleines buntes Kiffen und macht es sich lesend in ihrer Ecke bequem. Nur selten einmal blickt sie hoch von ihrem Buch, und Stephan wird keineswegs gestört in seiner Arbeit.
Allerdings geschiebt es, daß er zwischen den höchst anfechtbaren Ausführungen des Kollegen hin und wieder zu ihr hinübersieht und nicht umhin kann, ein junges, anmutiges Gesicht zu bemerken und rotblonde Locken unter einer kleinen, verwegenen Kappe. Stephan weiß nicht recht, ob eine Kappe vorne gesteckt oder seitlich gerafft sein muß, aber diese hier dünkt ihm ein kleines Meisterwerk der Zunft und wert, wieder und wieder betrachtet zu werden.
Hinter Halle wird mit Rücksicht auf die Dame bas Licht ausgemacht. und dann spielt in Stephans Träumen die kleine, verwegene stappe eine nicht ganz unbedeutende Nolle.
Es ist 6er Schaffner, 6er ihn weckt.
„In zehn Minuten sind wir in Frankfurt", sagt er, und erschreckt fährt Stephan in die Höhe. Der Platz gegenüber ist leer und von einer gewissen Kappe keine Spur. Nur die Decke liegt, sorgfältig zusammengefaltet, ans dem Polster, und der hcrunter- geholte Koffer läßt darauf schließen, daß die Dame ebenfalls in Frankfurt auszusteigen beabsichtigt. Stephan beeilt sich nach Kräften. und ist auch glücklich mit allem fertig, als der Zug in die Halle des großen Hauptbahnhofs einfährt. Ein Gepäckträger erscheint, der sich der Sachen der Dame bemächtigt, und Stephan greift zu seinem kleinen, braunen Köfferchen. Er hatte doch wohl, nur dieses eine Gepäckstück, wie? Sorgfältig sieht er sich jetzt noch einmal in dem jetzt leeren Abteil um. — „Ich wollte, du würdest nicht auf jeder Reise etwas verlieren", sagt Irene immer — und entdeckt auf -dem gegenüberliegenden Sitz ein Paar Handschuhe. Ein Paar dunkelbraune, lederne Damenhandschuhe, die augenscheinlich da vergessen worden sind.
Einen Augenblick lang betrachtet er sie erstaunt — nie hätte er geglaubt, daß es eine so kleine Nummer überhaupt gibt — und nimmt sie dann schnell an sich. Er wird sie der Dame wieder zustellen, jawohl, er wird sie schon zu finden wiffen.
Mit großen Sätzen stürzt er den Bahnsteig entlang, rennt ein kleines Gebirge von Handtaschen und ihm höchst überflüssig erscheinenden Hutkoffern über den Haufen und erreicht den Ausgang grade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie die Dame in einer Taxe davonfährt. Rasch entschlossen führt er hinterdrein und landet wenig später vor einem großen Hotel. Es ist nicht das Savoy, nein, es ist eleganter und vermutlich auch teurer, aber Stephan sieht nicht ein, warum er es nicht auch einmal hier versuchen soll. Schließlich bleibt er ja höchstens zwei Tage, und das kann doch nicht alle Welt kosten.
Er bekommt ein wunderschönes Zimmer im zweiten Stock und mit der Aussicht auf den Hotelgarten. Da sind jetzt zwar nur strohbcdeckte Beete und vermummte Bäume zu sehen, aber es ist schon beruhigend, nicht dem Lärm klingelnder Straßenbahnen ausgesetzt zu sein. Das ist ein Zimmer, in dem man eventuell sogar arbeiten kann — Stephan versucht es, wird aber sehr bald abgelenkt. Auf dem Tisch liegen nämlich die Handschuhe und warten darauf, ihrer Besitzerin zugestellt zu werden. Behutsam streicht er über das weiche Leder und spürt beglückt den schwachen Duft der ihnen anhaftet. Dann steckt er sie in die Tasche seines Ucberziehers und marschiert hinunter in die Halle, um sich nach der Dame zu erkundigen.
„Sic ist soeben fortgegangen", berichtet der Portier und fügt hinzu, daß sie vermutlich erst gegen Abend zurückkommcn wird.
„So, so", nickt Stephan und schickt sich an, ebenfalls fortzugehen. Er muß nach Höchst hinaussahren, dort eine Menge erledigen und hat überhaupt sehr viel mehr zu tun, als nachlässigen jungen Damen ihr Eigentum hinterherzutragen. Bohr heißt sie übrigens, Susanne Bohr, und wohnt auf Zimmer Nr. 83. Gleichfalls im zweiten Stock.
„Danke", sagt Stephan und entfernt sich leise pfeifend. Er erledigt seine Angelegenheiten zur Zufriedenheit, spricht alle Leute, die er hatte sprechen wollen, und könnte sehr gut schon am gleichen Abend wieder abreisen. Schiebt es aber auf und findet sich gegen 19 Uhr im Hotel ein.
„Fräulein Bohr schon da?" fragt er mit der Miene angestrengtester Gleichgültigkeit und scheint nur mäßig enttäuscht, als er hört, daß sie seit heute morgen noch nicht wieder zurückgekommcn sei. „Dann werde ich eben warten", denkte er, „der Abend ist ja noch lang." Er wartet drei Stunden. In seinem hübschen Zimmer, in dem er so gut arbeiten könnte, wenn er nur die nötige Ruhe dazu anfbrächte. Leider aber kann er sich absolut nicht konzentrieren und memoriert immer wieder die wenigen Worte, mit denen er sich bei der jungen Dame einführen will und ihr die Handschuhe zurückgeben. Die liegen, schmal und zierlich, jetzt wieder auf dem Schreibtisch, und es ist unmöglich, in ihrer Gegenwart auch nur eine vernünftige Zeile in die Feder zu bekommen. Ein wichtiges Referat wartet darauf, vollendet zu werden, aber sein Antor ist mit ganz andern Dingen beschäftigt. Mit Dingen nämlich, die mit wissenschaftlicher Arbeit nicht das mindeste zu tun haben und eines ernsten, jungen Gelehrten vom Range Stephans eigentlich unwürdig sind.
Als es 22 Uhr ist und das Fräulein Bohr immer noch nicht zu-rück, entschließt er sich endlich, zum Essen zu gehen. Es ist ein ziemlich trübseliges Mahl, das er einnimmt, und auch der Rest des Abends nicht eben erheiternd.
Am nächsten Morgen steht er früher auf als gewöhnlich und etabliert sich mit ein paar Morgenzeitungen in der Hotelhalle. Hier wenigstens kann ihm die Dame nicht entgehen, und es ist gar keine Frage, daß er hier am ehesten Gelegenheit haben wird, ihr die Ansreißer wieder zuzustellen. Sie ruhen, sorgfältig zusammengefaltet in seiner Tasche und verströmen noch immer einen zarten Duft. Stephan widmet sich den Zeitungen nicht mit gewohnter Hingabe und wartet ungeduldig auf eine gewisse kleine Kappe ans rotbraunen Locken. Die kommt aber nicht, und in einiger Verlegenheit winkt er sich schließlich einen Pagen heran.
„Ist die Dame von Zimmer Nr. 83 schon auf?" fragt er und versucht, möglichst unbefangen auszuseben.
„Die Dame tft abgereist", gibt der Junge Auskunft.
„Abgereist? Wann?"
„Heute morgen. Mit dem Frühzug nach Basel", fügt er hinzu, „ich babe selbst ihr Gepäck besorgt."
„Basel?" denkt Stephan und starrt blicklos aus seine Uhr. Heute morgen?" Es dauert eine ganze Zeit, bis er sich gesammelt hat. Da hat er ja völlig nutzlos hier berumgelessen und umsonst einen kostbaren Arbeitstag geopfert. Aergerlich greift er in die


