,Das nichts-
Nach der zwanzigsten Runde gesellte stch Mr. Garrison zu ihm, und ein Gespräch kam in Gang. Wie jede amerikanische Unterhaltung begann es mit dem Wetter, um dann der „City of Baltimore voraus nach Westen zu eilen. Von dem kalifornischen Paradies um Pasadena schwärmte Garrison, von Neuyork, der Empire City, sprach Hayiws. Ein scharfer Westwind blies ihnen entgegen, als sie wieder nach vorn "^Unwillkürlich steckte Haynes seine Hände tiefer in die Manteltaschen, da spürte seine Rechte etwas Hartes, Schweres. Er zog die Hand heraus und hielt ein glitzerndes Stückchen Metall von der Große einer Haselnuß etwa zwischen den Fingern.
„Dtj, Mr. Haynes, was haben Sie denn da? fragte ihn Garrison mter-
^‘einen Augenblick mußte Haynes sich besinnen, dann erinnerte er sich wieder, wie er zu dem Brocken gekommen war. „
ein Andenken aus der Antarktis, wie ich vermute, Mr. Garrison.
Äus der Antarktis? Wie kommen Sie dazu?"
Haynes erzählte ihm, wie er vor Monaten in Bitterfeld war, um die Ankunft der Eggerthschen Stratosphärenschiffe abzuwarten, und wie er bei der Gelegenheit das Stückchen im Laderaum des Flugschisfes sand und unbemerkt in die Tasche steckte.
Ein reiner Zufall, daß ich es letzt wieder entdeckte , schloß er seinen Bericht, „ich habe diesen Mantel seit Monaten nicht mehr getragen. Das Stück muß irgendwie aus der Station eines gewissen Dr. Wille am magnetischen Südpol stammen. Sie haben vielleicht von dem Mann und von seinem Unternehmen gehört." .
Garrison nickte. „0 ja, gewiß I Schade, daß Dr. Wille kem Amerikaner ist. Er ist eine Kapazität aus dem Gebiet der Geophysik. Nur sein Assistent, ein Dr. Schmidt, könnte ihm darin noch über sein. Man mter- essiert sich in Pasadena sehr für die Arbeiten der beiden ... dies Mineral ... merkwürdig, recht merkwürdig."
Während Garrison die letzten Worte sprach, nahm er Haynes das Stückchen Erz aus der Hand und wog es prüfend mit den Fingern.
„Was soll daran merkwürdig sein?" fragte Haynes. „Das nichtswürdige Zeug hat mir das ganze Taschenfutter zerrissen. Werfen Sie es doch einfach über Bord." , „ o
Garrison schüttelte den Kopf. „Würden Sie mir da» Stuck überlasten?
Ich möchte es in Pasadena gern genauer untersuchen."
herzlich gern, wenn ich Ihnen damit einen Gefallen tun kann.
„Besten Dank, Mr. Haynes. Sie meinen, das Stück stammt aus der deutschen Station?" /_1 t r ..... ;
„Nach meiner festen Ueberzeugung, ja! Das Stratospharenschiff hatte allerlei Ausrüstungsgegenstände dorthin gebracht und anderes Material, das nicht mehr benötigt wurde, zurückgeholt. Da muß der Brocken wohl irgendwie mit in das Schiff gekommen fein. Sonst könnte er nur aus den Eggerth-Werken in Bitterfeld stammen."
Mr. Garrison wickelte die Erzprobe in ein Stück Zeitung und Der-
Der Schah tm flrafer.
Dr. Wille experimentierte aus dem Hof mit den neuen Kondensatoren. Dr Schmidt stand neben ihm, feinen Chronometer in der Hand, uni machte ein Gesicht, bei helfen Anblick, wie Hagemann sich ausdruckte, die Milch sauer werden mußte. Krachend schlug gerade em Konden. satorenfunke über. Der lange dürre Schmidt, die Augen starr auf bii Uhr gerichtet, kniff die Lippen noch fester zusammen.
„Was haben Sie denn, Schmidt?" fuhr ihn Wille unwirsch an. „Die Sache funktioniert doch."
„Nicht schnell genug, Herr Wille. Wir sind hier mcht an der richtige, Stelle"
„Ja in drei Teufels Namen, was sollten wir denn nach Ihrer Mei. nung tun?" .. „ , , _ ,.
Mit unfern Magnetometern auf die Suche gehen, Herr Wille, bis wir den Punkt finden, an dem die magnetischen Srafthmen genau feist, recht in den Erdball eintreten."
Dr. Wille hüllte sich fester in feinen Pelz. „Em schauderhafter Gi- danke Schmidt, Hunderte von Kilometern durch die Schneewuste z, ziehen. Nachts im Zelt kampieren ... man friert bet dem Gedanke, d^Die Eggerth-Werke müßten uns natürlich einen großen guten Kraß, wagen fänden", unterbrach ihn Schmidt. „Der Wagen mußte m alle, Teilen aus unmagnetifchen Stoffen bestehen, so daß man jUDertaffige Me sangen im Wageninneren vornehmen kann, und man mußte auch bequem darin schlafen können. Dann läßt sich die Sache schnell ei- ledigen." _. . .. ,
Sie standen bei den Apparaten noch in ihren Disput verwickelt, als Rudi über den Hof gelaufen tarn. Schon von weitem schwenkte er ei, Stück Papier. ~ _
,Wir bekommen Besuch, Vater, ein Funkspruch von einem Mi. Garrison von der Sternwarte in Pasadena. In einer Stunde gedenkt « ^ICr„Sa haben* Sie die Bescherung, Schmidt", knurrte Dr Wille uni! stopfte das Telegramm wütend in seinen Pelz. „Der Yankee wird hier bei uns schnüffeln, und bann wird sich die amerikanische Konkurrenz auf den besten Platz setzen."
Darin müssen wir ihr eben zuvorkommen , wollte Schmidt de, alten Streit von neuem beginnen, aber Dr. Wille mochte im Augenbli» nichts mehr davon hören. Begleitet von Rudi ging er zur Funkstation, um weitere Nachrichten von dem amerikanischen Flugschifs zu hören. -
„Pünktlich ist der Yankee", brummte Wille vor sich hin, als 55 Minuten nach dem Empfang des ersten Funkgespräches ein Flugzeug an nördlichen Horizont sichtbar wurde und schnell näher kam. Es war eite gute englische Maschine, aber mit den ultraschnellen Stratosphären, schiffen der Eggerth-Werke durfte man sie natürlich nicht in einem Atem nennen. Mr. Garrison war mit der großen amerikanisch-australische, Luftlinie von Pasadena nach Melbourne gekommen und hatte die M«- schine dort für den Flug nach der deutschen Südpolstation gefdjarterL Auf der Ausschau nach einer Landungsmöglichkeit kreiste das Flugzeug jetzt über der Station. Dann kam es im Gleitflug herunter und rot« ohne Unfall aus. Als einziger Passagier kletterte Mr. Garrison heraus und stapfte durch den hohen Schnee aus Wille und Schmidt zu.
Die Begrüßung war beinahe so, wie zwischen alten Bekannten, dem obwohl der Amerikaner die beiden Deutschen noch niemals von Av- gesicht zu Angesicht gesehen hatte, war er doch über ihre Wissenschaft, lichen Leistungen genau unterrichtet und ließ das gleich in den erste, Worten durchblicken. Schon während sie von der Landungsstelle her ms das Haus zuschritten, kam eine lebhafte Unterhaltung in Gang, fit welche die letzten Arbeiten in der antarktischen Station den Stoff Abgaben, und Dr. Willes schlechte Laune verschwand dabei zusehend-. Ohne lange Vorrede lud er Mr. Garrison zunächst einmal zu einen krästtgen Imbiß ein. —
Gemütlich saßen sie zu britt in Dr. Willes wohlig durchwärmten Arbeitszimmer, das des öfteren als Speiferaum dienen mußte, und taten den Dingen, die der kochgewandte Hagemann vor ihnen aufbaute, alle Ehre an. Die wissenschaftliche Unterhaltung nahm dabei ihren Fortgang, und bald war Mr. Garrison mit dem allezeit streitlustigen Dr. Schmu» in eine lebhafte Debatte über gewisse magnetische Theorien verwickelt, während Dr. Wille diesmal die Rolle des vergnügten Dritten fpietai konnte.
Wer weiß, wie lange sich dieser Meinungsaustausch noch hingezog«« hätte, wenn Hagemann nicht mit einer Meldung ins Zimmer gefommi« wäre. .
,Herr Doktor, der englische Pilot möchte Treibstoff haben, er w-» wieder starten." ,
Die Nachricht rief die drei Gelehrten mit jähem Ruck aus der W wissenschaftlicher Ideen in die rauhe Wirklichkeit zurück.
,^aben Sie mit dem Mann keine Abmachungen wegen des Rr§ fluges getroffen?" fragte fachlich und trocken wie immer der langt Schmidt.
Garrifon mußte bekennen, daß er es versäumt hatte. Er hatte nm einen Flug von Melbourne nach der deutschen Station mit dem Emz- länber abgemacht unb vor dem Start bezahlt.
„Dann ist der Pilot formell in seinem Recht", entschied Schmidt.
„Aber das ist unmöglich! Ich muß über den Rückflug mit ihm tret’ handeln", rief Garrison unb wollte das Zimmer verlasien. Wille h>»l> ihn zurück. ,
„Sie sind unser Gast, Mr. 'Garrison. Solange es Ihnen bei im- gesällt. Lassen Sie den Engländer in Gottesnamen abschweben."
„Besten Dank für Ihre Einladung, Doktor. Aber wie komme m später von hier wieder fort?"
Dr. Wille lachte. „.
,Haben Sie schon mal was von Eggerthschen Stratospharensch>!l - gehört?" , .
Der Amerikaner nickte. „O ja, Dr. Wille, sie fliegen bet uns <*' . der Strecke Frisko—Neuyork."
(Fortsetzung folgt.)
senkte sie in feine Brusttasche. ■
„Well, Mr. Haynes, ich bin Ihnen sehr verbunden. Aber es wird mir hier oben doch zu srisch. Ich werde in meine Kabine gehen. Kommen Sie mit unter Deck?"
Haynes sah nach der Uhr.
„Noch nicht, Mr. Garrison. Habe noch sechs Runden zu machen. Ist unbedingt nötigt"
„All right", nickte Garrison und wandte sich zur Treppe. Haynes trabte allein weiter, um sein Pensum zu erledigen. —---
Vier Tage später landete die „City of Baltimore' im Hafen von Neuyork. Mr. Haynes stürzte sich in den solange entbehrten Trubel der Empire City, Mr. Garrison fuhr noch am gleichen Tage nach Kalifornien weiter. In feinem Koffer lag ein Stückchen jenes blinkenden Stern« ftaffes, der vor einigen Monaten in der Antarktis vom Himmel gefallen war.
Der Betrieb in der antarktischen Station lief in der alten Weise weiter. Wohl blieb die Sonne jetzt ständig über dem Horizont, auf die lange Polarnacht war der ebenso lange Polartag gefolgt. Doch öde und leer blieb das verschneite Land umher. Von den endlosen Bogel- schwärmen, die wenige hundert Kilometer nordwärts im Licht des neuen Tages die Küsten belebten, war hier nichts mefjr zu merken. Nach wie vor blieben die fünf Insassen der Station in der ungeheuren Einsamkeit auf sich selbst angewiesen, und es war gut für sie, daß sie durch ihre Tättgkeit voll in Anspruch genommen und von gefährlichen Grübeleien abgehalten wurden.
Da mag an erster Stelle Rudi Wille genannt werden. Dem hatte der Weihnachtsmann Wolf Hansen eine Kiste unter den Baum gestellt, von der nach Lorenzens sachverständigem Urteil ein mittlerer Radioladen zwei Jahre leben konnte, und Rudi wußte dieses Geschenk zu würdigen. Unter seinen geschickten Händen entstand aus den Einzelteilen im Laufe weniger Wochen ein Meisterstück von einem Kurzwellensender und ein Empfänger gleicher Qualität, mit denen er nun unabhängig von den Geräten der Station den lieben langen Tag im Aether spazierengehen konnte.
Auch Lorenzen hatte sich nicht über Mangel an Beschäftigung zu beklagen, denn der Funkverkehr der Station nahm einen bemerkenswerten Aufschwung. Da waren nicht nur die Eggerth-Werke, die jetzt fast täglich einen längeren Meinungsaustausch mit Dr. Wille pflogen. Auch die deutschen wissenschastlichen Institute meldeten sich immer häufiger. Und bann auch die Amerikaner.
In der zweiten Februarwoche fing Rudi mit feinem neuen Apparat einen Anruf der Sternwarte von Pasadena aus, den er pflichtgemäß an Lorenzen weitergab, und nach kurzem Hin und Her entwickelte sich daraus ein Funkverkehr, der demjenigen nach Deutschland bald nicht mehr nachstand.
Die Herren Schmidt und Wille nahmen die amerikanische Korrespondenz mit gemischten Gefühlen auf. Dr. Wille, weil er gerade zu dieser Zeit andere wissenschaftliche Sorgen hatte, der lange Schmidt, weil er grundsätzlich mit feinen Forschungssrgebnifjeu zurückhielt.


