nur armselige Imitationen aus grünem Glas sein mochten, doch ging ron ihnen wie seltsam war das das gleiche unheimliche giftgrüne Leuchten aus wie von den Augen Gurulas, der Spinne.

Die tanzende Kleine, die aus krankhaft blassem, schmalem Antlitz immer wieder zu uns herabsah, mochte meinen erstaunten Blick bemerkt haben, denn sie schaute mich nun auch ihrerseits während des Tanzes des öfteren an, so daß ein Kamerad spöttelnd bemerkte:Schau, schau, da hast du ja eine nette Eroberung gemacht!"

Glaubst du?", gab ich im lässigen Leutnantston zurück. Innerlich aber empfand ich es anders. Das blaffe südliche Kind war sündhaft hübsch, es hätte gewiß auch fönst meine Aufmerksamkeit erregt; der selt­same Zufall mit den grünen Steinen aber verband mich ihm im Augen­blick, irgendwie "schicksalhaft, dämonische Neugier spann sich um mich and lieh mich nicht mehr los.

Eine Blumenverkäuferin ging von Tisch zu Tisch, die Kameraden lausten kleine Sträußchen und warfen sie den Tänzerinnen zu. Ich selbst erstand, einer leise warnenden Stimme zum Trotz, einen größeren Ltrauß aus roten Nelken und Tuberrosen, riß ein Blatt aus-meinem Notizbuch und schrieb darauf, ich hätte es wohl nicht närrischer treiben lärmen:Bravo sera, signorina Gurula."

Geben Sie das in der Pause bitte dem mittleren Fräulein", flüsterte ich der Verkäuferin zu.

Es war, als hätte meine Tänzerin, inmitten ihrer eifrigsten Be­wegung, mein galantes Vorhaben bemerkt, denn sie nickte mir dankend zu, was meinen bereits etwas verantwortungslosen Zustand noch um tin Wesentliches verschlimmerte.

Der Vorhang war noch nicht lange gefallen, als das Blumenmädchen euch schon zurückkam und mir geschäftig zuflüsterte:Die Signorina läßt sagen, sie heiße Jmeida. Sie hat heute leider nicht Zeit, doch will sie ien Herrn Leutnant morgen nach Schluß der Vorstellung an der Ecke des Palazzo Municipio erwarten."

Wie schnell sich solche Dinge entwickeln können, lachte es in mir aus. Das Leben tritt verträumte Seelen oft rafcher an, als sie erwarten.

*

Am nächsten Tag regnete es stärker. Der nasse Weg zu meinem Fort hinaus war unerfreulich. Dem Regimentsarzt, dem ich begegnete, erzählte ich von dem fiebrigen Frösteln, das ich seit abends nicht loswerden iünne. Er fühlte mir den Puls und meinte:Laß dir oben von der Kompaniemutter, worunter der Feldwebel gemeint war, ein Stamperl Lhininwein geben. Es ist nicht fchön, daß Ihr immer nur die arme Mannschaft das bittere Zeug saufen lasset!"

Als ich über das Exerzierfeld ging, besann ich mich einen Augen­blick, ob ich Gurula, der Spinne, nicht pflichtschuldigst meinen Besuch ebstatten sollte. Doch nein, mir war ja heute nicht nach Romantik oder hnsektenforschung zu tun. Und überdies, dachte ich achselzuckend, Gurula ist ja heute unten in der Stadt!

Hingegen versäumte ich es nicht, mir das verordnete Gläschen bitteren Alkohols hinabzustürzen, worauf ich mit dem Herrn Feldwebel eine mili­tärisch sehr ungewöhnliche Aussprache hatte. Der bärbeißige Graukopf war nämlich, was man bei ihm nicht vermuten konnte, ein eifriger und liebevoller Blumenzüchter, den Stolz eines Gemüsegartens bildete eine ideale Ecke, in der er mit erstaunlichem Glück allerlei exotische Zier- sflanzen zog. Es machte ihm Freude, dem Herrn Leutnant einen srächtigbunten Strauße davon zusammenzubinden und ihm denselben salutierend zu überreichen.

Auf gute Verlobung, Herr Leutnant", schnarrte er dabei. Du irrst, mein Lieber, dachte ich im Stillen in einiger Verlegenheit, indes ich ansonsten auf seinen Scherz mit Lächeln einging.

Den Strauße verbarg ich unter dem Mantel und machte mich, der ilbend war nicht mehr fern, auf den Weg hinab zur Stadt.

An der Ecke der ersten Gasse, auf einem freigebliebenen Platze, war kor nicht langer Zeit ein zierliches Kirchlein im romanischen Stil er­baut worden, der heiligen Maria zu Ehren. Ich pflegte zuweilen, wenn Ich vorbei kam, dort einzutreten und das Marienbild über dem Altar ju betrachten. Es war mir um eines unsagbar reinen und weiblich zütigen Ausdrucks im Antlitz der Himmelsmutter lieb geworden. Ihr zur 6eite stand, aus sturmumbrandeter Klippe, der heilige Antonius. Er hielt (in Schiff im Arm und sah bewundernd aus das Jesuskindlein und seine saunende Miene schien zu sagen:Du bist der rechte Fährmann für lins alle."

Mit diesem heiligen Antonius hatte es für uns Offiziere ein be­sonderes Bewandtnis. Er sah nämlich, es ließ sich nicht leugnen, mit Hiner ungewöhnlich vorgewölbten Stirne einem unserer älteren Ober- bulnants verblüffend ähnlich und wir Spottvögel nannten den ernsten, gutmütigen, wenn auch geistig nicht gerade hervorragenden Kameraden, ter überdies den Namen Äntinovitsch führte, unter uns den Sankt Antonius.

Ich mußte, da ich nun wieder vor dem Bilde stand, über tue selt­sam» Aehnlichkeit lächeln und mir war, als lächelte auch Maria ein wenig, da sie ja harmloser Heiterkeit niemals abgeneigt ist und dieses liebliche Einvernehmen bestimmte mich plöülich, ihr einige der schweren bunklen Rosen aus dem mitgebrachten Strauße zu Füßen zu legen, hierauf aber faßte ich meinen Mantel fester und schritt mit dem Eifer rcrwegener Jugend meinen Weg hinfort nach der Piazza del Foro.

Auch diesmal waren schon die meisten b^r Kameraden versammelt, wie ich bereits in der Türe sah, obwohl die Vorstellung noch nicht be- jionnen hatte. Ich schaute mich vorerst vergeblich nach der Blumenver- fiuferin um doch nein, das wäre ja recht ungeschickt von mir .ge­wesen und durch das bette Trinkgeld nicht wieder gut zu wachen, baß ich der guten Geschäftsfrau zugemutet hätte, andere Blumen als die ! tsi ihr gekauften hinter den Vorhang zu tragen. Ich mußte mich daher r^ch einem andern galanten Boten umsehen, etwa nach dem Eameriere cber der Köchin? Hubes ich berort noch auf der Schm-lle zögerte, fühlte i-h vlöblich eine Hand auf der Schulter, Oberleunant Äntinovitsch stand neben mir.

>Ich hätte ein Wort mit dir zu sprechen", begann er, anscheinend etwas verlegen,aber es ist nicht leicht, du mußt entschuldigen, ich finde hoffentlich das Richtige. Komm mit mir hinaus, wir reden draußen besser."

Ich folgte ihm verwundert und auch ungeduldig. Was konnte er mir Wichtiges zu sagen haben, jetzt zu dieser Stunde, an diesem Orte?

Wir Kameraden haben so allerlei Pflichten gegeneinander, weiht du", begann er,oft sehr heikliche Pflichten! Wir haben heute nach­mittag über dich gesprochen, du bist ja so surchtbar jung und wir haben beschlossen, dich zu warnen. Es handelt sich eigentlich, siehst du, um diesen schönen, vielsagenden Strauß da. Wir kamen heute überein: bringt er Blumen mit, oder kauft er und sendet er etwa welche der schönen Jmeida, dann legen wir los. Paß auf", Kamerad! Du bist im Begriff das Herz dieser keineswegs spröden Schönen zu gewinnen, nein, nein. Du brauchst es nicht zu leugnen, wir wissen es bereits. Und es ginge das auch keinem andern etwas an: Du scheinst aber nicht zu wissen, sei mir nicht böse, daß bereits drei oder vier oder mehr vor dir dies bewegliche Herzchen gleichfalls gewonnen haben. Sie soll die böse Aeuße- rung getan haben:Einer von ihnen hat mich betrogen, nun sollen sie alle dran glauben! Möglich, daß es Geschwätz ist, aber immerhin, wir fühlten uns verpflichtet, lieber Kamerad, dich zu warnen!"

So sprach der Oberleutnant Äntinovitsch, halb knabenhaft verlegen sprach er, und halb in väterlicher Güte zu mir, dem nicht minder Ver­legenen. Und da schien es mir inmitten aller Betroffenheit und böser Verwirrung, es schien mir einen Augenblick so, als wäre er der heilige Antonius in höchst eigener Person. Einem andern hätte ich auch nicht so duldsam und gefügig zugehört, denn es war ja empörend, überaus peinlich, was ich da zu hören bekam. Wie ein verdonnerter dummer Junge stand ich mit meinem schönen Strauß in der Hand. Unsäglich lächerlich tarn ich mir vor, ich sah als Rettung nur noch eins: fort, fort, das Lokal nicht mehr betreten, nach Haufe gehen, mich schlafen legen. Ich fühlte mich zudem auch körperlich recht elend, es war ein Hämmern in den Schläfen, ein Kreisen im Kopfe, ich kannte das aus früheren Erfahrungen, es war die Botschaft aufsteigenden Fiebers.

Mein fröstelnder Heimweg, ich habe ihn wohl noch in Erinnerung, führte mich wieder an dem Kirchlein Marias vorbei. Es war jetzt schon völlig dunkel geworden, eine rote Ampel warf phantastische Lichte ins Gestühle und auf den Altar. Marias Antlitz war kaum zu erkennen, ich hätte ihr Lächeln gerne nochmals gesehen, ich hätte es gern mit mir genommen, in meine fiebernden Träume. Die Blumen aber, die ich noch in der Hand hielt, die legte ich ihr zu Füßen, sie sollten alle ihr allein gehören, ob sie auf üblem Umweg zu ihr gekommen waren, Maria, die Reine, nahm sie gewiß in Gnaden an.

Ich mußte dann einige Tage zu Bette bleiben. Der Regimentsarzt übte seine Kunst an mir, meine Jugend half mit und wir brachten beide das Fieber bald weg. Hiermit ist aber an - diese kleine Geschichte zu Ende, von der ich jetzt nach so vielen Jahren, nicht mehr weiß, was an ihr Traum gewesen, und was Wirklichkeit. Daß das Erlebte ober Erträumte aber stark in mir nachwirkte, bekam ich noch am Tage zu fühlen, ba ich roieber zum Dienst in mein Fort hinaufging. Man hatte mir mitgeteilt, baß OberleutnantSankt Antonius" meine Vertretung übernommen habe, unb meinen Rekruten ein gestrenger, aber gerechter Ausbilder fei. Ich hörte auch seine wohlbekannte Stimme bereits aus der Ferne donnern, als ich den Hügel hinaufstieg unb sah ihn auch bald mit gezogenem Säbel am Horizonte stehen und den marschierenden Zug befehligen. Er hatte sich, schau, schau, gerade die abseitige Stelle des Exerzierfeldes ausgesucht, die ich bisher stets von den Tritten der Svl- i baten zu bewahren gesucht hatte, weil sich dort bie Wohnung Gurulas i befanb. Es war noch früh am Vormittag, bie Sonne war voll reinigenber Kraft, ber Säbel bes heiligen Oberleutnants, erglänzte wie etwas Flam- menbes, er schien jetzt mit nicht geringerer Inbrunst am Werke zu fein, als einst ber prebigenbe Schutzpatron.Stampft bie Erbe, ihr Männer!" hörte ich ihn rufen,stampft bie (Erbe, stampft sie gut! unb betet zu Maria, es ist uns vonnöten, aber zerstampft bas Gift in ber Spinne!" i Doch mochte, was ich ba hörte, wohl eine Täuschung meines über» ! hitzten Gemütes gewesen fein. Denn als ich näherkam, hörte ich ihn beutlidjer unb wohl auch glaubhafter rufen:Streckt euch, ihr Faul­pelze, glaubt ihr, ihr bekommt bie Menage umsonst?"

Katarina kann sich nicht entscheiden.

Noman von Viktor von Kohlenegg.

Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.

IFortsetzung.l

Werben uns vermutlich eine Weile nicht sehen, mein lieber Klüter.* Reise machen, Herr Dagobert?"

Ungefähr, Klüter. Mal 'n bißchen bie Nase aus bem Berliner Kontinentrausbrefjn ... Was halten Sie von der Abria, Spalato, Ragufa, olle Römerfchanze? Liebe nun mal bie See; aber je weiter bie Pläne, desto sicherer wird Warnemünde oder Zinnowitz braus. Wieber- sehn!"

Anberthalb Mille was vorauszusehen war; Louis hatte in Gelb- fadjen eine entsetzlich zähe Seele. Nicht eigentlich Filz, aber hart unb weise für anbere Leute unb nicht ohne Humor. Dago pfiff. Teufel, Teufel! Abstanb unb Distanz? llnb bann unb banach, mein guter, her- Dorragenber Louis? Das war bie größere Frage ...

Am Abenb tauchte Till in ber Meraner Straße auf. Sie brauchte dringend, wie sie behauptete, ein Kostümbuch aus DagobertsBibliothek".

Diez saß in seinem Zimmer und dampfte vor Arbeit. Er zeigte sich sogleich in der Ateliertür, mit zerwühltem Haar; starrte schwerblütig auf bas schmale Mäbchen, bas er nicht zu erkennen schien.Ach, bu bist es, Till!"

I(Sott sei Dank, er erwacht aus seiner Trance! Wie war ber Film, !Mensch unb Aesfin" gestern?"

iWieso Film?" fragte er unb zünbete sich bie erloschene Pfeife wie-