Schlosses aus, während mein Blick das Auge der Wassermullerstochter suchte dann zum verzauberten Berge schweifte und wieder das Sonnen- ytikern aus ihrem Haar bewunderte. Kaum vernahm ich mehr die ein­zelnen Worte, ich dachte schon an den Abend und die Nacht, m der ich auf dem Berge fein wollte. Nicht allein. Die Wassermullerstochter sollte mich begleiten auf dem Gang in die Mittsommernacht, aber auf meine schüchterne Frage während der Heimkehr gab sie kem Nein und kein Ja.

Im warmen Abendrot zerschmolzen die gelben Butterblumen, den Gräsern wuchsen Goldspitzen und der Wald legte sich das Rot ww leuch­tende Tücher um. Ich wartete. Sie kam nicht. Dämmerung verhüllte das Land, Schatten schlichen um den Berg. Es ward Nacht, ich horchte m die Stille auf ihren Schritt, doch sie kam nicht. Aus dem Ginster tauchten Gestalten hervor, die Büsche wurden lebendig, und die eine große schone Birke regte sich, schritt auf mich zu im Gewand einer Jungfrau, sah mich mit Augen an, die dunkler waren als die tiefsten Gewässer unter dem Laubdach der Eichen, und entfernte sich. So wandelte sie dreimal vor­über, jedesmal ruhte ihr Blick weher in meinem Auge, das ihr nach­schaute, bis sie auch das letztemal nahte und stumm verschwand. Was ollte ich tun? Ich wandte das Gesicht zu den Sternen; ihr Blinken sollte mich vor Trauer bewahren, denn ahnungsvoll war es mir auf- gegangen: Die Schloßfrau ist nach hundertjähriger Pause wieder um den Berg gegangen, du hast sie gesehen und konntest den Zauber nicht bannen. Nur ein Sonntagskind kann sie erlösen.

Aus Pommerns Tälern stiegen Nebel aus, die Walder schliefen. Berg und Tal waren stumm. Glühwürmchen flogen um den Berg, als wollten sie meinen Heimweg erleuchten. Der gitzg an ruhenden Aeckern vorüber, der führte an der Wassermühle, deren einsilbiges Knarren nur nun nichts mehr galt, vorbei über die Holzbrücke durchs Stadttor. Vor dem Heimathaus gurgelte der Bach, mit farblosem Ton und tiefsinnig, wie die Pommern sind.

Gurula die Spinne.

Von Franz Karl Ginzkey. Copyright by I. L. A., Wien.

In Pola diente ich einige Zeit mit meiner Kompanie in einem der alten aufgelassenen Steinsorts, die die Stadt im schützenden Kranz der Hügel umgaben. Von diesen nach modernen Begriffen durchaus unzu­länglichen Befestigungen aus der Väterzeit waren die meisten schon ver­fallen; nur wenige standen noch als Magazine oder Kasernen in Ver­wendung. Das Fort, in dem ich untergebracht war, lag der Stadt am nächsten, das heißt, die rasch sich entwickelnde Stadt war den Hügel zu ihm emporgeklommen, doch lagerte noch ein ansehnlicher Gürtel Weide­land herum, der als Exerzierplatz diente. Meine Soldaten brauchten nur aus den kühlen steinernen Kasematten hervor- und über die Zugbrücke hinauszutreten und standen bereits aus ihrem Uebungsselde. Auch ein Gemüsegärtchen war angelegt worden, mit einem Hühnerstall, es wehte fast etwas Gemütliches, bürgerlich Zusammengehörendes um die kleine in manchem sich selbst vorsorgende Kolonie. In ihrer Höhenlage und un­begrenzten Sonnigkeit wies sie, das Wort mag einigermaßen verwun­dern, fast etwas Sanatoriummähiges auf, was nicht ohne Bedeutung für uns war, denn die Stadt wurde gerade damals von einem bösen, schleichenden Fieber heimgesucht, das man nicht leicht wieder aus den Knochen bekam. Vorsichtshalber war im Regiments verfügt worden, es müsse den Soldaten jeden Morgen ein Gläschen Chinin verabreicht wer­den. Die Mutter der Kompanie, der Herr Feldwebel, schritt mit einer großen Flasche von Mann zu Mann und kredenzte jedem, einladend lächelnd seinen bitteren Morgentrunk.

Den Wonnen und Mysterien des täglichen Exerzierens gab ich mich hin, soweit es in meinen Kräften stand. Doch läßt sich nicht leugnen, daß die schöne Lage des Exerzierfeldes, der weite Ausblick auf den Hafen und die seltsam wehmütige Hügellandschaft mit den fünften, südleuch­tenden Wolken darüber meiner völligen Auflösung in die Tiefen des Exerzierreglements nicht immer zuträglich war. Auch regte sich damals bereits nebst aller Sehnsucht ins Große und Uferlose eine geheime Leiden­schaft in mir: die Liebe zum Mikrokosmos, zur staunenden Einkehr in die Unendlichkeit des Kleinen. Der dichtende Leutnant ahnte damals bereits, daß der wahrhaftige Halt der Erkenntnis nur im Mittelpunkte allen Seins und aller Betrachtung zu finden fei und daß dem Fluge nach oben immer auch der gleichweite Blick in die Tiefen, in die scheinbaren Winzigkeiten des Universums sich gesellen müsse, dann erst sitze man, halbwegs gesichert vor den Angeln des großen Schaukelbrettes der Welt.

Unter Mikrokosmos verstand ich damals vor allem das Gräser-, Moos- und Wurzelwerk, das Käfer-, Wurm- und sonstige Kleinzeug, das mein Exerzierfeld, besonders in feinen abgelegenen Teilen, mehr oder minder lebhaft bevölkerte. Ich war wohl der einzige, der es bemerkte, der es beachtete, und der den Blick in diesem Sinne zu Boden gesenkt hielt. Keinem außer mir war während des Exerzierens bewußt gewor­den, daß wir hundert kräftig ausschreitende Männer, die dem Feind Tod zu bringen hatten, schon jetzt aus friedlicher Erde Tod stampften, ununter­brochenen Tod.

Mit diesem Bekenntnis ist aber verraten, daß ich irgendwie das innere Gleichgewicht verloren haben mußte, daß ich überempfindsam ge­worden war. Für den Lyriker mag das hingehen, für den Soldaten aber ist es nicht gesund.

Doch um auf meine Erzählung zu kommen ich entdeckte eines Tages, als meine Soldaten eben Rast hielten und ich den Blick aus Wolkenhöhen wieder zur Erde senkte, ja da entdeckte ich etwas Seltsames. Ich sah, es war am entlegenen Rande des Exerzierfeldes, eigentlich schon über dieses hinaus, eine schwarze, etwa daumenrunde Oeffnung in der Erde. Sie war von einer Erhöhung aus zartem Bast wie von einem zierlichen Brunnenrande umgeben, und schien in ihrer Dunkelheit ins Unergründliche zu gehen. Es hauste darin, es gab darüber keinen Zweifel, eine der großen, tarantclartigen Spinnen, deren Vorkommen in dieser Gegend mir bekannt war. Ich wußte auch, daß dieses unheimliche und

auck wieder sehr scheue Tier nur des Nachts hervorkrieche und auf Beute ausaebe doch war mir der Gedanke durchaus verlockend, ihm nun bei Tag und zwar auf der Stelle, meinen Besuch abzustatten. Ich wußte aus meiner Knabenzeit, wie man das macht. Man nimmt einenGras-.oder Strohhalm und kratzt damit am Rande des Loches und ahmt zugleich das Gesumst einer Fliege nach, dann kommt Frau Spinne gewiß ^Ter Herr Leutnant setzte sich also hin und tat wie in der Kinder- zeit und da seine lyrische Natur sich auch diesmal nicht verleugnete, hatte er sich schon ein passendes Sprüchlein zurechtgelegt:

Ich kratz' an deinem Haus, Gurula, komm heraus!

Ein Flieglein ist auf Reisen, Das sollst du fein verspeisen. Es geht mit sumsumsum Schon um dein Haus herum.

Nachdem ich das einigemal wiederholt hatte, fühlte ich ploßfuh den Grashalm erfaßt und in die Tiefe gezogen Da ich ihn ?b°r nicht los­ließ und kräftig dagegenzog, sah ich auf einmal zwei kleine gru Pünktchen im Dunkel der Röhre aufsteigen, es waren die Augen Gurulas. g @näbi fagte ich, mich verneigend,entschul-

diae'n^ die Störung, ich habe hier Rekruten abzurichten und langweile müh Mich beschäftigt Ihr eigenartiges Dafein da drinnen in der dunklen Röhre. Mich ztthi das Seltsame an, das Abseitige, das Einsame. Haben ^^Die"grünlichen° Lichtlein im Dunkeln rührten sich nicht. Es war ein Unheimliches, Gespenstisches um sie, je tiefer ich mich niederbog, um sie zu betrachten und meine buschikose Anrede erschien mir plötzlich Jtillos. Das grüne Licht phosphoreszierte da unten, bald schienen es Zwei, bald mehr schimmernde Pünktchen zu fein, genau zu Zahlen waren sie nich. Das fremde Leben, das da in der Tiefe lauerte, das tat es nur irgend- mie an. Zu scherzen fand ich nichts mehr daran, mir wurde seltsam ernst zumute^ Ich wiederholte auch mein Sprüchlein nicht und ließ das Locken mit dem Grashalm sein; ich sühlte mich, es läßt sich nicht anbers sagen, plötzlich wie innerlich durchschaut. Wieder sitzt da ein Mensch, empfand ich und übt seinen Uebermut am Wesen der Kreatur. Und was vers eh er eigentlich von ihr? Er will sie klüglich überlisten und merkt die eigene ^'°So^saß ich^aeraume Zeit vor der dunklen Röhre und sand, je un­heimlicher mir wurde, um so größeres Gefallen an dem schweigenden und doch so beredten Lichtschein aus der Tiefe, der immer aus der gleichen Stelle blieb, nicht näher kam, nicht tiefer ging und immer gleich ge- Ijcimrü b(mn 3U me[nen Soldaten zurückging, legte ich mir einige Steinchen in der Umgebung zurecht, damit ich den Ort gewiß auch w>e- derfinden könne. Denn es feilte, das nahm ich mir vor, mit Gurula noch nicht das letzte Wort gesprochen sein.

Von da an besuchte ich die Stelle täglich und warf mit immer gleicher Neugier und mir selbst verwunderlicher Geduld einen Blick in die Rohre

Sas war gewiß recht töricht von mir, aber es machte mir Spaß. Und schließlich, ich war ja Lyriker und 21 Jahre alt, da ist fo ^0^65 verzeihlich Es zeigte sich bald, daß ich mich mit dem Strohhalm gar nicht mehr anzumelden brauchte, es war, als horte Gurula bereits das Dröhnen meiner Schritte. Immer faß sie schon da und immer eine Spanne vom Rande entfernt, so daß ich nichts als das Glanzen ihrer Auaen gewabren konnte. Sie war durch nichts zu bewegen, naher zu kommen, niäjt durch Bitten, nicht durch Beschwörungen, und als ich einmal geärgert mit dem Halme hinabstach, kam sie am selben Tage nicht wieder hervor. , , , , , ,

Eines Abends nun, als ich vom Dienste fortging, es regnete le,fe, ein schwüler Schirokko brachte salzigen Seeduft aus der Bucht von Beruda, sah ich vergeblich in die Röhre hinab. Gurula kam nicht zum Vorschein. Ich hatte diesmal nicht viel Zeit und Lust, im Regen zu warten und als ich, etwas enttäuscht, von bannen ging, war mir wahr­haftig zumute wie einem, dem ein Stelldichein verweigert worden war. Vielleicht aber war es lediglich das regnerische Wetter, was meine Un­bekannte, geheimnisvoll Leuchtende, heute so ungnädig stimmte? Oder saß sie am Ende bereits bei der Abendtoilette? Die Übliche Besuchsstunde, haha, war ja schon längst vorbei. Man soll sichs mit den Damen in dieser Hinsicht nicht verscherzen! o.,. s ,

Auf dem Heimweg, den Hügel herab, sah ich die Lichter aus der Stadt und die Lichter van den Schiffen durch den Regenschleier glanzen, Einsamkeit sraß mir am Gebein, auch war mir ein wenig fiebrig zu­mute, das Richtige wäre gewesen, nach Hause und ins Bett zu gehen. Ich fühlte mich aber nicht fähig, den Abend allein , zu verbringen und beschloß, ein kleines italienischesTingeltangel", wie wir es nannten, aufzusuchen, von dem die Kameraden mir manches Ergötzliche erzählt hatten. v ,

Sie saßen auch richtig schon dort, die Kameraden, in der rauchge­schwärzten Osteria, auf der Piazza del Foro, die ganze ßeutnantsjugeiib war versammelt, aber auch einige von den fideleren Kapitänen. Die Offiziere hatten sich einen großen Tisch gleich zu Füsien der Rampe avfstellen lassen, wohl zum Aerger der anwesenden, sich abseits gesetzt fühlenden Zivilisten Als ich eintrat, gab es gerade eine Sensation, drei Variete-Damen, schwarzhaarig, ausallend hing, möglicherweise Schwe­stern, schwenkten ihre feibenbeffrumpften Beine nach bem Takt eines wüsten Klaviergetrommels bie Rampe entlang, und über den Offiziers­tisch hinweg, indes sie den Dank der zufriedenen Männerwelt im lauten Bravoruf und Beifallsgeklatfche über sich ergehen ließen. Als ich die Mittlere und wohl auch Hübscheste näher betrachtete, erschrak ich geradezu. Sic trug an einem Stirnband, gerade über bem frechen Näschen, ein phantastisches Diabem aus sechs ober sieben großen Smaragden, die wohl