Gießener Zamilienblälter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 1934 Montag, den 2. Juli Nummer 50
Wandrers Nachtlied.
Von I. W. von Goethe.
lieber allen Gipfeln
Ist Ruh, In allen Wipfeln Spürest du Kaum einen Hauch: Die Vögelein schweigen im Wald« Warte nur! Balde Ruhest du auch.
Pommerland.
Von Paul Huebner.
Langsam strömt die Oder durch die Niederungen der Mark, ruhig und gemessen zieht ihr Wasser durch weite märkische Wiesen, und dann wässert sie plötzlich pommerschen Boden. Mächtiger drängt sie nun zum Meer, tiefer schneidet sie sich in das Land ein und teilt es in zwei große Schwingen: Vor- und Hinterpommern. Einmal breitet sich die Schwinge von den schilfigen Wiesen nach Westen aus, umrandet die mecklenburgische Grenze und stößt an die Ostsee und die Kreidefelsen Rügens; ein andermal spannt sie sich gen Osten, an Westpreußen vorbei hinauf bis zur flachen Bernsteinküste. Noch ist Pommern unentdecktes Land. Nur sein weißer mulliger Strand lockt im Sommer Tausende an das Gestade der Ostsee, wo die Möve im Rhythmus der Welle sich wiegt, die den gelben versteinten Harz, blanke Muscheln und in stürmischen Stunden auch langes Seegras ans Ufer spült. Die See schenkt und raubt, in Wolgast wirft sie Sand aus: „Wolgaster Sandsäcke" sagt der Volksmund; an der ostpommerschen Steilküste, bei Horst und Hoff, nagt das Wasser, und in Jahrhunderten fällt Meter für Meter Land ihm zum Opfer. Ein kleines Kirchlein stand dort einst auf der Höhe, heute ist es zerstört, die verbliebenen Mauern hängen am Abgrund und warten, bis die Wellen in einer Sturmnacht den letzten Halt zerfressen.
Am Strand der Ostsee leben Pommerns schönste Sagen fort. Jeder Felsen, jedes Gewässer Rügens erinnert an alle Heiligtümer der Wenden, Störtebecker fand hier Unterschlupf auf seinen Raubzügen, Zwerge sollen unter duftenden Holunderbäumen sitzen und warten, daß man sie ruft, in einem heiligen Haine feierte die germanische Göttin Herta das Frühlingsfest, auf Usedom läuten an stillen Abenden noch immer die Glocken des versunkenen Vinetas und auf Wollin heißt noch heute die höchstgelegene Stelle „Stinas Utkiek", weil hier die schöne Seeräuberkönigin Stina nach vorübersegelnden Schiffen beutegierig Ausschau hielt. An der See, besonders wo sie Buchten und Boden bildet, sind auch die Städte gewachsen mit den alten Schifferdomen, deren Glocken dunkel und schwer über die Wasserfläche tönen. Greifswald beherbergt eine alte Universität, hoch recken sich die gotischen Backsteinbauten der Hansestadt Stralsund über den Pfeilfund empor, Swinemünde greift mit feinen Hafenmolen weit in die See hinein, verträumt schaut der Gamminer Dom, um dessen schweigsames Gewölbe die sagenhafte Büßertreppe läuft, auf die kleine ehemalige Vifchofsstadt, m Der der heilige Otto, der Pommernapostel, predigte, und seltsam vermahlt sich die Seeluft mit dem Geruch der in engen giebligen Gassen geräucherten Fische im düsteren Schiff von Solbergs breitürmiger St.-Marien- Kirche, an deren Turmgebälk vor über hundert Jahren der standhafte Verteidiger der Stadt, N e 11 e l b e ck , feine waghalsigen Klettereien unternahm, die allen pommerschen Jungens zum Vorbild dienen.
Doch nun will ich aufhören mit der Betrachtung bekannter Städte, will den Hafen Stettins, die Tore Stargards, Pasewalk mit seinem Wartturm „Kiek in die Mark", das mittelalterliche Stolp und das bewehrte Anklam beiseite lassen, will auch nicht von den Fischerdörfern und verschwiegenen Strandfeen erzählen, sondern der engeren Heimat, des pommerschen Hinterlandes gedenken. Dort verstecken sich noch unbekannte Schönheiten, dort wohnt der „grobe Pommer und bebaut das Land, trotzig und verschlossen. Tiefer Wald bedeckt den pommerschen Höhenrücken, dicht stehen die Buchen uni die 3al)Ihüen Seen, Torfmoor und Sumpf löst sich ab mit Kartoffel-, Korn-und 2k et» zenacker. Immer meine ich den weithin hallenden Klang der Hslugschar zu hören, die an iroenbeinen Baum geheftet, von einem Schnitter geschlagen, früh ben Gutsarbeitern ben Tagesanfang tunbet sie mittags zum Essen aufforbert unb abenbs, wenn auf bie Weibe schon per Dau fällt unb bie Pferbe mit benetzten Hufen heimtraben, wie em wehmütiges, unerlöftes Aveläuten klingt. Ihr Ton bringt durch ben verwachsenen Walb, barin ber See sich von einem schnappenden Hecht 31t- ternbe Wellen zirkeln läßt; biefer Laut ist bei mir gerne,en, wenn ich behutsam dem trockenen Pfad durch den Sumps nachspurte, den zwei
wendische Jäger vor Zeiten einem weihen Hirsch ablauschten; sie gelangten zu einem von allen Seiten unerreichbaren Platz unb bauten eine Wallburg, auf dessen Wällen nun Haselnußsträucher blühen und Wildschweine wühlen, wenn der Herbstwind die dreieckigen stachelichen Früchte der Buchen pflückt.
Der Klang des Erzes war noch vor wenigen Jahren, vielleicht ist es auch noch heute fo, in meinem Heimatstädtchen die schnellste Nachrichtenvermittlung. Wie oft schritt ein Mann durch die Straßen, bimmelte mit einer Handglocke „bim bim! bim bim!" und kündete das Neueste: „Frische Flundern sind auf dem Markt!" Und wußte er auch manchmal Wichtigeres zu melden, verlas er doch auch Gesetze und amtliche Bekanntmachungen, so blieb mir die Ankündigung der Flundern am lebendigsten haften, denn oft habe ich auf feine Anpreisung hin die frischen Butten zum Mittagsmahle holen müssen. Jeder Pommer kennt ihren wuüder- baren Duft, der beim Braten ihrer platten Bäuche und Rücken aus der buttergefüllten Bratpfanne auffteigt und der noch um uns war, hatten wir längst bas freie Feld auf unseren täglichen Streifzügen erreicht.
Vierspännig zogen da die Pflüge über die buckligen Aecker, ober der Motorpflug warf laut knatternd die Schollen auf und stieß mit feinem scharfen Eisen kreischend an bie zahllosen Granitsteine, von denen man dort sagt, daß sie wachsen, weil Jahr für Jahr immer wieder neue, große und kleine, aus der Tiefe aufgewühlt werden. Neigte das Korn feine reifen Aehren, so daß die Granen sanft den blauen Korb der Kornblume berührten, folgten wir den Mähmaschinen und staunten dem Wunder ihrer Windmühlenflügel nach, die die geschnittenen Halme rafften unb sie als Garben auf die stoppelige Erde fallen ließen; legte sich das Gras unter einem warmen Lufthauch auf den Wiesen am Fluß auf die Seite, tarnen die Mäher mit blitzenden Sensen, und wir halsen ihnen beim Tragen der Bahren, auf denen das saftige Gras aus der nassen Niederung zu trockenen Plätzen geschafft wurde, und sprengten die Kohlrüben mit ihren dicken Bäuchen die Erdfläche, verschwanden wir wie die Hafen unter ihrem Blattwerk, aber flüchteten sofort wieder in das nahe Gehölz, kugelige Knollen im Arm. Wo die jungen Kiefern wild ihr Gezweig ineinander verhaspeln und die Steinpilze im Moose ganze Kolonien bilden, schnurpsten wir, wie es die Pferde mit Möhren tun, die weißen Feldfrüchte.
Am.toten Arm des Flusses faßen wir auf Erlenstümpfen, hielten die Angelschnur in die für das Auge undurchdringliche Tiefe ober schnitzten bie Borke ber Föhren zu Kähnen. Immer mußten wir babei ber Borcke- schen Grafen benten, bereu Stammschloß unter den alten Eichen sichtbar wurde, wenn wir auf sonnigem Bergrücken Brombeeren suchten. Die Borckes sind das älteste und ansehnlichste aus wendischem Blut hervorgegangene Geschlecht. Pommers. Ihr Ahne soll, fo-weih es die Sage, von wandernden Wenden im Walde als Findling gefunden worden fein und von der Borke, in die man das Kind hüllte, den Namen erhalten haben. Eine späte Nachfahrin, Sidonie von Borck, hat man innerhalb der Mauern meines Heimatstädtchens als Hexe verbrannt.
Immer mehr alte schöne Erinnerungen tauchen auf. Viel wäre zu erzählen von den Landstädtchen und ihrer Vergangenheit, von ben Burgbergen in ber Runbe, vom Galgenberg unb bem mutigen Mann, ber zur Mitternacht am Galgen einen Nagel einschlagen wollte, aber feine Rockschöße anheftete, sich von bem Erhängten ergriffen glaubte unb vor Furcht starb, von ben Treibjagben unb ben Erntefesten mit dem Tanz auf bem Kornspeicher, von ben winterlichen „Entbeckungsfahrten" auf ben ftunbenlang sich Hinziehenden mit Eis bebetften Wiesen unb von ben sommerlichen Spielen im Rohr. Doch die Städtchen verbergen vor dem flüchtigen Blick ihre Schönheiten, um die Burgberge rauschen dunkle Baumkronen, die nur zu den Träumern sprechen, aus dem Galgenberg dreht sich nun eine Mühle, von den Jagden will man nur am warmen Ofen hören, die Erntefeste sind verrauscht, das bunte Eis geschmolzen und im Rohr werden neue Spiele gespielt. Aber noch war nicht bie Rebe vom schwarzen Berg.
Die Junisonne brachte bas Golb ber Birken auf bem fanbigen Hügel, zu bem uns ein kleiner Schulfpaziergang geführt hatte, zum Glühen. Unter uns eine breite Mulde, darin der Fluß um die Weidenbüsche spielte unb einem großen silberschuppigen Fische glich, fobalb feine Wasserfläche von ben fchimmernben Strahlen getroffen würbe; auf ber anberen Seite bes Tales bie buntle Kuppe bes schwarzen Berges. Wir kannten alle längst feine Geheimnisse, achteten baher nicht auf feine ginsterbe- ftanbenen Hänge, bis ber Lehrer von ber Johannisnacht sprach, bie bie,em sonnigen Tag folgen würbe. Da horchten wir auf unb ließen uns willig bie oft gehörten Mären von ber Waschfrau, bie bort auf bem büfteren Hügel burch Aufhängen unb Abnehmen ber Wäsche bas Wetter anzeigt, von dem Schloß, das auf der Höhe gestanden habe und in die Tiefe sank, als ber schwarze erlegte Bär über bie Zugbrücke getragen wurde, erzählen. Die Natur beschwingt die Worte des Erzählers, der leise Wind schien ihm Gedanken zuzutragen, denn immer reicher wurden feine Bilder, immer farbiger malte er das Leben und den Reichtum des alten


