Gießener ZamilienblAter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang 1933

Hreitag, den 21. April

Nummer 31

Lied des Bauern.

Bon Matthias Claudius.

Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land: doch Wachstum und Gedeihen steht nicht in unserer Hand. Er sendet Tau und Regen und Sonn- und Mondenscheinr von ihm kommt oller Segen, von unserm Gott allein.

Was nah ist und was ferne, von Gott kommt alles Herl Der Strohhalm und die Sterne, der Sperling und das Meer. Bon ihm find Büsch und Blätter, und Korn und Obst von ihm, von ihm mild Frühlingswetter und Schnee und Ungestüm.

Er läßt die Sonn' aufgehen, er stellt des Mondes Lauf, er läßt die Winde wehen, er tut den Himmel auf. Er schenkt uns soviel Freude, Er macht uns frisch und rot; er gibt dem Viehe Weide und seinen Menschen Brot.

Dichtung als Ausdruck der Nation.

Von Rudolf G. B i n d i n g.

Dichtung als Ausdruck der Nation wer diese Worte unbefangen aufnimmt, dem scheinen sie wie eine Selbstverständlichkeit. Was sollte wohl Dichtung anders sein als Ausdruck der Nation? Aber das Selbst­verständliche scheint es an sich zu haben, in seiner Bedeutung von den Menschen vergessen zu werden wie man wohl Kraft und Wunder des Lichts oder des Schlafs für die Menschheit vergißt, weil man sie täglich an sich erfährt. ,, , k

Bei uns zu Lande zumal, wo die Nation noch immer ein schwankender Begriff und ein vielleicht noch schwankenderes Bewußtsein ist, gibt man sich kaum je Rechenschaft darüber, was eigentlich dieser Nation Ausdruck bedeute. Man macht nichts daraus. Man ist nicht stolz darauf. Man ist nicht sicher darin. Man suhlt ihn nicht do, wo er sich äußert, und oft genug erkennt man ihn nicht einmal oder irrt sich in ihm.

Als ob der Ausdruck einer Nation, d. h. das, worin sich die Nation als solche ausdrückt, so gleichgültig wäre! Ist es gleichgültig, daß ein Volk eine Nation von sich, von ihrem Ausdruck, von diesem allen Gemein­samsten nichts weiß? Denn das Einzelne, daß selbst einige Zehntuusende einer Schicht davon wissen, soll nicht in Abrede gestellt werden. Aber es kann nicht genügen. Es genügt den gefestigten Nationen, die wir kennen, keinesfalls. t . ... ,. ...

Nichtsdestoweniger ist es geschehen, daß der deutschen Nation diese Selbstverständlichkeit in ihrer Bedeutung entging: daß nämlich ihre Dich­tung, ihr Schrifttum nicht der größte, allgemein zugängliche, sondern der leuchtendste und bleibendste Ausdruck ihrer selbst ist. Unzerstörbarer als Bauwerke, Paläste, Bilder und Kathedralen. Nachwirkender als politische Macht, Prosperität, Wohlfahrt und Reichtum. Sprechender wahrhaftig im eigentlichsten Sinne des Wortes als alles. Redend zu jedem, redend auch von jedem als einem Mitglied der sich hier ausdruckenden Nation. Erhoben in jene ungeheuere Unzerstörbarkeit des ge-

Im Anfang nämlich ist eben doch das Wort. Es ist das Wort des Dichters was das Unvergängliche schafft. Und diese Uranfanglichkeit ist so groß,' daß man sagen kann: bevor sie nicht ausgesprochen sind im unvergänglichsten Worte ausgesprochen existieren die Dinge nicht.

lieber allen Gipfeln Ist Ruh

Immer war über allen Gipfeln Ruh. Aber diese Ruhe diese nie wieder zu entfernende Ruhe, dieser Inbegriff der Ruhe war nie zuvor, war erst, als sie ausgesprochen war.

Das Ewig-Weibliche

Zieht uns hinan.

Immer zog das Weibliche an, zog hinan, zog auch hinab. Aber das Ewig- Weibliche zog uns nie zuvor hinan. Nun erst, in die Unzerstör­barkeit dichterischen Wortes erhoben, zieht es uns ewig hinan und wurde

so ein ewiger Ausdruck deutscher Nation, leuchtend weithin, unerreichbar, unantastbar, nie verlierbar.

Wollte oder könnt« man denn sagen, daß Wirtschaft, Wohlstand, Reich­tum, daß Politik, Machtstellung, Handel, daß Erzeugnisse der Industrie, daß selbst die Wissenschaft (in ihrer Ueberholbarkeit) in demselben Sinne Ausdruck der Nation seien? ein Ausdruck, in dem sich die Nation als solche wiederfindet, sieht und fühlt?

Denn uns erhält als Volk und als Einzelnen auf der Höhe des Lebens, auch durch die tiefsten Wellentäler hindurch, nur der Geist, aus dem wir leben: dieser uns bindende Geist der Nation. Und wir wären gering unter den Völkern der Welt, dürsten uns nicht groß und edel beruhend gleichberechtigt und ebenbürtig fühlen, wenn wir das, was man deutschen Geist nennen mag, nicht von uns ausgehen fühlen wie einen ewige» Hauch, der weiter reicht als der Hauch menschlichen Mundes und ein ver­hallendes Wort.

Indem Dichtung in jener Unzerstörbarkeit des Wortes uns ausdrückt, wird sie zur Grundlage dessen, was uns eint, und indem es uns eint, erst zur Nation macht. Denn eine Nation ist nicht bestimmt durch die Gemein­schaft staatlicher Grenzen (soviel diese bedeuten), nicht durch Wirtschaft, Landschaft, geschichtliches Schicksal, sondern durch die Gemeinschaft Im geistigen Ausdruck und durch diesen Ausdruck.

Dieser Ausdruck ist die Kunst. Was ist Kunst? Kunst ist der Aus­druck dessen, was ein Volk im Tiefsten und Innersten bewegt ans Licht gehoben durch die solchen Ausdrucks Mächtigen. Und es ist vornehmlich ein Ausdruck im Sprachlichen in der Dichtung, im (hohen) Schrift­tum, der dies vermag. Wir können uns eine Nation wohl ohne Malerei, Architektur, Skulptur, fast ohne Musik vorstellen, nicht aber ohne Sprache.

Wenn aber Dichtung Ausdruck der Nation ist, so wird ein Dreifaches sichtbar.

Erstens: sie ist keine private ober persönliche Angelegenheit, so sehr dies auch scheinen mag, sondern eine öffentliche. Dies gilt zumal für den, der sie ausübt: für den Dichter und seinen Beruf. Er ist kein Künder privater, persönlicher, abgelegener, abseitiger und einseitiger Angelegen­heiten. Nirgends. Niemals. Van jeher nicht und in alle Zukunft nicht. Gerade dann nicht, wenn er an sein Tiefstes rührt mit seinem Tiefsten.

Aberklagen wir Lebenden uns ruhig mit an, die wir vielleicht mit höchstem Können eine Schallplatte beschreiben, als sei sie der Schild des Achilleus wir haben das außer acht gelassen. Es wird täglich außer acht gelassen in dem Schwall des Gleichgültigen, des Privaten, oft reiz­voll Privaten, Abgelegenen, Einzelnen, das fo ganz anders ist als der Ausdruck der Nation und sich in tausend lyrischen Gedichten, in Hunderte» von Romanen wichtig oder unwichtig zu machen für gut befindet. Es wird, fast als sei es eine Tugend, so zu handeln, das uns alle Angehende, das uns alle Treffende kaum noch gesucht und gewagt.

Wo ist, innerhalb unseres Schrift- und Dichtertums, die Leiden­schaftlichkeit für diesen Ausdruck, der ein ganzes Volk ausdrücken oll? Ohne Glut, ohne Besessenheit von Amt und Würde, von Berus und wahrer Berufung für sein Volk ist des Dichters Ausdruck matt, arm, ohne Kraft und ohne Recht. Sind wir nicht allmählich zu weit geraten in der Fürsorge, uns auf die einschläfernde Wirkung der Dichtung etwas zugute zu tun?

Was Wunder, wenn das Volk, das sich fühlen will, sich nicht fühlt? das getroffen sein will, nicht getroffen ist?

Auf Seiten der Station aber fehlt das Bewußtsein davon, daß sie im Werke des Dichters ausgedrückt ist; daß sie in ihm getragen ist. Um dies zu beweisen, brauche ich nur auf die Repräsentation hinzuweilen, die unsere Nachbarnation, die französische, in ihrem Schrifttum und in ihrer Dichtung sieht, fühlt und sich bewahrt.

So konnte es geschehen, daß während der Feiern zum 100. Todestag ihres größten Dichters in Weimar das Wort nicht fiel, das die Nation verlangen konnte: daß nämlich unzweideutig In Goethes Gestalt, in ihrer beglückenden Einheit, ihrem Weitblick, ihrer Tiefe, ihrem Aufstieg, die große reine weite und beglückende Einheit deutschen Wesens sich der Welt offenbart hat, die als höchste Möglichkeit und tiefste Sehnsucht in feinem Volke umgeht. Al« höchste Möglichkeit: denn sie verwirklicht sich in ihm. Als tiefste Sehnsucht: denn sie beglückt.

Niemand wird damit angeklagt. Dieses Wort fiel nicht, weil es nicht gegenwärtig war. Es war latent, aber es war nicht bewußt. 9)lan sprach vortreffliche Dinge wohl berechtigt im Rahmen der Feiern. Mer die Nation kam an dem Grabe dessen, der ihr höchster Ausdruck, ihr höchstes Bild und ihr höchster Inbegriff war, nicht zum Ausdruck ihrer selbst.

Dies ist so in unserem Lande. Ich stehe hier nicht um anzuklagen. Jede Anklage hat etwas Verneinendes, Unfruchtbares.

Zum Zweiten: Wenn Dichtung der Ausdruck der Nation ist, fo gehört sie der Nation. Deutsches Schrifttum ist kein privater Besitz. Cs ist eine Widersinnigkeit, Nachlaß und Werke der Dichter und Denker, der großen Geister der Nation noch so gutmeinenden Nachkommen und persönlichen Erden zur Vorenthaltung ober zur Preisgabe, zu Einschränkung ober vielleicht gar zu liebender Entstellung zu überlassen. Der Ausdruck der