Ausgabe 
20.11.1933
 
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Großmutter.

Von Selma L a g e r l ö f.

Eines Jahres erlebten die kleinen Kinder auf Marbacka einen großen Kummer.

Ihre Großmutter starb. Bis dahin hatte sie Tag für Tag auf dem Ecksofa im Kinderzimmer gesessen und ihnen vorgesungen oder Geschichten erzählt.

Die kleinen Kinder wußten es nicht anders, als daß sie von morgens bis abends mit ihnen sang und ihnen erzählte, und daß sie bei ihr saßen und zuhörten. Das war wunderschön gewesen. Kein anderes Kind hatte es so gut gehabt wie sie.

Woher Großmutter alle die Geschichten und Lieder hatte, das wußten sie nicht, aber Großmutter glaubte selber jedes Wort, was sie erzählte Wenn sie etwas gar zu Merkwürdiges berichtete, pflegte sie den Kindern tief in die Augen zu schauen und in ihrem überzeugendsten Tone zu sagen:Alles dieses ist so wahr, wie ich euch sehe und wie ihr mich seht."

Eines Morgens, als sie zum Frühstück heruntergekommen waren, dursten sie nicht in Großmutters Zimmer gehen und ihr guten Morgen sagen, wie sie sonst zu tun pflegten, denn Groß­mutter war krank. Dann war das Ecksofa im Schlafzimmer tage­lang leer geblieben, und die Kinder wußten nicht, wie sie die langen Stunden herumbringen sollten.

Nach einigen weiteren Tagen sagte man den Kindern, die Großmutter sei gestorben. Und als diese aufgebahrt in ihrem Sarge lag, wurden sie hinetngeführt, und sie sollten ihr die Hand küssen. Aber sie fürchteten sich davor, bis ihnen jemand sagte, dies sei das letztemal, daß sie ihrer Großmutter für alle Freude, die sie ihnen gemacht habe, danken könnten.

Dann kam ein Tag, an dem man die Märchen und Lieder vom Hofe wegfuhr, eingepackt in einen langen, schwarzen Sarg, und sie kehrten nimmermehr zurück.

Das war eine Zeit des schmerzlichsten Vermissens für die Kleinen Es war, wie wenn die Tür zu einer schönen Zaubcr- welt, durch die sie zuvor hatten srei aus- und eingehen können, verschlossen worden wäre. Und niemand war da, der üe wieder hätte öffnen können. v

Nach und nach lernten sie wie andre Kinder mit Puppen und Spielsachen spielen, und man hätte meinen können, sie vermißten ihre Großmutter nicht mehr oder hätten sie gar vergessen. Aber dem war nicht so; sie lebte immerfort in ihrem Herzen Und sie wurden nie müde, den Geschichtchen zu lauschen, die ihnen die alte Haushälterin von ihrer Großmutter erzählte. Diese bewahrten sie in ihrem Herzen, wie Schätze, die ihnen nicht verloren gehen konnten.

Lagerlöf-Land.

Von Dr. Eugenie Schwarz.

Oh, Frauen der alten Seiten! Ihr verstandet, ein Fest glän­zend zu machen, Ströme von Feuer, Geist und Jugendkrast durch­rieselten jeden, der sich euch näherte."

Was Selma Lagerlöf von den Frauen der alten Zeit lagt, hat sich oft an ihr erwiesen. Jetzt wird sie fünfundsiebzig Jahre alt. Alan kann überzeugt sein, daß dieser Tag auf eine Art gefeiert wird, die zu ihr paßt. Während sonst solche festliche Gelegenheiten oft in Orgien der Taktlosigkeit, Geschmackwidrigkeit und fader Schmeichelei ausarten, wird sie schlicht, gerade und mit wirklicher Liebe gefeiert werden. Wer zu ihr sprechen, wer über sie schreiben wird wird sich um den Lagerlöfton bemühen. So kann ein mel- tausendstimmiger Chor von harmonischer Wirkung entstehen

Aber so geht es mit der Lagerlös immer. Es gibt keine Situa­tion, der sie nicht durch die Krast ihrer Persönlichkeit ihre eigene Seele einzuslößen verstünde. Sie hält aus einem Frauenstimm­rechtskongreß eine Rede, und wir fühlen bei dieser trockenen Ge­legenheit Tränen aufsteigen, deren Wasser direkt von Himmel kommt. Sie bedankt sich in einer Festrede uei der ichwedischen Akademie für den Nobelpreis und macht das so anmutig-bewegt, so kindlich-schalkhaft, daß die hochoffizielle Feier Sinn und Leben gewinnt Es ist als sicher anzunehmen, daß sich auch gelegentlich ihres fünfundsiebzigsten Geburtstages nichts Störendes zutragen wird, denn sie hat unerhörtes Glück.

Selma Lagerlöf ist ein Genie, aber ausnahmsweise eines, das Glück hat. Nicht nur das der eigenen Persönlichkeit, sondern auch solches, welches einem von außen konnnt. Ein Vaterland mit hellen Nächten und hellen Menschen, welche zu lieben man Urlache hat. Värmland als Heimat, voll von herrlichen Sagen, die einem der linde Sommerwind zuträgt. Eine Landichast. die anzieht und sesthält, ein Klima mit klirrendem Winter und einem sommer, als ob ihm ein Dichter erfunden hätte. Ein Elternhaus von feinster Geistigkeit, gleichweit entfernt von Spießbürgertum wie von Snobismus, war ihr gegönnt. Die Kränklichkeit der Jugend, sonst die schlimmste Mitgabe fürs Leben, ihr ward sie zum Heil. Aus ihr ergibt sich jene Nachdenklichkeit, Versenkung und Liebe zu Büchern die sie braucht, um zu ihrer Kunst zu gelangen. Die Ehelosigkeit läßt sie die höchsten Vorstellungen einer romantischen Liebe bewahren. Sogar die Not, der Zwang zu erwerben, bringt ihr Glück. Sie wird Lehrerin und lernt so die Jugend kennen, zu der sie so wunderbar paßt. Früh nicht allzu früh wirb ihr großer, starker, unwidersprochener Ruhm zuteil. Aus der oohe des Lebens kann sie Marbacka, den Besitz ihrer Eltern, aus dem sie aufgewachsen und mit dem sie verwachsen ist, wieder erwerben. Hier hat sie die Arbeitsruhe, deren sie bedarf. Hingebungsvolle Freundschaft folgt ihr auf allen Wegen. Eine verständnisvolle Freundin lebt um und für sie. In Oskar L e o e r 11 n findet st

einen tiefschürfenden, bewundernden und obfektkven Vfo^gphen. In allen Ländern erwachsen ihr ausgezeichnete Uebersetzer, für die deutsche Lesewelt die Wienerin Marie Franzos, die selbst der Anlage nach eine Künstlerin, jedes ihrer Werke verantwortungs­bewußt, schön, getreu in deutscher Sprache nachbildet

Aber nicht nur ihr irdisches Dasein ist wohl eingerichtet, es ist auch dafür gesorgt, daß ihr Werk auf die Nachwelt kommt. Sie hat sich nämlich nirgends auf das Grobmaterielle eingestellt. Sie weiß, was wichtiger ist. Sie versteht es, den Quell der Menschlichkeit auch aus dem verhärtetesten Herzen zu schlagen. Nun, diese Welt- frdmmigfeit, diese Fähigkeit, die Sonne ihrer Gnade auf Menschen und Tiere scheinen zu. lassen, diese Ltebe zu allen Wesen und Dingen, welche sind, sichert Selma Lagerlöf die Unsterblichkeit.

Denn so muß mit jedem neuen Menscheufrühltug, so oft eine jjugenö aufblüht, ihre Wirkung neu erstehen. Die moralische Atmosphäre, die bei ihr herrscht, die wunderbare Selbstverständ­lichkeit, mit der bei ihr alles Gute getan wird, die absolute Zeit- und Klassenlostgkeit, die heroische Weltauffassung neben tiefem Behagen an kleinen Freuden des Lebens, der Sinn für edle ge­bundene Freiheit, die Äugend als hehre Kunst, nicht als nüch­ternes Handwerk geübt, das ist eine Welt. Es gibt keine unver­dorbene Jugend, die sich nach solcher Welt nicht in Sehnsucht ver­zehrte. Vor allem aber ist die heitere Ausgeglichenheit der Lager­löf eine Wohltat für jedes junge Gemüt. Denn jedes ist trost- bedürftig und freudehungrig. Da liest man sich tief in die Lager­lös hinein: wenn es schon einmal so ging, dann wird es immer so gehen, hofft man

Selma Lagerlöf! Wir Frauen von heute waren einmal in schönen Jugendtagen alle deine Untertanen Damals hat jede von uns eine Zeitlang im Lagerlöf-Land gelebt. Dieses Land hatte die Verfassung, die Einrichtungen, die Sitten, die uns gefielen. In Meiern Lande wirkten die Frauen, die uns Beispiele fein konnten, lebten die Männer, die wir zu lieben genötigt waren.

Es gab Tage, an denen wir gern Margarete Alsing gewesen wären, von der du sagst, daß Engel an ihrem Grabe weinen müßten. Noch lieber wären wir Ebba gewesen, die immer die Augen niederschlägt, um so bester die Pracht ihrer inneren Ge­sichte erschauen zu können. Aber manchmal hätte es uns schon ge­nügt, Maerta Dohna zu sein und uns von der Weltfreude auf den Thron des Lebens erheben zu lassen.

Die große Leidenschaft unserer Jugend gehörte natürlich Gösta Berling. Darauf hattest du, Selma Lagerlöf, es ja abgesehen, in­dem du ihn mit allen Vorzügen und vornehmlich allen Fehlern und Tollheiten ausstattetest, denen wir Frauen nicht widerstehen können. Aber ich kann es nicht leugnen, daß wir Gösta manchmal untreu wurden: mit dem Geiger Ltljeerona, wenn erla cachaucha" spielt, mit dem kleinen versoffenen Flötenspieler Nüster, wenn er gar so verzweifelt am Weihnachtstäg durch den Schneesturm dahinsauste Ach was, sogar der alte, schmutzige Eremit Hatto blieb uns nicht ungefährlich.

Höre, Selma Lagerlöf. was die Stimme der Bewunderung und der Dankbarkeit spricht: mögest du in allen Jabren deines Lebens, die noch kommen so glücklich sein, wie wir waren, als wir noch im Lagerlöf-Land lebten.

Riefele.

Die Geschichte eines kleinen Pferdes.

Von Nikolaus Schwarzkopf.

lNachdruck verboten.) lFortsetzung.j

Er stand, der Direktor! Er schwang die kurze Peitsche hochauf, er ließ sie niedersausen auf den sich darbietenden Leib, holte mit dem Fuße aus und schlug ihn, der mit schweren Schuhen bekleidet mar, dem kleinen Tier in die Rippen, daß der leichte Körper im Sand ein Stückchen davonrutschte. Nochmals bohrte sich dieser Fuß in die Seiten, und der Ruck, den er verursachte, ließ das Tierchen emporspringen auf seine vier Beine.

Schaum spritzt von dem Pferdemund gegen den Direktor, und dieser faßt das dünne Halfter, rafft alles Genem zusammen in seiner großen Hand, zerrt Miezi etwas zu sich heran und murmelte vor sich hin:

Junk, Junk, du hast keene Ahnung nich!" und faßte die Peitsche fester. Sein Mund sprudelt über, indes es zu schlagen beginnt:

Ein Lama bist nich! Nich? Biste Santa, das speecht? Nee! Nee! Scheeler Minister!"

Und dann, da die Hiebe rascher nieöerfaufen, kreischt er unaus­gesetzt zur Musik die Hiebe:

,.A genoux! A genoux! A genoux!

Man weiß schließlich nicht, wer das schreit, der Mund des Direktors oder die Peitsche!

Riesele aber, das am gestrafften Seil seitab stand, streckte den Kopf steil in die Höhe und schrie. Der Direktor kam daraufhin zu ihm her, und ließ unterwegs die Peitsche fallen. Er holte aus der Rocktasche ein Stück Zucker und hielt es Riesele hin, und indes Riesele das Stück zögernd nahm, streichelte er über seinen Hals und fagte:

Recht so, recht so, du wirst einmal bester, nich?"

Dann legte er feine überschweißte Wange an Rieseles Wange und fagte liebreich:

Dosäng, Dofäng!"

Miezi aber rührte sich nicht im Sand; Schaum stand vor ihrem Munde.

A genoux, ä genoux! trällerte der Direktor miedet und