Ausgabe 
17.3.1933
 
Einzelbild herunterladen

Vorfrühling.

Von Paul Heyfe.

Stürme brausten über Nacht, Und die kahlen Wipsel troffen.

Frühe war mein Herz erwacht, Schüchtern zwischen Furcht und Hassen.

Horch, ein traut geschwätz'ger Ton Dringt zu mir vom Wald hernieder.

Nisten in den Zweigen schon Die geliebten Amseln wieder?

Dort am Weg der weiße Streis Zweifelnd frag' ich mein Gemüte: Ift's ein später Winterreis, Oder erste Schlehenblüte?

Schottland, schön und häßlich.

Von Dr. Erwin Stranik.

Zwiespältig sind die Eindrücke, die ich in Schottland gewann. Denn hier findet sich das Schönste knapp neben dem Häßlichsten, das Erhabene neben dem Lächerlichen, und der Beweis gesättigtster Behaglichkeit unmittelbar neben drückendster Armut. Fährt man zu Schiss in den landschaftlich un­endlich reizvollen Firth of Forth ein (unb man sollte nur zuSchiss nachSchoit- land, trotz der blendenden Zugverbindungen mit London), so wächst Edin­burgh, Schottlands Hauptstadt, wie ein Märchen vor unseren erstaunten Augen aus. Eins geivorden mit verschiedenen vorgelagerten kleineren Sied­lungen, verbunden mit Leith, Newhaven, Portobello, Celinton und Corsto- phine, Sammelpunkt von mehr als 400000 Menschen, überragt es doch alle diese Distrikte wie eine Königin. Sein altes Schloß, romantisch auf 130 Meter hohem Fels gelegen und die ganze Stadt beherrschend, hat auch heute noch nichts von seinem Zauber verloren. Man steigt die Hänge, die einst von den Rusen der Höslinge widerballten, mit einer gewissen Andacht empor, so, als ob es noch schottische Könige gäbe und nicht die schottischen Hausregi­menter jetzt die ehemals fürstlichen Räume als Kasernen benützten, man sühlt sich wohl im dichtbuschigen Wald und genießt den Ausblick von der Höhe der Zinnen mit ehrlicher Bewunderung.

Zu Füßen des Schlosses lockt die in reinstem griechischem Stil erbaute Nattonalgalerie, 1859 errichtet; mit Liebe wurden hier Meisterwerke schot­tischer Malerei zufammengetragen, aber auch viele wertvolle Franzosen sind vertreten. Und nach Norden zu, in dieNeustadt", führen breite, hoch­elegante Straßen, gesäumt von herrlichen Palästen, Prunkvillen und oft unterbrochen von weithin sich dehnenden, sorgfältig gepflegten Parkanlagen. Die Princes Street, zwischen den beiden Hauvtbahnhöfen Waverley Station und Princes Street gelegen, hat man schon oft als die schönste Straße der Welt bezeichnet. Die größten Baudenkmäler Schottlands, gruppiert um das Denkmal Walter Scotts, das bis zu einer Höhe von 60 Meter aufragt, liegen hier: offizielle Gebäude, Klubhäuser und Hotels wechseln miteinander ab. Banken sieben zwischen Akademien, Kirchen und Parlament vertragen sich ausgezeichnet im architektonischen Gesamtbilde. Man wird unwillkürlich

Moral auf den verschiedensten Gebieten, in Sprachengeschichte und Musik, Dichtung und Aesthetik, Theologie und Philosophie. Die stärksten Elemente seiner schriftstellerischen Arbeit sind eine fabelhafte Neugierde, tue ,a mit Recht als ein Urtrieb der Geschichtsforschung bezeichnet worden ist, und eine charse Beobachtungsgabe. Durch diese Neugierde, die nicht selten m Klatsch- ucht ausartet, und seine realistische Beobachtung hat Nicolai der Geschichte und besonders der Kulturgeschichte unschätzbares Material geboten m feinen Romanen und seinem vielbändigen Reisewerk.

DerSebaldus Nothanker", einst eins der gelesensten Bucher, ,st auch heute noch interessant, nicht der theologischen Diskussionen wegen, um beten Willen er geschrieben ist, sondern weil er anschauliche, sachlich wertvolle Milieuschilderungen enthält. Die beiden andern Romane Nicolais, tue auf Grund einer Wette in wenigen Wochen entr an'ene »beschichte eines dicken Mannes, worin drei Heiraten und drei Körbe, nebst viel ~iebe und^eben und Meinungen Sempronius Gundiberts" sind geistlose Absurditäten gegen Kant. Auch aus seiner Reise durch das katholische Süddeutschland, die er m 12 Bänden beschrieb, beweist er wenig Verständnis für die so andersartigen Verhältnisse, aber mit seiner Wißbegierde und seinem Talent des Herum- horchens und Ausspionierens bringt er eine Fülle von Tatsachen und Be­obachtungen zusammen, die das Werk zu einer sehr wichtigen Geschlchfsquelle machen. Als ausgezeichneter Historiker hat er sich in seinen Forschungen über Berlin bewährt. Am ärgsten hat sich Nicolai gegen den Geist der so hoch erblühten Dichtung versündigt. Das zeigt seine Parodie desWerther , seine Verspottung der Volksliedersammlungen in seinem wider feinen Willen wertvoll gebliebenenfeinen kleinen Almanach". Dadurch verlor er jede Beziehung zu den Besten seiner Zeit. Lessing wurde zuletzt sehr kühl gegen ihn, obwohl Nicolai später den Toten stets für sich in Anspruch ge­nommen hat; Herder kehrte sich von ihm ab. Goethe widmete dem Ver- fasfer derFreuden des jungen Werther" ein paar derbe Spruche; H. L. Wagner zeichnete ihn als Drang Man. Grimmig sind die Genien mit dem Ouerkopf-Leerkopf" umgesprungen, der Lessing und Mendelssohn bet dem Geschäft der Aufklärung nurdie Lichter gefchneutzt". Das furchtbarste Gericht aber hat Fichte über dasliterarische Stinktier" gehalten, das er bereits als tot hehandelt. ., ...

Nicolai focht dies alles nicht an. Bis zum Ende hat er unerschütterlich festgehalten an seiner Weltanschauung. So dars denn schließlich der döse gemeinte Cenienspruch zu feinen Ehren gewendet werden:

Seine Meinung sagt er vor seinem Jahrhundert, er sagt sie, Nochmals sagt er sie laut, hat sie gesagt und geht ab.

Deshalb sterbe ich als rin lehr glücklicher Mensch ; denn es ist gewiß das höchste Glück, zu wissen, daß ein anderer an unsdenkt m Siebe undome Falschs Außer diesem aber erinnere ich mich noch an die kleinen grünen Blatter der Bäume im Frühjahr, welche klebrig sind.

Friedrich Christoph Nicolai.

Znm 200. Geburtstage des deutschen Aufklärers.

Von Dr. Friedrich Spreen.

Nicolai, der Freund Lessings und der konsequenteste Vertreter der deutschen Aufklärungsliteratur, hat das böse Schickial gehabt, m dem Licht­kreise unserer klassischen Dichtung als der dunkle Fleck zu erscheinen, gegen den fich die schärfsten Pfeile des Spottes, des Hohns und der Verachtung richteten. Als der geschworene Feind alles Schönen und Poetischen steht er wie eine Vogelscheuche auf den leuchtenden Hohen des Parnaß, um dessen gravitätisch groteskes Jammerbild die lustigen bunten Bewohner des Gotfer- berges herumschwärmen, es beschmutzend unb mit tpchen Schnäbeln darauf einhackend. Goethe hat ihn so hingestellt auf den Blocksberg in der Wal­purgisnacht desFaust", mitten hinein in den Tanz der Hexlein, denen er beweist, daß sie nicht existieren. Alle, alle haben sie an ihm ihren Witz gewetzt, von den Halberstädter Versemachern um Gleim an bis zu den ;ungsten Romantikern, denen er schon eine mythische Verkörperung des Antipoett- schen, desHarmonisch-Platten" geworden war. Um ihn an den Pranger zu stellen, haben sich die beiden Dioskuren Goethe und Schiller in den Genien vereinigt; um ihn zu vernichten, ist selbst der große Kant in die sonst ängstlich gemiedene Arena des literarischen Ringkampfes hinabgesttegen, hat Fichte, aller philosophischen Ruhe bar, mit den Keulenschlagen einer unerhörten Grobheit und Wucht dreingeschlagen. Der Mann, der mit so einzigartigem Ingrimm bekämpft wurde, der die Zielscheibe für die Pam­phlete fast eines halben Jahrhunderts war, kann feine ganz gewöhnliche Erscheinung gewesen fein.

Nicolai ist der einseitigste, aber auch der markanteste Repräsentant der auftlärerifdien Bersfandskuttur gewesen, die von England und Frankreich ausging und bald nach der Mitte des 18. Jahrhunderts auch tu Deutschland zur herrschenden Macht wurde. Es war kein Zufall, daß es gerade em Ber­liner war, der die Residenzstadt des großen Friedrich zur Hochburg dieses nüchternen Rationalismus machte. Er verdeutschte damit nur bte feetgeiftige französische Verstandsphilosophie, der der königliche Freund Voltaires huldigte, und vergröberte sie natürlich auch in der preußischen Enge. Dw Gunst der Zeit, die in der Epoche seiner Ausbildung gerade auf dieses Sta­dium der allgemeinen Geistesentwicklung hindrängte, hob den tüchtigen, bildungseifeigen, jungen Mann hoch empor, stellte ihn eine kurze Frist mit Lessing und Mendelssohn zusammen an die Spitze der Bewegung. Aber was für den genialen Hamburger Dramaturgen nur ein Durchgangs­stadium gewesen war, das blieb für den fdjroetf eiligeren, eigensinnig be­schränkten Jugendfreund immerbar der Weisheit letzter Schluß, jenes Evangelium des gesunden Menschenverstandes, das er im Namen Lessings selbst gegen Lessing unb gegen drei spätere Generationen mit eifervollem Fanatismus verteidigte. Dabei hat aber der ehrliche, von einem reinen Streben beseelte, unermüdliche Schriftsteller und Organisator ,n den Gren­zen feiner Begabung im Kampf für die von ihm als wahr und heilig erkannten Ideale der Humanität, der Toleranz, der vorurteilslofen Bildung Hervor­ragendes geleistet. Er hat den Klassikern auf ihrer Bahn zu Licht und Höhe den Weg bereitet, auch wenn er halb zurückblieb in Dunkel und Tiefe.

Als Sohn eines Buchhändlers wurde Nicolai am 18. März 1733 zu Berlin geboren. Die philosophisch-pedantischen und pietistisch-schwärmerischen Antriebe, die ihm auf der Schule entgegentraten, stießen den aufs Prak­tische unb Nüchterne gerichteten Sinn des Knaben ab. Sein großer Bftdnngs- brang und fein nie ermattender Wissensdurst regten sich erst, als vor dem Buchhändlerlehrling in Frankfurt an der Oder die Schätze der modernen Literatur bequem ausgebreitet lagen. Nun erwarb er sich durch eine um­fangreiche und wahllose Lektüre allmählich jene weit ausgedehnte, aber oberflächliche Kenntnis von Büchern und Lehren, auf die er so stolz War. Ohne sich eine systematische und gründliche Ausbildung erworben zu haben, mußte er allzu früh das Geschäft des Vaters übernehmen, und nun begann jenes halb kaufmännische und halb gelehrte Treiben, bei dem er hinter dem Ladentisch mit den Kunden philosophierte und zugleich seine Abhandlungen verfaßte, jener stets fertigenBuchmacherei" sich hingab, die Kant in seiner Schrift gegen Nicolai gegeißelt hat. Zunächst trieben ihn die literarischen Verhältnisse zu einer Abrechnung. Lessings Kritiken in derVossifchen Zeitung" hatten seinen Blick und seinen Stil geschärft, und so zeigte er sich denn in seinen 1755 erschienenenBriesen über den jetzigen Zustand der schönen Wisienschasten in Deutschland" durchaus im Besitz des modernsten Urteils. Als das Ideal der Dichtung werden Richtigkeit der Gedanken, Genauigkeit des Ausdrucks und harmonische Schönheit des Ganzen hin- gestellt. Durch diese scharf urteilenden Waffengänge sekundierte Nicolai dem kritischen Frühlingssturm, mit dem Lessing damals das alte unb morsche Gerümpel aus allen Ecken und Winkeln der deutschen Literatur hinwegfegte. Er wurde sein rühriger Kampsesbruder in denBriefen, die neueste Literatur betreffend", die die klassische Epoche unserer Dichtung einleiten. Daß Nicolai damals an Lessings Seite stand, daß er in seinerAbhandlung vom Trauer­spiel" Gedanken anspann, die zur Hamburgischen Dramaturgie führten, das sichert ihm seinen Platz in der Literaturgeschichte.

Unterdessen hatte et auch bereits feine für die Kulturgeschichte so einfluß­reiche Tätigkeit als Redakteur ausgenommen, indem et zunächst (seit 1757) dieBibliothek der schönen Wissenschaften unb freien Sänfte" und bann von 1765 bis fast zu seinem Tode dieAllgemeine deutsche Bibliothek" hetausgab. Die 256 dicken Bände dieser Zeitschrift, die bis ins 19. Jahrhundert hinein Sammelpunkt und Hauptorgan der deutschen Ausklätung blieb, umschließen Glück und Unglück, Größe und Kleinheit Fritz Nicolais. Ans dem umgrenzten Bezirk der schönen Literatur wagt er sich nun auf das weite Gebiet der allgemeinen Geistesliiltur, und je weiter er blickt, desto enger wird fein Horizont. Einen ganz einzigartigen Einfluß hat der Redakteur und Buch­händler, bet Berlin znrn Zentrum bes Rationalismus machte, mit dieser monoton stets das Gleiche wiederholenden Zeitschrift erlangt. Nicolai selbst vertritt bte Rechte des gesunden Menschenverstandes und der natürlichen