Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird.
Roman von Waller Julius B l o e m (GDS.).
(Fortsetzung.)
Am Ende der vier Räume hat Anton sein Laboratorium eingerichtet, nichts von dem prahlerischen Glanz moderner Sachlichkeit, ein Küchen- tisch dient ihm zum Schreiben, zum Rechnen und zum Experimentieren mit dem Bunsenbrenner. Die Frau Leer aus der oberen Wohnung futtert ihm ein paar Kaninchen und Meerschweinchen, denen er zuweilen seine Präparate unter die rasierten Felle spritzt. Es gibt ferner einen wackligen Kleiderständer, mehrere Kisten und Regale, während an den Wänden die Retorten, Schalen und Mörser durcheinander stehen, immer gerade derjenige unerreichbar, den man braucht.
Schon längst hat Anton sämtliche Salben und Schönheitscremes, alle Schaumbäder und Blutreinigungspillen, die es überhaupt zu kaufen gibt, chemisch analysiert, und das schwefelgelbe Pulver, das er jeden Morgen unter so geheimnisvollen Umständen mischt, ist das erste Ergebnis dieser Bemühungen, seine Salbe zu vervollkommnen.
Aber neulich war er in Eisenach, um persönlich mit einem Grossisten zu sprechen, und als er sich am Morgen im Hotel wusch und rasierte, sand er ein hartes Wasser dort, d^s sich schlecht mit der Seife verband, es macht« die Klinge kratzen, so daß er sich schnitt, und hinterließ eine rauhe Haut. Seither trägt er Tag und Nacht den Gedanken mit sich, daß man irgendetwas austüsteln müßte, Pille oder Tablette oder Pulver, womit die Männer sich das Rasierwasser enthärten können, drei Pfennige das Stück.
Aber obwohl alles von seinen Anordnungen abhängt, wagt ,emand zu behaupten, Anton sei nicht das eigentliche Gehirn dieses Betriebes. Eine Stunde nach Arbeitsbeginn taucht Kandidat Kieselbach im Büro auf, manchmal sogar noch später. Für ihn wurde quer vor eine Ecke ein Tisch gestellt, dem Fenster so fern und abgekehrt wie möglich, eine Standlampe muß dort brennen, und Modezeitungen, Prospekte von Automobil- und Seidenfabriken, Bücher über Werbekunft liegen in Massen aufgestapelt. Dort sitzt er in einem alten Lehnstuhl der Frau Leer, bläst aus einer meterlangen Pfeife und wühlt mit unsteten Händen in ewig zerknitterten Schreibpapieren, die er entweder mit Zeichnungen von Schmetterlingen, im Profil gefehenen Köpfen oder mit winzig eng geschriebenen philosophischen Abhandlungen bedeckt. Kisselbach mag jedoch tun, was er will, es endet immer und auf geheimnisvolle Weife in einem Inserat für die Salbe Erotikon.
Seit kurzem erscheinen alle männlichen Angestellten und auch der Kandidat so glatt rasiert wie englische Lords, Anton übergibt jedem von ihnen bei Arbeitsschluß täglich eine Literflasche mit einem irgendwie präparierten Wasser, sie müssen es zum Rasieren benutzen, und sofort am Morgen läuft Elli mst einer Liste herum, in welche sie eine genaue Zensur des jeweiligen Wassers ejnträgt, dessen Zubereitung ständig zu schwanken scheint. Seither zeigen Kieselbachs Arbeiten eine leichte Tendenz, sich auf die Kunst des Rasierens zu erstrecken. Nach vierzehn Tagen hat Anton seine Pillen fertig, Kieselbach heißt Elli einen Haufen Zeitschriften besorgen, blättert die Inserate durch und tauft die Pillen „Barbaran", das später in „Barbaran weich" verwandelt wird, obwohl es keine harte Sorte gibt. Um das neue Erzeugnis stillschweigend einzuführen, entwirft der Kandidat einen handgroßen Prospekt, der künftig den Salbentuben nebst einem Tütchen mit drei Pillen beigepackt wird. Elli allerdings erkundigt sich nicht ohne Berechtigung, ob das Erotikon etwa nur von verheirateten Frauen gekauft werde. „Im Gegenteil, die haben den Apfel vom Baum." — „Ach was", sagt Anton, „ein Mann ist immer irgendwo in der Nähe, wenigstens bei denen, die eine Schönheitscreme benutzen."
Stimmt das?
Es 'ist nicht viel los mit dieser kleinen Fabrik, nicht wahr? Vier Räume, in denen es fade und süß riecht, Wände mit verstaubtem Mörtel und mit bröckelnden Nagelspuren, Spinngewebe in den Ecken. Nur acht Menschen etwa, die ihr Brot finden, und gewiß kein Üppiges. Aber wenn Anton Wagenschanz mit argwöhnischen Blicken durch die vier Räume schleicht, immer in der Sorge, daß die Leute ihn Übervorteilen oder daß sie faulenzen, es klappert und stampft in den vier Räumen und läuft hin und her, so kommt es vor, daß er sich mit Staunen fragt, wie ist das eigentlich entstanden, wie ist es zugegangen? Gemessen an seiner dumpfen Untätigkeit hinter der Theke seiner Mutter scheint es ihm, als habe er die Welt geschaffen! Wahrscheinlich sitzen Hunderte, Tausende und Millionen müßig herum, untätig und verzweifelt, sie warten aus einen solchen Entschluß, durch den ein anderer ihnen Brot auf den Tisch setzen soll, aber zu ihnen kommt kein Anion Wagenschanz. Das denkt er ohne Hochmut. Alle Straßen findet er sperrangelweit offenstehen, die er verriegelt glaubte, offen für ihn, sofern er nicht daraus hofft, daß ein Fremder ihn nutzieht. Ja, wie ist es zugegangen, wie kam es eigentlich, was gab den Anstoß? In der Erinnerung kommt es ihm so vor, als sei alles kinderleicht gegangen, wie von selbst, und alles Schwere nur in der Zukunft. Denn wird er sich auf die Dauer halten? Er rührt unaufhörlich die Trommel an allen Orten im nahen Umkreis, und sobald er sich denkt, nun ' haben wir es geschafft, nun läuft die Karre von selber — dann tröpfeln die Nachbestellungen nur noch zögernd herein und versickern ganz.
Der Lehramtskandidat Kieselbach ist in die Reihe der Lebendigen zurückgekehrt, schon trägt er auf Abzahlung einen neuen Anzug, feierlich schwarz und mit einem steifen Röhrenkragen. Er hat seine Talente entdeckt, fernab vom Lehramt, für das sein Vater ihm eine nutzlose Ausbildung verschafft hatte, und auch dieser Umschwung kam her aus jenem einsamen Entschluß.
Als er nach anfänglichem Herumlungern in Antons Nähe einen richtigen Arbeitstisch bekam, brachte er sich bald eine Flasche Wein mit, ohne die er nicht .dichten' zu können behauptete. Elli, die im gleichen Raum an ihrer Maschine schrieb, erwiderte ihm, er solle nicht dichten, sondern arbeiten. „Von solchen feinen Unterschieden verstehen Sie nichts, Fräulein Elli."
Tags darauf fand er Wasser in seiner Flasche, der schöne Rotwein floß in die Kanalisation. Daraufhin brachte Kieselbach sich eine kleine Rockflasche mit, aber der Tag glühte vom Himmel und der Rock hing über der Stuhlkante; der Kandidat kam aus dem Laboratorium zurück, auf seinem Arbeitstisch lag eine Schachtel mit den feuchten Scherben auch dieser Flasche. Da geschah etwas Außerordentliches, er krempelte die Aermel auf und schlich, die Augen rot vor Wut, auf das Mädchen los. Aber bevor er Elli anzugreifen wagte, zischte er Schmähungen. „Sie riechen nach Schnaps, Kieselbach", sagte Elli unbarmherzig. In seinem Gesicht ging eine Veränderung vor, sie drchte ihm jetzt erleichtert den Rücken und spannte einen neuen Bogen in ihre Maschine. Seither gehorcht der Kandidat ihr wie ein Schoßhündchen, seither liebt er sie ohne Wagemut.
Seine vom Lebensüberdruß und vom Alkohol geschädigten Nerven zittern abends, wenn er sein Zimmer betritt, es ist ein winziges Hinterhauszimmer, drei Stockwerke hoch, Elli trieb es für ihn auf, und auch fie erreichte nur mit vielen Bitten etwas, da niemand den bekannten Säufer aufnehmen wollte. Man blickt dort über hundert Dächer, mitten ins Abendlicht, zu dem die schwachen Opserseuer zahlreicher Kamine empor rauchen. Täglich versetzen Zauberhände dies Zimmer in einen unbeschreiblich herrlichen Zustand, man tritt abends dort ein wie in das verlorene Paradies der Kindheit. Dach um Kieselbach toben immer noch die bösen Geister, seine Hände sind besessen von ihnen, er ergreift dieses und jenes Stück, stellt es sinnlos weg, und Minuten später sieht das Zimmer verwüstet aus, bewohnt von einem Unhold. Es steht immer noch schlimm um Kieselbach. Aber er liegt aus dem Fenster heraus, läßt seine Großvaterpfeise in den Abgrund hinabhängen und weint Tränen über die Herrlichkeit des verblassenden Himmels.
Bei Tage, mit einem Blick in diesen knallblauen Himmel hinein, bedauert Doktor Wagenschanz gelegentlich, daß er keine Zeit findet, das Autofahren zu erlernen, obwohl er einen Wagen besitzt (und was für einen!) Gleichmütig erwidert Kieselbach: „Warum lassen Sie sich nicht von mir fahren, Herr Doktor?"
„Was, Sie können Autofahren?" schreit Elli.
Anton zweifelt. „Haben Sie denn überhaupt einen Führerschein?"
Der Kandidat hott mit lässiger Hand aus seiner abgegriffenen Brieftasche das Papier hervor.
Schon am nächsten Tage erscheint ein junger Monteur mit zwei Bierflaschen voll Benzin bei der Witwe Wagenschanz und steuert den taubengrauen Wagen rückwärts zum Schuppen hinaus, als ob das gar nichts sei, und vorwärts durch Hof und Straßen zum Bezirksamt. Kieselbach sitzt als zweiter Mann dabei, hohlwangjg und unausgeschlafen hockt er in den Polstern, da er die ganze Nacht beim Schein der Petroleumlampe wach zu Bette lag und seine Kenntnisse vom Autofahren durch eine Art Selbststudium auffrischte, gegen Morgen konnte er es schon wieder großartig. Er log nicht, vor einer Reihe von Jahren war ihm eine kleine Erbschaft zugefallen, die er als moderner Mann nicht besser verwenden zu können glaubte als mit dem Besuch einer Fahrschule, und mit Ach und Weh bestand er damals das Examen. Nun gleitet der taubengraue Zweisitzer ruhevoll und unhörbar dahin und ahnt noch nichts von seinem künftigen Schicksal.
Nach einer Stunde (mir arbeiten in dieser Hinsicht bei weitem fortschrittlicher als sogar die Reichshauptstadt) slitzt der Wagen aus dem Hof der Behörde, vorne und hinten leuchtet eine funkelnagelneue Nummer mit einem prahlerischen roten Stempel darauf. Kieselbach zögert nicht länger, ein paar sachkundige Redensarten fallen zu lassen „Perdammt gute Kompression", tagt er anerkennend, „das hört man ordentlich." Dann geht das Benzin zur Neige, sie bremsen vor einer Pumpe, eilfertig springt Kieselbach heraus, greift nach dem Benzinschlauch, schraubt vorn den Kühlerdeckel ab und steckt den Schlauch hinein. Der Monteur und der Tankwart halten sich die Bäuche. Nun hat der Monteur etwas davon gehört, daß Kieselbach mit dem Wagen fahren soll, und weil ihm die Sache verdächtig vorkommt, führt er den Zweisitzer aus der Stadt heraus und überläßt dem andern das Steuer. „So, nun fahren Sie mal!"
Inzwischen jedoch hat der Kandidat seine theoretischen Kenntnisse durch praktisches Aufpassen förmlich auf die Spitze getrieben, in der höchsten sportlichen Erwartung nimmt er den Platz des Führers ein, übersinnt unter schärfstem Nachdenken nochmals die nötigen Griffe, schaltet kraftvoll, aber der Taubengraue zuckt nur ein bißchen und bleibt verstummt auf der Stelle. „Nanu?"
„Im allgmeinen fährt man ja nicht mit blockierter Bremse, Herr Kandidat." Man einigt sich, daß ein solches belangloses Versehen zuweilen auch dem erfahrensten Lenker widerfährt, und nichts hindert Kieselbach nunmehr abzufahren. Die reichlich verkonstruierte Maschine bewegt sich 1 jedoch mit einigen schnellen Sprüngen rückwärts; ein ruscher Griff des Monteurs zur Bremse belehrt sie darüber, daß sie sich so zu verhalten hat, wie es ihren Führern gefällt, und nicht etwa hier eigenmächtig herum- laufen darf. Sie erträgt die Faust des Menschen nur ungern, denn der Motor bleibt mit einem zornigen Röcheln stehen. „Bestie!" stößt Kieselbach zwischen den Zähnen hervor. Es gelingt ihm denn auch, den Eigenwillen des widerspenstigen Mechanismus zu brechen, mit ungeheurer Anstrengung schleppt der Wagen sich einige Schritte dahin, bis er vollkommen erschöpft liegen bleibt. „Na ja, los! Warum geht es denn nun nicht mehr? Kieselbach schüttelt verwundert seinen Vogelkops.
,,Fahren wir zurück", meint der Monteur, indem er sich wieder ans Steuer schiebt. Der Zweisitzer spitzt die Ohren, wittert Stalluft und schnaubt wie ein Falke bis vors Tor der Chemischen Werke. Im Laboratorium findet eine kleine Unterredung zu Drift statt, der Kandidat Kieselbach ergreift eine Retorte, schmettert sie in Scherben und nimmt wieder an feinem Arbeitstische Platz, die Enttäuschung flackert in feinen Händen, er zündet feine lange Pfeife an und hüllt fein Haupt in stinkende Oualmwolken.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. - Druck und Beklag: Drühl'sche Universitäts.Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen


