Wieso für den, wollt« Ethel wissen. „Es ist mein Papa , sagte der Junge. Herr Thomson, der ihn wieder für irrsinnig hielt, fragte streng, wie er denn heiße? „Lord Bill Jnverelide", sagte der Junge.
Am nächsten Morgen, als die weinende Ethel den Buben zu seinen aeängstigenden Eltern zurückbrachte, fragte sein Bater, wahrend er ihn glücklich umarmte: „Aber was hattest du nur in Lumpen aus dem Devonshire Place zu suchen?" . „ „„
, Ich wollte wissen, wie man sich fühlt, wenn man em armer Junge ist, und ich muß sagen, daß ich es wundervoll sand. Man hat nur ein Buch vorgelesen", erklärte der Bub, „das von Ansang bis zum Schluß von einem kleinen Jungen handelte, dessen Erlebnisse eben so merkwürdig waren wie die eines Helden der Geschichte. Und darum war ich gestern aus dem Devonshire Place Oliver Twist.
Sonderbar", bemerkte der Admiral zu Ethel Friederike, wahrend er sie zu ihrem Wagen führte, „daß das Kind einen solchen Eindruck bekommt von etwas, was, wie wir alle wissen, dieser Herr Dickens von Anfang bis zum Schluß erlogen hat."
Ja", sagt« Ethel Friederike und verschwieg, welches von ihren Buchern zu Hause der Anlaß gewesen war für ihren Entschluß: auszugehen, um «in armes Kind vor Kummer und Leid zu retten.
Tolstoj privat.
Erinnerungen aus dem Elternhause des Dichters. Bon Mexandra Tolstoj.
Eine Zeitlang studierte mein Baler den Buddhismus und andere orientalische Religionen, sowie die Werke großer Philosophen. „In welch erhabener Gesellschaft ich den Abend verbracht habe!" pflegte er dann am nächsten Tag nach der Lektüre von Kant, Schopenhauer und anderen großen Denkern zu sagen. Auch beschäftigte er sich mit dem Gedanken, auf welch« Art er die Frucht dieser Stunden breiten Massen zugänglich machen könnte, und kam aus die Idee, einen Abreißkalender mit „Aussprüchen weiser Männer" zusammenzustellen. Er suchte zu diesem Zweck, wie Juwelen, Sprüche aus der Masse von Büchern, die ihn umgaben. Dieser Kalender bildete den Anfang einer ganzen Reihe ähnlicher Bücher, hie er bis zu feinem Lebensende herausgab. Als der Verleger Iwan Gor- bunosf meinem Vater die ersten Namensexemplare des neuartigen Kalenders zuschickte, kannte sein« Freude keine Grenzen. Er las allen aus dem Kalender vor, und ich kann mich nicht erinnern, daß ihm jemals ein Buch soviel Freude bereitet hätte.
Meine Mutter hatte immer viel zu tun. Sie ordnete die Bücher, die Autoren und Verleger dem Vater massenweise ins Haus schickten, trug sie in einen Katalog ein, sammelte Zeitungsausschnitte, klebte sie in ein Album, machte photographische Aufnahmen, die sie dann selbst entwickelte. Manchmal wußte sie nicht, wohin sie ihre Energie entladen sollte. In ihrem Zimmer lagen all« möglichen Gärtnerinstrumente. Im Sommer pflegte sie die Nessely, die an der Mauer wucherten, niederzumähen, obwohl in unserem Hause ein Gärtner angestellt war. Sie liebte es, auch Garteiitische, Bänke und Waschtische zu streichen. Nie konnte sie untätig sein. Eines schönen Tages wollt« sie Maschinenschreiben lernen und ver- brachte nun die ganze Zeit ah der Schreibmaschine. Genau so unerwartet entflammte sie auf einmal für Malerei — sie kopierte Bilder unserer Ahnen und versucht«, meinen Vater und mich zu porträtieren. Dann kam eine Leidenschaft für die Schriftstellerei an die Reihe. I» der „Zeitschrift für Alle" erschien ein Gedicht „Seufzer", dessen Alitor meine Mutter war. Ihre stärkste Leidenschaft wurde aber Musik. Sie hämmerte nicht nur Tonleitern und Hebungen aus dem Klavier, sondern versuchte alles nachzuspielen, was Tarejew, der bekannte russische Pianist, an seinen Klavierabenden vortrug: Beethoven, Mozart und Mendelssohn. Sie spielte die Stücke unzählige Male vom Anfang bis zum Ende, immer mit denselben Fehlern und schlug auf die Tasten mit ihren schwer sich biegenden Fingern. Jeder Gast, der ein wenig auf dem Klavier klimpern konnte, wurde sofort von der Mutter gebeten, mit ihr vierhändig zu spielen. Ja, der Gast wurde überhaupt danach eingeschäßt, ob er Klavier spielte.
Mutter fuhr oft nach Moskau und kehrte von dort vergnügt und belebt, von Konzerteindrücken voll, zurück. Ich aber geriet in einen Zustand der Grübelei und Reizbarkeit, wie er mich in meiner Kindheit oft gequält hat. Manchmal stürzte sich Mutter mit ihrer ganzen Energie auf die Wirtschaft. Sie verstand aber nichts davon und konnte auf diesem Gebiet nichts Gutes leisten, da sie nur Kleinigkeiten beachtete, das Wesentliche aber übersah. Sie ärgerte sich über Bauernfrauen, die durch den Hof mit (Brasbiinbeln gingen, wütet« über ein altes Weiblein, das einen trockenen Ast aus dem herrschaftlichen Wald fortschleppte, bemerkte dagegen nicht die Diebstähle des Gärtners, des Gutsverwalters und die allgemeine Mißwirtschaft.
Ich entsinne mich eines tragischen Falls, der durch eben diese Mißwirtschaft verschuldet wurde. Seit Menschengedenken wurde in Jas na ja Pol- iana Sand aus eine Sandgrube geholt. Das Saiidholen war mit der Gefahr, verschüttet zu werde», verbunden — alle wußten es, und dennoch achteten die Verwalter, die den Bauern 10 Kopeken für eine Fuhre Sand abnahmen, nicht auf die Todesgefahr, die den Leiitkn drohte. Eines Tages wurde der Bauer Semjnn Wladimiroff vor den Augen des Starosten verschüttet. Er hatte zu tief gegraben, die Grub« füllte sich mit Sand, der Unglückliche konnte seine Beine nicht mehr befreien. Er wimmerte, flehte um Hilf«, schrie. Der Stnrofta und der Sohn Semjons wollten dem verzweifelt um fein Leben^Ringenden ein Seil zuwerfe, fühlten aber, wie der Sand unter ihren Füße sich bewegte, und [prangen entsetzt zurück. Sie mußten zusehen, wie Semjon vom Sand zugedeckt wurde und hörten herzzerreißende, erstickte Klagerufe aus dem Sandgrabe ertönen. Man stürzte ins Haus des Gutsherrn und beriditefe von dem Unglück. Selten habe ich den Vater so erschüttert gesehen Zusammen mit Arbeitern grub er die Leiche Semjons aus. „Man darf Menschen nicht solchen Gefahren ausseßen", tagte er der Mutter streng. „Wenn du die Wirtschaft führst, mußt du sie entweder gut führen ober die Arbeit ganz auf geben'" Es war das einzige Mal, daß mein Vater sich in die Wirtschaft einmischte.
Er stellte Landarbeiter an, zeigte ihnen, wie man eine Sandgrube aus- 1 gräbt, und besucht« seitdem oft die Grube, um zu sehen, ob alles ii
Mutter war überzeugt, daß ihr« wichtigst« Lebensausgabe die Sorge um den Vater war. Sie fühlt« die innere Entfremdung, klammerte sich — wie der Ertrinkende an einen Strohhalm — an äußere Sorgen um ihn. Sie freute fick) mit einer warmen Müße, die sie ihm strickte. Sie verstand nicht, daß nichts die moralischen Leiden des Vaters lindern konnte war aber felsenfest davon überjeugt, daß mein Vater zugrunde- gegangen wäre, wenn sie ihm nicht Fleischbrühe heimlich in die Suppe hineingeqossen hätte. . .
Im Jahre 1895 hatte mein Vater eine Art Testament in seinem Tage- bud) verfaßt, in dem er feine Drau und die Minder bat, feine üterariiujen Werke der Allgemeinheit freizugeben. „Die Tatsache, daß meine Werk« in den letzten 10 Jahren verkauft wurden, ist für mich eine schwere seelische Last. Meine Schwester Mascha zog drei Kopien von diesem Testament ab, lieg den Vater ein Exemplar unterschreiben, gab die zwei übrigen dem Freunde Vaters, Tschertkoff, zur Aufbewahrung. Mein Bruder Ilia erfuhr die Geschichte und erzählte der Mutter davon. Ihr ganzer Zorn ergoß sich über Mascha. Sie nannte Mascha falsch und verlogen, beschuldigte sie, dem Vater das Schriftstück heimlich untergeschoben zu Haden. Mascha erklärte, daß das betreffende Dokument keine Rechtsgiiltigkeit besaß, und erinnerte daran, daß die ganze Familie den Willen des Vaters kannte. Mutter hörte nicht zu und fuhr fort zu toben und zu schreien. Sie war • Mascha vor, nach dem Verzicht auf ihr Erdteil es wieder zuruckverlangl zu haben, um ihren Mann, „einen Hungerleider", durchzufüttern. Dann lief sie zum Vater. Ein furchtbarer Auftritt spielte sick) ab. Vater wollte anscheinend das Schriftstück nicht vernichten, denn Mutter hörte nicht auf zu toben- sie schrie, heulte, drohte mit Selbstmord. Vater bekam eine Herzattacke. Mascha wußte, daß die Mutter nicht aufhören würde, ihn zu quälen, und gab ihr — aus Furcht um feine Gesundheit — das Testament zurück. , . , , ..
Wie trotzig sah mein Vater aus, wenn er nach einer erfolgreichen Arbeit aus seinem Zimmer heraustrat. Sein Gang war leicht, das Gesicht freudig, die Augen lachten. Manchmal drehte er sich auf den Absäßen herum oder schwang das Bein über die Stuhllehne. Ich glaube, «daß mancher rechtgläubige Tolstoj-Nachfolger über ein derartiges Benehmen feines Lehrers und Meisters entsetzt wäre. In der Tat: Fröhlichkeit wurde meinem Vater übelgenommen. Ich erinnere mich an folgenden charakteristischen Fall. Am „Präsidentenplatz", wie «r bei uns hieß, saß die Mutter. Rechts von ihr der Vater, neben ihm Tschertkoff. Wir speisten auf dem Balkon — es war unerträglich heiß und Mücken schwirrten durch die Luft, stachen ins Gesicht, Hände und Füße. Vater unterhielt sich mit Tschertkoff, die Stimmung war heiter. Plötzlich bemerkte mein Vater eine Mücke auf der Glatze Tschertkofss, macht« eine schnelle Bewegung und schlug ihn auf die Glatze. Von der mit Blut vollgefogenen Mücke blieb ein kleiner roter Fleck. Alle hielten sich die Seiten vor Lachen, auch mein Vater. Tschertkoff unterbrach den allgemeinen Heiterkeitsaus- bruch, indem er feine schön-geschwungenen Augenbrauen düster zufammen- zog und meinen Vater vorwurfsvoll anstarrte. „Was haben Sie getan, Leo Nikolajewifch", sagte er,' „Sie haben ja ein lebendiges Gefchöps ermordet! Schämen Sie sich!" — Mein Vater war beschämt. Alle konnten letzt ein ungemütliches Gefühl nicht unterdrücken.»
‘ Hunde und Pferde spielten in unserem Hause eine große Rolle. Mein Vater ging oft mit einem Barsch spazieren. Dieser Hund war ruhig, solange er nicht einer Schafherde begegnete. Dann pflegte er sich auf die Herde zu stürzen und zerriß manchmal Schafe. Eines Tages kam mein Vater von einem Spaziergang äußerst verstimmt zurück. „Gib den Hund weg!" befahl er mir. „Er hat heute wieder Schaf« gejagt, ich habe ihn mit Mühe gebändigt." „Hast du dich zu sehr anstrengen müssen?" fragte ich teilnahmsvoll. „Das wär« nicht schlimm. Er hat mich aber zu einer Sünde verführt. Ick) habe den Hund mit dem Riomengürtel geschlagen. Bas Schlimmst« aber war, daß ich es mit Bosheit getan habe!" So mußte ich den Barsoj anderweitig verschenken.
Einmal zeigte er auf eine Stelle bei einer Wiese, die im Frühling von Vergißmeinnicht ganz blau war: „Sascha!" sagte er, „hier zwischen diesen Eicken sollt ihr mich begraben, wenn ick) einmal tot bin."
(Ins Deutsche übersetzt von Dr. $ e troff.)
Bei den Sioux-Indianern.
Von Josef Ponten.
Da steht westlich des Missouri in Süd-Dakota in Nordamerika ein Wunderwerk der Natur, das menschlichem Großwerk, der Architektur, in seiner äußeren Erscheinung merkwürdig sich nähert.
Man kommt von Norden durch große Einsamkeiten. Durch magere Prärien schleicht aus schlechten Wegen das Automobil. Vielleicht braust eine Herde von sreiweidenden Jndianerpserden vor dir auf — im Zeitalter des Kraftwagens kann man hier ein Pferd für nur einen Dollar taufen. Auf einem Crdhügel steht vielleicht ein schweigender Sioux- inbianer (die Amerikaner sprechen Sioux wie Sfu), aus scharf geschnittenem Gesicht, die Hand über der Stirn, nach den Rossen äugend. Aber da steigen weihe und cremefarben« Mauern auf-, gegen den Himmel linear* scharf abgeschnitten und mit unbedingt senkrechten Klüftungen inmitten. Der Laie spricht von „senkrechten Wänden", di« er etwa in her Alpennatur gesehen hab« — selten, sehr selten findet sich in der Natur die geometrische Senkrechte, fast nie in den Alpen. Aber näher find wir schon dem merkwürdigen Landschaftswesen gekommen, es löst sich auf in einzelne, massige Bauten. Trotz der bald erkennbaren Höhe sind es gebildete Klötze von mehr Breitenerstreckung als Höhenerhebung. Und trotz der spielerischen Vielfalt der Formen zeigen sie eine Einsalt des Typus. Wir fassen einen Klotz ins Singe.
Vor uns steht ein Erdbau, über anlaufenden Böschungen senkrecht, breit ausladend, mit kräftigen horizontalen Bändern, die wir Gesimse nennen müssen. An den Ecken erheben sich vollkommene Türme. Die „Dächer" (sinh wir versucht zu sagen) sind fast flach mit ganz kleinem


