Nummer 52
Montag, -en 25. April
ahrgang 1932
Erzählung von Rut Lands Hofs.
Oer Mond.
Bon Wilhelm Busch.
Der Mond. Dies Wort so ahnungsreich, So treffend, weil es rund und weich — ■ Wer wäre wohl so kaltbedächtig.
So herzlos, hart und niederträchtig.
Daß es ihm nicht, wenn er es liest, Sanstschaudernd durch die Seele fließt?
Schlechte Folgen guter Lektüre.
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Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Lächeln aus den lieblichen Zügen nach Hampton und vor ihr Haus. Wah- rend sie den Knaben den Händen ihrer Jungfrau, um ihn zu säubern und der Lumpen zu entkleiden, übergab, ging sie durch all« Räume uno begann alle umherstehenden Kleinigkeiten, wie Porzellanfiguren und silberne Dosen, sortzuschließen, denn sie hatte bei ihrem Lieblingsautor gelesen, daß arme Kinder oft diebische Veranlagungen haben oder, dem chtechien Beispiel ihrer würdelosen Eltern folgend, das Fortnehmen und Äneignen von ihnen nicht gehörenden Gegenständen sich angewohnt hoben.
ans sie den Schlüssel drehte, kam weinend und die Hände ringend ihre Jungfrau herein und berichtete, das fremde Kind volle sich um keinen Preis waschen lassen, es kratze und beiße, wenn man ihm mit dem Schwamm komme, und sei beim Anblick der Zahnbürste in herzbrechende Tränen ausgebrochen. Ethel Friederike, darauf vorbereitet, für ihr schweres Unterfangen eine seltene Geduld nötig zu haben, tröstete das weinende Mädchen und folgte ihr in das ehemalige Kinderzimmer des Hauses. Hier anden sie den sremden Knaben, wie er splitterfasernackt, mit dem durch Tränen verschmierten-staubigen Gesicht wie ein streitbares Teufelchen aussehend, mit Bürste, Seife und Lappen Flottenspiele im Badetrog oer- anstaltete. „Dies ist die Fregatte des zweiten Admirals McPhearson, agte er, seltene Kenntnisse verratend, und deutete auf die schwimmende Seife und, sie mit den Fingern stoßend: „Jetzt kriegt sie eine Breitseite und geht unter." Die Seife ging tatsächlich unter, wurde zusehends kleiner und färbte das Wasser mit weißlichen Blasen. „Das ist der Soak, erklärte der nackte Junge. Wahrscheinlich ist er aus einer Hafengegen», dachte Ethel Friederike, und „komm, sei lieb und steig ein , bat sie ihn. „Aber Mädelchen", sagte der Junge, „wie kann ich das? Weißt du denn sy genau, ob das Meer hier keine Haie hat?" — „Es ist doch ein Wasch- troq" erklärte Ethel Friederike tief erschrocken über die Unwissenheit des armen Kindes. — „Du irrst, Mädelchen", sagte das Kind freundlich. jetzt ist es gerade der indische Ozean, und ich bin Black Bill, der Pirat. Ethel schauderte: in was für einer Umgebung mochte das Kind ausgewachsen sein, daß es in so zartem Alter schon wußte, was ein Pirat sei.
Mit Hilfe der Jungfrau hatte sie es gerade fertiggebracht, den Knaben in das warme Wasser zu befördern, als er fürchterlich anfing zu brüllen: scklimmer sei es zu Hause auch nicht, und er wollte zurück, alles, wahrend Ethel unverdrossen seine sich.rötende Haut mit Bürste und Schwamm becirb'eitete.
fjerr Thomson, der gerade aus den Ställen kam, hörte das Geschrei und lief nichts Gutes ahnend, dem Klang nach. In dem alten Kinderzimmer fand er seine Tochter über und über von Seifenwasser triefend, einen gewaltig schreienden Knaben aiif den Knien, den sie mit Tüchern trocken rieb Als es Herrn Thomson erblickte, wurde das Kind ruhig, fa es begann fröhlich zu lachen. „Mädelchen", sagte es zu Ethel Friederike, die es erstaunt ansah, „was hat der Herr für einen ungeheuer dickm Bauch." Herr Thomson, gekränkt durch diese reichlich oberflächliche Kritst seiner Person, erfuhr auf seine Frage, daß seine Tochter dieses arme Kind in London gefunden habe, daß sie ts hier behalten und zu einem Herrn erziehen wolle. Herr Thomson rang die Hände, hielt ihr vor, wie unbedacht sie gehandelt hab«, daß sie kein Recht habe, ungebeten in fremder «eilte Schicksal einzugreifen, und ähnliches mehr. Derweilen hatte der Junge aus einer Kommod« und den Badetüchern ein Segelschiff gebaut, und'da der von Rässe spiegelnde Fußboden sich ausge,zeichnet zum Ozean eignete anqefangen, imaginäre Regatten zu segeln. Plötzlich rutschte er auf der Kommode, di« er als Maltkorb erklettert hatte, aus und fi^ herunter. „Mann über Bord, die Trossen los! schrie er. „®as^inb scheint verrückt zu fein", bemerkte Herr Thomson bedauern. „Vielleicht ist es nur vorübergehend irre", schlug die Jungfrau vor.
Ich trage -keine Weiberkleidung", rief der Junge empört, als letzt Ethel Friederike versuchte, ihm eins ihrer alten Kinder-Nachthemden über- zuziehen Dann bleibe ich lieber nackt rote alle Galeerensträflinge. Er nahm Herrn Thomson seinen Reitstock fort und begann angestrengt atmen» damit auf feinem Ozean herumzurudern. „Ich bin ein Lebenslänglicher , verkündete er stolz. „Ein ungewöhnlich sittenloies Kind , bemerkte Herr Thomson und ging, betrübt den Kopf schüttelnd, aus dem Zimmer.
Mittlerweile hatte Ethel Friederik«, die mit Kummer feststellte, daß ihre Aufgcibe über ihre Kräfte gehen würde, den Knaben ins Bett gesteckt und ihm' sein Abendessen kommen lassen: er aß ungeheure Mengen und bemerkte zufrieden, daß er daheim abends nie Beefsteak bekommen habe unb überhaupt kein Fleisch. Der arme Junge, dachte Ethel Friederike, und die Tränen schossen ihr in die Augen. Wahrscheinlich hatte man ihn f,Un3um Beten wurde Herr Thomson wieder gerufen, um etwaigen Widerstand gleich im Reime zu ersticken. Wußte man denn, aus welchem flotte ofen Milieu der Knabe stamme? Aber er sprach sein Gebet sehr ordentlich und bat am Schluß den tieben Gott um besonderen Schutz für das Pony, welches ihn hergebracht hatte, den Herrn nut bem tuf igen Bauch, bas Mädelchen und für den Großadmiral der englischen Flotte, Amen.
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In der Zeit, als ein gewisser Dickens in England mit seinen Berichten über inenMiche Schicksale, über die Bestrafung der bosen und die Leiden md endliche Belohnung der guten Menschen auf dieser Welt viel Ehren md »Geld verdient«, lebte in Hampton, nicht weit von London, Herr j O A Thomson. Er besaß ein hübsches einstöckiges Häuschen, das, nmitten eines blühenden Gartens und auf einem Hügel S^en, außer ^lesenen Möbeln und bildlichen Darstellungen von hochgestellten Person- ichkeiten und von Jagden hinter bem Fuchs einen besonderen Schatz enthielte feine Tochter. Diese, ein wohl gebildetes, herzliches Geschöpf, bas rach der früh verstorbenen Mutter unb einer weitläufigen vernmnbten teutlcken Tante Ethel Friederike hieß, war merkwürdigerweise trotz ihres bestrickenden Aeußeren noch unverheiratet, obwohl ft« ihr achtzehntes ^ebenssahr bereits überschritten hatte.
Eines Taaes als Herr Thomson, der di« Aufsicht über die Vewirte chaftung seines'Gutes selbst betrieb nach mühstimem Tagewerk he^ - lam, machte Ethel Friederike ihn wahrend des E se s, bas. °'>st -mmer -echt schweigsam verlief, mit einem Entschluß bekannt, den sie, angereg 0u7ch die Lektüre eines zeitgenössischen Dichters üestißt ^atte. Sie H b agte sie, genug davon, gehegt unb gepflegt dahmzutebm ^d sei dayer uit chlossen etwas Nützliches zu unternehmen. Herr -homson, u w oatbiick berührt warf ein daß Ethel Frieberike von ihrer Eigenlast. As ^weibliche Person bereits von Natur aus zu etwas °ußergewohn ich Nützlichem vorausbestimmt sei, na mich einem edlen Maiinenegi Gattin und schließlich Mutter von Kindern öuwerdendiefe W J wieder hegen unb pflegen könne: worauf Ethel Friederike erwioerre,
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i von ihnen hätten nichts zu essen, ja nicht einmal ein ich Kopf, und derlei unmädchenhaste Sachen mehr Und.es schien D Thomson, als fände seine vorlaut« Tochter es richtiger' erstalle h g g Kinder zu speisen und zu pflegen, ehe man neu« an,erlüg .
Der nächste Tag fand Ethel Friederike, derb und ^rstandÄah'fl gekleidet, auf dem Bock ihres Ponywagens um^nach Londoniju tutfcjie ten und dort in dieser großen Stadt des Elends das ’ | , ’
bedürftigste Kind herauszufinden um ihm zu helfen. Die schmutzigsten 5tvnfaen bie sie eirtfcf)(ucu bic büfterften leintet schienen ) 6 , (
ß^hr Borhaben Kran einer Ecke, in die sieeinb.egenroo bbeb das Pony plötzlich stehen und weigerte sich, noch Weiterhin einen D-st vor den anderen zu setzen. Es riß den geschirrt pf
» nnb wieherte so angeekelt, daß Ethel Friederike be chl ß, ^trafsen ‘ dem holprigen unb kotigen Pflaster fernerhin zu "erich - n yn.
oufznfuchen, bie, wenn auch ärinlich, so bod) fllatt (Säufer ftanben, versehens kam sie nun in eine Gegend, wo schone hohe y i '
mit Blumen an den Fenstern und großen, vornehmen Auffahrten. Kirchs . Zeit war noch nicht vorüber, es herrschte vollkommene . Pl ^gbjelt
dem Pony, dessen ehrwürdiges Sliter es fllucklicherwe!
Tu steigen ein Klumpen Erde an den Kopf. Ethel ,irie . „
..m' ÜL bemerkte zwischen den Büschen der Anlagen von Devon We Place einen schmutzigen, völlig verwahrlosten lind, zerlumpten ^«>1^ ir Knaben, dessen Hände gerade ein neues Wurfgeschoy trotzig
: (stieg ab, unb mit liebevollem'Lächeln begann st« auf bas Kmb, bas trotzig
* AM 7-d ««W« S,*.
dem bie Jucht imb Sitte bes Elternhauses Kon^ mit ch^^ll
I 1ür bich forqen unb mit Liede unb (Bute, y1. « . frhtmihi»
Vorbild biVauf den guten Weg leiten " Der Knabe siihrte se.ne^chmutzi-
I flen Hände zum Mund unb betrachtete erst ""Iranisch, V ^nvachen- ! den Fingernägeln knabberte, die freute Dame, und - b f.enb dem Interesse, bas Pony. Kurz entschlossen hob Ethe Friederike beyeno
I 'das fremde Kind auf den Dock, wobei sie ihre Mantill« ar«, benutz , I hüllte es trotz der strahlenden Fruhiahrssonne -in furforgUch genommenes Plaid tmb fuhr schweigend, aber mit einem jutneD


