Figaro.
Zum 200. Geburtstage von Beaumarchais.
Von Dr. Friedrich Spreen.
Lieber die Liebe zu Büchern.
Von Jakob Haring er.
I.
Die einzigen, die dir die Liebe lohnten, die immer da sind, dich zu trösten; — die immer warten, dir Liebes und Gutes zu tun: die Bucher.
Wo wären die Liebste, die Menschen, die so wie sie, jahrelang auf dich warteten, bis du endlich kommst, bis sie endlich dich bezaubern, dich reich, groß und frei machen dürfen.
Freilich, Bücher sind fast nichts ohne das Leben. Aber was führte uns mehr zum Leben, zum Erleben als die Bücher.
Dieses feine, zarte, heitre Glück des Lesens, durch das wir weiser, glücklicher und besser werden. .
9 Du fitzt unter Menschen, einsam, lächelnd über ihr Tun und Treiben. Du denkst: wär ich fort, wär ich allein bei schönen, lieben Buchern - bei ihren Sehnsüchten, Träumereien, Wahrheiten. O Heun, zu den Buchern heimgehn! Auf dem Kanapee liegen und ein schönes Buch lesen ist ein
Alas fllr^ Wunderwelten, unerschöpfliche Schütze warten auf uns. Und wir brauchen sie nur zu nehmen. Mag einer noch |o arm sein, so lange tr W^as'hat^da^s^Leben sonst noch für uns? Weder Wein, noch Freundschaft, noch Essen, noch Liebe, noch das Bewußtsein der Tugend — alles enttäuscht bringt Aerger, Kummer, Sorgen, Verdruß, Verzweifeln und zeigt uns Schwachen. Nicht die geringste Beachtung ist dies alles wert. — Nur in den Büchern allein liegt das Bleibci«e!
Die Menschen und ihre Werke vergehn, die steinernen Denkmäler verfallen in Staub, nur der Gedanke ist unvergänglich, ewig.
WGMZMZZN L "-„7ch.»d" 3uÄ Ä««l »-"!» Ä.'ÄS turpn her Beteiligten. Wie der Fuchs, der den Hols aus der ^chunge zieht und über seine Widerfacher triumphiert, bleibt er Herr: derStu« iiri„ nimmt die öffentliche Meinung zu feinen Gunsten um, reißt die Belten seiner Seit zur Bewunderung hin und wird so, gleichsam neben» b»j -u einem der besten Pamphletisten der Weltliteratur. Figaro ist unter der Maske des Harlekin als Ankläger aufgetreten und teilt seine •^1^11 schlüge aus Seine Streitschriften werden zu klassischen Schriften. Mo mm e n bat von ihnen gesagt, daß er sie über alle Gerichtsreden Ciceros stelle.
Seine komische Schlagkraft, sein geistvoller Witz, feine i^^e Beob- «Atunn und tolle Laune entfalten sich nun auch auf dem Gebiet der Dichtung Mit Rührstücken in der Art Diderots hatte er begonnen; nun ftndet er seine Genre in der Komödie. Es entstehen der y^bicr von Sevilla" und seine Fortsetzung „Figaros Hochzeit. Sn dieftr ^eit, zn den Jahren 1771 bis 1776, ist er auf der Hohe eines Schaffens.x>er Barbier" dieses unvergängliche Lustspiel, das noch heut nut der Mus k Rossinis fortlebt, ist die Krone seiner dramatischen Kunst. Der emsachste Stoss zusammenqesaßt in dem Schlußsatz: „Wenn Jugend und Liebe sich Verbünden E einen Atten zu überlisten, bleibt all seine Gegenwehr nur unnütze Vorsicht", ist zu einem Juwel der guten Laune und des graziösen Scherzes gestaltet. Hier ist Figaro, der listenreiche Barbier, der alle Faden der Handlung in seiner Hand hält, mit den glänzendsten und liebenswürdigsten Eigenschaften feines Schöpfers ausgestattet, stets em Lächeln auf den Lippen, nie um einen Ausweg, einen kecken Streich verlegen, stets ein schlagfertiges Witzwort bereit. Erft die folgenden Kampfe mit den herrschenden Zuständen, die furchtbaren Enttäuschungen und trüben Abenteuer ließen diesen heiteren Gesellen, die Verkörperung des leichten Rokoko-Geistes, zu dem höhnenden Ankläger des „tollen Tages werden. Beaumarchais' Prozesse und Intrigen gehen nach dem Erfolg "Barbiers" weiter. Als Agent Ludwigs XIV. geht er nach Wien, wird hier gefangengesetzt, dann 'freigelasfen und rehabilitiert. Seme, Kühnheit und Frechheit find gewachsen. Meisterhaft spielt er auf dem ^Jiftrument ber öffentlichen Meinung, die er durch seine Schriftstellere,, durch geschickte Reklametricks für sich gewinnt. Das zeigt sich vor "Hemm fernem neunjährigen Kampf um die Aufführung von „Figaros Hochzeit . Man hat dieses schonungslose Gemälde einer frivolen, dem Untergang geweihten Gesellschaft die .Fanfare der Revolution genannt, Napoleon sogar „den bereits zu Taten übergehenden Umsturz". Daß die Regierenden sich diesen Brandpfeil nicht in ihr Gebäude schießen lasten wollten, ist selbstverftand^ lich. Doch Beaumarchais setzt zuerst 1783 eine geschlossene Aufführung bei feinem Gönner, Herrn von Vaudreuil, durch, dann im folgenden sichre die öffentliche, die ein ungeheuerer Erfolg würbe. Die ganze Mute bes Ancien Regime brängte sich, um bas zu beklatschen, was sie lächerlich machte unb zugrunbe richten sollte; sie gab damit ben besten Bereis, daß sie den Untergang verdiente. Der Verfasser wußte durch unerschöpfliche Kniffe, die ihn als mindestens ebenso großen Reklamehelden wie Schris.- steller zeigten, die Sensation immer wieder anzufachen.
Doch Figaro, der das Volk gegen die Herrschenden aufrief war zum Kapitalisten und großen Herrn geworden. Als die Lawine sich heran- wälzte wurde er selbst von ihr ergriffen. Seine prächtige, mit Kunstwerken geschmückte Villa wird von der Menge gestürmt. Der »Burger Caron", der taub und fett geworden ist, der auch mit der Revolution Geschäfte machen und ihr 60 000 Flinten verkaufen will, der die Mach- tiqen mit Eingaben bestürmt, kommt ins Gefängnis und entgeht der Guillotine nur durch die rechtzeitige Warnung eines Freundes. Er fluch, tete ins Ausland, nach Hamburg; erst 1796 kehrt er zurück und genießt noch drei Jahre einen ruhigen Lebensabend. Sein liebenswürdiger Humor ’ ist ungebrochen. Er hat von sich selbst öfters gesagt er sei w,e Rousftaus
: Mara bei der selbst durch die Tränen hindurch das Lachen manchmal durchbrach". Dieses heitere und spöttische Lachen des gallischen Geistes, aus einer starken Sinnlichkeit und trotzigen Lebenskraft geboren, das Lachen Figaros, hat Beaumarchais unsterblich gemacht.
habend 'ihr'/ünstÄ.^tt erst durch'die Musik erhalten m der ^Be^ ! «RoTf9 nT Dn:'9Dichter"sewst hat Mozarts "Wunderwerk sehr abMtzig beurteil" und ebenso hätte er' wohl über Rossini geurteilt, wenn er em Over erlebt hätte. Er glaubte mit dem ihm eignen Selbstgefühl, daß seine Werke durch Zutaten1' nur verlieren könnten. Nicht minder hart^gi^ e mit Goethes Claviqo" ins Gericht, der uns em verklartes, der Wirk- ttchkett keineswegs entsprechendes Bild feiner Persönlichkeit überliefert hat Der Deutsch^' sagte er, „hat meine Geschichte mit einem Begräbnis und einem Zweikampf9 überladen, Zutaten, die weniger Talent als Hohll kövliakeit verraten." Der Glorienschein des ritterlichen und heldenmütige V^rteidigers^der Schwester-Ehre, mit der ihn Goethe umgeben verblaß nnr her Wirklichkeit, aber die Tatsache bleibt bestehen, daß das junge Genie die Darstellung, die der französische Abenteurer von semm spam- schen Erlebnissen in eine Verteidigungsschrift bengalisch beleuchtet streute, z. T. wörtlich für feine Dichtung benutzt hat.
ftür Beaumarchais war sein Dichten nur Nebenwerk Erholung von seiner Hetzjagd nach Geld, eins der vielen Mittel, um Aufsehen zu erregen und Macht zu gewinnen. Er verlieh seinen «tucken wie feinen Streitschriften und Satiren den kecken Schwung, die geniale Wucht und Frechheit feines Wesens, und diese Wesensart, bie in ber Gestalt seines »Figaro ihren stärksten Ausdruck gewann, ist es, die ihn unsterblich gemacht hat. In der Geschichte lebt Beaumarchais fort als der „Herold der Revolution" als der Vertreter des „dritten Standes", der Sohn des Volkes der feine Rechte verteidigt. Aber er ist ke-n Revolutionär kem Verkunber einer neuen Zeit, sondern noch ganz em Mensch des Rokoko. Wie Der Zauberlehrling in der Goetheschen Ballade rief er die Geister, ohne zu ahnen was er tat, und grenzenlos war fein Erschrecken, als er it) Furchtbarkeit erkannte. In dem Mummenschanz einer endenden Epoche fnielte er seine Rolle so vortrefflich, wie fein Barbier, eine Lakaienseele, aber mit dem überlegenen Mutterwitz des Volkes, erfüllt von der unverbrauchten Kraft des schlauen Plebejers em Allerweltskerl Hans Dampf in allen Gaffen, der letzte und unwiderstehlichste in der Reche der Glücksritter Charlaiane, Ausbeuter und Betrüger, die der Geftllfchaft des 18. Jahrhunderts ihre Buntheit verleihen; Cagliostro und Casanova m einer Person, aber mehr als sie im Brennpunkt der Ereignisse, begabter, tvvifcher mit weltgeschichtlichen Zügen, die unvergeßlich und unvergänglich die Silhouette seiner Gestalt an dem brandroten Himmel des «onnen- unterganges einer ganzen Epoche erscheinen lassen. ™ ,,
Der Sohn des Uhrmachers Caron, der sich dann aus eigener Machtvollkommenheit nach einer Besitzung seiner ersten Frau den Adelstttel de Beaumarchais zulegte, war ein echtes Großstadtkmd, früh erfahren und früh gewitzt, ein Pariser Gamin, dessen vor Nichts haltmachenden Humor er in der Weltliteratur verkörpert, früh von den Frauen verhätschelt und ihnen verfallen, wie sein entzückender Cherubm in »Figaros Hochzeit". Er erlernt das Uhrmacherhandwerk und benutzt es geschickt zum Aufstieg: er macht eine Erfindung, eine sinnreich ersonnene Hemmung im Mechanismus des Uhrwerkes, die ihm ein unehrlicher Zunft- aenoffe stehlen will —, und fchon hat er den ersten feiner berühmten Händel indem er die Sache vor die Akademie der Wisienschasten, ja vor den Hof bringt. Er verwertet feine Künste dazu, um sich bei den unverheirateten Töchtern Ludwigs XIV. beliebt zu machen wird ihr maitre de plaisir, veranstaltet Theateraufführungen, heiratet bie Jlßitroe eines kleinen Hofbeamten, wird dadurch „Tafeldecker des Königs und erungt die Gunst eines jener Finanziers, die die von ihm fo «luhend angebetete Macht des Geldes verkörperten, des Spekulanten Duverney. Mit denselben skrupellosen Mitteln wie sein Figaro, durch sein Plaudergenie und feme Liebenswürdigkeit, durch die Gunst der Frauen und die Furcht der Manner vor seiner scharfen Zunge schafft er sich Geltung unb Macht. Sem Tatendrang, fein Ehrgeiz sind unbegrenzt. Er ist unerschöpflich in .gefchaft- lichen Einfällen, um schnell reich zu werden; die Intrige ist fein Lieb- lingsfeld, auch im Bereich der Politik. „Kemer hebt fo sehr den Lärm und Skandal wie er", sagt einmal Grimm von ihm. So ist er beständig in kühne und große Handelsgeschäfte, in Streitigkeiten und Abenteuer verwickelt. Es kommt ihm nicht darauf an, ob er den Amerikanern Sklaven oder Waffen für ihren Unabhängigkeitskampf liefert; er rüstet sogar ein Kriegsschiff für die französische Flotte aus; als Forstwirt, als Fabrik- unternehmer verdient er viel Geld und verliert es. Als Druckereibefitzer und Verleger großen Stils schafft er die mächtige Kehler Voltaire-Au^ gäbe, die ein Vermögen verschlingt. Dieser schlaue Spekulant hat nainlich zu viel Phantasie und Wagemut, als daß er sich mit soliden und sicheren Gründungen begnügen würde. Daher stürzt er vom Reichtum in Die bitterste Not, lebt in einem ewigen Auf und Ab, und bewunderimgswert ist seine Zähigkeit, sein unzerstörbares Vertrauen auf feinen otern, seine ollem trotzende Unerschrockenheit. Der Abenteurer gewinnt dadurch einen Heroismus, der in feine Schriftstellerei ausstrahlt.
Als Glücksritter geht er nach Spanien, wo bekanntlich die „Lustschlösser" liegen, und das Eintreten für feine Schwester, die der haltlose Elavigo hatte sitzen lassen, erfolgt nur nebenbei, vollzieht sich in viel weniger romantischen Formen, als er es darstellt, und endet damit, daß die Schwester bann Clavigo ablehnt. In seinen kühnen Plänen gescheitert, kehrt er nach Paris, unb hier zeigt sich zum ersten Male seine „abvo- katorische Gewanbtheit", bie ihn zum großen Schriftsteller heranwachsen läßt. Nach bem Tobe Duverneys gerät er mit seinen Erden wegen einer Forderung in Streit unb verliert den Prozeß, wobei er einen tiefen Einblick in bie Parteilichkeit unb Bestechlichkeit ber Gerichte tut. Dieser Zusammenstoß des Emporkömmlings mit ber Gesellschaft, in bem er keineswegs bie gekränkte Unfchulb barstellt, entfesselt alle feine Kräfte des


