Gießener KnnilienbliMr

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <952 Montag, den 25.Januar Nummer 7

Kerne Stimme.

Von Leo Sternberg.

O Stimme, süße Stimme, die aus dem Weltraum rief und über die Nerven der Luft bis in meine Seele liefl Ich faß, von meinem eignen Blut beschwert, und fühlte die Brücken mit dem All zerstört, und was ich liebe, weit von mir getrennt, hinter unübersteiglichen Bergen mein Heimatelement da findest, Menschenlaut, zu dem ich den Weg verlor, aus andrem Reich du an mein Ohr und sagst dem Unbekannten, daß noch Liebe ist, die auch den Fernsten nicht vergißtl

Totenkiage um Reims.

Bon Walther Harlch t-

Wir fahren mit dem amerikanischen Pullmanwagen von Paris ostwärts. Die breiten Pneus des Wagens rollen die schmale Chaussee aus. Kleine Landkarren fliehen zur Seite. Blicke heften sich an uns, sehen uns nach. Es ist Amerika, das den Weg entlang gedonnert kommt. Mitten in der Isle de France, mitten im Schicksalstal der Marne macht sich Amerika mit Pullmanwagen und Reisegesellschaften breit und wichtig. Es paßt nicht ganz in diese Landschaft.

Der amerikanische Führer zermahlt die breiten, gequetschten Worte mit seinen sprichwörtlich gesunden Zähnen. Er zeigt auf Cloye. Bis dahin drangen Anno 1914 die deutschen Kavalleriepatrouillen vor. Plötzlich ist alles wieder wie damals. Hier steigt die Kathedrale von Meaux, die älteste gotische in Nordfrankreich, aus dem Tal. Die Höhenzüge der Ferne rücken näher heran. Hier stand einmal die Front des Generals Kluck. Wie nahe wir damals an Paris waren! So wie wir wurden damals die franzö­sischen Reserven in 2kutos nach vorne geschasst. An der Chaussee erhebt sich das Denkmal des französischen Kriegsministers, der auf den Einfall kam, Taxis und Privatwagen zusammenzutrommeln, um die Hauptstadt zu retten. ,

Später biegen wir von der Chaussee ab auf kleinere und unebene Seitenwege. DerGide" zeichnet mit gestrecktem Arm Stellungen und Bewegungen der Armeen in die Hügelketten und Zwischentäler. Hier steht kein Haus mehr, das den Sturm von damals überdauerte. Die Pappelalleen sind niedergemäht. Weihe Stellen in dem fetten braunen Boden zeigen, wo die Feuerllbcrfälle den Boden aufwühlten und den tiefen Sand an die Oberfläche schleuderten. Ganze Städte und Dörfer sind neu aufgebaut. Neue dürftige Baumreihen angepflanzt. Und nun kommen die ersten Friedhöfe.

Unser Chauffeur fährt zuverlässig und sorgsam. Bor den kleinen Unebenheiten des Weges hält er den Wagen zurück, handhabt mit Vor­sicht die Gänge. Decken liegen in Fülle bereit, um über di« Knie geschlagen zu werden, damit nur niemanden ein geringes Frieren ankommt. Von unten steigt die gewärmte Luft der reichlich genährten Heizung aus. In Reims und Soissons stehen schon die gedeckten Tische mit den besten Er­zeugnissen der französischen Küche bereit. Es ist eine Fahrt mit allem erdenklichen Komfort.Französischer Kirchhof! 26 000 Gräber!" ruft der Gide erklärend in den Wagen, und wir donnern an dem Erntefeld der 26 000 weißen Kreuze vorbei. Und das kommt nun öfters so. Zwölf­tausend Gräber! Neunzehntausend Gräber! Achtzehntausend Graber!

Man sieht die Marschkolonnen die Wege entlang ziehen. Man ist noch einmal unter denen, die auf das zerschossene Chateau Thierri) vorstießen. Damals lagen keine Decken in Luxusautos bereit, um über die Knie geschlagen zu werden, keine Heizung sandte den warmen Hauch gegen die Kälte der Nacht, kein Chauffeur fing sorglich jeden Stoß des Wagens auf. Aus den Trichtern stieg giftiger Dampf, von den Horizonten blitzten die Todesgeschwader der schweren Kaliber, aus den Schluchten bellten die Schrappnells der Feldgeschütze, aus den zersägten Furchen ratterten die Maschinengewehre Tod, zwitscherten die Vogelschwärme der Gewehr­kugeln. Mitten durch diese Hölle mußten sie hindurch, die jetzt in den Gräbern liegen. Sechs-undzwanAiglau^nb, 3tDölftciu|enb, neuntnuieno, achtzehntausendl Deutsche, Franzosen, Amerikaner.

Wenn man den Führer sprechen hört, gibt es nur amerikanische Sol­daten Der Wagen hält überall, wo Amerikaner begraben liegen. Man erkennt es von weitem. Jetzt sitzt Amerika hier mitten in Frankreich, eine Welt für sich, eine Industrie. Cs hat seine eigenen Kirchhofsverwaltungen und Kirchen, seine Pullmanwagen und Fremdenführer, und das Land der großen Schlachten ist ihnen hörig.English spoken steht m den größeren Geschäften. Die Champagnerfabriken mit den alten wohltuenden Namen haben ihre englisch sprechenden Empfangsdirektoren und den halb gesüßten Champagner mit der BezeichnungGoüt americaim . Unter den Bettlern vor der zerschossenen Kathedrale von Reims hat der amerika­nische Führer seine Lieblinge. Man hat den Eindruck, daß er weniger nach Sehenswürdigkeiten als nach dem Gesichtspunkt der Provision fuhrt.

Er eilt mit seinen Schutzbefohlenen zu der großen Kriegsandenken- Handlung, die sich vor der Reimser Kathedrale etabliert hat. Er nimmt die einzelnen Stücke in die Hand und hält sie verführerisch in die Höhe. Hier ist alles zu haben, was auf den großen Krieg Bezug hat.Echte" Eiserne Kreuze, Stahlhelme, wie neu poliert oder mit Schußlöchern. Ver­rostete Bajonette, Aschenbecher aus Granatsplittern, Schirmständer aus den langen Messinghülsen der Kartuschen, Bilder, Achselstücke. Hier soll Amerika kaufen, auf daß Babbitt, der Spießer, nachher stolz seine Trophäen vorweisen kann. Es ist ein widerliches Geschäft. Der Snob ergötzt sich an den Religuien des großen Sterbens. Der Gide will feine Prozente haben. Der Gide arrangiert einen ausführlichen Besuch bei einer Champagnerfabrik. Seine strenge Miene will uns durchaus davon Überzeugen, daß Heidsieck und Mumm zum Besuch der Schlachtfelder und der Fremden-Kriegsindustrie gehören.

Wir stehen vor der berühmten Kathedrale von Reims. Das ist das Portal aus verwirrender unendlicher Steinstrckerei, das ist das Märchen­auge der Rosette aus dunklem Glas, das sind die Türme, die gotische Sehnsucht in den ewigen Himmel reckte. Es wexden raffiniert gemachte Photos herumgezeigt: die Kathedrale vor und nach der Beschießung. Im­mer ist zerschossenes Trümmerfeld im Vordergrund. Es soll den Anschein erwecken, als ob der Dom ein Trümmerhaufen gewesen wäre. Man sieht, daß gebaut worden ist und noch gebaut wird. Das Dach der Altarseite hat gelitten. Hier ist die hohe Wölbung zerschlagen und hat den Himmel ein« brechen lassen. Von den berühmten Streben der Apsis und dem kleinen Ziertürmchen ist auch einiges heruntergeschossen worden.

Es ist die Propagandawirkung dieser geschickt aufgemachten Bilder, daß noch immer die Meinung besteht, unser Artilleriefeuer hätte die Krönungsstätte der alten französischen Könige mutwillig vernichtet. In Wirklichkeit hatten nur wenige verirrten Granaten das Dach getroffen. Wie wir vor der Kathedrale stehen, scheiden sich im Nu die Nationen, und eine merkwürdige Spannung will alte Gegensätze zwischen uns aufreißen. Alte französische Könige sind mir nicht so ehrwürdig, wie das Leben von zwanzig, von acht, von einem deutschen Soldaten. Der Führer erzählt, daß man die Beschießung des Doms dadurch zu hindern ver­suchte, daß man deutsche Verwundete hineinlegte. Ich werfe ein:Cs wäre vielleicht wirksamer gewesen, wenn man keine Artilleriebeobachter auf die Türme geschickt hätte." Die Amerikaner sehen auf ihren Führer. Sind französische Artilleriebeobachter oben gewesen?" fragt er.Man weiß es nicht. Jedenfalls, wenn ich an Stelle der Deutschen vor der Stadt gelegen hätte, ich hätte den Dom mit Artillerie umgelegt!" Dieser Führer hat bei Reims mitgetämpft. Er kennt die erbarmungslosen Be­dingungen des Krieges. Aber die meisten Amerikaner kennen das nicht. Für sie geht von den abgebildeten Trümmern eine Anklage gegen Deutsch­land aus.

Wie nahe hier die Entscheidungsschlachten zweier Kriegssommer zusam­menliegen! Das alles kann man im Auto bequem von Paris aus an einem Tage abgrafen. Wir fahren von Reims nordwärts. Wie ein Wolkenzug liegt längst des Horizonts der Chemin des Dames. Wir über­queren den Aisne-Marne-Kanal. Wie anders sah das vor zwölf Jahren aus! Kleine Winkel des Grauens find als Denkmäler stehen geblieben. Damals aber lagen alle Wände gestürzt und zerpulvert, die Wälder ver­giftet und mit hilflosen Stümpfen; Arme und Hände, die sich verzweifelt gegen den Himmel zu strecken schienen. Hier und da sieht man noch Bäume, die von Granaten geköpft und deren Rinde abgeschält wurde. Aber über das alte Grauen ist dichtes Buschwerk gewachsen. Die Mit- sahrenden schaudern vor den kargen Resten der Vernichtung. Sie können nicht ahnen, wie es damals hier aussah. Niemand kann es ahnen

Da bei Berry au Bac ist die Erde aufgerissen. Wir kalten vor der berühmten Höhe 108. Damals beherrschte sie die Gegend bis zu der Linie des Chemin des Dames. Deutsche und Franzosen hatten hier Ihre unterirdischen Minen gegeneinander vorgewühlt. Auf einmal ging der Bergrücken in die Luft. Die Detonation soll bis London zu hören gewesen sein. Einige tausend Menschen waren nicht mehr. Heule bleckt hier die aufgeriffeiie Erde mit emporgewühlten Eingeweiden. Zwei zackige Schlünde, in denen nichts mehr wächst. Ein Berg mit feinen Wurzeln aus der Erde geriffen. Wir starren vor einem Unterstand darauf, der In den Kreidefelsen eingejprengt ist. Hier lief die Hindenburglinie, wo jeder Quadratmeter mit Blut getränkt ist. Wir stehen und schauen den Schau­platz der furchtbarsten Tragödie an, die je das Schicksal mit Menschen­leibern dichtete. Bis die Schleier der Nacht niedersinken

Wunderbare Nacht über Frankreichs Gefilden! Ein Himmel voll dunk­ler Seide, Horizonte von still leuchtenden Pastellfarben, tiefes Drange, verdämmerndes Grün, das die Sterne in das silberne Blau auswirft. Das Auto trägt uns durch die endlosen Wälder von Villers-Cotterets, aus denen damals das Unheil für uns herausbrach: Fachs Angriffs- referven. Wir fahren durch das schlafende Compiegne, wo damals die deutsche Waffenstillstandskommission das furchtbarste Dokument der Welt-

'.ichte unterschreiben mußte. Man kann keinen Namen in dieser Land- t nennen, der nicht eine Wunde in unserem Herzen berührte.