der ganzen Ehe gewidmet -und daß sie ihm auch keinen Augenblick Kum­mer bereitet. Sodann küßte er ein jedes der Kinder, legte die kraftlos gewordene zitternde Rechte einem jeden aufs Haupt und sprach'Meine armen Kinder! Wenig kann ich euch hinterlassen, außer meinem ehrlichen Namen. Wandelt im christlichen Glauben auf dem Pfade der Reinheit und Tugend seid arbeitsam und tätig im Geschäft, welches ihr er­greift! Gottes W.le ist es, daß der Mensch arbeite und nütze sei seinen Mitmenschen. Habt euch lieb als Geschwister! Denn die Liebe ist das Größte, das uns der Herr gegeben hat. Haltet den Namen der Familie hoch! Gott segne euch und ferne Gnade und Barmherzigkeit walte stets über euch!"

Danach war seine Kraft sehr erschöpft. Trotzdem ließen der Schulze und die Bauern es sich nicht nehmen, zu ihrem sterbenden Pfarrer zu gehen und die Hand, die er oft segnend über sie erhoben, noch einmal zu küssen. Er durfte es nicht wehren; mußte er doch als Hirt feiner geist­lichen Herde ein Vorbild sein so wie im Leben, auch jetzt im Tode. An ihm sollten die Bauern ein Beispiel haben, wie ein Christ in die Ewigkeit einginge.

Feierlich war das Begräbnis. Die ältesten, angesehensten Bauern legten Trauertracht an und trugen selbst den Sarg aus den Friedhof. Und von weit und breit kamen die Rittergutsbesitzer und königlichen Be­amten und Amtsbrüder und gaben das Trauergeleit. Es zeigte sich, wie sehr der Pfarrer Fritsche, der Grenadier des Leibgardersgiments des Königs, beliebt war in seinem Dorf. Der alte Schulze sagte am Grabe: Einen solchen Pastor wie den unsrigen werden wir niemals wieder bekommen!"

*

Nach langer Beratung mit Freunden des Vaters faßte die verwitwete Pfarrerin den Entschluß, zu Ostern nach Solberg zu ziehen und dort eine Schule für Mädchen zu errichten, um ihre spärlichen Einnahmen zu vermehren. Sie hatte fortan eine Witwenpension von hundertzwanzig Talern jährlich und die Zinsen eines Kapitals von zweitausend Talern. Mehr Vermögen war nach dem Brand nicht übriggeblieben, zumal noch eine notdürftige Hauseinrichtung wieder angeschafft werden mußte. Sie fanden auch etwas Paffendes in der Ostseestadt: ein Wohnzimmer für die Mutter, eine schöne, große Schulstube und drei Schlafkammern. Auch war Garten und Hof bei dem Häuschen, das sie für vierzig Taler jährlich gemietet hatten.

Liebe und Anhänglichkeit des Kirchspiels zeigten sich auch jetzt in reichem Maße. Die Dorfbauern hatten zusammengesteuert und brachten eines schonen Tages eine Milchkuh, ein kleines Schwein und ein Dutzend Hühner herbei; zugleich versprach der Schulze, Heu und Stroh für die Kuh unentgeltlich zu liefern. Das war eine Freude, besonders für die beiden Jungen, die sich in der Stadt gar nicht heimisch vorkamen. Jetzt hatte das Haus durch die Tiere wieder Leben!

Aber auch die befreundeten Gutsbesitzer schenkten wertvolle Sachen für eine neue Haussinrichtung. Der Herr von Wedel! schickte eine Stand­uhr, damit die Mutter stets wisse, welche Stunde geschlagen hätte, und der Nachbarpfarrer einen gepolsterten Sorgenstuhl mit hoher Rücken­lehne und Ohrenklappen, der Amtmann Bücher für Heinrich und Theo­dor, der Oberförster zwei Klafter Brennholz nebst der Zusage, solche Sendung jährlich zu wiederholen.

An Mehl, Schinken. Butter und sonstigen Lebensrnitteln fehlte es nie, und der kleine Stadtgarten brachte Gemüse hervor, so daß an Nah­rung kein Mangel herrschte.

Freilich muhte sich die Familie sehr einschränken. Denn für Friedrich Wilhelm, den Aeltesten, mußte die Mutter Kleidung beschaffen und ein Geld für die Tasche und für die beiden Söhne ebenfalls Geld aufwenden für Kleidung und Schulunterricht. Auch mußte sie eine Dienstmagd hal­ten, da ihre Zeit durch Lehrstunden besetzt war und sie also nicht selbst die Wirtschaftsgefchäfte besorgen konnte. Biel brachte der Schulunterricht nicht ein; Bürgermädchen, bezahlten wöchentlich nur einen Groschen Schulgeld, und nicht viel mehr als dreißig Schülerinnen besuchten di« Schule.

Schwer war es auch besonders für die Jungen, sich in Kolberg ein­zuleben. Die enge Stadt, von hohen Wällen umgürtet, hatte finstere, schmutzige Straßen. Sie waren allzusehr gewöhnt an den freien Ausblick aus dem breiten Lande, und sie vermißten das geräumige Pfarrhaus, den großen Obstgarten und das Umherlaufen in Wald und Feld. Auch war der Schulunterricht ganz anders als beim Vater, der ihn mit Freude und Liebe erteilt hatte. Ein alter, mürrischer Magister, der noch drei andere Schüler unterrichtete, exerzierte im Halbschlaf di« Grammatik uif und ab, und Heinrich drang in feine Mutier, ihn doch wenigstens zwei Jahre auf ein ordentliches Gymnasium zu schicken.

Das ging nicht so bald, denn durch den Tod des Bakers hatte sich di« Konfirmation verzögert. Die mußt« nun im nächsten Jahre, 1747, zu Ostern nachgeholt werden. Heinrich ward zugleich mit feinem Bruder Theodor eingesegnet. Was wär« dieser Tag für «in schönes Fest gewesen draußen in ihrem eigenen Pfarrdorf. So war es kümmerlich, und sie drückten sich bald nach Haus, wo di« Mutter ihnen einen Napfkuchen ge­backen hatte und ein« Flasche Wein hervorzog, die noch aus einer Gabe der Wedellschen stammte. Im Gedenken an den Daker verlief der Tag.

Am Abend wurde durchgesprochen, was für einen Beruf Theodor wählen sollte. Er hatte den Wunsch, Künstler oder Naturforscher zu wer­den, ferne Länder zu bereisen und dort Landschaften und Tiere zu zeich­nen. Aber woher sollte die Mutter das viel« Geld nehmen, das ein solcher Beruf kostete?

Die Mutter ging den Vormund der Kinder um Rat an, den Kauf­mann Watermann aus Kolberg. Der meinte: Wenn der Junge zeichnen könne und Geschick für Farben habe, so solle er zu einem Anstreicher­meister in die Lehre gehen; da könne er solchen Sinn weiterentwickeln und in den Freistunden sich auf Papier mit der Bleifeder und der Kreide üben. Dafür wolle er gern etwas ausgeben.

Heinrich erkannte seinen Bruder.Theodor nicht wieder, als der 3u.1t ersten Male in einem beklecksten grauen Leinwandüberwurf ihm arf der Straße begegnete. Er hatte zuerst lernen müssen, Farben zu reibet und Pinsel zu reinigen, und nach den ersten Wochen nahm ihn ber Meister mit auf di« Schiffe, die im Hafen lagen, um die Kajüten 31 streichen, die Galionsfiguren zu vergolden und allerlei Schnörkel zi ziehen.

Es war eine harte Zeit für Theodor, der feinem Bruder oft fein Leid klagte. Der Meister war ein roher Patron, der zuviel trank und in btt Trunkenheit grob schimpfte und dem Lehrbuben die dicken Pinsel um die Ohren schlug, daß das Gesicht in allen Farben des Regenbogen! schimmerte; oder auch ergriff er das große, breite Lineal und zerbeult! ihm damit den Rücken.

Ganz aufsässig aber ward er, wenn er sah, daß Theodor in feinet Freistunden und des Sonntags nachmittags zeichnete.Das ist dumme, Zeug und Papierverschwendung!" schrie er.Ein Stuben- und Schiffs malet ist kein Hahnefax von Künstler, sondern ein Handwerksmann, ber nach der Schablone zu arbeiten hat!" So mußte Theodor oft verstohlen in seiner halbdunklen Dachkammer zeichnen, immer in der Angst, ber Saufbold käme heraufgepoltert, um an ihm fein Mütchen zu kühlen.

Aber gerade das Trinken des Meisters verschaffte ihm auch schäm Stunden. Der ließ dann den geschickten Lehrbuben allein auf die Schifte, wo er, nach Rücksprache mit den Schiffskapitänen, malen durfte, teil er es wollte; und diese freuten sich, wenn er über di« Tür der Kajül! vielleicht eine zierliche Frau Venus oder ein paar schöne Aepfel malst und sie gaben ihm einen Extragroschen, und, was ihm mehr wert wer, sie erzählten ihm von ihren Reisen in ferne Länder. Das waren banufc Schiffe, die vom Stolberger Hasen ausliefen nach England, Frankreich, Niederland und Rußland; manche Kapitäne hatten sogar in frühere« Tagen auf Holländerfchiffen weite Reifen nach Amerika, Afrika uni Asien gemacht.

Dann kam Theodor, den Kopf voll mit Geschichten von fernen Län­dern, zu Heinrich, erzählt« ihm und rief aus:Wär' die Mutter jetzt niihi hier bei uns! Mühte ich nicht befürchten, sie betrübte sich darüber, sicht­lich liefe ich davon, um mich auf einem Schiff anheuern zu lassen uist> in ferne Länder zu kommen!"

Heinrich, der im Wesen feinem Vater nachschlug, versuchte, den: Bruder die abenteuerlichen Gedanken auszureden, und erinnerte ihn n des Heimgegangenen Sprichwort:Bleibe im Land und nähre dich redlich!"

Doch viel Eindruck -macht« -das auf Theodor nicht, der immer wieder­holte:Ich gehe doch noch in fremde Länder! Kolberg ist mir zu klein, ist mir zu eng und muffig! Ich müßt' schier verzweifeln, sollt' ich mein ganzes Leben hier verweilen!"

Und -darin wurde er bestärkt durch einen Jungen, der ein Schule: feines Bruders war. Heinrich hatte nämlich angefangen, lateinischer Elementarunterricht zu erteilen, und ging in den Abendstunden vm sechs bis acht ins Haus eines wohlhabenden Bürgers und Bierbrauer; Joachim Nettelbeck, dessen Sohn neben den Anfangsgründen im Latei­nischen vor allem Rechnen und Geographie lernte. Für diese zwei Stun­den erhielt er drei Groschen regulär und zumeist auch noch ein Abend­brot. Somit konnte er in jeder Woche an vier Abenden zwölf Groschen verdienen. Das war ein Geld, was der Mutter und ihm schon vorwärts half; denn nun konnte er Bücher, Schreibmaterialien und alles, was sonst noch zum Studium gehörte, ja sogar das Schuhzeug selber be­zahlen und brauchte der Mutter nicht länger zur Last zu fallen. Das mar eine Freude, wenn der alte Brauer aus feiner ledernen Schnapp«- tasche, di« ihm um den Bauch hing, um Samstagabend zwölf blant'i Groschen auf den Tisch zählte und dazu den Spruch sagte:Selbst er­worbenes Gut wohl der Seele tut!"

Der junge Joachim Nettelbeck hatte nicht viel Sitzfleisch, doch einen guten Köpft Er begriff schnell. Es war Heinrich ein Vergnügen, ihm Unterricht zu erteilen. Sonst verübte Joachim viele wilde Streiche um ließ sich gern von Theodor auf die Schiffe mitnehmen, wo er so tut, als ob er Hilfe. Es war ihm aber nur darum zu tun, die Matrosen auszuforschen nach den fernen Ländern, um sich dann mit Theodo-: auf Traumreifen zu begeben. Da saßen sie nun, nachdem die Arbeit vollendet war, wohl auf dem Bugspriet, ließen die Beine über dos Wasser des Hafens baumeln und erzählten sich, was sie alles tun wolle ten, wenn sie erst mal draußen wären. Und sie schwelgten in Abem- teuern mit Piraten, Menschenfressern und wildem Volk.

Es war ein Glück, daß Friedrich Wilhelm Ostern 1748 beim Ober förfter ausgelernt hatte und nun im vstpreuhischen als Jägerbursch eiiw Stelle annahm, wo er vierzig Taler Gehalt erhielt. Run konnte das sonsf auf Friedrich Wilhelm entfallende Geld zurückgelegt werden für der Gymnasiumsbesuch und das Studium Heinrichs.

Theodor war ein Liebling in der kleinen Stadt Solberg geworden Seine Geschicklichkeit im Zeichnen hatte er immer weiter entwickelt, unü gar oft tarnen Bürger zu ihm und baten um ein Bleiftifttonterfei otx > auch um einen Schattenriß für Geburtstage oder Briefsendungen. Dos nun wieder erregte den Neid des alten, versoffenen Meisters, der es nicht verstehen konnte, warum all« Leute feinen Lehrling lobten. Do# mit jeder Woche stieg Theodors Selbstbewußtsein, und er sträubte f® gegen die schlechte Behandlung, verbat sie sich, schrie den Meister air so daß es oft zu Streit tarn. Wenn Heinrich und di« Mutter versuchtem Theodor zu vermahnen, daß er doch bis zum Ende der Lehrzeit aus­harre in christlicher Geduld, dann meinte er:Ich habe nun einmor kein kaltes Fischblut in den Adern, will meine besten Jugendjahre nicht bei diesem alten, oerfoffenen Grobian hin-dämeln bei einem Kerl, br dem ich doch nichts lernen kann und der mich schlechter behandelt a.« ein Bauer seinen Pferdejungen!"

(Fortsetzung folgt.)

verantwortlich: Or. Hans Thhriol. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, D. Lange. Giefien-