Freiherr vom Stein.

Iv seinem 175. Geburtstage am 27. Oktober.

Don .Heinrich o 0 n Treitsch 1«.

Am 27. Oktober jährt sich zum 175. Male der Geburtstag des Freiherrn oom Stein, dessen 100. Todestag ganz Deutsch­land im vergangenen Jahre zum Anlaß wurde, seines großen Sohnes zu gedenken. Die sollende meisterhafte Charakteristik des unvergessenen politischen Reformators, dessen Gestalt aus der Jett der Befreiungskriege bis in unsere Gegenwart hm- -einreicht, entstammt der Feder des großen deutschen Histo­rikers Heinrich von Treitschke.

Der Freiherr vom Stein war der Bahnbrecher des Zeitalters der Reformen Das Schloß seiner Ahnen lag zu Nassau, mitten im buntesten Ländergemenge der Kleinstaaterei, von der Lahnbrucke im nahen Ems konnte der Knabe in dis Gebiete von acht deutschen Fürsten und Herren zugleich hineinschauen. Dort wuchs er auf, in der freien. Lust, unter der strengen Zucht eines stolzen, frommen, ehrenfesten altntterlichen Hauses das sich allen Fürsten des Reiches gleich dunkle. Standen doch die Stammburgen der Häuser Stein und Nassau dicht beieinander aus dem­selben Felsen; warum sollte das alte Wappenschild mit den Rosen und den Balken weniger gelten als der sächsische Rautenkranz oder die wurt- temberqisehen Hirschgeweihe? Der Gedanke der deutschen Einheit,. zu dem die geborenen Untertanen erst auf den weiten Umwegen der historischen Bildung gelangten, war diesem stolzen reichsfreien Herrn in die Wiege gebunden. Er wußte es gar nicht anders:ich habe nur ein Dater- land das heißt Deutschland, und da ich nach alter Verfassung nur ihm und keinem besonderen Teile desselben angehöre, so bin ich auch nur ihm und nicht einem Teile desselben von ganzem Herzen ergeben Wenig berührt von der ästhetischen Begeisterung der Zeitgenossen versenkte sich sein tatkräftiger, aus bas Wirkliche gerichteter ^>st früh m die histo­rischen Dinge. Alle die Wunder der vaterländischen Geschichte, von den Kohortenstürmern des Teutoburger Waldes bis herab zu Friedrichs Grenadieren standen lebendig vor seinen Blicken. Dem ganzen großen Deutschland,'so weit die deutsche Zunge klingt, galt seine feurige Liebe Keinen der nur jemals von der Kraft und Graßheit deutschen Wesens Kunde'gegeben, schloß er von seinem Herzen aus; als er im Alter m feinem Nassau einen Turm erbaute zur Erinnerung an Deutschlands ruhmvolle Taten, hing er die Bilder von Friedrich dem Großen und Maria Theresia, von Scharnhorst und Wallenstein friedlich nebeneinander. Sein Ideal war das gewaltige deutsche Königtum der Sachsenkaiser; die neuen Teilstaaten, die sich seitdem über den Trümmern der Monarchie erhoben hatten, erschienen ihm samt und sonders nur als Gebilde der Willkür heimischen Verrates, ausländischer Ränke, reif zur Vernichtung, sobald 'irgendwo und irgendwie die Majestät des alten rechtmäßigen Königtums wieder erstünde. Sein schonungsloser Freimut gegen die ge­krönten Häupter entsprang nicht bloß der angeborenen Tapferkeit eines heldenhaften Gemütes, sondern auch dem Stolze des Reichsritters, der in allen diesen fürstlichen Herren nur pflichtvergessene, auf Kosten des Kaisertums bereicherte Standesgenosfen sah und nicht begreifen wollte, warum man mit solchen Zaunkönigen soviel Umstände mache.

Er hatte die rheinischen Fekozuge in der Nähe beobachtet und die Ueberzeugung gewonnen, die er einmal der Kaiserin von Rußland vor versammeltem Hofe aussprach: Das Volk sei treu und tüchtig, nur die Erbärmlichkeit seiner Fürsten verschulde Deutschlands Verderben. Er haßte die Fremdherrschaft mit der ganzen dämonischen Macht seiner naturwüchsigen Leidenschaft, die, einmal ausbrechend, unbändig wie em Bergstrom dahinbrauste; doch nicht von der Wiederaufrichtung der ver­lebten alten Staatsgewalten noch von den künstlichen Gleichgewichtslehren der alten Diplomatie erwartet« er das Heil Europas. Sein frei« großer Sinn drang überall gradaus in den sittlichen Kern der Dinge. Mit dem Blick« des 'Sehers erkannt« er jetzt schon, wie Gneifenau, die Grundzuge eines dauerhaften Neubaues der Staatengesellschaft. Das unnatürliche Uebergewicht Frankreichs so lautete sein Urteil steht und fallt mit der Schwäche Deutschlands und Italiens; ein neues Gleichgewicht der Mächte kann nur entstehen, wenn jedes der beiden großen Völker Mitteleuropas zu einem kräftigen Staat« vereinigt wird.Stein war der erste Staatsmann, der di« treibende Kraft des neuen Jahrhunderts, den Drang nach nationaler Staatenbildung ahnend erkannte; erst zwei Men­schenalter später sollte der Gang der Geschichte di« Weissagung des Genius rechtfertigen.

Es war der Schatten feiner Tugenden, daß er in den verschlungenen Wegen der auswärtigen Politik sich nicht zurechtfand und di« unentbehr­lichen Künste diplomatischer Verschlagenheit als niederträchtiges Finaf- sieren verachtet«. Ihm fehlte di« List, die Behutsamkeit, die Gabe des Zauderns und Hinhaltens. Auf dem Gebiete der Verwaltung bewegte er sich mit vollendeter Sicherheit, jede feiner Verordnungen war ein Muster geschäftlicher Klarheit und Bestimmtheit. Wenn aber eine Aussicht auf di« Befreiung feines Vaterlandes sich zu eröffnen schien, so verließ ihn die besonnene Ruhe, und fortgeriffen von dem wilden Ungestüm seiner patriotischen Begeisterung, rechnete er dann leicht mit dem Unmöglichen.

Den Staat bedachtsam zwischen den Klippen hindurchzusteuern, bis der rechte Augenblick der Erhebung erschien, war diesem Helden des heiligen Zornes und der stürmischen Wahrhaftigkeit nicht gegeben. Doch niemand war wie er für die Aufgaben des politischen Reformators ge­boren. Der zerrütteten Monarchie wieder die Richtung auf hohe sittliche Ziel« zu geben, ihre schlummernden herrlichen Kräfte durch den Weckruf eines feurigen Willens zu beleben das vermochte nur Stein, denn keiner besaß wie er die fortreißende, überwältigende Macht der großen Persönlichkeit. Jedes unedle Wort verstummte, feine Beschönigung der Schwäche und der Selbstsucht wagte sich mehr heraus, wenn er feine schwerwiegenden Gedanken in markigem altväterischem Deutsch aussprach, ganz kunstlos, volkstümlich derb, in jener wuchtigen Kürze, die dem Ge­dankenreichtum, der verhaltenen Leidenschaft des echten Germanen natür­lich ist. Die Gemeinheit zitterte vor der Unbarmherzigkeit feines stach- ljchen Spottes, vor den zermalmenden Schlägen feines Zornes. Wer aber

ein Mann war, ging immer leuchtenden Blicks und gehobenen Muts von dem Glaubensstarken hinweg. Unauslöschlich prägte sich das Bild des Reichsfreiherrn in die Herzen der besten Männer Deutschlands: di« ge­drungen« Gestalt mit dem breiten Racken, den starken, wie für den Pan­zer geschaffenen Schultern; tiefe, funkelnde braune Augen unter dem mächtigen Gehäuse der Stirn, eine Eulennase über den schmalen, aus­drucksvoll belebten Lippen; jede Bewegung der großen Hande iah, eckig, gebieterisch: ein Charakter wie aus dem hochgemuten sechzehnten Jahr­hundert der unwillkürlich an Dürers Bild vom Ritter Franz von Sickin- aen erinnerte so geistvoll und so einfach, so tapfer unter den Menschen und so demütig vor Gott der ganze Mann eine wunderbare Ver­bindung von Naturkrast und Bildung, Freisinn und Gerechtigkeit, von glühender Leidenschaft und billiger Erwägung eine Natur, di« mit ihrer Unfähigkeit zu jeder selbstischen Berechnung für Napoleon und die Genossen seines Glücks immer ein unbegreifliches Rätsel blieb.

3ur Nacht.

Don Theodor Storm.

Vorbei der Tag! Nun laßt mich unverstellt Genießen dieser Stunde vollen Frieden! Nun find wir unser; von der frechen Welt Hat endlich uns die heilige Nacht geschieden. Laß einmal noch, eh sich dein Auge schließt, Der Siebe Strahl sich rückhaltlos entzünden; Noch einmal, eh im Traum sie sich vergißt, Mich deiner Stimme Heben Laut empfinden!

Was gibt es mehr! Der stille Knabe winkt Zu feinem Strande lockender und lieber, Und wie di« Brust, di« atmend schwellt und sinkt, Trägt uns des Schlummers Welle sanft hinüber.

Deutsche Kirchenportale.

Ein Kapitel deutscher Baugeschichke.

Don Dr. Friedrich S p r e e n.

Das ist deutsche Baukunst, unsre Baukunst, da der Italiener sich keiner eignen rühmen kann, viel weniger der Franzose!" So verkündete Goethe in seinem Hymnus auf das Straßburger Münster. Auch für uns Heutige ist dieser mehr als hundertjährige Ruf noch nicht verhallt; er mahnt und predigt noch immer, um fremder Schönheit willen die hei­mische Herrlichkeit, das urtümlich großartige Gewächs unseres Bodens, unserer Kultur nicht zu übersehen. Denn während wir uns in Italiens Kunst doch erst wie in eine fremde feierliche Welt hineinlebeu müssen, sprechen die Werke unserer deutschen Meister unmittelbar und überstark zu uns mit den Heimatlauten der Muttersprache Erst in den letzten Jchr- zehnten Ijut man erstlich damit begonnen, di« Schranken niederzureißen die unser Volk von seiner alten großen Kunst trennen, den Dann zu brechen, der uns vom Nächsten, Verwandtesten fernhält. Der überall auf= geblühte Sinn für Heimatkunst, Heimatpflege und die Wissenschaft, bne uns ein paar kaum bekannte, bedeutende deutsch« Meistex entdeckt, wie Konrad W i tz und Hans M u 11 s ch e r, reichen sich da die Hand. Im Großen wie in den Einzelheiten, in den machtvollen Schöpfungen der Architektur, Plastik und Malerei, aber auch in der sich einem Ganzen unterordnenden Verbindung zweier Künste, wie sie in den deutschen Kirchenportalen sich offenbart, läßt sich die allmähliche Entfaltung ebenlo wie der überwältigend« Reichtum und di« Mannigfaltigkeit der ausge­bildeten Stile verfolgen.

Die christliche Baukunst sah sich bei der Schöpsting der Kirchentur vor eine ganz neue Ausgabe gestellt, die die Antike nickst gelöst hatte. In der frühchristlichen Basilika wurde der Vorbau zu einem trennenden, schei­denden Raum. Stellt« doch das geweihte Innere der Kirche gleichsam das Wohnhaus des Höchsten, den Aufenthalt der Gläubigen dar. Vor der Eingangspforte sollten ja die Heiden erst getauft, die Sündigen erst gereinigt werden; eine Sühnung und Buße mußte also in dem Dorraum vollzogen werden. In der Kirche, wo aller Glanz und alle Heiligkeit erst innen am Hochaltar sich erfüllte, konnte darum das Portal schon ein Symbol werden für den engen und schmalen Weg, der zu Gott führt; anderseits aber ward diese irdische Gnadenpforte zum Mittelpunkt und zur Glanzftelle der deutlich ausgebildeten Vorderseite, ein breit aus­mündender Schlund, der den Strom der Kommenden willig aufnehmen und in andächtig weihevoll« Stimmung versetzen sollte, bevor er fi« langsam durch die engeren Türen in das Gotteshaus hineinleitete. Baid verschwand in Deutschland die antibisierende Säulenhalle der frühen Christen. Aus dem Vorraum wurde vielmehr in der Karolingerzeit schon ein umfriedeter Dorhof, eine Freistatt für die Lebenden und ein Toten­acker für die Gestorbenen, auf dem die Gerichtslinde stand und ein stiller Garten der Andächtigen umfing, das sog.Paradies". Einfach, kräftig und ruhig sind die ersten Portale der romanischen Kirchen; sie find, dem Prinzip des ganzen Stils folgend, ziemlich breit und niedrig, um dem darauf lastenden TOauergefüge einen festen Halt zu geben. Der Schmuck beschränkt sich zunächst auf die Türen, in deren Feldern Reliefs mit Das- ftcllungen aus der Heilsgeschichte angebracht wurden. Die ehernen Dom­türen in Hildesheim und Augsburg sind schöne Beispiele solch edlen Flächenschmuck; bisweilen treten auch, besonders in der Blutezett der Holzplastik um 1500, geschnitzte Reliefs an den Türen auf. Zumeist aber beschränkte sich der Schmuck auf kostbar geformte Türklopfer, wobei der Lowenkopf ein« große Rolle spielt, und auf herrliche, reich vergoldete, sich rankende und verschlingende Beschläge, di« wohl di« Form eines Baumes mit feinen Wurzeln annehmen.

Die unauffällige Zierkunft der Türflügel trat schon in romanischer Zeit gegen di« Ausgestaltung des architektonischen Türrahmens zurück