Gießener ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1932 Montag, den 2\. Oktober Nummer 83

Herbst.

Von Leo Sternberg.

Al» ich tarn, war die Heide im Wald schon verblüht und Sonne beschien mich, die nicht mehr glüht.

Auf dem Elchblatt de» Meltaus Schimmel und Staub ... Vertrocknete Halme ... Gelichtetes Laub ...

Warum kamst du nicht früher? Warum hast du gesäumt, die Zeit meines Zaubers zu Hause verträumt und kommst, wenn die Spinne die Pfade verspinnt und die Espe schon fröstelt im wispernden Wind?

Vielleicht war dein Sommer den andern bestimmt und mir nun die Blume, die keiner mir nimmt!

Sind beide verlassen und schweigen zu zwein:

Dein Letztes, dein Stillstes hab ich allein ...

Kämpfende Hirsche.

Von Joachim Krack.

(Nachdruck verboten.)

Er steht abseits, einige Schritte entfernt van seinem Rudel, reckt den mächtigen, fast schwarzen Hals empor; seine Augen funkeln, sein Geäse reißt er auf, ein Schrei ertönt, ein durchdringender schöner Baß, der Brunstruf. Der Bierzehnender holt sie sich zusammen, seine Alttiere, sein Mutterwild, seine Frauen, setzt zum Sprung an, kreist sie ein, hat sie im Kreis um sich herum.

Seine Seher funkeln: Dort steht sie, sein Lieblingsstück, die mit den schlanken Fesseln, mit dem schönen weißen Spiegel, wie die Menschen sagen. Er schreit nochmals zu ihr herüber, aber sie sieht ihn kaum, blickt in den Wald, holt sich ein paar saftige Bissen.

In der Ferne heult die See; der Wind fegt über die herbstlich-grünen Gräser schaukelt sie hin und her, zerzaust ihre Köpfe, läßt das Wild scharf aufpassen, damit ihnen kein Geräusch entgeht.

Die Jagd ist in vollem Gange. Er hat keine Zeit jetzt, nippt nur ab und zu an den Halmen aus Langweile, wirft sein stolzes Haupt mit den vielen weihgeperlten Enden auf, windet in die Ferne. Dort im Nebel, nicht weit ... Wild rohrt er hinüber zu dem Nebenbuhler. Es ist noch saft dunkle Nacht; der Morgen zieht grau über die Wiesen, deckt den Waldrand zu. Und weit fort brandet die See ... Die Hirsche hären sie kaum noch, haben sich an das Brausen und Wüten und Toben schon gewohnt.

Plötzlich fliegen ihre Köpfe in di« Höhe, blicken in eine Richtung. Aber nichts nein, nur ein Fuchs schnürt leise, still für sich am Rain entlang. Da springt der Kapitale nach links, legt den Kops fast auf die Erde, aber der Schwächer« läuft schon, ist weit fort, hat ihm, dem Starken, Platz gemacht. Und weiter streicht der Wind über di« taufrische Wiese, weit hinten in den Wäldern, an der Ostsee.

Doch er hat keine Ruhe: Wieder tauchen über Wacholder, über dünn- stämmigen Kiefern, über hohen Gräsern und über Rohr Kopf« auf mit sechs, acht, zehn Enden. Die Platzhirsche wollen auch etwas haben von der Brunst, denken: da sind doch so viele Tiere, Muttertiere warum will er, der Starke alles für sich haben? Wütend bohrt er sein Geweih in die weiche Erde, funkelt mit den Sehern, stoßt zornige Rufe aus, die bis weit über die Wiesen und die Felder hallen. Die Jäger passen auf. Ihre scharfen Gläser stechen in die Wiesen hinaus, aber er ist klug, klüger als sie. Er kennt ihre Plätze, ihre Stellen, wo sie sitzen, nächte-, tagelang. Dann holt er sich fein Stück, kreist es ein, fängt es ...

Die Sonne will schon durchbrechen durch die Nebelwände, aber sie ziehen dem Wald näher, sind bald in ihrem Schatten, der sie verbirgt über Tag, der sie aufnimmt, sie schützt, sie deckt. Oder will er heute draußen bleiben? Das Rudel rückt langsam voran; er lauft voraus schiebt sie fort, fort vom Holz. Er ist älter als sie alle, und er weiß, daß der Waldrand Schlimmes bringen kann, nur der Waldrand.

Viele Jahre geht er nun schon durch diese Wiesen, Wälder und Raine viele Jahre atmet er di« reine frische Lust hier vben an der See viele Jahre hat er den anderen abtreten müssen, was er letzt oerteidigt. 3a. haßt er sie, die Schwachen, die Kieineren die Jungen stoßt ste unroühg beiseite, fegt sie hinaus in die äußersten Winkel, schreit zur »ee hinüber.

Doch da ein Ruf, ein tiefer, lauter, schriller Baß. Ein Nebenbuhler denkt er, ein Starker, einer wie ich. Langsam zieht er ihm näher, stumm und heiß, legt seine Enden in den Nacken, schreit wild über die Erde, wartet.

Da kommt er in hohen Fluchten an, der andere; heller sieht er aus, nicht so schwarz wie er, aber stark ist er, mit schönem breitem Geweih, mit tiefem Baß. Er erwartet ihn. Da hält der andere wütend an, blickt fragend, stoßt heißen, zornigen Atem gegen ihn aus, nimmt ihn an.

So liegen sie sich bald gegenüber, stoßen ihre Geweihe ineinander, hauen aufeinander los, stemmen die Läufe in den Boden, daß sich die schwarze Erde aus der Wiese auswühlt, daß die Knochen krachen. Die Muttertiere warten auf den Ausgang. Laut prallen di« Geweihe ausein­ander die Gegner versuchen sich seitlich beizukommen, springen wütend und keuchend im Kreise herum, knurrren sich heiß an, doch das Ende ist nicht abzusehen. Beide scheinen gleich stark.

Die Tiere kommen näher, sehen zu, stumm, still, gefaßt. Ihnen ist der Ausgang gleich: ob der oder jener sie trifft immer das gleiche Los. Jetzt treibt der Kapital« den Gegner langsam, aber stetig, vor sich her; der ander« muß weichen, stemmt sich bann aber wieder ins Gras, krümmt den Rücken, läßt nicht nach, hat festen Fuß gefaßt, hält den Starken auf, sicher und fest, legt seinen Kops noch tiefer. Er berührt jetzt mit dem Geäse fast den Boden; die Gräser, die sich beugen, zittern vor seinem heißen, keuchenden Atem. Er hat ihn gefaßt, stemmt und stemmt; geht keinen Schritt zurück, die Geweihe biegen sich säst von der ungeheuren Kraft, die beide aufwenden, und schieben sich ineinander.

Nur keinen Schritt zurück, denken beide, nur nicht Nachlassen, nur nicht ergeben, nein, weiter und härter kämpfen, wilder, feuriger und heißer. Sie sind ganz nah die Tiere, um die es geht. Es geht auf Leden und Tod, wahrlich! Die Kräfte erlahmen langsam. Die Hirsche keuchen sich an, stemmen nicht mehr so hart und eisern; der Schweiß rinnt von ihrem Rücken, Blut läuft an den Seiten herab, ins grüne Gras. Schaum steht ihnen vorm Geäse, weißer Schaum, der zu Boden sickert, von ihren Qualen zeugt. Sie haben sich mit der Zeit weit fortgekämpft, fort vom Wald, stehen hinten in den Wiesen, halb versteckt im Rohr.

Schwarz ist die Wiese jetzt, schwarz von den Tritten der Gegner, von den Eindrücken, dem Stemmen und Kämpfen. Das Keuchen wird stiller und stummer; sie versuchen jetzt auseinanderzukommen, merken aber, daß die Geweihe sich vergaben haben, daß sie verschlungen sind wie Knoten, die nie und nimmer zu lösen sind, daß sie so bleiben müssen, solange sie noch zu leben haben, bis heute mittag, vielleicht bis gegen abend oder morgen früh wer weiß, die Stunden rinnen dahin.

Von Zeit zu Zeit reißen sie an den harten, starken Enden, daß es kracht, aber lösen und befreien können sich die Stangen nicht. Dann wieder brechen sie in plötzlicher Wut in ihrer Todesangst auseinander los umsonst: Mit jedem Ruck, mit jedem Zug, den der eine ausübt, muß der andere mit, ob er will oder nicht es geht nicht anders, es ist ihr Schicksal. Die Tiere sehen zu, immer noch, fragen sich: Warum hören sie nicht auf, warum kämpfen sie solange um uns, die wir es doch nicht verschuldet haben, die roirs gar nicht wollen, dieses Kämpfen auf Leben und Tod ...

Die Platzhirsche kommen näher. Die Nacht zieht ein, hüllt die beiden in schwarzes Dunkel, läßt sie versinken, in graue Finsternis, deckt die zu Tode Ermatteten zu. Ein letztes Aufflackern letzter Kräfte kommt in den Kapitalen, ein letzter Versuch, aber vergebens es ist unmöglich, sie können nicht voneinander, sie müssen so sterben.

Di« Tier« tun sich nieder. Dann kommt Leben in die Runde, andere Hirsche kommen, nähern sich erst schüchtern, suchen den Haupthirsch, den Kapitalen, aber mit der Zeit sehen sie, daß der verschwunden ist, daß das Feld leer ist, daß der Platz geräumt, daß die Lust rein ist Sie suchen sich ihr Recht, zerstreuen die Tier« in alle Winde, jagen sie in die Wälder, ins Dunkel. Und weit in der Ferne stehen die beiden Hirsche verkämpft.

Ihr Atem geht leis«, die Kraft ist dahin, die Muskeln find erlahmt, die Sehnen schwach, das Herz pocht matt, das Leben rinnt ... In Todes­angst und Todesnot zucken sie noch ein paar mal auf und nieder, fühlen aber kaum den Gegner, merken nur schwach ein leises Wiegen und Ziehen, sind schon halb hinübergedämmert ins Jenseits. Dann fallen sie gegen Morgen beide auf die Seite; ihre Körper überschlagen sich, das Geäse ist weit offen, die Seher gläsern, matt und tot. So liegen sie da, Seher, Geäse und Nüstern voll Gras und Sand, erstickt.

Nur der Wind geht weiter, wie immer, und die See heult in der Ferne, singt ihr Totenlied, und klagend murmeln die kleinen Wellen am Strand .. 1<£