Der Pfarrer ging. Am Lager Sterbenskranker hatte er mancherlei Erfahrungen gesammelt. Demütige Ergebung in den göttlichen Willen hatte er selten gesunden, desto häuslger grenzenlose Furcht vor dem Knochenmann. Messt waren die Worte gefallen: „Herr Parrer, ich sein gar übel dran. Die Schmerzen sein net mehr auszuhalten. Wann ich's doch erst überstanden hältst" lieber den Altbürgermeister mochte man denken, wie man wollte, die Gefaßtheit, mit der er dem Tod ins Auge sah, nötigte einem Achtung ab.
Um die Mittagsstunde genoß der Melcher noch ein Glas Wein. Bald darauf machte sich die nahende Auflösung bei ihm bemerkbar. Er ries, es sei ihm so neblig vor den Augen. Seine Schläfen sanken ein, sein Gesicht begann sich bläulich zu färben, der Atem kam rasselnd aus seiner Brust.
In ihrer Kammer lag die Bürgermeisterin aus den Knien und betete laut.
Die Annegret wich nicht von des Sterbenden Seite. Sie netzte seine Lippen mit Essig und wischte ihm den Schweiß von der Stirn. In ihren Armen tat er den letzten Atemzug.
XV.
Soviel der Altbürgermeister auch auf dem Kerbholz gehabt hatte, bei feinem Begräbnis erwiesen ihm selbst seine Feinde die letzte Ehre. Die ältesten Leute im Dorf konnten sich nicht cnsinnen, jemals ein so stattliches Trauergefolgc gesehen zu haben. Der Sckiwwerkäsper aber behauptete, der Verstorbene habe, während der Zug sich in Bewegung setzte, den Kopf aus dem Eulenloch seiner Scheuer herausgesteckt und habe seinem eigenen Leichenbegängnis zugeschaut.
Wenige Tage vor dem Osterfest wurde der Hof versteigert. Unter den Kauflustigen fehlten die Ortsangehörigen. Diese glaubten, daß auf dem Anwesen Uniegen ruhe. Den Zuschlag erhielt der Sohn eines reichen Bauers aus Bellersheim.
Angesichts des hohen Verkaufspreises, der für das Gut erzielt wurde, eröffnete der Advokat der Bürgermeisterin und ihrer Tochter, daß ihnen nach Begleichung aller Schulden noch etliche tausend Mark verbleiben würden
Obwohl ihr nun ein bescheidenes Einkommen gewährleistet war, beharrte die Bürgermeisterin bei ihrem Vorhaben, künftig ihren Aufenthalt im benachbarten Herleshausen zu nehmen. Dem Irdischen abgekehrt, wollte sie nur noch der Sache der Gemeinschaft dienen.
Die Annegret hatte sich bereits an die Vorsteherin der Haushaltungsschule in der Kreisstadt gewandt. Die antwortete ihrer ehemaligen Schülerin, sie solle kommen, sie könne so lange bleiben, bis sie eine passende Stelle gefunden habe. Die Annegret gedachte sobald wie möglich der herzlich gehaltenen Einladung zu folgen. —
Auch in der Hütte des Mandlersfranz war Trauer eingekehrt. Seine Schwester war int Krankenhaus ihren Leiden erlegen. In der letzten Woche hatte es den Anschein gehabt, als ob ihr die Kräfte wiederkehrten, ja, sie hatte aus Stunden das Bett verlassen können. Dann war ein neuer Anfall gekommen und hatte alle Hoffnung zunichte gemacht.
Seit feiner Rückkehr aus der Stadt, wo der Lene sterblich Teil der Erde übergeben worden war, hatte der Blinde sein Handwerkszeug noch nicht wieder angerührt. Der Verlust der Schwester, das Schicksal seiner Freundin, der Annegret, das alles war auf ihn eingestürmt und hatte sein Gemüt verdüstert. Er saß auf seinem gewohnten Platz und grübelte vor sich hin. Zuweilen wandte er den Kops nach den Vogelkäfigen. Das unaufhörliche Gezwitscher der Finken und Drosseln, woran er sich sonst ergötzte, war ihm jetzt lästig. Gestern hatte er die Käfige mit Tüchern verhängt. Heut stand er davon ab. Er wollte den Tierchen, die auch in der Gefangenschaft das Wehen des Frühlings spürten, die Freude nicht schmälern.
Aus seinen trüben Gedanken weckte ihn ein lieber Besuch. Es war der Direktor der Blindenanstalt, der um diese Zeit die Provinz bereifte, sich vorn Ergehen seiner früheren Pflegebefohlenen zu überzeugen.
Der Franz hatte seinen alten Lehrer gleich an der Stimme erkannt und war aufs freudigste überrascht. Die Teilnahme des gütigen Mannes richtete ihn auf, die Rachrichten aus dem Blindenheim erinnerten ihn an eine glückliche Zeit.
Das Gespräch war schon eine Weile hin und her gegangen, als der Direktor sagte:
„Es wird Sie interessieren, Mandler, unser alter Helfer, der Andreas Hahn, ist in Pforzheim zum Werksührer aufgerückt. Wir haben seit seinem Weggang die Seilerei aufgegeben. Dagegen haben wir uns jetzt mehr auf die Korbflechterei verlegt. Wesentlich ist, daß uns aus dem Niddatal ein vorzügliches und obendrein billiges Weidenmaterial geliefert wird. Was uns aber fehlt, das ist ein tüchtiger Werkführer. Der, den wir haben, ist feiner Aufgabe nicht gewachsen. Ich habe ja früher schon bei Ihnen angeklopft und möchte es heut wieder tun. Sie wären unser Mann. Kommen Sie zu uns. Sie stehen nun allein. Bei uns finden Sie, was Sie brauchen: gute Freunde und eine ersprießliche Tätigkeit."
„Herr Direktor", erwiderte der Franz, „daß Sie das Zutrauen zu mir haben, dadefür bin ich Ihnen von Herzen dankbar. So risch entschließen kann ich mich freilich net. Ich bin ja sellemal in der Anstalt schon ein wink Aussichter gewest, aber viel Hebung hab' ich dadrin noch net. 's is leicht, den Werkführer spielen, man muß es auch fein. Und ’s gibt fein’ Werkführer, der net noch was zuzulernen hält'. No dadevor töt’ ich mich weiter net fürchten. Etz mich auf ein’ Stupp oerheften* und hintennach ’s wieder verkondermandieren** is net meine Art. Dessentwegen macht' ich mir erst meine Ueberlag*** machen."
Der Direktor sagte, er wolle ihn beileibe nicht drängen. Zumal heut nicht, wo so Schweres aus ihm laste. Er solle sich alles gründlich überlegen und ihm Nachricht schicken.
* gleich zusagen.
** rückgängig manchen.
*** Ueberlegung.
Da er dem Franz die Hand zum Abschied reichte, bat ihn dieser, ntjj einen Augenblick zu verziehen.
„Ich möcht' de» Herr Direktor noch was fragen", brachte er mit flotten, der Stimme vor, gewann aber gleich wieder seine Ruhe und Sicherheit, „'s is hier im Ort ein Mädchen, 's is dem verstorbenen Bürgermeisier seine Tochter. Sie hat viel Unglück gehabt, so viel, daß ich's dem 5)enn Direktor alleweil gar net verzählen kann. Das kann ich aber sagen, |ie is grundbrav und ehrlich und tüchtig. Sie is in der Stadt in der Haus- haltungsschul gewest. Etz sucht sie ein’ Dienst. Den kriegt sie. Zehn fit ein’. Aber wer kennt die Leut', wo so ein Mädchen sich hinvermiet'? 's kann gut ausschlagen, 's kann auch schlecht ausschlagen. Für gewiß wch man's halt net. Wär's dann vielleicht möglich, daß sie in der Anslch ankommen könnt'?"
„Mandler", entgegnete der Direktor lächelnd, „da rühren Sie an bm Machtbereich meiner Frau. Da hört mein Einfluß auf. Ich meine als. Sie kommen doch zu uns. Dann tragen Sie der Frau Direktor den Fall otr. Wenn Sie Ihre Landsmännin so warm empfehlen, wird sie, wie ich ft kenne, ein klebriges tun."---
Am andern Mittag richtete die Annegret ihrem Jugendfreund Ims Essen. Kartoffelslampes und Sauerkraut setzte sie ihm vor. Zum erftenmil nach all den trüben Tagen langte der Franz wieder ordentlich zu. Dessm freute sich die Annegret. Als er abgegeben hatte, sagte sie:
„Gelle, du hast geft' Besuch gehabt?"
„Ja", versetzte er, „der Direktor aus Hainstadt war da." Sein Mund ging über, wovon sein Herz voll war. „Da muß man lang suchen, trö man ein’ Mann finb’t wie den. Dem is net wohl, wann er für feine Leck net zu schaffen und zu sorgen hat. Und wann sie der Anstalt drauß' sind, is er als noch gebifch und hilft, wo er kann. Etz hat er bei mir wieder ungehalten, ich sollt' als Werkführer nach Hainstadt kommen."
„Ro unb?z fragte bie Annegret gespannt.
„Ich hab' im Sinn, hinzumachen."
„Das is recht, Franz. So eine Stell' is für bich alles wert."
Der Blinbe ftanb auf unb ging zu seinem Arbeitsschemel, vor dem bie Weidenruten geschichtet lagen. Dann wandte er sich wieder der Freundin zu.
„Ein Wort hat geft’ das andre geben. Und da haben wir auch über dich geschwahtf."
Die Annegret erbleichte.
„lieber mich?"
„Ja, über dich. Das kam eso. In der Anstalt sein doch während sieben, acht Frauensleut. Für die Süd)’, für die Wäsch', für’n (Barten, für wo« net all. Und da hab' ich den Direktor gefragt, ob net am End ein Platz für dich wär'."
„Franz", sagte bie Annegret gerührt, „daß bu in deinem Leib now) an mich gebucht hast, is gar treu von bir."
„Nu hat der Direktor gemeint“, sprach ber Blinbe weiter, „mit bene Frauensleut, bas wär' ber Direktem ihr Sach', 's ließ sich vielleicht gemachen. Ich sollt' emal mit ihr schwätzen. Gingst du bann hin?"
„Ja, Franz, tutsroitt*!"
„Ich weiß auch, baß bir's gefallen tüt'", sagte der Blinde, von einen frohen Gefühl erhoben. „Guck, Annegret, bie Blindenanstalt is kein Spital. Da hörst bu fein (Begerr** unb kein Geseusz. Da is eine stille, ruhige Freud. Und sind lauter Menschen, die über der Arbeit unb dem (Buten was an ihnen getan wird, ihr Unglück vergessen. Und sind wie bie Sinter in einem Haus. Laß mich nur erst bort sein, ich mach' schon ein Plätzi für bich aus “
Die Annegret legte bie Hand auf bie Brust.
„Franz, bernachert wären wir ja alsfort beisammen."
„Merkst bu’s bann alleweil erst?" sagte er. „Dadrauf will ich enaus.' Unb es war, als bräche aus feinen erloschenen Augen ein heller Schein.
Am Mittwoch noch Pfingsten führte der Postkreuder beim Morgengrauen auf seinem Wägelchen zwei Passagiere in bie Stadt: die 2(nnegre-i, der vorerst die Haushallungssck)ule Unterkunft bot, unb den Mandlers- franz, der von der Stabt aus mit ber Eisenbahn bie Reise nach Hainstadt forisetzen wollte.
Langsam rollte das Wägelchen durch das Dorf. Dort auf dem Hof ber Spechlsmarie regte sich noch nichts. Der Schmidtkonrad nebenan war dabei, einen Wagen mit Dung zu beloben. Der Schiwwerkäsper ftanb vo-r feiner Scheuer unb hämmerte an einer Egge herum. Die alte Berwel, bie jetzt beim birken Balthes schaffte, schleppte ein Bünbel Reisholz ins Backhaus. Da sie bie Borübersahrenden bemerkte, rief sie ihnen ,.®n' Morje!" zu. Die Schiebslinbe hatte sich mit jungem Grün geschmückt. Hoö> von ber Krone herab schmetterte ein Buchfink fein Frühlingslied. Hundert Kloster weiter, und man kam am Hof des Melchior Wallenfels vorbei Mus dem Hausährn lief gackernd ein Huhn heraus. Hinterdrein schritt der neue Besitzer, ein kraftstrotzender, junger Bauer. Hannvelte, der Knechts zog eben die Scheck und bie Bläß aus bem Stall. Das laute Brüllen der Tiere erichütterte bie Luft.
Die Annegret meinte, bas Herz müsse ihr brechen, unb bie Träne« stürzten ihr aus ben Augen.
Der Franz in feinem Feingefühl spürte, was sich in der Seele bes Mädchens schmerzvoll regte. Unb er ergriff ihre Hanb unb sprach:
„Sei ftät, Annegret. Unglück unb Hoffnung wohnen in einem Haus!"
Bald hatten sie bas Dorf hinter sich. Drunten auf der Niederunz lagerten noch düstere Schatten, hinter den Waldbergen aber, die bem östlichen Horizont säumten, begann ber Himmel sich rot zu färben.
Der Postkreuder setzte sein Horn an den Mund und blies eine lustig« Weise. Das Rößlein jpitzte die Ohren und griff wacker aus.
So fuhren sie weiter. Immer weiter. Dem Tag entgegen.
+ geschwätzt.
* tout de suite, sofort. '* Weinen.
Schriftlettung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Stetndruckerei, R. Lange in Gießen,


