ch. x
SietzenerZWilieMiitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
l als 011$
Jahrgang (932
Freitag, den 24. Juni
Nummer 48
! -
' Ihm? nug gsopfi:
ine &ul, ri is da lange er. Dis w
bet «H
bet Stall
vereinsweise Grandioseste derartiges, meistern zu trauen, das
Bitte? Nicht möglich: Ein Herr mit Monokel? Das war entweder ein Grieche oder ein versprengter Deutscher. Hier haben wir andre Eigentümlichkeiten, und das Monokel füllt unter die Rubrik „Humor des Auslandes". Wir haben dafür die Mundharmonika und das Schießgewehr. Mundharmonizierend gelangt das Kind zur Welt, benutzt bis zum Laufenlernen die Einloch-Harmonika, bis zur Schule die Zweiloch-Harmonika und wird alsdann Mitglied eines Mundharmonika-Orchesters. Drei Viertel
Wem i iger tat. sie für ij einen oifc
Zürich-Bummel.
Bon Hans Reimann.
Regula und ihr Bruder Felix sollen 312 hingerichtet worden sein, ihre Häupter, statt sie rollen zu lassen, in die Hand genommen und vom Flusse Lindomac einen Berg hinauf getragen haben, und Exuperantius schloß sich, einem on dit zufolge, diesem heroischen Beispiel an, weshalb wir heutigentags auf dem Staatssiege! der Stadt Zürich drei Heilige erblicken mit den dazugehörigen Köpfen vor der Brust. Zum Gedenken an die Geschwister ward eine Kapelle errichtet und hernach eine Kirche, die bereits im dreizehnten Jahrhundert einen Kreuzgang aufwies, ein Juwel romanischer Architektur. Aus der Kirche entstand das Großmünfter mit Glockentürmen, die Ende des achtzehnten Jahrhunderts ihre jetzige Gestalt erhielten, einschließlich des lustig proportionierten, genießerisch dahockenden Charlemagnc mit einem harmlosen Schwert aus den Knien. Wer eine Kamera bei sich sührt, versäume nicht, die zahlreichen, vom strengsten Ornament bis zur tollsten Karikatur sich steigernden Plastiken der Kapitelle im Kreuzgang zu knipsen. Und im Münster ein Tausbecken vom Jahre 1598. Und dem Münster gegenüber das ebenfalls knipsenswerte Haus zum Loch. Das eigentlich zum Löchli heißen müßte, weil, wenn man das „li" abschaffte, die ganze Schweiz nackig dastünde. Eine Firma inseriert Berner Rippli und Wienerli und Frankfurterli und Schweinswürstli, und in einem hygienischen Tütli befinden sich Nußknackerli. Und wie aller- würts, wo die Mundart allzu schelmisch um die Ohren flackert, wird der Fremdling dazu verführt, den Charakter der Eingeborenen zu verschelmeln und zu verappetitlichen.
Aber man lausche etwas schärfer in diese Sprache hinein, die keine Sprache ist, sondern eine aus dem Alemannischen geborene Mundart. Ein böser Mensch hat das Gerücht ausgesprengt. Schweizerisch sei eine Halskrankheit Er meinte die harten, knochigen Wörter mit dem gegurgelten ch. Abgesehen vom ch finde ich die Vokalisation der Schweizer ebenso knifflich und verkniffen wie ihren Sinn und Geschmack. Und mag sie gern. Schon, weil sie den Philologen in mir nicht zur Ruhe kommen lassen. Vermittels der Firmenschilder wird gratis Sprachunterricht erteilt.
Im Baur au Lac wagen sich die Spatzen bis auf den Tisch. Innerhalb einer zu sechzig Minuten gerechneten Stunde erblickt man mehr teure Biagen als in Paris binnen vier Wochen. Es ist laut und geräuschvoll und turbulent, aber um zwölf muß man im Bett liegen, denn die Viertel- willionen-Stadt verzichtet auf jegliches Nachtleben. In einem Cafe gastierte eine ausgezeichnete Kapelle; kurz vor elf war das Konzert zu Ende; nach dem letzten Ton verließen die Zuhörer panikartig das Lokal, und eine Minute nach elf faß ich einsam und verlassen und wußte mit meinem Kummer nicht, wohin. Und wie herrlich ist die Stadt bei Nacht! Schwäne Und Tauben am Limmat-Kai schlummern den Schlaf des Gerechten: das unterhalb des Lindenhofs stationierte Schulschiff, ein wahrhaft groteskes Andiment aus jenen Tagen, da die Schweiz mit Englands Marine wetterte um den schlüpfrigen Lorbeer Neptuns, schaukelt besinnlich in den -Bellen; die Tonhalle, tagsüber ein unbenutztes Objekt für Brisanzwirkungen, tut fe, als fei sie monumental; aus dem Seidenhaus Grieder wcken verwunschene Köstlichkeiten; die Blumenläden Kramer und Marsano ruhen sich aus; das Münster, das angestrahlte, plakatiert sich selbst; und dort, wo eben noch die fremde Kapelle musizierte und das Sechselauten ols Draufgabe spendete, ragen die Hochhäuser, als ständen sie in Hamburg: der Schmiedhof, der Handelshof, das Bakohaus und das Kaufhaus ,pa, das täglich bis 18 000 Franken Umsatz hat und an Samstagen mehr ul- 20 000 trotz frühen Geschäftsschlusses.
er."
, OlE ch!
,pf M"
9 ein ktz ) ber
Volkslied.
Dom Prinzen Emil von Schönaich-Carolath.
Es steht in Deutschland eine Lind' auf einem Friedhof mitten;
in diese alte Linde sind zwei Herzen eingeschnitten.
Sie liebten sich, weiß stand der Klee, ihr Glück war kaum zu fassen;
doch als die Schwalbe sang ade, da mußten sie sich lassen.
Das eine lebt noch auf der Welt, tut singen, lachen und wandern, und betet, daß es bald beigesellt dem andern.
der deutschen Mundharmonika-Produktion wandert nach der Schweiz und nach Kanada. Neben der Mundharmonika wird auch die Ziehharmonika gebändigt, und das ist wohl das Ueberwältigendste, das an Wirkung; einen Klub von hundert und mehr Mann ein
di fe|t. Stia n Oläubign
Hand, ®l nicht M (einer 6fe| rin hck I ende wiifel iftbielenl I ich burH geamMl sich eng m ie Berget?'j ; die et | jem P I e", da r r, ein Sffl ,m eing>'H übergem r. BonF den littet nbeUd Sr.btrIJ roorte?6 id)bl«"* « ch bA .grrt*- trat, Hi feinem H als ein* batte M ichig-d-y
Paradiesisch locken um den Kern der Stadt gelagerte Siedlungen mit den üppigsten Blumengärten Europas. In Emmenthal, der Zentrale des prominenten Käses, kann man adrette Misthaufen bewundern, die mit Flechtwerk umgürtet sind. Das graubündner Fleisch, höher als in 1200 Meter geboren, wird hauchdünn geschnitten und lufttrocken verzehrt. Im Corso-Restaurant probiere man Mistkratzerli und in der Paradies-Bar die diversen Frappees, ohne sich durch das mehrfach plakatierte Geschrei „Mähen" abschrecken zu lassen, die in Obstwähen und Käsewähen zerfallen. Gnägi jedoch ist identisch mit Eisbein. Das feinste Cafe ist Neumann (ohne Musik), das zweitfeinste das Odeon. Kellnerinnen werden Serviertochter oder Saaltochter gerufen, und schulentlassene Fräuleins, die für ein Geschäft die Botengänge besorgen, sind Postkinder. Ruhigster Winkel der Stadt mit lieblichem Rundblick und einem Jeanne-d’Arc-Srunnen ist der Lindenhof; im Museum wimmelts von Böcklin, Hodler, Segantini und Welti, die Briefkästen wirken, als seien sie ausschließlich für getrennte Liebespaare angebracht, denn sie rutschen vor Diskretion in die Wände; im verborgenen, schwer zu erspähenden Belvoir-Park träumen die erlesensten Baumgruppen und räkelt sich die süßeste Plastik; Samstags neunzehn Uhr dröhnen die Kirchenglocken, daß sich Dortmund, wo auch nicht übel geläutet wird, dahinter oerkrauchen muß, aber ich finde es wunderschön; zur Wonne sämtlicher Herrenfahrer bietet Zürich mustergültige Parkplätze; selbst der reiche Mann verzehrt tagaus, tagein seine „Rösti" mit Kaffee; die Ruderer auf dem See arbeiten kreuzweise; manchmal erhebt der Rigi seine Krone; mit dem scharmantesten Bürger Zürichs, dem Doktor Korrodi von der Züri-Zitig, im „Kropf" beim bestgepflegtcn Bier zu plaudern, ist nicht jedermann beschieden; von den Plakatwänden leuchtet frisch-fröhliches Kunstgewerbe (Ernst); eine Hochzeitskutsche rattert durch die Straßen und ihre Schimmel tragen Kopfputz wie bei der Paula Busch; den Chauffeuren zehn Prozent Trinkgeld zu stiften, ist Brauch; wer Glück hat, begegnet auf der Dolder-Seite unten am See der seltsamsten Karawane: Säuglinge und Hemdenmätze werden in Riesenkörben offiziell spazieren gefahren; zum Jodeln benötigt man einen Stimmbruch, den d' Moserbuebe sogar den Herrschaften in Philadelphia vorgeführt haben; sowas Buntes wie der Franziskaner (Stüßihofftatt) hab ich noch nicht erlebt; aber in der Brunnengasse geht's gegenüber dem Haus zum Brotkorb ein wenjg bunter zu; der spruchgezrerte Erker an der Gabelung Lindau-Kat und Niedsrdorsstraße ist längerer Betrachtung würdig; links ab verirrst du dich an Zürichs St. Pauli und labst dich an Lacrimae Christi statt an Köhm; der Palast, darinnen das Reformhaus Egli untergebracht ist, ruft Erinnerungen wach an den Zwinger in Dresden am
immerhin durchschnittlich 500 Mark kostendes Instrument hören. Das Schießgewehr hingegen beweist das starke Berber auf den Autos mit CH (Confoederatio Helvetica) abgekürzte Staat in seine Bürger setzt, Im Züricher Hauptbahnhof, der die Sperre nicht kennt, stehn die Flinten als Handgepäck wie in München die Regenschirme, und alljährlich im September steigt das Knabenschießen, wo keineswegs in Befolgung der Tell-Sage jeweils ein Eidgenosse senior auf einen Eidgenossen junior schießt, sondern die Schulkinder ihre Patronen in Richtung Uetli verpulvern, das mitunter seewärts abgezirkt wird, weil die Amateursoldaten in friedlichen Gefilden herumknallen. Im übrigen sollte man das Uetli nicht per Bahn erklimmen. Es führt da ein Pfad hinauf, der die Bezeichnung „märchenhaft" verdient; der Linderweg, von Heuried aus einundeinviertel Stunde (und nach Regenwetter das Zehnfache). Dann krabbelt man über die Serie angenehm miteinander verbundener Kämme und faust zurück mit der Sihltalbahn, nicht ohne vorher unter Nummer 143 angefragt zu haben, ob und wann ein Zügli startet. Droben auf dem Uetli begibt sich etwas Nettes: eine Freiluftschule mit blutjungen Lehrerinnen und mit erholungsbedürftigen Schwestern jenseits der 60 sammelt nach dem Motto: „Jeder einmal auf dem Uetli" immer wieder andre Buben und Mädchen. Vom Aussichtsturm wird man gewahr, daß einerseits die Stadt am See, anderseits der See in der Stadt liegt, und daß beide sozusagen eine Hochehe miteinander eingegangen sind. Der See ist Meter für Meter umsiedelt und mit gewerblichem Fleiß verziert. Drüben protzt der ebenso vornehme wie langweilige Dolder, das Paradies für stellungslose Millionäre mit Golfbetrieb, und das ewige Surren in der Lust läßt auf den idyllisch gelegenen Flugplatz schließen. So oft der Zeppelin erscheint, heben die Einheimischen -taum ihren Blick: das kommt davon, wenn man sich nicht rar macht.


