toft itn Saktel geschloßen, und so war sie auch setzt friedlich eingenickt. Der bieder« Jewgenis aber trottete sorgenvoll dahin, denn soweit er schauen konnte, war nichts als die unermeßliche Shene und der schimmernde Rand des Himmels. ,
Und ihn ergriff die Einsamkeit der Nacht und die Stille der Welt. Die weiße Ferne versank vor seinen Blicken, er sah nur noch die^unkeln- den Sterne über seinem Haupte und er faltete-die Hände vor seiner Brust und ging in seliger Entrücktheit dahin, ohne noch des Weges zu gedenken.
Plötzlich blieb Miuschka, das Eselchen, stehen, wedelle mit dem Schwanz, wabbelte mit den Ohren und ließ dann den Kopf hängen, als ob es einfchlafen wolle. Jewgenis gab ihm gute Worte, aber es blieb lautlos stehen, und war durch nichts zu bewegen, weiter zu gehen.
Es lief da aber in Sommerzeiten ein Wäfferlein über den Weg. Jetzt war es gefroren und das Eis bedeckte ein weites Stück Land. Jewgenis hob feine Augen, und im Dämmer des Morgens sah er einen Dornbusch am Wege und dahinter eine kleine Hütte, wie die Fischer sie bauen, wenn sie für ein paar Tage auf Fang in die Wildnis kommen: drei Wände und «in Dach darüber, ein paar Feldsteine als Herd und ein weiches Lager. Jewgenis besah sich den freundlichen Platz, schätzte, daß er ein gutes Lager ab gebe, und zog das wackere Eselein unter das Dach. Da war nun eine hübsche Reisigschütt«, dicht mit Moos und Blättern gepolstert, weich und behaglich zu liegen, und es waren allerlei Gerätschaften da, um das Eis zu brechen, Fische zu fangen und ein warmes Essen zu bereiten.
Fröhlichen Herzens wollte er Arina wecken, aber die war schon wach geworden, sah sich verschlafenen Auges um, ließ sich aus dem Sattel heben und legte sich ohne ein weiteres Wort aus die duftende Streu. Jewgenis sah ihr verwundert zu, stellte den Topf, in dem er den Tee hatte ansetzen wollen, wieder zur Seite, und kroch neben sie auf das Lager. Das Eselein aber, mit seiner Herrin lest feinem ersten Lebenstag innig vertraut, legte sich dicht neben sie und spendete ihr von der Wärme seines Leibes. So schliefen sie unter Jewgenijs Mantel, der mit schönem weichen Schafpelz gefüttert war, selbdritt in den Tag hinein.
Arina war die erfte, die erwachte. Sie hatte im Schlaf ein helles Zippen vernommen, und wie sie nun die Augen aufschlug und verwundert um sich blickte, sah sie einen Flug Meisen, der vor der offenen Wand des Schuppens in den Zweigen spielte. Ein kleines Lächeln huschte > über ihr Gesicht, und ihr Herz wurde wieder froh. Hurtig weckte sie Jewgenis auf, hieß ihn das Eis aufschlagen, Wasser holen und den Tee bereiten, während sie Aeste und Zweige schichtete und ein Feuerchen ent- zündete. Luftig leckten die Flämmchen um den rußigen B.echnapf, Arina : holte ihr Bündel hervor, packte Brot und Käse aus, und da sie für das j Eselein nicht besonders gesorgt hatten, teilten sie ihren Vorrat redlich : mit ihm.
Jewgenis fand das Plätzchen behaglich und sicher, Arina aber wollte ' nichts davon wissen, so nahe bei ihrer Wohnung zu bleiben, und trieb zum Aufbruch. Ohne Eile gehorchte Jewgenis Pawlowitsch, denn sein Vater hatte ihn gelehrt, daß man den Weibern nicht allzu bereitwillig folgen dürfe, und als auch Miuschka nach langem Zureden endlich auf die Beine gesprungen war, machten sie sich wieder auf den Weg und zogen eilends davon.
Arina schritt tüchtig aus, aber bei jedem Tritt kam sie «ine Furcht an, wenn sie den Blick in die weihe Unendlichkeit schweifen ließ, und sie trug schwer an ihrer Hoffnung.
Jewgenis bahnte den Weg und wanderte mit einem leisen Lied auf den Lippen frohgemut dahin. So aller Arbeit ledig war «r kaum einmal gewesen in feinem Leben, und er gedachte der Sfeorte des Popen, daß der Herr sorge für alle, die guten Willens seien, und verachtete Michail Michajlowitsch, der den roten Teufeln verfallen war und den Angeber machte, von Herzen. Und lachte, wie er erwog, was der nun für ein Gesicht mache, da er Jewgenis Pawlowitsch nicht fand.
Aber ein Tag ist lang, viel länger als man am Morgen denkt, murrte er mit einem Male, denn sie trafen weder ein Dorf noch ein Gehöft, noch eine andere menschliche Behausung auf ihrem Weg«: nicht einmal eine Hütt« oder eine Feime fanden sie zum Unterschlupf. Arina redete ihm zu, tat, als wäre fi« selber guter Dinge, und verhehlte ihre Schmerzen. Und wenn er rasten wollte und sich liebevoll um sie kümmerte, daß sie sich nicht zu viel zumute, dann strich sie ihm über das Haar, bih die Lippen zusammen und lächelte ihm zu.
Und der Tag verging und der Abend kam, aber sie hatten kein Obdach gefunden. Und es kam die Nacht, streute ihr« Sterne wie einen Saatwurf über den blauen Himmel und hüllte sie beide ein in ihr Geheimnis. Arina blieb ergriffen stehen. Sie legte die Linke auf das Herz, faßte mit der Rechten nach Jewgenijs Hand und wies mit leuchtenden Augen empor. Und er folgte ihrem Blick und verstand sie.
Arina stand lange still, dann zeigte sie ihm eines der glitzernden Gestirne und vertraute ihm, daß das ihr Stern sei. Jewgenij lächelt« gutmütig, denn er verstand nichts von den Sternen und wußte auch nichts davon, daß jeder Mensch einen Stern habe. Arina wuirderte sich sehr, und belehrte ihn. daß jeder Mensch seinen Stern habe, und daß das fein Schutzengel sei.
Davon hatte Jewgenij nun auch gehört, aber er war ein Mann und gab nicht viel auf Weibergered. Und in Moskau hatte man ja auch den Herrgott abgefetzt und alle Heiligen dazu. Ob die nicht auch an die Schutzengel gedacht hätten? Aber wie nun Arina bös wurde, ihn einen roten Heiden nannte und einen Knecht des Teufels, da erfrbrot er vor ihrem Zorn und beteuerte, alles zu glauben, was sie jage. Gedankenvoll schritt er hinter dem Esel her.
So tarnen sie an einen Kreuzweg. Jewgenij wollte den zur Rechten einschlagen, denn er schien der bequemere, aber Arina begehrte den zur Linken zu wählen, beim er führte auf ihren Stern zu. Und so wählten sie trotz Jewgenijs Bedenken ben zur Linken Er führte steil auf einen Berg hinauf, und sie mußten oft stehen bleiben, um Atem zu holen.
Jewgenij wollte umkehren, sie aber beharrbe auf ihrem Willen und klomm ungebeugt bergauf.
Als erste erreichte fle die Höhe, und sie reckte sich hoch, warf die Arm« empor und stieß einen Hellen Jubelschrei aus. Vor ihr tag ein Dorf, bas mit hundert Lichtern freundlich aus der Dunkelheit leuchtete und ihnen glückliche Einkehr verhieß.
Jewgenij umarmte sie lachend, und sie drückte ihn an ihr Herz, bewegt von seiner Freude und befeligt, daß sie nun wußte, daß sie ein Lager habe in dieser Nacht. Plötzlich fiel ihr ein, daß cs heiliger Wend wär«, un_> sie kniete nieder i>m Schnee und sprach ein Gebet. Jewgenij stand «inen Augenblick betreten, neigte bann ebenfalls die Knie und faltete die Hände.
Arina fühlte, daß ihr« Stunde gekommen war aber sie wollte ihren Mann nicht verstören, schwieg ihre Sorgen in sich hinein, und schritt wieder tapfer dahin. Er rodete ihr zu, das Eselein zu besteigen, aber sie wollte es nicht. So schien es ihr besser. Aber endlich ging es nicht mehr. Vielleicht war es ein Stein, vielleicht war es ein« Schwäche; sie tat einen ungeschickten Schritt, stolperte, und sank tn den Schnee. Jewgenij hob sie sofort auf, sie lachte ihn an und stand wieder ganz sicher. Er aber schalt sie und hob sie trotz ihrer Gegenwehr in den Sattel, obwohl es auch dem Eselein gar nicht zu behagen schien.
Spät in der Nacht tarnen sie in das Dorf und fragten sich nach einem Gasthaus. Doch nirgends war mehr «in Platz, denn es war Weihnachtsmarkt, und viele Händler waren herbeigekommen und hatten sich ein- genistet. So waren sie frohs als ein alter Bauer, gerührt von der Schönheit der jungen Frau und ihrem blassen Aussehen, herantrat, und ihnen feinen Stall anbot, denn auch fein Haus war voller Gäste, weil [eine Tochter ihre Hochzeit feiern tboUte.
Da sie in den Stall tarnen, war da Heu und Stroh die Menge, sonst aber war er leer, denn der Bauer hatte sein Bi>eh an di« Händler verkauft, und die trieben es sogleich «davon, da die Streifen der Sowjets bas Land unsicher machten. Jewgenij erschrak sehr, aber der Alte beruhigte ihn. Die Grenze sei nah, und eh' di« Aufgreifer kämen, hätte man längst Nachricht.
Dieses Trostes voll, richtete Jewgenij feinem Weibe das Lager und bettete sie sorgsam, damit fie weich und angenehm ruhe. Auch dem Eselein gab er eine Streu, füllte die Krippe mit guter Kleie und legte sich dann friedlich zur Ruh.
Da war es ihm plötzlich, als spräche ein« Stimme zu ihm, und,mie er die Augen aufschlug, war eine große Helligkeit um ihn, denn der Mond war aufgegangen und warf fein Licht in den Stall. Arina aber lag mitten in dem Glanz, und Jewgenij wunderte sich wie schön sie war. Und es kam ihn der Wunsch an, ihren ruhig atmenden Mund zu küssen, aber da öffnete fi< die Lider und sagte ihm, daß ihre Stund« nah sei.
Und er lief und weckte die Knechte und die Mägde, wie ihm der Bauer gesagt hatte, hieß sie Tücher herbei tragen und Decken, und machte ein starkes Geschrei. Wie fie aber zu «dem Stall kamen, da hielt Arina schon ihr Kind im Arm, und es war ein Sohn, und sie hatte ihn in ihren Mantel gewickelt und an ihrem Herzen geborgen. Da wunderten sich die Leute, die mit Jewgenij gekommen waren, und sie schoben sich heran, das Kindlein zu schauen, und ihre Herzen wurden gerührt von seiner Holdseligkeit.. In scheuem Schweigen standen sie ba, starrten ergriffenen Herzens das zart« Gebilde an, und neigten sich andachtsvoll.
Der alte Bauer aber, der nicht nur ein frommer, sondern auch ein rechtschaffener Mann war, tarn heran mit allerlei Geschenken, und da er das verklärte Weihnachtswunder sah, faltete er in Ehrfurcht die Hände zum Gebet und sprach: Ehre fei Gott in ber Höh«, Friede auf Erden, und den Menschen «in Wohlgefallen.
Einen Augenblick war es ganz still, und es schien ihnen, als wäre die Nacht von Bethlehem wiedergekehrt. Und sie verharrten in Demut und blickten voll frommer Andacht auf das Kind und die lächelnde Mutter. Da aber der Mond weiter wanderte, und durch die Fenster des Stalles nur noch ein dürftiges Licht fiel, wich die Befangenheit von ihnen, und sie gingen, Laternen zu holen und Fackeln, und kamen wieder und brachten mancherlei Angebinde, ein jeder nach seinem Vermögen. Auch von den persischen Kaufleuten kamen etliche, und sie spendeten aus ihren Vorräten Tücher und bunte Stoffe, Lammfelle und feines Linnen, und Arina sah, wie die Schätze sich häuften, urtb fie «dankte Gott mit glücklichem Herzen.
Jewgenij stand dabei und war bedrückten Gemütes. Er sah bas Weib und sah bas Kind, das sie in die Krippe gelegt hatten, forscht« in feinen Zügen und konnte bas Wunder nicht fassen. Ehrfurcht ergriff ihn vor dem Dasein, und er pries die absonderlichen Wege des Herrn in stillem Gebet. Noch tief in der Nacht, als sie längst allein waren, und Arina friedlich schlief, bewegt« er die bedrängenden Gedanken in feinem Herzen. Und er hotte die Laterne vom Nagel, leuchtete dem Kindchen ins Gesicht, sah die Zartheit der rosigen Haut, sah die kleinen Fäuste, die es an seinen Mund drückte, di« feinen Fingerchen und die winzigen । Nägelchen daran, und wunderte sich von ganzem Herzen.
Wie konnte Michail Michajlowitsch, der Verräter, sagen, daß es keinen Gott gebe, wo er sich in solchen Wundem offenbarte, und wie durfte er, ein bummer Bauer, im Angesicht dieses Geschehens an den ' Sternen zweifeln, die sie hierher geleitet hatten? Bon Stunde an hatte er keine Ruhe mehr In feinen Gedanken, und immer wieder mußte er fein Weib anschauen und das Kind, das das feine war, und er träumt« davon, daß auch es einmal ein großer und weiser Mann werden müsse, , wie jener andere...
I Da riß ihn «ine schlimme Botschaft aus seiner Versunkenheit. Die roten Strelfscharen rückten heran, di« Würgengel von Moskau...
Und In der Nacht, da alle schliefen, zog er den Esel aus dem Stall, setzte sein Weib darauf und sein Kind und entwich, von dem alten Bauern auf sicheren Wegen geführt, heimlich über die Grenze und in ein anderes Land...
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche UniverjitätS-Vuch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.


