SietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1952 Freitag, den 25. Dezember Nummer 100
Es ist ein Ros entsprungen.
Volksweise.
Es ist ein Ros entsprungen Aus einer Wurzel zart, Als uns die Alten hingen, Aus Jesse kam die Art Und hat ein Blümlein bracht Mitten im kalten Winter Wohl zu der halben Nacht.
Das Röslein Las ich meine, Davon Esaias sagt, Hat uns gebracht alleine Marie die reine Magd: Aus Gottes ewgem Rat Hat sie ein Kind geboren, Wohl zu der halben Nacht.
Weihnachtspredigt für Tiere.
Von Ernst W i e che r t.
„Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde."
Ja, chr wart dabei. Als das Licht der Liebe über die Erde fiel und des Herrn Engel in die Verkündigung trat, wart ihr dabei. Aus dem Dunkel des Stalles wandtet ihr eure großen, sanften Augen nach dem Schrei der Gebärenden und dem strahlenden Ring um ihren Scheitel. Eine Krippe war des Kindes erstes Haus. Bei euch ward es geboren, gekleidet, angebetet. Ueber eurem Dache stand der Stern. Die Menschen hatten keinen Raum, aber ihr hattet Raum, hattet Geduld, Sanftmut, Schweigen. Schon damals.
Alt ward ihr. Schon damals. Ewigkeiten schimmerten schon dämme in eurem Blick, die begonnen hatten, als der Mensch noch ein Traum war. Aber als er der Herr der Erde wurde, wart ihr da, schweigsam, geduldig, wie Untertanen da sind, wenn der König kommt. Auch als die Liebe über die Erde fiel, ward ihr da, ward Herberge, Wärme, Nahrung, Gehorsam, Demut.
Und ward vergessen, gleich den toten Dingen im Raum, damals wie heute. „Denn euch ist heute der Heiland geboren", sprach der Engel des Herrn. Ihr saht sein Licht, ihr hörtet seinen Segen. Aber „euch, das war der Herr der Erde, der Mensch, deren jeder um diese Stunde ein König der Empfängnis war. „Siehe, ich verkündige euch große Freude! Ihm, nicht euch. Die große Freude vergaß euch, die Erlösung vergaß euch, die ewige Seligkeit vergaß euch. Nur als man nach Bildern für das gottselige Wunder suchte, dachte man an euch, an das Unbeseelte, Schweigende. „Es ist ein Ros entsprungen", sang man. „Ein Lammlein geht und trägt die Schuld", sang man. Aber es gab keinen Himmel für die Blumen, keine goldene Stadt für das Tier.
Ihr Vergessenen, ihr Schweigenden und Unerlosten, zu euch will ich sprechen in dieser Weihnachtszeit. Ihr hört mich Nicht. Aber hort das Meer mich, wenn ich an seinem Ufer stehe, ein Erschütterter seiner Ewigkeit? Hört die Blume mich, über die ich beseligt mich beuge? Der Baum, an dessen Rinde ich meine Wange lege? Der Mensch, dessen Hand ich ergreife? Gott, zu dem ich rufe? . . .
Wir sprechen nicht um Erhörung. Wir sprechen w,e eine Glocke die der Wind anrührt. Sie bebt und tönt und sie //rigt nicht, ob die Herzen erbeben und tönen, zu denen sie spricht Das Unerhörte ist mehr QlS Ihr Vergessenen, immer ward ihr bei den Heiligen und bei den Kindern, bei Franziskus und in den Märchen. W fangt, als - gf war und Grani Gold trug von der Heide, ihr fangt, ate Gudrun wusch am Meeresstrand, ihr spracht im Haupte Faladas, chr ward die sieben Schwäne und die sieben Raben. Ihr Bruder und Schwestern aus unserer Kinderzeit und der Kinderzeit der Menschen, ich mochte euch bitten, un zu vergeben, was wir euch angetan. Ich mochte euch sov.A Gutes tun um diese Weihnachtszeit. Denn ich bin euer Schuldner für Zeit und ^"Als'ich ein Kind war, hatte ich einen Panich, lebt« in meinem Garten, und der Garten war der Garten Eden 'dem wst als z-r^ Brüder miteinander wohnten. Um die Mittagsstunde lag ch L Rasen und rief nach meinem Bogel. Er kam und blieb> zu meinen Fußen stehen. Er spielte mit meinen Schuhen, meinen Knöpfen me nen Han den. Und dann legte er sich nieder, daß fein L->b Sw,sck)en meinem Arm und meinem Herzen lag und verbarg. feinen Kopf an meiner Brus. Ein leise träumender Laut kam unaufhörlich aus ferner Kehle, unchguch geborgen und glückselig. Meine Hand strich über sein bläuliches Gestever w!« über die Wange eines Kindes. Sein Auge öffnete sich noch zuwe
und blickte mich vertrauend an, und dann schliefen wir ein, während die Bienen über, uns summten und der Pirol vom Walde rief.
Ja, ich bin sein Schuldner für Zeit und Ewigkeit. Ich bin ein Schuldner jeder Drossel, die am Abend in den Fichten fang, als ich meine ersten Verse schrieb, ein Schuldner jener jungen Schwalbe, die einst auf meiner Schulter saß, als ich zum erstenmal aus dem Kriege kam, ein Schuldner des Pferdes, das mich trug, des Hundes, der mich tröstete, ein Schuldner aller derer, die mich nun in meiner Stille besuchen, von den Meisen vor meinem Fenster bis zu dem Weberknecht, der jeden Abend aus meinem Schreibzeug sitzt und zu meiner schreibenden Hand hinübersieht.
Ach, ich möchte euch so viel Gutes tun, ich möchte ein Zauderer fein und an diesem heiligsten Abend durch eure Wohnungen gehen, durch die Tannen des Winterwaldes und die Höhlen der Erde, zu den kalten Nestern, wo das Eichhorn schläft und unter die Rinde der Bäume, wo die Käfer ruhen. Ich möchte euch Futter streuen, und Frieden mit meiner Hand und ich möchte zu euch sprechen können, daß ihr mich versteht. Ja, ich möchte wohl Lichter entzünden auf einem Baum der tiefen Wälder und euch ju mir bitten, ihr Vergessenen. Und ich möchte die Verheißung des Jesasta zu euch sprechen: „Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen, und die Pardel bei eben Böcken liegen. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden an der Weide aehen, daß ihre Jungen beieinander liegen und ein Säugling wird feine Lust haben am Loch der Otter." Das wird sein, wenn der Gottesfriede auf der Erde sein wird, von dem die Weissagungen und Offenbarungen sprechen.
„Wartet, ihr meine Brüder!" möchte ich zu euch sprechen unter den Kerzen im Winterwald. „Auch die Stillen unter uns warten des Gottesfriedens. Auch einander Haffen, verfolgen und töten wir. Einmal werden wir des müde fein. Einmal wird der Zauber von uns fallen, das Hart« unferer Augen und Hände, und ihr werdet aufftehen aus euch, wie das Königskind im Märchen aus dem häßlichen Entlein aufsteht. Dann werden wir teilen mit euch, wie Joseph, der Erhöhte, mit feinett Brüdern teilte. Nicht nur die Speis«, nicht nur die Erde, nicht nur das Leid, sondern auch den Himmel, von dem wir träumen. „Ich glaube", sagt Luther, „daß auch die Belserlein und Hündelein in den Himmel kommen und jede Kreatur eine unsterbliche Seele habe."
Wartet, ihr meine Vergessenen. „Ich träumte", erzählt die Legende des Orients, „ich träumte, ich sei im Himmel. Da kam ein Fuß herein. „Der Mann", sagte der Engel, -„dem dieser Fuß gehört hat, war bös In allen Singen und ist deshalb jetzt In der Hölle. Mit diesem Fuß aber hat er einmal einem durstigen Kamel den Wasserkübel nähergeschoben!" Wartet, ihr meine Vergessenen, auf den Himmel, in dem ihr euch unserer Füße erbarmen werdet.
Bayerische Reiterweihnacht.
Von Sofie von Uhde.
Copyright 1932 by I. L. A., Wien.
Im knisternden Rauhrelf schlummerte der Winterwald. Zuwellen hoppelte ein Häschen über unfern Weg, zuweilen streifte Unsichtbares die Aeste: bann fielen die weißen Kristalle wie himmlische Grüße auf unsere Schultern und auf die Mähnen unserer Tiere. Fünf nickende, schnaubende Pferdeköpse, fünf weihnachtsfrohe Reiterherzen. — Ueber dem schweig end en Wald stand der wegeweisende Stern.
Unsere Straße war noch weit. Viele Kilometer hinter fraftflitten Feldern, hinter weihen Hügeln und nächtlichen Wäldern lag die alte Wallfahrtskirche, zu der es uns zog: ein andachtsvolles Reiten durch den Winterwald, eine Huldigung dem Kindlein in mitternächtiger Mette, zwischen Bauern und Bauernblut und bann ein froher Trab nach Hause, das sollte unsere Weihnacht sein.
Die Pferde schritten vorsichtig und kräftig aus und wandten rechts und links neugierig die Köpfe an langen Zügeln, um zu sehen, was in diesem Winterwald an stiller Zwiesprache lebte. Zuweilen streifte sie die kalte, fallende Last eines Zweiges, bann schüttelten sie sich und schnaubten. Wir ritten in gläubiger Erwartung.
3n solch schweigendem Glauben waren damals die fremden Könige durch die Nacht geritten, edelsteingeschmückten Zaum in der Zügelhand, güldene Gefäße mit Spezereien an sich gedrückt und die Augen fromm auf den Stern gerichtet, der wegweisend mit ihnen zog.
Ruhig Harnll, heute wird nicht getänzelt und gescheut: heute Ist die stille, die heilig« Nacht. Ruhig, mein Freund. Lichter schimmerten awl- chen den alten, knorrigen Stämmen. Vor uns, am Rande des Waldes, taub die Wallfahrtskirche, prunkend im barocken Zierat: aus den erhellten Fenstern fiel ein goldener Schein auf den Schnee und die tiefen, dunklen Wagenspuren des Weges. Vor dem Krug hielten die Schlitten der Bauern, vermummte Rößlein senkten die Nasen in die Futterkrippen, und die Männer traten in den hohen Stiefeln von einem Fuß auf den andern und schlugen die Hände in den Pelzhandschuhen aneinander, um


