„Ihr seid ein Schelm", rief die Rose lochend, „Ihr seid ein Türke und habt es mit vielen zugleich; meinet Ihr, ich wisse nicht, wie Ihr mit der leichtfertigen Französin scharmiert, mit dem Fräulein von Bordeaux, und mit dem Kreidengesicht, der Champagnerin: geht, geht, Ihr habt einen schlechten Charakter und verstehet Euch nicht auf treue deutsche Minne,"
„Ja, das sag' ich auch!" rief Judas und fuhr mit der langen knöchernen Hand nach der Hand der Jungfer Rose, „das sag' ich auch: drunr nehmet mich zu Eurem Galan, liebwerteste Jungfer, und lasset den kleinen Kerl seiner Französin nachziehen,"
„Was?" schrie der Hölzerne und trank im Zorn einige Maß Wein, „was? mit dem jungen Fant von 1726 willst du dich abgeben, Röschen? Pfui, schäme dich: was mein nacktes Kostüm betrifft, Herr Naseweis, so kann ich ebensogut wie Er eine Perücke auf setzen, einen Rock umhängen und einen Degen an die Seite stecken: aber ich trage mich so, weil ich Feuer im Leibe habe und mich nicht friert im Keller. Und was Sie da sagt, Jungfer Rose, mit den Französinnen, so ist das gänzlich erlogen. Besucht habe ich sie zuweilen und mich an ihrem Geiste erluftiert, aber weiter gar nichts; dir bin ich treu, liebster Schatz, und dir gehört mein Herz."
„Eine schöne Treue, Gott erbarm's!" erwiderte die Dame: „was hört man nur aus Spanien, wie Ihr es dort mit dem Frauenzimmer habt. Von dem süßlichen Xeres5 will ich gar nichts sagen, das ist eine bekannte Geschichte, aber wie ist es denn mit der Jungfer Dentilla di Rota", und mit der von San ßüfar7? Und dann mit der Sennora Pietro Ximenes9?"
„Alle Teufel, Ihr treibt die Eifersucht auch gar zu weit" rief er ärgerlich, „man kann doch alte Verbindungen nicht ganz aufgeben. Und was die Sennora Pietro Ximenes betrifft, so seid Ihr sehr ungerecht ich besuche sie ja nur aus Freundschaft für Euch, weil sie Eure Verwandte ist."
„Was macht Ihr da für Fabeln? Unsere Verhandle?" murmelten Rose und die Zwölfe untereinander/ „wie das?"
„Wißt Ihr denn nicht", fuhr er fort, „daß die Sennora eigentlich eine Rheinländerin ist? Der ehrsame Don Pietro Ximenes hat sie heim- gefuhrt als blutjunges Rebstöcklein aus dem Rheingau nach feiner Hei- mat Spanien, und dort hat sie sich angesiedelt und feinen Familiennamen angenommen, noch jetzt, obgleich sie den süßen, spanischen Charakter angenommen, noch jetzt hat sie große Aehnlichkeit mit Euch, wie die Grundzuge des Gesichtes sich in der Familie nicht ganz verlieren. Die- felbe Farbe und jener süße Duft, jenes feine Aroma ist ihr eigen und macht sie zu Eurer würdigen Base, wertgeschätzte Jungfer Rose."
„Sie soll leben, soll leben!" riefen die Apostel und stießen an Bafe Ximenes in Hispanien soll leben!" ' " 1
, 9u!t9h’r Rose mochte ihrem Galan nicht ganz trauen und stieß mit bittersüßer Miene an, doch schien sie nicht ferner mit ihm Hadem zu wollen, sondern sprach weiter:
„Und auch ihr, meine lieben Vettern vom Rhein, seid ihr alle Wer? Ja, da ist ja mein zarter, feiner Andreas, mein mutiger Judas mein feuriger Petrus. Guten Abend, Johannes, wische dir den Schlaf aus den Eglein, du siehst noch ganz trübselig aus. Bartholomäus, du bist un- Ä. d'» geworden und scheinst trüge zu sein. Ha, mein munterer Paulu-, und w« fröhlich Jakobus um sich schaut, noch immer der Alte Aber wie ihr |eib ja zu Dreizehn am Tische, wer ist denn der dort in fremder Kleidung, wer hat ihn hierher gebracht?"
Gott, wie erschrak ich! Sie schauten alle verwundert auf mich und ft11 me'rlerr Anwesenheit nicht ganz zufrieden. Aber ich faßte JXJ!" sagte: „Mich gehorsamst der werten Gesellschaft zu
empfehlen. Ich bitt eigentlich nichts weiter als ein zum Doktor der philofoplne graduierter Mensch und halte mich gegenwärtig hiesigen Orts in dem Wirtshause zur Stadt Frankfurt auf." 8 9
x„t" i „»asst du es aber, hierher zu kommen in dieser Stunde, graduiertes Menschenkind? sprach Petrus sehr ernst, indem er Blitze aus aus mich sprühte. „Du hättest wohl denken können, 0*11 nicht in biefc noble Sozietät gehörst."
kastel", antwortete ich, und weiß noch heute nicht, woher ich den Mut bekatn, wahrscheinlich aus dem Wein; „Herr Apostel das du verbitte» ich tmr vors erste bis mir weiter bekannt sind. Und'was die
?0Z>etat betrifft, in die gekommen fein soll, so kam sie zu mir mad) j^rr!*" ' K' sitze schon seit drei Stunden in diesem Ge-
„Was tut Ihr aber so spät noch im Ratskeller, Herr Doktor" fragte Erdenvolk ?(£[!„' °‘S Apostel, „um diese Zeit pflegt sonst das
„Euer Exzellenz , erwiderte ich, „das hat feinen guten Grund Ich bin ein portierter Freund des edlen Getränkes, das man hier unten veri
öie Vergünstigung eines wohledlen Senats die Perniisiion erhalten, denen Herren 2lposteln und der Jungfrau Rose meinen Besuch abzustatten, was ich auch geziemendst getan."
„Aljo Ihr trinkt gerne Rheinwein?" fuhr Bacchus fort; „nun das ift eine gute Eigenschaft und sehr zu loben in dieser Zeit, wo die Men- jdjen jo kalt geworden sind gegen diese goldene Quelle."
m’Ä.^ Teufel hole sie all'!" rief Judas, „keiner will mehr einige »h?r6 •eJn?seln m,fier f>ier und da solch ein fahrender Doktor aufwichse"""^^ Atagifter, und diese Hungerleider lassen sich ihn erst noch < Gehorsamst deprezieren, Herr von Judas", unterbrach ich
den schrecklichen Rotrock. „Nur einige kleine Versuche habe ich getan mit
« 9.e,mnnt nach der spanischen Stadt Xeres de la Frontera
Em Rotwein von Granada.
San Lükar, kleine Stadt an der Mündung des Guadalquivir, berühmt wegen seiner Weinberge.
9 Geschätzter Malagawein aus gewelkten Trauben.
dero Rebenblu-t von 1700 und etlichen Jahren, und den hat mir aller, dings der wackere Bürgermeister einschenken lassen; was. Sie aber hier sehen, ist etwas neuer’ilnb in barer Münze von mir bezahlt."
„Doktor, ereifert Euch nicht", sagte Frau Rose, „er meint’s nicht fa böse, der Judas, und er ärgert sich nur und mit Recht, daß die Zeiten so lau geworden."
„Ja!" rief Andreas, der feine, schöne Andreas, „ich glaube, dieses Geschlecht fühlt, daß es keines edlen Trankes mehr wert ist, drum sollen sie hier ein Gesöff von allerlei Schnaps und Sirup brauen, heißen es ChLteau-Marget, Sillery, St.-Julien und sonst nach allerlei pompösen Namen, und kredenzen es bei ihren Gastmahlen, und wenn sie es sausen, bekommen sie rote Ringe um den Mund, dieweil der Wein gefärbt war, und Kopfweh den andern Tag, weil sie fchnäden Schnaps getrunken."
,Ha, was war das für ein anderes Leben", führte Johannes di« Rede fort, „als wir noch junge, blutjunge Gesellen waren, Anno neun, zehn und sechsundzwanzig. Auch Anno fünfzig ging es noch hoch her in diesen schönen Hallen. Jeden Abend, es mochte die Sonne scheinen in hellem Frühling, ober schneien und regnen im Winter, jeden Abend waren die Stübchen dort gefüllt mit frohen Gästen. Hier, wo wir jetzt sitzen, saß in Würde und Hoheit der Senat von Bremen. Stattliche Perücken auf dem Haupt, die Wehre an der Seite, Mut im Herzen und jeder einen Römer vor sich.
„Hier, hier, nicht oben auf der Erde, hier war ihr Rathaus, hier di« Halle des Senats! denn hier beim kühlen Weine berieten sie sich übet das Wohl der Stadt, über ihre Nachbarn und dergleichen. Wenn fk uneinig in der Meinung waren, so stritten sie sich nicht mit bösen Worten, sondern tränten einander wacker zu, und wenn der Wein ihre Herzen erwärmt hatte, wenn er fröhlich durch ihre Adern hüpfte, da war der Beschluß schnell zur Reife gediehen, sie drückten sich die Hände, sie waren und blieben immer Freunde, weil sie Freunde waren des edlen Weines: Am andern Morgen aber war ihnen ihr Wort heilig, und was sie abends ausgemacht im Keller, das führten sie oben im Gerichtssaal aus."
„Schöne, alte Zeiten!" rief Paulus; „daher kömmt es auch, daß noch heutzutage jeder vom Rat in eigenes Trinkbüchlein, eine jährliche Wein- redjnung hat. Den Herren, die alle 2(benbe hier saßen und kranken war es nicht genehm, allemal in die Tasche zu fahren und ihr Geldsäckelein herauszukriegen. Aufs Kerbholz ließen sie es schreiben und am Neujahr ward Abrechnung gehalten, und es gibt einige wackere Herren, die noch jetzt oft Gebrauch davon machen, aber es sind deren wenige.
„Ja, ja, Kinder", sprach die alte Rose, „sonst war es anders, so vor fünfzig, hundert, zweihundert Jahren. Da brachten sie abends ihre Weiber und Mädchen mit in den Keller, und die schönen Bremer Kinder tranken Rheinwein oder von unserem Nachbar Moseler, und waren weit und breit berühmt durch ihre blühenden Wangen, durch ihre purpurroten Sippen, durch ihre herrlichen, blitzenden Augen; jetzt trinken sie allerlei miserables Zeug, als Tee und dergleichen, was weit von hier bei den Chinesen wachsen soll, und was zu meiner Zeit die Frauen tranken, wenn sie ein Hüstlein oder sonstige Beschwer hatten. Rheinwein, echten gerechten Rheinwein können sie gar nicht mehr vertragen; denkt euch ums Himmelswillen, sie gießen spanischen Süßen darunter, daß er ihnen munde, sie sagen er sei zu sauer."
Die Apostel schlugen ein großes Gelächter auf, in das ich unwillkür- lich emftimmen mußte, und Bacchus lachte so gräßlich, daß ihn der alte Balthasar halten mußte.
„Ja, die guten alten Zeiten!" rief der dicke Bartholomäus; , sonst trank em Bürger seine zwei Maß, und es war, als hätt' er Wasser getrunken, o nüchtern blieb er, jetzt wirft sie ein Römer um. Sie sind aus der Hebung gekommen."
~ ..--Da trug sich vor vielen Jahren eine schöne Geschichte zu", sagte Fräulein Rose und lächelte vor sich hin.
„Erzähle, erzähle, Jungfer Rose, die Geschichte!" baten alle; sie aber traut bedeutend viel Wein, damit sie eine glatte Kehle bekam, und Hub an:
„Anno 1600 und einige zwanzig, dreißig Jahre war ein großer Krieg in deutschen Landen von wegen des Glaubens: die einen wollten so und die andern anders, und statt daß sie bei einem Glase Wein die Sache vernünftig besprochen hätten, schlugen sie sich die Schädel ein. Albrecht non Wallenstein, des Kaisers Generalfeldmarschall, hauste schrecklich in protestantischen Landen. Des erbarmte sich der Schwedenkönig Gustav Adolf und kam mit vieler Mannschaft zu Roß und zu Fuß. Es wurden viele Bataillen geliefert, sie hetzten sich herum am Rhein und an der Donau, geschah aber weiter nicht viel, weder vor- noch rückwärts. Zu der Zeit war Bremen und die andern Hansestädte neutral und wollten es mit keiner Partei verderben. Dem Schweden lag aber daran durch ihr Gebiet zu ziehen und sich freundlich mit ihnen einzulassen, darum wollte er einen Gejandten an sie schicken. Weil aber im Reich bekannt war, daß man in Bremen alles im Weinkeller verhandle, und die Ratsherrn und Bürgermeister einen guten Schluck hätten, so fürchtete sich der Schweden- konig sie mochten seinem Gesandten gar sehr zusetzen mit Wein daß er Schweden würde und schlechte Bedingungen einginge für die
rZ'^Um sich aber im schwedischen Lager ein Hauptmann vom
.Piment, der ganz erschrecklich trinken konnte. Zwei, drei Maß zum Frühstück war ihm ein Kleines, und oft hat er abends zum Zuspitzen
■ $lni getrunken und nachher gut geschlafen. Als nun der König ooU Besorgnis war, sie möchten im Bremer Ratskeller seinem Gesandten allzujehr zujetzen, so erzählte ihm der Kanzler-Oxenstierna von dem Hauptmann, Gutkunst hieß er, der so viel trinken könne. Des freute sich der König und ließ ihn vor sich kommen.
(Fortsetzung folgt.)
’ Jmi oder Immi ist ursprünglich ein Getreidemaß.
'Beran,wörtlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Vrühl'fche Univer, itäts-Buck- und Steindruckerei, N. Lange, GießUu


