'Noch. Aber du siehst, Bismarck ist vorsichtig. Ehe er zu mir kommt, versichert er sich auch meines Nachfolgers!"

Abscheulich!"

Nur klug, meine Liebel" *

Lange hatte die Besprechung König Wilhelms mit Bismarck gedauert. Im Schloß Babelsberg war man sich der Bedeutung des Augenblicks be­wußt. Deshalb hingen aller Augen an der Ausgangstur des Schloßes. Man hoffte, in den Zügen Bismarcks das Ergebnis lesen zu können, wenn er zu seinem Wagen ging. .

Da geschah das Unerwartete, Man sah den König und Bismarck vom Schloß zum Dark hinschreiten, beide in lebhaftem, ernstem Gespräch. Der König trug ein Schriftstück in der Hand. Bismarck nahm es, warf einen Blick hinein und behielt es. Lebhaft begann er:Nein, Euer Majestät, die Frage der Partei spielt keine Rolle mehr, Wenn ich die Ehre haben soll, Euer Majestät Regierung vorzustehen, handelt es sich für mich nicht um konservativ oder liberal, sondern um Königliches Regiment oder Parla­mentsherrschast. _ , , . .

Bismarck zögerte einen Augenblick. Was sagte er da? War das ein

Widerhall aus der Villa in Biarritz, aus Roons Arbeitszimmer? Aber es zwang ihn fortzufahren:... die Parlamentsherrschaft muß unter allen Umständen vermieden werden, nötigenfalls durch Diktatur.

Der König zuckte zusammen. Das klang nicht nach Uebereinstimmung mit seinem liberalen Sohne Fritz, aber es weckte doch die Sorgen seiner Gemahlin zugleich: dieser Mann war gefährlicher als alle Parlamente. Seine Wege endeten sicher am Fallbeil. Bismarck fühlte das Gewicht des Augenblicks. Unwillkürlich hielten beide ihren Schritt an, sie standen sich Auge in Auge gegenüber. Bismarck empfand des Königs Suchen. Wie eine Befreiung kam es über ihn, der Versucher entwich, Treue, nichts als Mannestreue zu feinem Herrn erfüllte fein Herz, aller Ehrgeiz ent­schwand. Aus der Tiefe feiner Brust klang es rein und voll:Euer Ma,e- ftät werden mir erlauben, meine Meinung stets offen zu entwickeln. Aber wenn Sie auf der Ihrigen beharren, dann will ich lieber mit meinem König untergehen als Eure Majestät im Kamps mit der Parlamentsherr- schafi im Stiche zu laßen."

Die Augen der beiden Männer hatten sich noch nicht gelost. Stumm reichte der König Bismarck die Hand. Ein Kraftgefühl strömte von dem einen zum andern. Der König zerriß das Schriftstück. Er brauchte es Nicht mehr. Es sollte den künftigen Minister auf eine bestimmte politische Linie festlegen. Nun aber hatte er einen Menschen gefunden, der sich ihm zu unwandelbarer Treue verpflichtete. Das bedeutete mehr als ein Regie­rungssystem. ,, . ....

Abermals nahm Bismarck die Unterhaltung auf.Euer Maiestat mögen nunmehr über mich befinden, wie Sie wollen, ob als Minister­präsident oder als Minister ohne Portefeuille. Ich bin bereit, da zu kämp­fen, wohin Euer Majestät mich stellen."

Dankbar lächelte der König ihm zu. Seine Vermutungen über Bis­marcks Machtstreben waren ebenso unbegründet wie die Besorgnisse seiner Gemahlin vor dem blutheischenden reaktionären Junker. Wer so sprach, dachte nur an König und Vaterland. Ganz gegen seine Gewohnheit er­klärte er mit einem Anflug von Humor:Herr von Bismarck, ich kann Sie nur als Ministerpräsident gebrauchen. Sie müßen an der Spitze meiner Regierung kämpfen, nicht anders! Noch heute sollen Sie ernannt werden."

Bismarcks Augen leuchteten. Der Fels von Biarritz in tosender Flut trat vor seine Seele. Solch ein König war ein Fels, wo einem das feind­liche Element nichts anhaben konnte. Wie zum Schwur reichten sich beide Männer noch einmal die Hand.Mit einem König vorwärts!" rief Bis­marck bewegt.

Will's Gott, zur Unsterblichkeit!" antwortete der König. Erhobenen Hauptes schritten sie dem Schlosse zu.

reien, Fischerhütten und Klausnereien, in denen die Schuler der Hohen Karlsschule und die Schülerinnen derEcole des Demoiselles , bald Götter und Göttinnen, bald Fischer und Hirten darstellten und die Gaste mit Gedichten, Gesängen und Tänzen begrüßten.

Auch in derAkademie" mußten die Karlsschuler vor den fremden Fürstlichkeiten in ihren Gala-Uniformen mit den falschen Zöpfen para- frieren. In all dem Jubel und Festglanze ging einer still und gedankenvoll umher, Schwabens größter Sohn, der Dichter derRäuber , Friedrich

Mit gärendem Blut hatte der gegen seine Neigung zum Studium d-r Medizin gezwungene Zögling der Karls-Akademie in scheuer Heimlichkeit {ein Räuberstück geschrieben. Als Regimentsfeldscher hatte er es vollendet und heimlich der ersten Ausführung in Mannheim am 13. Januar 1782 beigewohnt. DieRäuber" trugen seinen Namen und Ruhm durch die Welt nur einer wollte nicht an seinen Dichterberuf glauben und dieser eine war der Herzog Karl Eugen von Württemberg. Er ließ den Reg. mentsmedikus Schiller zu sich kommen und verlangte von chm, daß er alles, was er außer medizinischen Sachen fortan schriebe, ihm zur Durch sicht und Zensur vorlege. Außerdem verbot er ihm ieden Verkehr mit frem Auslande". Als der Dichter sich nicht fügte, auch nicht fugen konnte, wollte er nicht geistig und seelisch verkrüppeln, fuhr der Herzog ihn,an: ,Dch sage, bei Strafe der Kassation schreibt Er keine Komödien mehr! _

Doch Schiller trotzte dem Zorn seines Fürsten und ging Ende Mn 3wn zweiten Male heimlichins Ausland", um sich in Mannheim miepet an einer Aufführung feinerRäuber" zu stärken. Aber welch Erwachen bei der Heimkehr in Stuttgart, in die Zwangsjackenumsorm des Regi- mentsseldichers.Noch bereue ich beinahe die glücklichste Reife meines Lebens" schreibt Schiller an den Mannheimer Theaterintendanten Frei­herrn von Dalberg, ,chie mich durch einen höchst widrigen Kontrast meines Vaterlandes mit Mannheim schon so weit verleidet hat, daß mir Stutt­gart und die schwäbischen Dinge unerträglich und ekelhaft werden. Un­glücklicher kann niemand sein als ich." ...

Schon drohte ein neues Ungewitter. Als der Herzog durch Klatsche- rei von den heimlichen Reifen seines Regimentsmedikus in das verpönte Ausland erfuhr, schickte er ihn im höchsten Zorn auf vierzehn Tage in Militärarrest, und bedrohte ihm mit den schaurigen Kerkern des Hoheit' aspera, wo der Dichter Schubart nun schon im fünften Jahre schmachtele-

Voller Verzweiflung schrieb Schiller an Dalberg:Ich muß eilen, dcih ich hier wegkomme, man möchte mir am Ende gar in Hohenasperg, nm dem ehrlichen Schubart, ein Logis anweisen. Man redet von besserer Aus­bildung, die ich bedürfen soll ... ich denke, längst in den Angelegenheiteiu, wobei man mich jetzt unter eine den Geist fesselnde Kuratel setzen morf)te mündig geworden zu sein. Das Beste ist, daß man solchen plumpen Fesseln ausweichen kann. Mich wenigstens sollen sie nie drücken ...

Immer heftiger sinnt der dreiundzwanzigjährige Dichter daraus, |UQ den Fesseln durch die Flucht zu entziehen. Sein Vertrauter ist der um zwei Jahre jüngere Musiker Andreas Streicher, der an den Gemu- seines Freundes Schiller unwandelbar glaubt und mit opferfreudigen Treue an ihm hängt. Er will den vergötterten Freund auf der Fluch'! begleiten. Nun, da Herzog Karl und ganz Stutgart vollauf mit W glänzenden, lärmenden Festen zu Ehren der russischen Gaste beschaff, sind, wollen sie in der allgemeinen Aufregung fliehen ... diese Gedanken sind es, die den Dichter so still und trüb in dem Festsubel machen, (is ift ja eine Flucht vielleicht für immer aus der Heimat vom Herzein des Vaters und der Mutter, der Schwestern und wenn die Flucht miß» glückt? Dann ohne Erbarmen: Hohenasperg! r

Für die Festlichkeiten auf der Solitude waren die großartigsten iso - bereitungen getroffen. Seit Wochen hatten die Bauern der Umgegend vm« Hirsche in einen Wald zusammengetrieben, die sie nun bei Tag und Rach 1 mit Wachtfeuern umzingelt hielten. Diese armen Tiere waren dazu t><!: stimmt, von einer schroffen Anhöhe in den Bärensee hinab zu springen und dort von den fürstlichen Jägern von einem mitten im See erbauten prächtigen Pavillon in aller Bequemlichkeit erlegt zu werden.

Während der glänzenden Illumination des großen Schloßes, der zayn reichen Nebengebäude und des Parkes der Solitude wollten Schmer um Streicher fliehen am dunklen Abend des 22. Septembers. Am Somit1 tag sollte Streicher die Habseligkeiten seines Freundes aus «dessen droh nung abholen, aber er sand nichts vorbereitet.Denn", so erzählt m selber,nachdem Schiller um acht Uhr in der Frühe von seinem letzlern Besuch (als Regimentsmedikus) in dem Lazarett nach Haufe zuruckgekchn war, fielen ihm beim Zusammensuchen seiner Bücher die Oden von 5uo|» stock in die Hände, unter denen eine ihn schon oft besonders angezogen um aufs neue so aufregte, daß er sogleich jetzt in einem so entscheidenoen Augenblick ein Gegenstück dichtete." Weiter berichtet Streicher, er halt'- ungeachtet alles Antreibens zur Eile sich die Ode und dann das Eeger« stück anhören müßen, so konnte erst am Nachmittag alles in Ordnung S_ bracht werden, ,und abends um neun Uhr kam Schiller mit ein haa Pistolen unter seinem Kleide" in die Wohnung von Streicher. Er trW einen bürgerlichen Rock. Mit welch hoffnungsfreudiger Haft mag er roow seine steife Uniform, die vorgeschriebenen vergipsten drei finarrou;-11 jeder Schläfe, den angebundenen, langen, dicken Zopf, die tagtäglich »e wünschten weißen, mit Schuhwichse verschmierten Gamaschen, in denen er nicht das Knie beugen konnte, und die ganze verhaßte Feldschererer für immer von sich geschleudert haben! .

Mit der Bewaffnung der Flüchtlinge sah es recht dürftig aus. rwn eine Pistole hatte zwar einen Hahn, aber keinen Feuerstein, die anve dafür ein zerbrochenes Schloß. Ueberdies waren beide nicht geladen. A der Kassenbestand war nicht glänzend. Als sie abends zehn Uhr in den w- zwei Soffern und Streichers kleinem Klavier beladenenDlietsroag - stiegen, Ijatte Schiller 23, der Freund 28 Gulden in der Tasche. fuhren, trotz dem Umwege, auf das Eßlinger Tor zu, weil es das duni- war, und weil ein Freund Schillers, wahrscheinlich fein ehemaliger .u schiller von der Karlsschule, Scharffenstein, hier die Wache hatte. -Bei Anruf des Postens:Halt wer da! Unteroffizier heraus! fuhren Flüchtlinge doch zusammen, und Streichers Antwort:Doktor Rüter Doktor Wolf fahren nach Eßlingen!" klang bedenklich unsicher. Der II zier der Wache ließ sich nicht blicken. Erst als das Tor sich wieder Y

Schiller auf der Flucht.

Vor 150 Jahren: 22.123. September 1782.

Von Karl Alexander P r u f z.

Den ganzen Sommer 1782 sannen Herzog Karl Eugen von Württem­berg und seine Favoritin, die Gräfin Franziska von Hohenheim, auf glänzende Feste und pitante Ueberraschungen für ihre zu erwartenden hohen Gäste, den Großfürsten Paul von Rußland und seine Gemahlin Maria, eine württembergische Prinzessin und Nichte des Herzogs. Ihnen fuhren am 16. September Karl Eugen und seinFranzele" bis an die badische Grenze entgegen und nächtigten dort unter Lederzelten. Hier an der Grenze waren für die russischen Gäste, denen sich auch Prinzen und Prinzessinnen aus Darmstadt, Kassel, Zweibrücken sowie Holstein ange­schlossen hatten, phantastische Ehrenpforten, prächtige Empfangssäle und duftige Gärten mit rauschenden Springbrunnen geschaffen worden. Aus zwei Pyramiden sprudelte für bas Volk roter und weißer Wein.

Am nächsten Tage langte man unter Kanonendonner in dem reich ge­schmückten Stuttgart an; Fest reihte sich an Fest: glänzende Opern und Ballette, Feuerwerke und üppige Tafeln, Jagden und ländliche Picknicks. In ihrem Tagebuche schildert uns Franziska von Hohenheim in Kürze den 18. September:In der Früh gab es schon tausend Zerstreuungen, der Großfürst kam zu mir, ich machte Visite, und bald schickteDas, bald Jenes und wollte was Anderes. Ihre Durchlaucht hatten viel zu tun und Sie und ich ging ein Jedes einen anderen Weg. Endlich um halb zwei Uhr kam man zusammen, und die Herrschaften versammelten sich auch alle, viele Prinzen von Hessen-Darmstadt und -Kassel waren auch da, und es wurde an großer Tafel zu Mittag gespeist, nach der Tafel eilte man in die Oper Karilia, da war es so voll wie gestern, daß man sich fast nicht rühren konnte."

Am 19. und 20. September gab es ländliche Feste in Hohenheim, wo der Herzog und sein Franzele nach damaligem Zeitgeschmack allerlei Spie­lereien geschaffen hatten: einDorste", römische und griechische Tempel, türkische Moscheen, ägyptische Pyramiden, Wasserfälle, Mühlen, Schafe-