SietzenerZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang <952 ZreitagV den 25. September Nummer 7^
Gottes Schattenspiel.
Von Will Scheller.
Mensch, das Haupt in müde Hand Stützend, sinkt in sachte Träume. Durch das Fenster an die Wand Ziehn die Schatten grüner Bäume.
Grüner Bäume Blätterfall
Schmückt ein glänzendes Geschmeide: Sonnengold — und überall Wird die Welt zur Augenweide.
Augenweide wird die Welt, Wo des Himmels Licht sie findet; Menschenderz, von ihm erhellt. Ahnt den Geist, der überwindet.
Ueberwinder wird zum Kind, Wenn die Stunden tiefer werden: Alle schönen Dinge sind Gottes Schattenspiel auf Erden.
Unsterblichkeit.
Eine Erinnerung aus den Seplembertagen 1862. Von Hermann Dreyhaus.
In der lebhaften Unterhaltung Kaiser Napoleons mit Bismarck war eine Pause eingetreten. Es schien, als wollten beide sich deren Ergebnis vergegenwärtigen, ein Ergebnis, das jeder auf einem andern Gebiet sah: Bismarck in der Lockung Napoleons nach einem französisch-preußischen Bündnis gegen Oesterreich, Napoleon in der Absicht, den Ehrgeiz seines Gastes so angestachelt zu haben, daß er sich seinem letzten Plan zugänglich erwtes.
Hochsommerschwüle lag über dem Raum der Villa, in dem Napoleon sich mit dem preußischen Gesandten an seinem Hofe unterhielt, obwohl die Fenster weit geöffnet waren, um die Meeresküste der Biskaya einzulassen. Die Biskaya hatte jedoch ein« ihrer seltsamen Launen: sie betrug sich gegen ihre Gewohnheit wie ein Lamm, ihre eigene Kraft schien erloschen. Napoleon blickte durch den Schleier seiner Augen unverwandt auf die kraftvolle Gestalt des Preußen. Seine Witterung sah in ihm eine Möglichkeit, die Frankreich Ruhm bringen könnte.
„Und überdies", nahm er die Unterhaltung wieder auf, „ein Zeichen meines besonderen Vertrauens zu Ihnen: Habsburg habe ich in der Hand. Wenn Sie die Ministerpräsidentschaft in Preußen übernehmen wollten, dürften Sie eines großen außenpolitischen Erfolges sicher sein —" Bismarck fuhr aus seinen Gedanken auf. Es war wichtig, auf alle Falle Zusicherungen des Kaisers über Oesterreich zu besitzen, mochte er selbst auch über das preußisch-österreichische Verhältnis andere Absichten hegen. Allein, was bedeutete die plötzliche Wendung des Gespräches aus dem Politischen ins Persönliche?
Napoleon lächelte: „Sie sind erstaunt?! Nun, ich weiß, Sie wollen kliinisterpräsident werden. Bitte keine Beschönigung! Sie werden es!'
Bismarck lenkte ein. Hier galt es, etwas zu erfahren. „Fragt sich nur. Wann, Sire!" _. .... ..
„Sehen Sie, schon begreifen Sie mich. Im Vertrauen, oi*e «nutzen die 5taatssührung übernehmen, sonst geht Ihr Staat zugrunde, oie aber werden ihn retten, Sie allein —" , , _
„Warum allein ich?" Das graue Auge Napoleons flammte auf Das mgen Sie mich? Das Parlament ist widersetzlich, es weigert die lebensnotwendigen Mittel — was bleibt da einer verantwortungsbewußten Re- lierung anders übrig als zu handeln? Sie find der Mann des Han- __u
_ Napoleon stand auf, Bismarck erhob sich gleichfalls. Die untersetzte Gestalt des Kaisers wirkte unscheinbar gegen den preußischen Hünen, beider Blicke maßen sich. Wie Bewunderung klang es von dem Munde v.es Kaisers: „Gott, wenn ich über soviel Gesundheit und Tatkraft ver- *'9te wie Sie, dann wüßte ich, was ich täte. Ein Griff in btc Unfterbli^' 5>t wäre das Mindeste. Herr von Bismarck, das Schicksal reicht ihnen di« Danb. Greifen Sie zu! — Ein Parlament ist doch wahrhaft kein Gegner —" ., ....
Um Bismarcks Mundwinkel zuckte es. „Das Parlamen gewiß nicht! 'llein in Preußen regiert ein verfassungstreuer König! sagte er stark
»Herr von Bismarck, das Schicksal der Nation reicht Ihnen die Hand!
Blicken Sie in die Geschichte, ob das nach Königen fragt!" Eine Blutwelle durchlief Bismarcks Gehirn. Was wühlte der Kaiser in ihm auf? Vielleicht war es gut, ihn weiter reden zu lassen. Doch schien er sein« Pfeile verschossen zu haben. Leichthin beendete er die Unterhaltung: „Eine geschichtliche Betrachtung von mir, nichts weiter! Aber Sie sehen, wie außerordentlich mir Ihr Glück am Herzen liegt. Vielleicht bedeuten wir beide noch einmal das Gluck unserer Völker. Wir sehen uns wieder."
Bald nach der Unterhaltung mit dem Kaiser eilte Bismarck in die Einsamkeit des Meeresstrandes. Zuinnerst hatten ihn die Worte aufgeregt. So merkte er kaum, wie der Himmel sich verfinsterte. Erst als Blitz und Donner die Landschaft erbeben machten, suchte er unter einer Klippe Schutz. Die Natur raste. Welches Bild hatte ihm der Kaiser vorgegaukelt? Wohin jagten seine Gedanken? Niemals war ihm die Frage gekommen: er oder der König, ihm allein die Macht oder Verzicht — das entsprach nicht preußischer Tradition, so durfte sich das Problem nicht zuspitzen. —
Der Regen schlug, untermischt mit Hagel, der Ozean brandete gegen die Küste, die Flut stieg höher als gewöhnlich. Bismarck kletterte aus den Felsen. Da stand er in dem tosenden Element, und war doch gesichert. Dieses Symbol: gesichert auf einem Felsen in der Flut. —
*
Hochspannung über Berlin. Die Frag«, ob Parlament oder König, schien vor der Entscheidung zu stehen. Noch wenige Tage und das Abgeordnetenhaus würde alle Ausgaben für die Heeresreform verweigern und damit der Krone seinen Willen aufzwingen.
Ingrimmig ging der Knegsminister von Roon in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Er war sich bewußt, die Entscheidung herbeigeführt zu haben. Er war aber auch entschlossen, sie durchzukämpfen, wenn ... dieses Wenn ... immerzu verfolgte es ihn. Entschlossen zu kämpfen, wenn —■ einer neben ihm stand. Allein sah er sich dem parlamentarischen Getriebe zur Not gewachsen, aber diese liberalen Einflüsse bei Hof ... darauf verstand er sich nicht. Die würden ihn zu Fall bringen, ehe er begonnen hatte. Schon zeigte sich der König wieder wankelmütig. Ausgerechnet in diesem Augenblicke, wo er die Dinge auf die Spitze getrieben, denkt er daran- zugunsten seines liberalen Sohnes abzudanken! Dieser Schritt wäre eine Niederlage der Krone! Das ertrug er nicht. Mit solchem Erbe durfte kein künftiger preußischer König belastet werden. — Soweit mar er mit seinem Denken gekommen, soweit und bis zu dem Mann«, den er in fieberhafter Ungeduld erwartete.
Endlich meldete die Ordonnanz den Gesandten in Paris, Herrn von Bismarck. In fliegender Eile begrüßten sich die Freunde. Dann brach Roon los: Keine Bedingungen gibt es mehr, lieber Bismarck, Sie müssen annehmen. Und Sie müssen noch mehr: Sie müssen vom König alles für den Endkampf verlangen, alles. — Heute oder morgen kann di« Entscheidung über uns kommen. Da heißt es, bereit fein! Das Heer steht zu uns, Kompromisse gibt es nicht mehr, es muß gefochten werden."
Bismarck blickte verwundert auf den Freund. Auch der: Alles müssen Sie verlangen!" Wohin hatte der preußische Geist sich verirrt? Besorgt fragte er: „Und der König?"
Roons Gesicht verfinsterte sich. „Der König", sagte er kleinlaut, „will abdanken!" Und dann in seiner Kampfeslust sich wiederfindend: „Das darf er nicht! Bismarck, nötigenfalls müssen Sie ihn zwingen zu bleiben! Sie sind gegen die höfischen Intriguen gewappnet, Sie sind Diplomat. Der König muß sich Ihnen völlig anvertrauen. Für das Heer bürge ich. Führen Sie, und wir bringen Preußen wieder in Ordnung!"
„Ist di« Lage wirklich so ernst?"
„Sie machen sich keinen Begriff davon. Ein paar Tage noch, dann heißt es entweder — oder. Das Abgeordnetenhaus ist zum Aeußerften entschlossen. Darüber gibt es keinen Zweifel."
„Und der Kronprinz? Er hat mich zu morgen früh gebeten!"
„Vor der Audienz beim König? Das bedeutet nichts Gutes!"
In Babelsberg die Spannung wie in Berlin. Grauer Septembertag. Grau der Himmel, müde der Park, grau die Havel.
Die Königin hält es in ihren Gemächern nicht aus. Sie muß mit ihrem Gemahl sprechen. Sie kann nicht einsehen, warum es einen Verlust an Ansehen bedeutet, wenn der König einmal nachgibt. In dem parla- tarischen System, das doch nicht mehr auszuhalten sei, würde überhaupt nicht mehr di« Macht entscheiden, sondern die Klugheit, die höhere Einsicht, gleichviel von wem sie komme.
Die Königin fand ihren Gemahl in Gedanken versunken an seinem Schreibtisch. Eine Wolke des Unmutes lagerte über seiner Stirn. „Bismarck ist seit gestern im Lande", begann sie.
„Ich weiß", erwiderte einsilbig der König.
„Wirst du ihn berufen?"
„Wenn er mir noch Gelegenheit dazu gibt."
„Was heißt das?"
„Er weilt in dieser Stunde bei Fritz' Bei dem zukünftigen König!" „Noch bist du König!"


