Sie verstehen nicht auf den ersten Hieb, was geschehen ist.
Was schreit dieser verdammte Hund so im Dschungel?!' sagt einer. ''Weil die Python ihn im Maul hat!" ruft jetzt erregt, mein Gastgeber. Da verstehen sie. Da besinnen sie sich nicht. Sie holen die Buch en lind stürmen mit elektrischen Taschenlampen ins Dschungel, den .Rufen nach. Es ist völlig Nacht geworden. Das Dschungel halt sie aber fest wie ein NeK. Es sind viele „bloddy, bloddy ZU hören. Bold hier, bolb dort. Sie dringen nicht durch. Zerknirscht, schimpfend kommen sie noch einer Stunde zurück, krachen wütend die Büchsen in eine Ecke.
Der Hunb hat zwei Stunden lang oben im Berg in ber B(rt)ungel geschrien. Dann war er still. Wir waren heimgegangen. Die Nacht stieg weiter über das Elesantengras, lag wie ein schwarzes und erstarrtes Wasser über dem klotzigen Berg. Unser Bungalow verschwand in der Finsternis. Wir gehen mit groß geöffneten Augen auseinander und zu Bett. Man kann das Entsetzen nicht vergessen, das in der Stimme des Hundes war, den die Schlange in die Dschungel schleppte. Es war wie ein Schreien am Tor der Hölle.
Am nächsten Tag sollte ich abreisen.
Um gegen sieben zu dem Zug in Jinja zu sein, mußte ich in der Frühe vor vier Uhr mit dem Auto weg. Der Hnuptboy bekam den Auftrag, mich zu wecken.
'„Wirst du auch auswachen?" fragte der Herr.
Der Junge antwortete: „Ja, ich werde nicht mit meiner ganzen Seele schlafen." ' ,
Browning — Jahre Giück.
Aus dem Leben einer Dichterin.
Don Robert Neumann.
Ein Herr Barrett, Sklavenhalter auf Jamaika verkauft feine Plantage und geht nach England. Sein Sohn, fast noch als Knabe mit einer farblos willenlosen Frau vermählt, erbt ferne Art: e>n Sklavenhalter auch er — nur daß seine Plantage der Hausstand ist. Die farblos roiUen- S“ Frau gebiert zwölf Kinder. Eins stirbt klein. Bon den elf Ueber- lebenden heißt eins, das erstgeborene, Elisabeth
Diese Elisabeth Barrett ist mit acht Jahren ein Wunderkind, lie s-den Homer, schreibt selbst ein Epos, bald Tragödien, französisch, englisch — was den Mann, der jo musenlos wie eitel ist, dazu bestimmt, ein Opus der Tochter, behandelnd die Schlacht bei Marathon, als Sonderdruck in fünfzig Exemplaren herauszugeben. Die Fünfzehniahrige befallt ein Leiden £)b es Tuberkulose gewesen ist, ob nur ein Sturz vom Pf erb der Anlaß war, das fleht nicht fest. Fest steht, daß ste- von da an stech ift bettlägerig fast immer, heimgesucht von ansaUhasten Atemnöten, und durch all das überschattet von Schwermut. Gespiele ist der Bruder: Stu- üiengenosse, mit dem sie griechische Dichter übersetzt, ist ihr ein Blinder,
Darüber wird sie neunundzwanzig Jahre alt, noch immer unfrei und vom Baier überwacht, die Mutter ist gestorben. Man zieht nach London, aber dort verschlechtert sich der Zustand der Kränklichen, und sie erwirkt fick die Erlaubnis, mit ihrem Bruder ans Meer zu gehen. Der Bruder, vom Vater heimgerufen und von ihr zurückgehalten, kentert mit feinem Boote und ertrinkt. Das trifft die Kranke zutiefst und doppelt nun tragend an Selbstquälerei und dem Berfagen des Leibes, fiedelt pe noch einmal noch London über und lebt dort einsam, in einer streng gewahrten Zurückgezogenheit — trotz jungen Ruhm, der in ihren Dichtungen damals sich schon entfaltet. Damit sind wieder zehn Jahre vergangen. 'Neununddreißigjährig, so berühmt wie einsam, lebt sie dahin und liegt zu Bett und wartet.'Und wartet nur noch aus eines: auf den Tod.
Und bekommt diesen Brief:
„Ich liebe Ihre Berse von ganzem Herzen, liebe Miß Barrett — und bics ist kein leichtfertig hingeworfener Brief, um Ihnen Komplimente zu machen, keine rasche Anerkennung Ihres Genies, die sich von selbst versieht und mit der dieses Schreiben auch schon zu Ende wäre^... Wissen Sie daß ich schon einmal nahe daran war. Sie zu sehen. Sie wirklich zu sehen? Eines Morgens sragie mich Mr. Kenyon: „Würden Sie gerne Miß Barrett kennenlernen?" Dann ging er fort, mich Ihnen anzumel- ben — und kam zurück: Sie waren zu krank. Und jetzt sind Jahre vergangen, und mir ist xs wie ein mißliebiges Reiseerlebnis, als wenn ich nahe, ganz nahe an einem Weltwunder vorbeigekommen, an einer Kapelle oder Krypte — nur einen Vorhang beiseitezuziehen und ich hätte ein- treten können. Aber da gab es — so erscheint es mir jetzt — ein leichtes ein ganz leichtes Hindernis, das den Zugang hemmte, und die halb geöffnete Tür fiel zu, und ich ging heim, taufende Meilen weit. Der Anblick sollte mir nicht werden."
Ein langer Brief. Absender: Robert Browning. Der Dichter Robert Browning, dreiunddreißigjährig, stammend von kleinen Leuten, die zu Beamtenstellungen, zu Bildung, ja zu einer ausgeprägten Liebe für alles Poetische sich aufgeschwungen hatten — dieser Browning, heiter und begabt, nicht unschön, jugendlich geblieben in einem Leben ohne Leidenschaften, und wenn als Lyriker noch nicht berühmt wie später einmal, so doch geschätzt als Literat von Rang — der Robert Browning war der fronten Elisabeth Barrett von fernher kein Unbekannter. Das so wenig, daß sie, durch ihre Lebensumsiände gezwungen, den Umgang mit den Menschen sich zu ersetzen, wie es eben anging, sein Bild mit andern Bildern ihr liebgewordener Geister in ihrem Zimmer hängen hatte, als jener Brief kam. So schreibt sie zur Antwort:
„Ich danke Ihnen von tiefstem Herzen, lieber Browning. Sie wollten mir mit Ihrem Brief Freude machen — und hätten Sie auch Ihren Zweck nicht erreicht — ich mühte Ihnen ted) danken. Aber Sie hoben ihn durchaus erreicht. Ein solcher Bries aus solcher Hand? Sympathie ist mir teuer — sehr teuer. Aber die Sympathie eines Dichters und gar eines solchen ist mir die Quintessenz aller Sympathien! Wollen Sie dafür meine Darkbarkeit annehmen — wenn anders Sie mit mir darüber einig sind, daß von allem Handel der Welt, von Tyros bis Carthago, dieser Austausch Sympathie gegen Dankbarkeit das fürstlichste Geschäft ist?" .
Nun, bei diesem Handel bleibt es nicht. Dieser Austausch von Sympathie gegen Dankbarkeit ist weniger, als Robert Browning, bald entfacht von dieser Frau, die er noch nie gesehen hat, für sich begehrt. Er will zu ihr, will sie besuchen — sie, ruhig erst, erregt dann schon, dann chon ängstlich, weist ihn zurück und weiß es zu verhindern, daß er ihr Krankenzimmer betritt. Winters sei sie leidend, schreibt sie. Spater einmal vielleicht im Frühling, werde sie ihn empfangen. Er drangt. Und endlich nach fünf Monaten Abwehr, läßt sie ihn zu sich kommen, noch zögernd, besorgt noch, ob er trotz aller Vorbereitung nicht doch darüber erschrecken werde, daß eine schöne Seele in einem so wenig schonen, einem so kranken Leib Quartier genommen hat. Do also betritt er ihr Zimmer. Tastende Gespräche, befangen, noch getragen nur von einer scheuen Freundschaft — und zwei Tage später ein Brief, in dem der Dichter Browning, nun erst wirklich entflammend, Leidenschaftlicheres schreibt, als ihrer stillen Neigung damals gemäß war. So hat er dieses Schreiben fpater selbst zerrissen. Nicht zerrissen hat er die Antwort, die ihm von der Kranken geworden ist. Da steht:
„Gestern abend und heute früh wollte ich Ihnen schreiben — und konnte nicht — Sie wissen nicht, welchen vchmerz Sie mir bereiten mit solchen maßlosen Reden. Jetzt darf es Ihnen nicht mißfallen, daß ich nun auch meinerseits davon zu fprechen beginne. Ich tue es, um vor Gott und mir selbst ein wenig würdiger, oder sogen wir weniger unwürdig zu erscheinen einer Großherzigkeit, vor der ich triebhaft und von Anfang an und entschieden zurückweiche — und weil im übrigen ein Schweigen auf Ihre Worte die unredlichste Art der Antwort wäre. Horen Sie denn: Sie haben einige leidenschaftliche Dinge gesagt ... Einbildungen, die Sie nicht wieder sagen noch auch widerrufen werden, sondern sogleich vergessen und für immer, daß Sie sie überhaupt gesagt haben; und so werden sie zwischen Ihnen und mir ausgelöscht sein wie ein Druckfehler zwischen Ihnen und dem Setzer. Tun Sie das um meinetwillen, die ich Ihre Freundin bin (Sie haben keine Aufrichtere) — ich verlange es von Ihnen, weil es eine für die zukünftige Unbefangenheit unseres Verkehrs notwendige Bedingung ist."
Sie also will dem, was sich da entfaltet, noch ein Halt zurufen, will es für ihn, um dessen Schicksal und Freiheit sie Sorge tragt. Und will das, obgleich sie selbst gerade damals in immer tiefere Bedrängnis, immer tiefer beschämende Unfreiheit in ihrem Tun und Lassen geraten ist. Der Vater, Sohn des Sklavenhalters, ist wieder einmal nicht bei Laune Die Aerzte raten zu einer Reise nach Italien — der Vater erlaubt es nicht. Geschwister, herangewachsen, roollen sich vermahlen, der Vater erlaubt es nicht. Zur Kranken, zu der Neununddreißigjährigen, kommt Browning ins Haus — der Vater erlaubt es nicht. So sehen diese beiden Menschen, tief schon im Leben stehend, sich gezwungen zur schülerhaften Heimlichkeit. Der Weg ins Zimmer der Freundin führt den Dichter Browning, Mann im Bo'llbart, entwürdigend durch Hintertüren. Entwürdigend: nicht nur der Vater, selbst die guten Freunde lauern: Ein Brief der Frau:
„Und nun kommt, wer glaubst Du? Mr. Kenyon. Er kam mit seiner Brille und sah aus, als ob seine Augen aufgerifien wären bis an den Rand, und eines seiner ersten Warte war: „Wann haben Sie Browning gesehen?" Von nun an darf ich wohl Anspruch auf Geistesgegenwart erheben: denn ich wechselte zwar die Farbe, und er sah es auch, ober mit halbwegs rasch gefundener Ausflucht antwortete ich: „Er war Freitag hier" und sprach sogleich von anderem, und ließ ihn mir ins Gesicht starren. Liebster, er sah wohl etwas, aber nicht alles. Und wir plauderten und plauderten. Als er aufflanb, um nwgzugehen, erwähnte er Deinen Namen zum zweiten Mal. „Wann sehen Sie Browning wieder?" Woraus ich antwortete, daß ich es nicht wisse ..."
Ist das schon ein wahrhaft guter Freund (er hat den beiden später sein Geld vermocht) — man mag ermessen, wie die minder wahrhasten und minder guten gehandelt und gesprochen haben. Bis selbst diesen Sanften all das zuviel wird. Sie beschließen geheime Hochzeit und Flucht. Und schrickt Elisabeth, die aller äußeren Tatkraft so sehr entfremdet ist, im letzten Augenblick auch noch zurück vor einem so grellen und ihrem Leben so ungemäßen Plan — die Notwendigkeit wird drängend und zwingt zum .handeln. Herrn Barretts Haus wird ausgebessert. Auch hat Herr Barrett von den heimlichen Besuchen Brownings Wind bekommen und beschließt mit seinen Kindern aufs Land zu gehen, um diesem Eigenleben, das da hinter seinem Rücken sich zu entfalten anhebt, von Anfang an die Spitze abzubrechen. Dies also gebietet Eile. Elisabeth verlaßt das Haus, vorgeblich zu einem harmlosen Besuch; nicht einmal den Schwestern sich vertrauend, damit die nicht später den Groll des Tyrannen zu tragen hatten — verläßt also das Haus mit einer ergebenen Bedienten und mit ihrem Hund. Sogleich in einen Wagen zu steigen — das fiele auf. So geht man eben zu Fuß. Doch dessen ist man so sehr ungewohnt, und so sehr ist man gleichzeitig beherrscht von der Erregung über die eigne Tat, daß schon zwei Straßenecken weiter die Ohnmacht kommt. Da, Gott sei Dank, ist eine Apotheke. Ein Stärkungsmittel. Und nun endlich die Kirche. Dort wartet Robert Browning. Endlich, in Hast noch immer, die Zeremonie, die den beiden die Freiheit geben soll. Und bann roieber Schwäche — aus bem Lärm ber Gassen rettet man sich zu jenem blinben Freund, mit bem man einmal griechische Dichter gelesen hat, unb ruht dort aus. Anbern Tags Southampton. Unb zu Schiff nach Le Havre. Unb weiter nach Paris. Seltsam: auf biefer Reise ist von ber Krankheit ber Frau fast nichts zu merken Sie ist lebenbig, fröhlich, sie bewegt sich frei — ebelftes Beispiel ber Besiegung eines schwachen Leibes durch ein starkes Herz.
Ein starkes Herz, das ist es, was von da an diese sonderbarste und zugleich glücklichste ber Ehen beherrscht. Nicht mehr jung, schon tief ine Leden hineingereift, so reisen biefc beiben ßiebenben gleich Vögeln der warmen Sonne nach. Die Hinfälligkeit der Frau hat sich gemindert unb aufgelockert zu einer Zartheit, einem liebenswerten Gebrechlichsein. Dabei schwillt bas Dichterische in ihr reicher, ftrömenber benn je. Zeugnis dieser Zeit und dieser Liebe sind Gedickte der Jungvermählten, jene berühmt gewordene Sonette, die sie eines Morgens dem Gatten schenkte unb die, ba sie zuviel schon ben beiben zu verraten schienen, ber Oeffentlichkeu übergeben würben als vorgebliche Uedersetzung aus bem Portugiesischen. Das erste ber Sonette:


