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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1952 Montag, -en 23. Mai Nummer 39
Oer Mai.
Von Leonore G e i b e l.
Der Mai sprang auf und warf sein wild Verlangen In aller Bäume trauerndes Geäst, Da sind in neuer Glut sie ausgegangen Und stehen da in unerhörtem Prangen Und sehnen sich nach kleiner Vögel Nest.
Bis auf den Rasen biegt das Laub sich nieder Und grüne Flammen treibt der schmälste Weg, Die Buchen schwellen, auf bricht schon der Flieder, Der Birken zarte Schleier wehen wieder Und Erdgeruch steigt aus von Stein und Steg.
O auferstandne Welt, dir fehlt kein Segen: Entbehrst du Licht, bricht Sonne schon hervor, Tau kommt dir kühlend wie ein Kuß entgegen, Den großen Durst stillt der Gewitterregen Und sanfter Wind trägt deinen Dank empor!
Afrikanisches Erlebnis.
Von Norbert Jacques.
Der Bungalow liegt im Herzen Afrikas. Er schaut säst genau unter dem Aequator heraus auf den Biktoriasee. Tausend Kilometer Luftlinie bi» zur Küste des Indischen Ozeans; 50 Kilometer bis zum Ursprung des Nils. Unten zieht die rote Straße vorbei, die in Jm,a den Anschluß an die Bahn nach Mombassa und an die Welt gibt. Nur Autos be ähren sic. Ochse und Pserd, die alten Reisemittel, sind aus Aequatorialasrika verschwunden. . . , , ... . ,
Ein Weg steigt von der Straße in starken Zickzacken zum Haus. Aber über ihm geht der kloßige Berg weiter hoch hinaus und breit nach beiden Seiten. Ein Mann, der seinen Stolz darein setzt, als Bollblutengländer zu gelten, aber ein persischer Elsenbeinhündler mit Vergangenheit ist hat es mit den drei oder vier anderen benachbarten gebaut. Sie sind alle guten englischen Musterbüchern entnommen und aus wundervollem rotem Stein, der im Berge gesprengt wird, errichtet. Eine gedeckte Veranda ist dem vorgelagert, dessen Gastsreundschaft ich einige Wochen genieße. An der Seite liegt eine Zweite offene Terrasse.
Unter dem Haus ist etwas wie ein Park angelegt, und aus der fetten roten Erde wachsen wunderbare Bäume und darunter aus Zwiebeln kleine und große, meist rote Blumen. Aber um diesen Park schließt sich die Dschungel auf, wie ein zurückgestautes Meer von doppelmannshohem 'eSReine^Sa f t geb e r sind ein junges europäisches Ehepaar. Wiener Nach dem Frühstück fahren sie jeden Morgen in ben „störe nach -uunvala bis wohin es fünf Meilen sein mögen. Sie arbeiten dort grmemchm als Vertreter einer europäischen Firma, lausen Baumwolle, «aumwolisa und Felle, um fie nach Europa zu exportieren, und locken d>e schwarze Seelen und den Geschäftsgeist der kleinen indi chen Zwischenhändler mit fiinshundert verschiedenen, in Europa hergestellten Verführungen z- hut bis Motorrad, Petroleumlampe bis Pflug. Das liegt alles mit dem Bureau in einem großen Wellblechfchuppen, mitten zwischen ffi Läden der indischen Kleinhändler. ...
Cs war eine harte Arbeit, zu der mein Gastgeber täglich in[feinem „Boxbody" fuhr. In drei Sprachen, Englisch Suaheli und Uganda Ham dein! Den Schlichen des indischen Handelsrechts ausweichen, das sich die Engländer hier aufzwingen ließen, um in Indien selber den g einzukassieren! ... Ugandischen Negerfrauen Farbe und Muster eines Kunstdamastes zu einem Kleid für ihre großen schonen Glieder munku gerecht zu machen. Einen Neger zu überzeugen, daß die l I
J Fichr^ich"mit,"dso hatte ich mich den ganzen Tag Zwischeni bein^ Mafien in den brutheißen „stores" und ben von Negern I c '< mobilen, Verkehrspolizisten, Sommerhitze burchguirlten Straßen Herrn zutrollen. Selbes war immer von neuer Spannung.
Aber oft blieb ich zu Haus Die Bucht bes ViUoriasees, auf die man fah, brande weiß in bkr Sanne. Ein Vogel faß mit stundenLanger Hartnäckigkeit auf einem Baum und rief Seine Stimme klang, als ob Wasser in eine Flasche hineingluckerte. Auf einem »aumauf beroffenen Plattform lebte ein zahmes Aesschen. Seine Zubrmglichteit war s ß, I und lästig. Es riß mir die indische Zigarre aus dem Mund um ihre Asche zu fressen, und beschimpfte mich, wenn es sich an.ber ffllu oer- brannte. Es biß mich in ben Kopf, wenn ich ferne Z"dr'"glichkeit al, wehrte. Denn trotz der großen Mahnungen meiner Gastgeber g ng ä °bi>e Hut durch die Tropensonne. Die beiden A>reda e-Tirr>er ’
abwechselnd mit mir und dem Aesfchen.- Dann schossen sic auf einen g
Heimen Beseht ihres Blutes in die Dschungel. Eine Schlange oder ein Wild waren zu riechen. Auch das Aesschen roch die Gefahr.
Im selben Augenblick, wo der Iogdtrieb in die Fesseln der Hunde fuhr, jagte es auf den Baum und in die Kiste, die oben angebracht war, und es war nichts mehr von ihm zu sehen. Keine Zigarre lockte es.
So gab es den ganzen Tag einen Austausch von Sensationen zwischen .der Dschungel und dem Bungalow.
Auch ich ging manchmal in die Dschungel. Meine Nerven waren dann stets in einer solchen Spannung, daß sie bei dem geringsten Geräusch zitterten, wie eine Wasserfläche unter dem Einfall des Windes. Die Mamba, eine der gefährlichsten Schlangen, lebte hier in Horden. Schakale lagen auf der Jagd. Die Python barg ihren Riesenleib unter dem Gewirr des Bodens. Die hohen Rohre der Gräser schlossen sich über mich. Man kannte von der Welt verschwinden, und der Bungalow lag keine fünszig Schritte davon entfernt. Die Dschungel flieg wild und chaotisch bis zum Rücken des klotzigen Berges. Wo sie aber unterhalb zwischen ben kleinen Parks ber Bungalows und ber roten Straße nach Jinia stehengeblieben war, stieß man auf vereinzelte Negerhütten, bie sich hineinbargen und mit kleinen Mais-, Zuckerrohr- ober Baumwolläckern umgaben. Termiten bauten ihre roten blinden Burgen hin und her. Sie sahen aus wie hohe Lehrnhausen, festgebacken von Lust unb Sonne. Schlug man aber mit einem Dolch bie Kruste ab, so sah man, wie in einer offenen Wabe, aus hundert Gängen Ameisen zu Abwehr und Flucht hastig hervor- stürzen. Fand der Neger, der manchmal mit mir ging, die große Königin, so nagte er ihr als eine seltene Delikatesse den gemästeten Hinterleib ab.
Südwärts tiefer lag ein anderer Bungalow, ber mit ben Ranken bes Pafsionsfruchtstrauches bicht eingefponnen war. Da lebten bie Mambas brin, bie Schlangen. Wenn ich auf ber Veranba lag, ging es ben ganzen Tag drüben: Peng! Peng! Jeden Tag schoß der Bewohner Schlangen. An einem acht Stück. Aber es zog fie immer wieder aus der Dschungel zu diesem Haus, dessen gute Gerüche sie, in dem Flechtwerk verborgen, belauerten. Eine farbige Eidechse huschte über ben Veraudaboben, stellte sich an meinen Fuß und äugle. Sie leuchtete wie Glas, das in fließenden Strähnen schillerte.
Lästig machten um mich die Farbigen das Haus zurecht, wenn Herr und jfrau zum „störe" gefahren waren. Sie übertreffen an Zahl stets beträchtlich die weißen Hausbewohner. So zählen wir in einem durchschnittlich geführten europäischen Haushalt folgende' Angestellte: Der Koch, sein Gehilse, der Hausboy, jein Gehilfe, der Pantryboy, der Wäscher, fein Gehilfe und zwei bis drei Gärtner und Wasserträger sowie der Junge, der das Auto wäscht und mitsährt. Das sind neun Mann. Jeder hat den Lohn eines europäischen Dienstmädchens.
Um sechs kamen meine Gastgeber zurück. Um acht aßen wir zu Nacht. Es war bann schon zwei Stunben lang bunkel, unb wir hatten biefe zwei Stunben bei einigen „sun-downers", ben Whiskys ober Cocktails, bie man zum Sonnenuntergang trinkt, zusammengesessen. War bas Nachtessen vorbei, so war auch bie Dienerschaft wie weggelöscht. Dann kamen bie Schakale aus ber Dschungel hinters Haus. Einer kratzt an bie Hintertür bes Speisezimmers, in bem wir fitzen, weil er Fleisch riecht. Er ruft mit einem leisen Seufzer. Die Hunbe jagen gegen bie Tür.
Man öffnet, unb die Hunde stürzen in die Nacht hinein. Nicht weit. Die Dschungel ist mit Ereignissen geladen. Sie riechen fie, prallen auf das Bewußtsein von Gefahr, kriechen winselnd zurück. Sie drücken sich angstvoll an uns. Aber niemand hört ober sieht etwas burch bie Finster- nis.
„Es ist eine Python ober ein Panther", sagt der Hausherr und stellt die Büchse bereit.
Wir trinken noch einen Whisky, rauchen und gehen zu Bett. Mein Zimmer liegt mit beiden Fenstern gegen den Dschungel. Die Fenster bleiben wegen der Hitze auf, aber es stecken engmaschige Drahtnetze in ben Deffnungen gegen bie Moskiten unb Nachttiere. Es kommen keine Mücken herein aber aus bem Dschungel bringen bie ganze Nacht hindurch Schreie von Lust und Sterben ber Kreatur burch bie Drahtgitter zu meinem Bett unb meinen Nerven.
Eines Abenbs geschah auf ber offenen Terrasse neben meinem Schlafzimmer etwas Grauenhaftes. Einer ber Hunbe stürmt heulenb von draußen an bie geschloffene Tür. Der anbere stößt einen roilben Schrei von Schmerz unb Entsetzen aus unb hört nicht mehr auf zu schreien. Aber bas Schreien entfernt sich in ber Dschungel. Die Diener laufen herein unb brüllen mit fjeroortretenben Augen:
„(Eine Python hat ihn geholt!"
„Hast bu sie gesehen?" fragt ber Herr.
„Gesehen! Gesehen!" antwortet ber Schwarze unb keucht.
Der Hunb schreit schon fern oben.
Der Hausherr stürzt zum Gewehr. Es ist schon bunkel. Der Hunb schreit immer ferner. Wir laufen in ben obersten Bungalow. Zwei Eng- länber wohnen brin. Sie finb sternhagelbesoffen. Der Tisch mit Whisky- unb Ginflaschen geberft. Es wirb atemlos berichtet.


