fand sich — denn auch in Amerika sitzt hier und da der geistige Mensch, . Spezialist eines Prwatstudiums, namentlich der Orts- und Heimatge- ; - schichte —, der freundliche Mr. Watson, dessen Frau oon ^nnsylvanisch- deutscher Änkunst ist, freilich kein Deutsch mehr spricht. Es sand ftd) aud), wie meist in solchen Fällen des höchsten Bedürfnisses, das eine notwen- • dige Buch (ohne einige sorgfältig gewählte Literatur wird Resten immer oberflächlich sein). Den Jahrgang der „Procedings of the I osophical Society of Philadelphia“ im Auto, fuhr ich in der Nacht heim mit so heißem Kopf wie man ihn als Knabe hatte, wenn man em Luch von Reisen und Abenteuern erwischte, und es muhte schon der Präriewolf, der Kojote durch das Scheinwerferlicht schnüren und im Mangrovensumpf, durch den der Weg eine Strecke ging, ein Alligator dumpf bellen, um mich aufhorchen zu lassen, den Wagen zu stoppen und eine Weile den heimlichen Tönen einer tropischen Nacht zu lauschen.
Lor dem Hotel lohte noch das Lagerfeuer der in Zelten kampenden Fischer aus dem winterkalten Norden der Staaten, aus Chikago oder Acil- waukee, Männer und Frauen, die nach einigem glücklichen Geschäft als moderne Nomaden ohne Heim im Auto im Herbst die 2000 bis 3000 Meilen an die warmen Südküsten und im Frühjahr an die großen Seen der kanadischen Grenze fahren, um dem Nationalsport Amerikas, dem Fischen, zu huldigen. In Amerika ist Fischen frei. Auch ein Mann deutscher Herkunft mit Namen Bauer, ist dabei. Während das übliche, wenig besagende good kellow“-Geschwätz der amerikanischen Männer dahinplätschert, und von Zeit zu Zeit ein neuer Block die Glut nährt, die bald hoch aufflammt und Funken in die Wedel der Kokospalmen schießt: während die Moskitos, vom Rauch bedrängt, seltenere Angriffe auf eine weiße Hautstelle unternehmen- während das Blut von erjagten, bis mannsgroßen, aufgehangten Tarponfischen leise tropft, sitze ich in dem aus einem Baumstamm gesägten Sessel (die Schnittfläche ist nicht vollrund, ein Stück Holz und Borke blieb als Rückenlehne zurück) und lese ... lese in ben„Procedings ...
„Zehntausend Inseln“ heißt diese geographische Welt, aber wohl niemand kennt die genaue Jnselzahl, denn Inseln tauchen auf im amphibischen Reich und verschwinden, wenn nicht die rote ober schwarze Mangrove Zeit hat Fuß zu fassen unb sie zu befestigen. Ueberall in biefer Welt sieht man von ben Sunden aus nur Mangroven, die dunkelgrünen Strauchbäume welche Stelzwurzeln des unsicheren Grundes im Uferschlamm wegen und Luftwurzeln entwickeln, weil Sumpfwasser sauerstoffarm ist. Bei Ebben hangen die Wurzeln voll von Individuen, Schnüren unb Paketen ber Auster. Aber von ben größeren Inseln finb nur bie Räuber von Mangroven besetzt. Im Innern fühlt sich bie Kokuspalme wohl, bie Yucca hebt 'ihre weißen Lilien hüttenhoch auf. unb eine Pflanzenwilbms, bes Botanikers Parabies, überwuchert ben Sanb. Hier unb da finbet sich eine einsame Siedlung. Ja, hier können Menschen einsam leben! Die Sunde sind steif von Fischen. Die Natur bedankt freigiebig die Bemühung ber Aussaat: Reiher, Ibisse, blaue unb weiße Herons unb Kraniche stehen im Schatten ber Mangroven im untiefen Wasser unb lauern auf Beute. Möwen und Seefchwalben wimmeln in Scharen an ber offenen See, wo keine Mangroven, aber Palmen über bem weißen Stranb stehen. Der kleine rotköpfige Geier ist frech, unb man sieht vielleicht auch mal ben weihen Abler auf einem abgestorbenen Baurn einsam stehen. Der schwarze Pelikan aber ist ber auffälligste ber großen Vögel, kein Bilb der Lanbfchaft ist ohne ihn er sitzt sischenb allein auf bem Wasser ober auch in Gesellschaft auf Mangroven, bie bann weiß beklattert finb. In Süßwafserteichen aber wohnt der Alligator. Man muh sich diesen Krokodilsvetter nicht zu ge- sihrlich denken. Es ist kein Fall von Angriff auf einen Menschen bekam-t F. -'-ch. sein Aeußeres schützt ihn vor Zudringlichkeit, unb einen gewissen vorsichtigen Abstand vor ihm wird ein jeder wahren. Im Teich in ben Kiefern, heiht es, finb fünfzehn Alligatoren. Wir beschleichen ben Teich, leise tuenb int Gestrüpp ber Palmettos, ber niedrigen, wuchernden Strauchpalmen, um wenigstens eine ber Riesenechsen in ber modernen Weise des Jägers, ber nicht töten will, mit ber des Tieres Sein in seiner Welt für die Erinnerung und das Wissen fixierenden Kamera zu „erlegen“. Wir treten in die Sumpflichtung, auf das Schwingmoos, wir biegen vorsichtig bie Sumpfgräser auseinanber unb Haden auch Blick auf den Teich — nichts. Ich meine, einen Alligatorenkopf zu sehen, aber das Görzglas belehrt mich, baß da nur ein alter Baumstrunk schwimmt. Ein blauer Heron setzt mit bem kreischenben Ton ber Wasservögel quer über ben Teich. Die Sonne brennt. Die Insekten peinigen bich. Es ist nichts von unseren roilben Freunben zu sehen. Wir brehen uns in ben Binsen zum betrübten Abzug um — da liegt einen Schritt entfernt ein Alligator, aber cs ist leider nur ein toter.
So ist heute das Aussehen ber Mangroveninseln — so war es vor Iahrtausenben. Die Mangrove schützt unb befestigt bie Inseln gegen bas Wasser — ber Mangrove mag es ber früh'e Mensch abgeschaut haben. Er befcftigte bie Inseln mit Dämmen ber Muschel, ber Auster unb ber Concha.
Allenthalben in biesem Reich finben sich „mounds“ wie bie von Marko und Camaxas, wir suchen auch einige auf anderen Inseln auf. Biele mounds mögen noch unbekannt fein. Sicher ist, baß biefe heute nur sehr dünn besiedelten ober auch leeren Inseln einst volkreich waren. Die frühen Menschen mögen mit ber Strömung im Mexikanischen Golf von Yukatan in Mittelamerika ober von Kuba herübergekommen sein, die Vorläufer ber heutigen Jnbianer, benn es ist ungewiß, ob sie beren Vorfahren waren. Sie haben auf biefen zehntausenb Inseln gesiebelt, hier muß eine Art „.Reich" gewesen (ein. Eine Insel mit so vorzüglichen Bauten ist bekannt, -aß es nur wenig verwegen ist, sie als bie Hauptstabt anzusprechen.
Wir fahren hin. Wir brauchen zwei Tage Autofahrt auf bem Festland nach Norden, ehe wir schließlich mit Hilfe einer Brücke unb bann burch endlose, eintönige Kiefernwälber an bas Norbenbe ber langen Insel Big Pine Island kommen. Solange wir noch abseits von der vielbefahrenen Hauptstraße auf einsamem Waldweg waren, hatten wir entgegen der Landessitte einem wandernden Neger gestattet, für ein Dutzend Meilen auf bem Trittbrett zu stehen. Enblich finb wir in ber entzückenben Siedlung Bokselia unb schlafen eine helle Monbscheinnacht unter Palmen.
Die Wirtin ist deutscher Herkunft, ihre abwesende Mutter soll noch deutsche Bücher lesen tonnen. Wir haben den Wirt bestimmt, uns in seinem Motor- boot nach „Dumoureys Key“ zu fahren.
In der Frühe am Morgen rattern wir los. Das Jnfelreich entfaltet sich. Die Seevögel Herons, Seeschwalben unb Möwen sind beim morgendlichen wischen Auf'Seezeichen sitzen große Albatrosse, die kein gefettetes Gefieder haben unb also ihre Flügel nach bem Tauchen trocknen mu)fen; fie sitzen da beibe ober auch nur einen Flügel ber Morgen:onne dar- bietenb, wie in Bronze gebilbet. Eine Mangroveninsel nach ber andern. Es erscheinen aber auch da hinten gegen bie Auhensee weiße Haitz er, Leuchttürme unb Tanks, ein Hotel, und wenn ich nun unsren emfilbigen Bootsmann frage: wem gehört dies dort?, weg eignet das da., so ergeijt es mir ähnlich wie bem Mann, ber fanb, bas alles bem „Kannitverstan 3U eigen hei. Hier gehört alles bem Collier, bie Zehntausend In,ein unb große Teile des Festlandes, so viel, baß ber Staat einen Collierkreis aus- qeschieben hat. Collier hat bas Plakatanzeigengeschaft in ben amerikanischen Straßenbahnen, cs setzte ihn in ben Staub, mehr als eine Million Acker (Morgen) zu kaufen unb zukünftigen Geschlechtern als em Stabtegrunber unb Lanbesahn zu gelten. Die von ben Spaniern San Marko getaufte Insel heißt amtlich bereits Collier City. Aber ba erheben sich ja Pfahlbauten aus dem Wasser, regelrechte, lebende Pfahlbauten, keine fossilen ober instruktiven, wie bie ber Gegend von Ueberlingen am ®oben ee wir halten, wir landen: eine Neuyorker Romanbichterm wohnt im Winter hier- währenb unter ihrem Hause sich bie Falle mit Fischen füllt schreibt sie oben ihre Bücher. Sie ist glücklich. An einem ber anberen Pfahlbauten (egt regelmäßig bas Dampfboot an und bringt bie verfluchte unb doch geliebte Post. Mehr als 15 Meter kann man nicht Spazieren gehen. Allright! Goodbye! ,
Wir tauchen wieber ins Reich ber Mangroveninseln, unb ba erhebt sich, äußerlich in nichts von ben anberen Inseln unterschieden, Dumoureys Key. Rundum Mangroven, denn wir fahren herum, ein dichter Kranz. Nur au einer Stelle eine Palme und ein pflanzenleerer Fleck: ein Siedler hat hier gehaust aber fein Haus ist spurlos verschwunden. Die Landungsstelle ist jetzt bei Ebbe zu seicht für bas Boot. Wir (anben an ben Mangroven. Auf allen Bieren geht es mühsam über ben Wurzelgürtel: bie wie scy warze Wuiiben aussehenben Borkenrisse ber glatten Wurzeln werben als Triio punkte benutzt. . , „ , „
Die Insel ist zugewachsen. Es gelingt uns em paar Pfabe aufzumachen unb einige hunbert Meter in biefer unb jener Richtung in ben Busch zu bringen. Da gibt es wieder Kaktus und jede Art Dorn, unb als ich auf einen roiftämmigen Gumba-limbo-Baum klettere, um von Baurneshohe bie unwegsame Insel wenigstens überschauen zu können, rutsche ich ab, so glall ist bie Rinbe. Wir bringen auch noch schweißtriefenb (benn im Bitzch sieh, unbewegt bie heiße Luft) burch ein Felb übermannshoher verwilbeter Baumwolle, aber bann ruft Kaktus und Dorn: Ende! Doch wir haben genug von ber Insel gesehen, um uns von ihrem geschichtlichen Wesen tm Verein mit bem, was bie Archäologie früher, als bie Insel weniger ver- roilbert war auf ihr entbeckte, ein Bilb zu machen. Die runbe Insel batte einen hufeisenförmigen Oberbau, der, vielleicht in der Natur vorgesehn, von Menschenhand durch Muschelmauern verstärkt wurde Der tiefere Boden in bem bie Baumwolle steht, war Garten ober Felb. Auch hier sind bie Docks“ für bie Kanus unb Häfen. Aufkommenbe Wege waren da und Terrassen, auf denen sich Pyramiden erhoben, von denen eine sakrale Bestimmung geglaubt wird. Wir finden nun auch, halb in ber Erde versteckt — unb legen es mit vorsichtiger Hand, ben Staub wegstreichenb, ein wenig bloß — ein Stück einer Terrassenmauer, in einer regelrechten Weise errichtet aus großen Muscheln der Concha. Alle finb im »oben burchlochert, man hat bas einwohnenbe Tier getötet unb gegessen. Die unteren spiraligen Seiten finb nach außen gelegt, scharf ineinander sich fugend, ohne ,ede Vermörtlung, die langen Hälse der Conchen stecken in der Erde bes Mauer- gebilbes. Die Anorbnung ber nächst höheren Muschellage ist so, baß ähnlich dem System „Läufer unb Binber“ in einer Ziegelmauer, ber VoU- törper ber oberen Muschel auf ber Fuge zwischen ben zwei unteren lieg • Unb so fort. Unb währenb bie Mauer in ihrer Ebene schräg gebofdjt i|t, steigen die Fugen in schrägen Reihen auf — es ist sowohl ein ben Um« stäuben nach solides wie schönes Mauerwerk. Nur relativ groß sind Die Taten ber Menschen, unb barum ist dieses Werk früher Menschen, die in einem Reich bes Wassers auf skelettlosen Inseln lebten unb nicht eintna Steine hatten, fonbern sich mit gebrechlichen Muscheln als Baumaterial begnügen mußten, nicht geringer zu bewerten als bas funfzigstockige Stahb unb Betonhaus bas auf bem festen Granit von Neuyork steht. Unb aiirt) das Malerische biefer vielen Stufen, Terrassen unb Pyrarniben aus Muscheln benken wir uns an biefen Ort, ben wir wohl nur mit Vorsicht Hauptstabt in einem zentralistischen Sinn, besser vielleicht Hauptort obei auch Kultstätte nennen werden: benn wenigstens bie späteren Jnbianer haben Zentralgewalten nicht gekannt unb in ben bemokratischen Formen bes Nebeneinanders gelebt. Unb mit einigem staunen im Sinn verlassen wir bie einsame Insel. ' . , .
In unb nach ber spanischen Zeit war diese Weit mit ihren unbewohnten Eilanden und tausend Sunden ein Schlupfwinkelreich für Bukaniere unb Piraten. Noch heute leben Abenteurer ba; es soll neulich vorgekommen sein baß ein Farmer feinen Arbeiter, ber lange ohne Lohn bei ihm gedient hatte, erschoß, als er in seinem Baut bavonfahren wollte, um Hilfe bei Erzwingung ber Lohnzahlung zu holen. Wer sich hier verbergen will, bem ist schwer beizukommen, Obbach braucht er kaum, unb Futter sinder er im Wasser. Auf einer entlegenen Insel, bie wir noch besuchten, fanden wir einen «infamen Siedler mit Namen Williams. Plötzlich redet er mich deutsch an und bekennt, Meinhardt zu heißen — er habe Gründe, hier [ einsam und unter angenommenem Namen zu wohnen. (Selbstverständlich sind bie von mir genannten Namen nicht bie gehörten.) . -
Nach einem halben Monat verlassen wir bas Inselreich. Als wir fort- > fahren steigt gerabe am Himmel eine göttliche Wolke ber selten gemor- i denen rosafarbenen Löffelreiher auf, nach denen wir bisher vergeblich aus- geschaut haben. Ein rosenroter Abschiedsgruß vom blauen Himmel.
"-antwortlich: Dr. Hans Thhriot. - Druck und Verlag: Vrühl'sche Univerf itäts°Duch. und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.


