Wie kommt Ihr zu dem Mädchen?" frug er drohend;sie ist guter 1 Leute Tochter/'

Der Bursche sah ihn an und nahm einen Schluck aus dem Glase, das er vor sich hatte.Weiß schon", sagte er,wo sie zu Haus ist!"

Sie ist ein halbes Kind", fuhr der Doktor fort,Ihr könnt dafür bestraft werden, Ihr durftet sie nicht mit Euch nehmen!"

Sind Sie dabei gewesen, Herr?" rief der Bursche und stieß mit seiner Geige tönend auf die Tischplatte.Mitten in der Nacht, da wir mit unserem Fuhrwerk eine Viertelstunde hinterm Dorfe waren, ist sie mit ihrer Gitarre aus dem Busch hervorgesprungen; sie hat sich meinem Bräunchen an den Zügel gehängt, daß ich nicht hab' fahren können, und hat gebettelt und geweint, daß wir sie mit uns nehmen möchten.'

Der Geigenspieler hielt einen Augenblick inne; denn der Herr, der zuvor hinausgegangen war, setzte sich draußen vor dem Fenster aus die Bank.

Nun?" ries Wulf Fedders ungeduldig.

Nun, Herr? Es fand sich just ein leerer Platz im Karren, weil unsere vorige Mamsell uns durchgegangen war. Da^lieh ich sie draus hinsitzen, um dem Lamento nur ein End' zu machen."

Der Tausch mag Euch schon angestanden haben", sagte der Doktor; Ihr habt Euch wohl nicht gar zu lang bedacht!"

Meinen Sie, Herr? Nun, allzuviel hat sie uns just nicht zu­gebracht; sie trägt schon meiner Schwester Hemd am Leibe, und die Schuhe werden auch wohl bald zerrissen sein!"

Der junge Doktor warf unwillkürlich einen Blick in die andere Ecke, wo Kätti, den Kopf an ihre Gitarre lehnend, unbeweglich mit geschlossenen Augen saß. Die Schuhe an ihren über Kreuz gelegten Füßchen waren freilich in erbarmungswertem Zustand. x

Aber", sagte er und wandte sich wieder zu dem Geiger,Ihr seid unehrerbietig gegen das Kind gewesen; was habt Ihr mit ihr vorgehabt?" Der Bursche stieß lachend seine Schwester an, eine Dirne mit harten Zügen, welche, ihre Harfe im Arm, die Pause zur Verspeisung eines Butterbrots benutzte.Da hör', Gundel!" rief er.Hörst du, was ich gewesen bin?"

Dann wandte er sich wieder zu seinem jungen Gegner und sagte nach­drücklich:Ich weiß eben nicht, warum ich Euch hier Antwort steh'; aber der Herr da draußen ist einer von unseren Freunden; er hatte sein Späßchen mit der neuen Mamsell, wie ers mit der anderen auch gehabt hat; aber der schwarze Fratz tat wild wie eine Katze und hat ihm seine Wange aufgerissen!"

Und dann?" frug Wulf und faßte krampfhaft seinen Ziegenhainer, den er vorhin fast unwillkürlich in die Hand genommen hatte.

Dann? Nun, Herr, Ihr seht's ja, daß ich sie nicht gefressen habe!" Der Mensch zeigte seine weißen Zähne und stieß sein Trinkglas auf den Tisch, daß die Scherben dem Doktor ums Gesicht flogen.

Wulf Fedders verlor für einen Augenblick seine sonstige Besonnenheit; ein zorniges Wort, ein Schlag mit dem geschwungenen Ziegenhainer war die augenblickliche Erwiderung. Aber der Schlag ging fehl; Kätti, die bet den heftigen Worten auf ihn zugeflogen war, taumelte mit blutender Stirn an feine Brust.

Der junge Vagabond, eine breite, muskulöse Gestalt, war hinter seinem Tische aufgesprungen. Er hatte die Faust, aus der er die Geige fallen ließ, schon dräuend über seinen Kopf erhoben; aber es tarn nicht weiter, er schien sich zu besinnen, der Handel mochte ihm doch bedenklich scheinen. Mag der Herr die Mamsell behalten, wenn sie sonst noch zu kurieren ist", rief er höhnend;es laufen der Dirnen noch genug herum!"

*

Das leicht rieselnde, jungfräuliche Blut hatte indessen die Sache schlim­mer erscheinen lassen, als sie war. Die kleine Streifwunde hatte keine Bedeutung, und auch der Schrecken war bald überwunden; für den Doktor aber erschien nun die Pflicht, sich der Berlassenen anzunehmen, nur um so deutlicher; und schon am anderen Nachmittage langten beide wohlbehalten vor der Wald- und Wasserfreude an.

Die dicke Magd, welche als perfekte Köchin aus dem früheren Wohn­orte mit herübergenommen war, schlug die Hände über den Kopf zu­sammen, da sie ihren alten Primaner so plötzlich mit ihrer verschwundenen Mamsell aus einem Wagen steigen sah. Uebrigens enthielt sie sich aller unnützen Reden, und als der Doktor nach dem Hausherrn' frug, streckte sie die Hand nach der Fluhseite und sagte:Ich bin bloß für die Küche; aber gehen Sie nur dreist hinunter!"

Und wirklich, hier stand Herr Zippel barfuß bis an die Knie im Wasser, und um ihn her eine Schar von Arbeitern, welche Pfähle in den Fluhgrund rammten. Sein Haar flog im Winde, und Kätti, die hinter ihrem Beschützer herschlich, spähte voll Angst, ob es wie ihr Bater einstens prophezeit hatte vor Kummer über sie nicht schon schneeweiß geworden sei. Aber er sah nicht anders aus, als da sie fortgegangen war. Dagegen schien der Augenblick nicht eben angetan, um eine besondere Erregung des Wiedersehens in Herrn Zippels'Herzen zu erwecken. Erst als der Doktor ihn wiederholt mit lautem Ruf begrüßt hatte, kam er an das Ufer gewatet, nachdem er noch zweimal seinen Arbeitern einen Be­fehl zurückgerufen und ihn bann zum dritten Male widerrufen hatte.

Er erkannte sogleich seinen alten Mietsmann und machte ihm einige rasch hervorgestoßene Komplimente über seine stattlichere Gestalt und seinen Backenbart; dann aber, zur Hauptsache kommend, beschrieb er mit ausgespreizten Fingern einen Halbkreis nach dem Lande zu.Das hier", sagte er,wenn Sie es früher gesehen haben, Sie werden es nicht wieder­erkennen! Nun wollen wir dem Fluß noch seine Ehre tun! Dort sehen Sie die Boote; hier entsteht das neue Bad; in all den tausend Jahren ist das keinem eingefallen! Das reine Wald- und Wiesenwasser, das Entzücken aller Aerzte auf zehn Meilen in die Runde!"

In diesem Augenblicke erst bemerkte er seine Tochter, welche ein paar Schritte seitwärts stand.Kätti! Rosalie! Beim Himmel, die Rosalie!"

rief er und schleuderte beide Arme in die Lust.Herr Fedders", wandt, er sich an diesen,haben Sie meine Aufrufe in den Blättern gelesen' Die Dummheit yat mir einen Haufen Geld gekostet!" Aber bamil schien auch die Sache abgetan; das von dem Mädchen so sehr gefürchtet, Wiedersehen ging nach einigen weiteren Ausrufungen wie ein beiläufige, Zwischenspiel in dem großen Werke des Wald- und Wiesenwasserbade; beinahe unbemerkt vorüber.

Erst nach Stunden, da er zufällig ins Haus hinaufgelaufen kam, frug Herr Zippe! seine Tochter, ob sie denn mit dem Primaner Fedders - Doktor" sagte Kätti also dem Doktor Fedders heimgereift sei, und ol sie unterwegs wohl ein so wundersam belegenes Bad gesehen habe, al; dieses bisher unbekannte Dorf ihm jetzt verdanken werde.Wenn wi, nur auch den Strätelftrafel wieder hätten!" setzte er hinzu.Ich hab' ts ausprobiert; die Badenden werden es im Wasser hören können, wen» ihr hier oben musiziert!"

Strätelftratel!" rief Kätti;was tst mit feem?"

Herr Zippel lachte.Als die Gitarre fort war, ist feie Violine hinter drein gelaufen; er war ohne dich doch auch nur eine magere Verzierung für feie Wald- und Wasserfreude!"

Kätti sprang voll Schrecken von ihrem Stuhle auf.Er ist fort? uni noch nicht wieder da?"

Nein, noch nicht. Ader feer Tausend, ich muß nach meinen Leute« sehen!"

Dem Doktor, welcher sich entschlossen hatte, hier feine Sommerfrisch: zu genießen, waren in dem unten am Flußufer belegenen Abnahme- Hause ein paar Zimmer eingeräumt, in denen für feie künftigen Bads gäfte feie erste Einrichtung schon getroffen war. Seine Aufwartung halt: Kätti übernommen, und sie tat alles mit einer so stillen, nie nachlassen­den Aufmerksamkeit, daß er dem sonst so flüchtigen Mädchen ost ver­wundert zusah; auch als nach einigen Tagen seine Kiste mit Bücher« und Papieren anlangte, ging sie so anstellig ihm zur Hand, als wüht: sie von selbst, wohin er jegliches geordnet haben wollte.

Wie dir das ansteht, Kätti!" sagte er scherzend.Nicht wahr, int läufst nicht wieder in die Well hinaus?"

Bei ihrer schmächtigen Gestalt und den herab häng enden Zöpfen, dl, sie in seiner Primanerzeit schon ebenso getragen, konnte er sich nidjt entwöhnen, sie auch jetzt noch gleich einem halben Kinde zu behandeln,, aber sie stand bei diesen Worten plötzlich todbleich vor ihm.O bitte!' sagte sie und hob flehend feie Augen zu ihm auf.

Er warf einen fast erstaunten Blick auf sie.Verzeih', Kätti", sagt: er dann;wir reden niemals mehr davon."

Zum Singen, wie einstens in der Giebelstube, wurde sie nicht mein von ihm aufgefordert, er selber hatte sein Musizieren wie eine 3ugen> torheit hinter sich gelassen; zum Ausgleich schädlichen Stu>dierensitzens fand er es weit ersprießlicher, stall feer Gitarre sich eine Botanisier trommel umzuhängen und so, zugleich lernend und marschierend, sein: Mußestunden zu verwerten.

Zu solchen Wanderungen war hier feie weiteste Gelegenheit; aber es waren nicht feie einzigen, welche von ihm unternommen wurden., schon mehrere Male war er in feer Stadt gewesen und dann immer erst am nächsten Tage heimgekehrt.

Bei solcher Rückkunft fand er stets einen frischen Blumenstrauß air feinem Tische; aber obgleich er wissen mußte, daß nur Kätti ihn da hi» gestellt haben konnte, so erhielt diese doch nie ein freundliches Wort darüber. Anfänglich verwunderte sie sich nur; dann aber begann es s» lebhaft zu beschäftigen, und endlich beschloß sie, ihm an solchen Tagen lieber gar nicht mehr vor Augen zu kommen; und so fand er den» künftig neben dem Blumenstrauß auch fein Abendbrot als wie von un­sichtbaren Händen aufgetragen, Sie -dachte nicht, daß er auch hierin nid)B Besonderes sand.

Einmal aber, da er von solcher Wanderung in sein Zimmer trott, fand er das Mädchen weinend an feer Haustür stehen. Nun sah er fw denn doch.

Kätti! Kind! Was fehlt dir?" frug er.

Ihr fehlte nichts; aber Sträkel-strakel war vor einer Stunde per Schub von feer Polizei ins Dorf zurücktransportiert worden.Uir meinetwegen!" rief Kätti, und ihre Tränen brachen reichlicher hervor. Und seine Geige er hat sie versetzen müssen, weil er gehungert Hot, er hat nicht einmal spielen dürfen, denn er hat keine Konzession gehabt!"

Der Doktor hörte sie schon nicht mehr, was sie noch weiter sprach», was kümmerte ihn der kleine Fiedelmusikante, feen er nie gesehen hatte!

Aber er muß seine Geige wieder haben!" sagte Kätti; und da der Doktor hierauf nur wie in Gedanken mit dem Kopfe nickte, rief sie, ihm schmalen Hände ringend:Ich habe kein Geld; ich habe nichts, gar nichts!"

Sie wollte dem jungen Mann zu Füßen fallen; da schüttelte er die Träume, die er von der Stadt mit hergebracht hatte, aus feinen blonden-. Haaren und fing sie mit beiden Armen auf.Kätti, Kätti! Besinne dich! Wie heißt der Mann? Ich wlll ihm seine Geige wiederschaffen!"

Dis sie plötzlich fort war, blieb er wie gefangen in feer Glut bet stummen Dankbarkeit, die aus feen dunklen Augen ihm entgegenftrömte. Bald aber, da er allein an seinem Arbeitstische saß, schallt er sich selbst darüber und suchte seine Gedanken auf den Weg zur Stadt zurückzu' bringen.

Schon am anderen Tage ging er selbst da-hin, ja er blieb dort au® feen folgenden; als er am dritten Tage endlich wiederkam, schien ei absichtlich Kättis Gegenwart zu meiden. Gekränkt und grübelnd gm$ bas Kind umher: was hatte sie ihm denn getan? Sie verlangte ja nichi- roeiter als freundlichenguten Tag" unfeguten Weg"!

(Fortsetzung folgt.)

verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Brühl'fche Universitäts-Buch» und Stetndruckerei, 2L Lange, Gießen.

it i»

1,

»di

i

J N «ft hn -Jn

linii -tzt et Wos

ilie ich 'N «ii .« ich q 4.« !i!

N litt «ttt iss fe

»(

Ä