Für Autofahrer bildet Stegen mit Parkplätzen und Tankstellen, besonders aber mit seinen Seerestaurants ein beliebtes Ziel. Schondorf, Uffing, Niederau und Liessen heißen die Dörfer und Weiler, die am Westufer liegen.

Der Chiemsee.

Es ist etwas Eigenes um diesen größten der bayerischen Seen. Ein Stück südlicher Landschaft ist hier nördlich der Alpen ausgebreitet. Die ungeheure Weite des Wassers 85 000 Quadratmeter Ausdehnung besitzt der Chiemsee bewirkt es, daß die fernen User in silbrigem Dunst liegen. Im Süden vom Hochgebirge begrenzt, Hochgern Hochfelln sind die nächsten Gipfel, geht im Osten der See in Sumpf und Moorgelände über, verlaufen die Ufer im Norden in die Gegend uralter Siedelungen. Aus Zeiten der Völkerwanderung sind noch heute Ueberreste im Chiemgau erhalten. Die Hunneninvasion trug ihre Schrecken ins Land. Grauenhaftes Geschick er­litten die weltenfern auf den Inseln liegenden Klöster vor mehr als tausend Jahren.

Die Inseln: Mit erhöhten Ufern ragt die größere, Herrenwörth, aus einem Gürtel von hohem Schilf. Hundertjährige Baumriesen beschatten den Weg zum Prunkschloh eines kranken Königs. Ein zweites Versailles, so sollte dieser riesige weiße Bau mit seinen gold- und spiegelüberladenen Sälen Heim und Zuflucht eines gehetzten Kroncnträgers fein. Schon ver­wirrten Geistes, genoß der phantastische Bayernkönig Stunden einsamer Größe hier. Mit jagenden Pferden aus München fliehend in tiefer Nacht, ließ er am Ufer sein Gefolge zurück, setzte auf kleinem Kahn über den See zu seiner geliebten Insel und schritt einsam die tausend Schritte vom Gestade hinauf, die breiten Treppen, im Angesicht des Schlosses, aus dessen Fenstern Zehntausende von Kerzen strahlten.

Scharen von Reisenden ziehen heute schauend und staunend durch die endlosen Galerien und Säle. Ein Tisch aus Lapislazuli, goldenes Gerät daraus goldene Gitter, Brokate, Benezianisches Glas: es ist eine andere Welt.

Noch benommen von Prunk und Glanz sitzt man später auf der Terrasse des Hotels. Weihe Segel ziehen über den See. Wie ein unwirk­liches Bild, von den Wellen dicht umspült, am Tage im Sonnenglast strahlend, weih leuchtend in mondhellen Nächten, liegt drüben Frauen- wörth, die Klosterinsel. Uralte Fischerhütten schlafen unter überlebens­großen Blumenstauden. Das Klima dieser Insel sie liegt wie unter Treibhausluft ließ eine grandiose Vegetation erstehen. Mächtiger sind die Bäume, dichter die Büsche, größer und farbiger alle Blüten. In schweren Dolden hängt der Jasmin über Mauern und Zäune. Beträubend ist der Duft Tiefer Frieden breitet sich vom Kloster über die Insel, heute wie in srühesten Zeiten. Ob der weite See in tiefer Bläue regungslos liegt, ob hohe Wogenkamme an die Ufer rollen, ob gar eines jener heftigen Ge­witter von der düsteren Kampenwand hereinbricht, das mit Sekunden­schnelle alles Leben auf dem See in Gefahr bringt tief unb eigenartig ist das Erleben dieser Landschaft, dieser Inseln, die im Mittelmeer nicht flammender blühen, in heimischen Breiten nicht ihresgleichen finden können.

Der Königsee.

Im Berchtesgadener Land, hinter Watzmann und dem Steinernen Meer In steile Felsen eingebettet, schläft der dunkelgrüne Königsee einen unheim- lichen Schlaf. Bis hoch in den Sommer hinein stürzen eisige Gletscher­wasser von der Watzmann-Ostwand herab. Kalte Quellen entsteigen den Tie en. Der Schwimmer, so er von einem der nur fußbreiten Uferplatze sich hinauswagt, empfindet so etwas wie panische Angst im Angesicht der steilen Wände über ihm oder der unendlichen Tiefe unter ihm. So klar ist das Wasser, daß bis in größte Tiefen jeder Kiesel wahrgenommen werden kann.

Die Einheimischen benutzen zur Ueberfahrt noch jene alten Kähne, die stehend gerudert werden. Den Fremden bringen kleine Motorboote vom Dörfchen Königsee nach dem wundervoll- gelegenen Jagdschloß, dem ehe­maligen Kloster St. Bartholomä. Ein schmaler, steiniger Fußpfad fuhrt m dreistündiger Wanderung zum Obersee, der kreisrund von Felswänden umschlossen liegt. Oft ist der Unterpfad von Wellen überspült, ost fuhrt er, steilen Abbrüchen ausweichend, in hundert Meter Hohe durch Ctein- reihen und Bergwald.

Der romantische Zauber des Königssees behält immer einen Unterton bedrückender Angst. Zu weltabgeschieden fühlt sich der winZige -Ü ensch auf dem dunklen Wasser, von Bergriesen so nahe umschlossen. Die schweren Weiter, die so manches Opfer forderten, brauen sich ungesehen tatter Seifen- deckung zusammen. Jetzt noch unter blauen Himmel unbewegt dal,egend, bebt der ganze See schon im nächsten Moment von der Wucht emfallend Böen. Schwarz wird das Wasser, von weißen Wog^ikammen siekronll In Fetzen schlagen Regen und Hagelböen von den Bergen. Kem User 'st mehr zu sehen. Verloren ist das kleine Boot, das vom Unwetter über­fallen wird. Denn dort, wo viele Marterln d,e glatte Felsw°nd bedecken, ist nicht für Fußesbreite Raum. Hunderte von Malern lockt es alliahrlich hinaus, die ihrer Palette die feltfamen Farben d'-!-- Bergfex abringen möchten. Malerwinkel ist die Stelle genannt von derSt. ^chMoma überm dunklen Wasser zu sehen ist, uberk^nt vom ewigen Schnee der Watzmanngipfel. Selten gelingt es einem Künstler, das tiefe Geheimnis des grünen Königsees zu bannen.

Der Tegernsee.

Hier ist alles Helle und Luftigkeit. Fröhliche Landschaft grüne Matten, ein eigener Menschenschlag mit unbändiger Freude an Liedern und Tan^ gen. Das Leben wird leichter in diesem Erdenwinkel. Tegeri fij' Ort, sah schon vor Jahrzehnten Freunde aus "Uer Herren Landern^^is Sommergäste. Nun kam Bad-Wiessee drüben °m andern U,er z berühmtheit. Seine starken Jodschwefelquellen bilden e neu Jungbrunnen 'm wahrsten Sinne des Wortes. Aus dem kleinen Bauern-, Fischer- un Iögerdörfchen wurde ein modernes Bad, das trotz ungeheure ^^nter- trotz Hunderten von neuen Hotels, Gaststätten, Villen B Rottach fünften die Menge feiner Gäste nicht fasten kann. In Abwinkl, Rottacy, Egern und Tegernsee suchen sie Unterkunft.

Am Südzipfel des Sees, wo Ludwig Thoma, der urwüchsige Baju­ware seine Werke schuf, zweigt die herrliche Straße ab nach WilLbad Kreuth und weiter nach Scholastika am Achensee. Links vom Wallberg führt der Weg über einige Höhen nach dem Schliersee hinüber. Lohnende Bergtouren und weite Wege an mäßigen Hängen bieten dem Sommergast Gelegenheit, sich auszulaufen. Reiche Geselligkeit blüht am Tegernsee. Im Klofterbräustüble schwirren des Abends alle Weltsprachen durcheinander Ein Kuraufenthalt bester Art für die, die sich nicht langweilen wolle«.

Nachts.

Bon Josef Freiherrn von Eichendorfs.

Ich stehe in Waldesschatten Wie an des Lebens Rand. Die Länder wie dämmernde Matten, Der Strom wie ein silbern Band.

Von fern nur schlagen die Glocken lieber die Wälder herein. Ein Reh hebt den Kopf erschrocken Und schlummert gleich wieder ein.

Der Wald aber rühret die Wipfel Im Traum von der Felsenwaad.

Denn der Herr geht über die Gipfel Und segnet das stille Land.

3urWald- und Wafferfreude^.

Novelle von Theodor Storm.

(Fortsetzung.)

Außer einigen Gästen, welche aus und ein gingen, bemerkte er nur ein Musikantenpaar, einen Geiger und eine Harfenspielerin, welche neben dem Eingang sahen und der Stunde zu harren schienen, wo der leere Raum sich füllen würde. Wulf Fedders hatte freilich wenig Teilnahme für feine Umgebung, er schmeckte vielleicht nicht einmal die Speisen, die dessenungeachtet rasch genug von seinem Teller verschwanden; denn in feinem Kopfe kreuzten sich allerlei Gedanken. Er hatte eben seinenDoktor" cum laude absolviert, und da der Tod beider Ellern ihn in die Lage gebracht hatte, ein paar Jahre vorn eigenen Kapital zu zehren, so stand die akademische Lehrkanzel als längst geplantes Ziel vor seinen Augen.

Zunächst freilich nach all der angestrengten Arbeit muhte Wulf Fed­ders sich ein paar Monden Ruhe gönnen; das heiht, was solche junge Büchermenschen Ruhe nennen; denn die Doktorabhandlung, die nur eine Quintessenz enthielt, sollte zu einem epochemachenden Werke ausgearbeitet, allerlei emsig gesammelte Drucke und Exzerpte nun erst gründlich benutzt werden. Als den Ort seiner Sommerfrische hatte er sich das große, wald- und wasserreiche Dorf ersehen, in dessen patriarchalischer Krugwirt­schaft es ihm an manchem Sommertag seiner Primanerzeit so wohl gewesen war. Er dachte es sich lebhaft, wie in solch ländlicher Ruhe das neue Werk gedeihen und wie er außerdem zu gesundheitstärkenden Wan­derungen die Muhezeit benutzen werde. Und bann! Ja, auch bas noch kam hinzu: bie Stabt feines Schülerlebens war von bort in ein paar Stunben zu erreichen, unb in jener Stabt er wußte bas aus bester Quelle war für bie nächsten Monate eine junge Dame auf Besuch, eine blonbe, blauäugige Majorstochter, bie er int letzten Winter bei einem Professorentee gesehen hatte unb bie jeitbem mit dem epochemachenden Buche sich geschwisterlich in sein Herz teilte.--

Der Doktor Wulf Fedders hatte es nicht bemerkt, daß wahrend seiner nachdenklichen Mahlzeit zwar nicht zwei blaue, aber doch zwei glanzend- chwarze Augen unablässig auf ihn gerichtet waren. Als er jetzt aus- bllckte sah er eine junge ©itarrfpielerin, welche abgesondert mit ihrem Instrumente in der Ofenecke sah. Er erschrak fast, als ihre Blicke sich begegneten; wie um erst sich zu besinnen, wandte er seine Augen ab; bann blickte er roieber hin, um schärfer zu betrachten. Plötzlich ftanb er auf unb ging gerabe auf bas Mäbchen zu, währenb sie, ohne sich zu regen, ihn näher kommen ließ.

Satti!" rief er, als er vor ihr ftanb.

Sie ließ ben Kopf auf ihre Brust sinken,Ja, Kätti", sagte sie leise.

Als sie bann bie Augen langsam zu ihm aufhob, machte bie eigen­tümliche Schönheit des Mädchens ihn fast verstummen. Erft als aus ber Musikantenecke ein herrischer Rus an sie erging, brach es hervor. Also zu benen ba gehörst bu?" rief er unb es war fast derselbe Ton womit er einst bas faule Schulkinb abgetakelt hatteeine fobrenbe Marktfängerin ist aus bir geworden, und ich selber hab wohl gar noch dazu Helsen müssen! Ich tann's mir denken, du hast dich m ben jungen Vagadonben ba verliebt unb bist mit ihm baoongelaufen!

Kätki sah ihn ganz erschrocken an unb schüttelte heftig ihr bunkles Köpfchen.

Nicht? Aber weshalb bist bu denn fortgegangen?"

,,Ich weiß nicht", sagte sie schüchtern;ich glaube, ich mochte nicht mehr mit Sträfelftratel spielen."

Er lachte doch.Was ist das: Sträfelftratel?"

(Jin kleiner Schneider, der bei uns die, Violine spielt!"

' Mamsell!" rief es wieder aus der Musikantenecke.Kommen Sie an Ihren Platz!"

Und weshalb", frug der Doktor, ohne auf diesen Ruf zu achten, sitzest du hier so abseits? Hast du Streit mit jenen Leuten?

Kätti schwieg erst einen Augenblick;dann sagte sie:Er ist stech gegen mich gewesen; ich will nicht spielen."

Wulf Fedders trat an den Musitantentisch.