Gießener Zamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang 1952 Zreitag, den 22. Juli Nummer 56

Wo Bismarck liegen soll.

Von Theodor Fontane.

Nicht in Dom oder Fürste ngrust, Er ruh in Gottes freier Luft Draußen auf Berg und Halde, Noch besser tief, tief im Walde; Widukind lädt ihn zu sich ein: Ein Sachse war er, drum ist er mein, Im Sachsenwald soll er begraben sein."

Der Leib zerfällt, der Stein zerfällt, Aber der Sachsenwald, der hält. Und kommen nach dreitausend Jahren Fremde hier des Weges gefahren Und sehen, geborgen norm Licht trer Sonnen, Den Waldgrund in Efeu tief eingesponnen Und staunen der Schönheit und jauchzen froh. So gebietet einer:Lärmt nicht so!

Hier unten liegt Bismarck irgendwo."

Eine Wallfahrt zum Fürsten Bismarck.

Eine Erinnerung an den 24. Juli 1892.

An einem Samstag des Juli 1892 faßen nach getaner Arbeit drei Freunde in der Weinwirtschaft von Pfeiffer in der Schiippengasse, dem Boulevard des Schippes", wie die Frankfurter sagten, zusammen, um bei einem Viertelchen Weißwein die Arbeit der vergangenen Woche Revue passieren zu lassen und um Ausschau in die Zukunft zu halten. Fachsimpeleien kamen bei ihnen nicht auf, denn der eine war Redakteur des Frankfurter Journal, -der andere Bankbeamter und der dritte Eisen­bahnsekretär. Verschieden im Berus, waren sie aber eins in dem Streben, sich weiter zu bilden und vorwärts zu kommen, nebenamtlich durch Journalistik und Stenographie, worin die beiden letztgenannten es da­mals schon zu einer in Frankfurt vielbeachteten Fertigkeit gebracht hat­ten, Geld zu verdienen, um dieses wieder in Bildung umzusetzen. Das Gespräch kam auf den Fürsten Bismarck, auf das betrübende Verhältnis zum Kaiser, auf seine Reise nach Ungarn zur Hochzeit seines Sohnes mit der Gräfin Hoyos und auf die unliebsamen Vorkommnisse, di« sich im Anschluß an diese Reise im Verhältnis zum Wiener Hof abspielten.

Wißt Ihr auch," sagte Eduard, der Redakteur zu seinen beiden Freunden Hermann und Ludwig,daß Fürst Bismarck Ende Juli nach Ktfsingsn zur Kur kommt, und daß «ine große Huldigungssahrt aus Baden, der Pfalz, Hessen und Frankfurt nach Kissingen geplant ist? Wie wär es, wenn wir an dieser Fahrt teilnehmen könnten.Ja, gerne, aber woher das Geld nehmen?" Der Gedanke war zu schön, um weitergesponnen zu werden. Beim zweiten Viertelchen Wein kam die Er­leuchtung. Man beschloß, die Journalistik und Stenographie wieder ein­mal in den Dienst der Sache zu stellen. Es gelang im Laufe der nächsten Tage, eine Reihe von Zeitungen für den Gedanken zu erwärmen, einen Bericht aus der Jeder Eduards und die Festreden, namentlich aber die Rede des Fürsten, im Wortlaut auf Grund stenographischer Aufnahme zu bringen. Die finanzielle Grundlage für die Reise war geschaffen. Das Frankfurter Festkomitee war auch rasch für -den Gedanken gewon­nen, es wurden Sonderkarten ausgestellt, die bevorzugte Blage im Zug und bei der Feier gewährleisteten, und die Frage der Beschaffung dreier Zylinderhüte, die für die Mitglieder des Festausschusses vorgefchrieben waren, war auch bald gelöst. .,

Am 23. Juli nachmittags fuhren die drei nach Darmstadt, um mit Rücksicht auf die kommenden Anstrengungen und besonders auf die not­wendig werdende Nachtarbeit früh zu Bett gehen zu können. Der L£tra= zug der Hessen ging am 24. Juli früh um 3 Uhr von Darmstadt ab. Aus der geplanten Bettruhe wurde aber nichts. Im Hotel fanden sich am Abend eine Reihe von Festteilnehmern ein, das gleiche Ziel, die een Gedanken schufen neue Bekanntschaften, und bald ichlugen d

in der Begeisterung so hohe Wellen, daß an ein Loslosen aus Kreise nicht zu denken war. Unter den Tischgenossen befand sich auch der bekannte Odenwalddichter Schaefer, dessen begeisternde Reden auf alle «inen faszinierenden Eindruck ausübten. Um 1-30 Uhr gingen a ' einander iM dem Versprechen, um 3 Uhr am Bahnhof wieder zusammen- zutreffen und nach Möglichkeit ein Abteil zu belegen An Schlafen war nicht mehr zu denken. Pünktlich um 3 Uhr früh setzte sich der voll­besetzte, mit Blumen und Girlanden geschmückte Zug in Bewegung. 4000 Badenser, 1000 Hessen und Frankfurter, 300 Pfalzer und 600 Thüringer Mit den Fahnen des Reichs und der Länder geschmückt, begeistert von

dem Gedanken, dem Gründer des Reichs einmal in die Augen sehen zu können, strömten der schönen Bäderstadt Kissingen zu, die alles an Fahnenpracht, Blumen, Gesang und Jubel ausbot, um den Gästen einen würdigen Empfang zu bereiten. Und über all dieser Pracht und Freude und Begeisterung leuchtete eine herrliche Sommersonne.

Gegen 14 Uhr begann sich der gewaltige Festzug zu ordnen, wie das Los ihn bestimmt hatte. Unsere drei Freunde mit ihren geliehenen Zylinderhüten marschierten mit an der Spitze.

Auf der lustigen Hinfahrt war ein neuer Gedanke aufgetaucht.Wie wäre es, wenn wir außer den Zeitungsberichten eine geschloffene kleine Broschüre über den Verlauf der ganzen Wallfahrt verfaßten und den Teilnehmern zu einem billigen Preis anböten?" Der Vorschlag fand begeisterten Anklang, auf den einzelnen Haltestellen wurde von einzelnen Herren, namentlich dem Landtagsabgeordneten v. Wersternacher und dem Oberstleutnant Enneccerus Propaganda dafür gemacht und als der Zug in Kissingen einlief, hatten unsere drei Freunde bereits eine Bestellung von insgesamt 2000 Stück in der Tasche.

Auf dem Weg von der Stadt nach der Saline war Zeit genug vor­handen, die Einzelheiten der Ausführung des Gedankens zu überlegen. Donnerwetter, das war doch mal eine Sache." Immer neue Gedanken rauchten auf.Wie wäre es, wenn man der kleinen Festschrift noch Bilder beifügen könnte?" Der Gedanke scheiterte aber an den leidigen Finanzen und die Schrift wäre auch zu teuer geworden.

Tausende und aber Tausende standen zu beiden Seiten der Feststraße, als der Zug wie eine riesige Schlange unter den Klängen froher Marsch­musik der oberen Saline zuwanderte. Je näher man dem Ziele kam, desto höher schlug das Herz einem jeden, und als man es endlich erreicht hatte und das ehrwürdige Haupt des Altreichskanzlers an einem Fenster des ersten Stockes sichtbar wurde, da brach ein Jubel aus, so mächtig, so begeistert, wie er wohl selten gehört worden ist. So mancher aber stand stumm und schaute feuchten Auges hinauf zu dem großen Manne, die Stimme versagte ihm in dem überwältigenden Augenblicke. Und der Fürst beugte sich hinaus zum Fenster und maß den nicht endenwollenden Zug mit überraschten Blicken, während in seinem Antlitz gleichzeitig tiefe Er­griffenheit zum Ausdruck kam. Die Fürstin stand hinter ihm und achtete daraus, daß das mächtige Haupt nicht am Fensterkreuz anstieß, als er sich weit vorbeugte, um die Länge des Zuges überschauen zu können.

Im Innern des Salinenhofs wurde Aufstellung genommen. Gegen­über dem altersgrauen Salinengebäude war inmitten von grünen Lor­beerbäumen auf einem kleinen Hügel für den Fürsten eine Bank auf- gestellt, und vor ihr standen Schulter an Schulter die Taufende, des ehr­würdigen Augenblicks harrend, da der Fürst vor sie treten, zu ihnen sprechen würde.

Da plötzlich durchbrauste ein tausendfacher Jubelruf den weiten Raum. Der Fürst ist am Fenster erschienen, um der versammelten Menge in ihrer Gesamtheit den ersten Gruß zu entbieten.Deutschland, Deutschland über alles" ertönt feierlich von den Lippen der begeisterten Versammlung. Aber kaum sind die letzten Akkorde verklungen, da bringen neue Jubelrufe hinauf zu dem Fürsten, der nach allen Seiten sich dankend verneigte.

Der Fürst hat sich vom Fenster zurückgezogen, um sich in den Hof zu begeben auf den für ihn bestimmten Ehrensitz. Begleitet von feinem Sohne Herbert, feinem Arzt Dr. Schweninger und feinem treuen Hund Ty ras, tritt er unter die Menge, die ihm ehrfurchtsvoll eine Gaffe frei macht und mit unendlichen Jubelrufen begrüßt. Ja, fo kannte man ihn, den alten Recken von den zahlreichen Bildern her. Ein schlichter schwarzer Rock umgibt die gewaltige Gestalt, um den Hals schlingt sich eine einfache weihe Binde, den traditionellen Schlapphut trägt er in der Hand, in der anderen Hand einen derben Stock mit langer eiserner Zwinge. Mit jugendlichem Feuer überblickt das blaue Heldenauge die huldigende Menge, nur bisweilen durchzuckt es wie Rührung die wetter­festen Züge.

Der Sturm des Jubels hatte sich allmählich gelegt und nun traten die einzelnen Redner auf, um dem Fürsten Dank, heißen Dank zu sagen, für das was er in jahrzehntelanger Arbeit für unser Vaterland getan hat, ihm zu huldigen und das Gelöbnis unwandelbarer Treue zu Füßen zu legen. Es sprachen die Herren Geheimrat Prosesior Dr. Erdmanns­dörfer aus Heidelberg im Namen der Gesamtheit, Bankpräsident Eckhard aus Mannheim für die Badenser, Rechtsanwalt S ch m e e I, Darmstadt, für die Hessen, Kommerzienrat K n L ck e l für die Pfälzer, Rechtsanwalt M u t h e r für die Thüringer, Oberstleutnant a. D. En­neccerus für die Frankfurter und Rechtsanwalt Dr. Wörter wid­mete der treuen Lebensgefährtin, der Fürstin Worte der Dankbarkeit und Verehrung. Vielfach wurden die Worte der Redner, deren Ausfüh­rungen auf einer beachtlichen geistigen Höhe standen, von minutenlangen begeisterten Rufen der Zustimmung unterbrochen.

Nun war der ersehnte Augenblick gekommen, da der Fürst zu seinen Getreuen sprechen sollte. Lautlose Stille trat ein, als die Reckengestalt des Fürsten sich erhob. Man merkte ihm an, daß er erst der Rührung