danken wurden sie erst der Größe des Goethischen Gedichtes bewußt. Er hatte sie alle abgewendet. Weimar war in Karlsbad gewesen, und Karlsbad war für Stunden untergegangen. Was ihnen alle Weimar bedeutete, wie sehr hing es an ihm! Durch ihn bestimmt, trug er es.
Aber am nächsten Morgen wachte Karlsbad in ihnen allen auf.
Die Allee vor dem Böhmischen Saale war abgesperrt: das bedeutete einen Umweg über die Brauhausstraße oder über den Chotekschen Weg, der auf dem Hange des Hammerberges lief, wenn man ins obere Tepel- tal wollte.
,Das Frauenzimmer' war schon am Brunnen lebhaft bewegt. Licht war über di« ganze Nacht bei den beiden Marchandes de modes Madame
Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Berlag: Brühl'sche Univ erst tat s-Duch- und Steindruckerei, *K Lange, Gießen.
«stärker und blieb, eine leise beruhigende Geste, abwärts in die Sufi 8Eb3n e|feinem5,©aa(‘et,abermt)em dreifenstrigen Raum ober Mutter und Sind war wieder alles sein: Spannung, Unrast, Schwere. Er schritt ein worauf und nieder, öffnete das Nebengemach, wo fein Bett stand, ging ituriirt und öffnete die Tür des anderen Kabinetts. Bogel war nicht da.
bem Tische lagen, säuberlich geschichtet, die Bogen des Diktates und der Reinschrift, Steine beschwerten sie. Er hob einen Stein ab. Bogel mußte ihn aus der Tepel geholt haben, ein gerundetes Baßiltgefchiebe. Woher' Wie viel Jahrhunderte mußten Flußbett und Wasser an dem harten Gestein geschliffen haben? Jetzt hielt das Stuck Natur den Nieder- schlag seines Geistes auf einer Tischplatte zusammen. Eine Weile .dann sind Papier, Schreiber und Autor fort. Die sorgfältige Hausbau entfernt den Fremdkörper, sieht nach, ob er nicht die Politur geschädigtJ^be. Man wirft den Stein zurück in den Fluh und er liegt Jahre, Jahrzehnt«, eine Hochflut rollt ihn ein Stück weiter. .. .
Bielleicht findet er einen Ort, wo er hundert Jahre hegen b ei • , au| ,jjcn Strogen gelegen weroen luimie.
dann, wo sind die Menschen bann, die ihn für et ne Weile cu ,g h I ß. » unter dem Brauhaufe und den Waldhang oder der Allee
haben? Nicht mehr und nie wieder. 1 - - ------- - *--- Cr--Ck — «..*«..»>—
Goethe wandte sich ab, ging in den dunkelnden Saab, griff den Mantel vorn Rechen, Stock und Hut dazu. Er hätte kein Licht »ertragen.
Aber am anderen Abend, als sie ihn alle verlassen hatten, ftanb der fetbftoereinfcimte Mensch an einem der Fenster. Friede ruhte auf einem Gesicht. Der Herzog war an den Bersen der Iphigenie weich und besangen geworden, und Herder hatte die Stunde erfaßt. Noch nie im Gespräche Uber eine Dichtung war Herders weitreichendes Vermögen fo glücklich S‘r den engen Menschenkreis ins Menschentum h,nausgewachsen. Lotte so still und beseligt. Des Herzogs verhehlte Schüchternheiten! Sie tbaren noch da, tiefer wohl und wenig bestimmend für ihn, aber fie konnten no chgeweckt werden. Stets kürzer angebunden und ohne Federlesens in Rede und Handlung, ließ er es sonst nicht mehr zu, daß man <tn seine Schleier taste: doch heute ... es war gewesen, als sei die Entfremdung der letzten Jahre geschmolzen, als seien st« alle länger und hoffnungsseliger, wie einstmals.
Er sah über die Kronen der Kastanien hinweg in die noch immer durch- Nchtete Nacht. Gegenüber, auf der Höhe des Laurenziberges, das helle Mauerwerk der Kapelle, im Tal noch vor feinen Augen, wenn er den
lurückaezogeä. Die Kurgefellfchoft flog durch das Egertornach dem Dorfe Fischern aus über Sie Sächsische Wies« und den Zedlitzer Steg. Man besichtigte die Rohrfabriken und ließ sich in einem trefflichen Wem- schank Krebfe, Forellen, Cgerfische zubereiten, mußte aber bald am Nach. Mittage ins Logis: es gab nur fünf Friseure und eigene Zofen und Haarkünstler ... man konnte und mochte es nicht allen gleichtun an Domestiques. Und es war tm Böhmischen Saale Freiball en grande parure angesagt. Also saß man stundenlang unter Lockenkoisfuren, deren gewaltige Gebäude von Bändern und Perlenketten durchzogen und mit befiederten Agraffen besteckt waren. Oder wartete vor Ungeduld fiebernd aus den Haarkünstler, der nicht kommen wollte, trotzdem die Sonne schon ^'"Mi? einbrechender DunkMeit — so hatte es geheißen. Es galt gefaßt in den Zimmern herumzustshen, um die Volants und Rufchen nicht zu zerdrücken fei's bis neun Uhr. Allein die Gräfin hatte auf dem Laurenzi- und dem Wiefenberge Böller zurichten lassen und erlöste die Chapeaux und Dames aus ihrer Verhaltenheit, ehe es völlig Nacht n>ar und man noch auf den Straßen gesehen werden konnte. Die Karlsbader hatten
bezogen und konnten das Fest im Entstehen beobachten.
Die Böller — und Flamme bei Flamme erhellte den Raum unter den hochstämmigen Lindenreihen. Die Wipfel schirmten, verheimlichten die Glut. Prächtig angetan, näherten sich die Gast« der Gräfin durch em Spalier von Menschen, die auch aus den benachbarten Ortschaften gekommen waren, denn nicht in Karlsbad allein hatten die Zurichtungen dieses Fest»? getroffen werden können. Gedeckte, fremdartige Musik erfüllte die Talbucht. An den Eingängen der Allee standen chinesische Lusthauschen, deren Rückwände mit gelber und rosenroter Seide verkleidet waren Ihr Licht vervielfacht durch Spiegel und belebt durch das Blitzen geschlistener Glaskanten, lud an Kredenztifche, vor denen Me Diener der Gräfin m langen Seidenkleidern, bezopft, gelb und schlitzäugig geschminkt, den Em- tretenben aufwarteten. Die breite Mittelallee mar mit frifcfjem eanbe bestreut und hell von großen Feuervasen, die auf bekränzten Sauten zwischen den Bäumen standen: vielhundert Laternen in allen Farben — sie hingen an Girlanden und ließen das Lindenlaub in ihrer Warme zittern — durchhauchten die Seitengänge mit einem Lichtgeheimnis. Das Ende der Mittelpromenade aber schloß ein großes chinesisches Haus ab. f-uu««.«. v.. ........... -- •■•--- .... . ... | Man stand entzückt davor, staunte nicht wenig« über dl« Kunstfertigkeit
«lick nach links wandte, die guellenhutenden Turme der Stadtkirche. Und I &er Zjmmermeister und Tapezierer, die diesen Bau nut hohem, lstocklem- er wußte auf den Felsen, die das Tal begrenzten, eingangs und aus- I hMmsiem Spitzdach und bemannten Galerien in einem Tage errichtet gange, und inmitten auf dem Hirfchsteine ragende Kreuze, das Ggnze I j.atten a(5 über di« Pracht der Wandbehänge, der Basen, Figuren und aber beherrscht von dem Kreuzberge, der die drei Zeichen der Erlöst» I <gerät' unö ber üppigen Ruhebänke. Auf den Galerien spielten chmesrlche stätte gegen Himmel trug. Umhütet war das heilspendende Gehege von I Musikanten eine türkische Musik, indes Punsch, Tee, Mandelmilch, Schoden Denkmalen der Selbstaufopferung — um des anderen Heiles willen. I £o[ait>e un& Wein zu erlesenen Schlemmerhappen gereicht wurden Die Ein wundersamer Ort: Heilung ugd Heiligung voll starker Sinnsälligkeit, I Musik setzte nur aus, um anderen in Lauben versteckten Kapellen Gehör heiß aus der Tiefe des Grundes sprudelnd und düster von den Hohlen I ,u tÄaffen. In biefem glänzenden Raume empfing die Gräfin unter einem und Klippen herniederweifend, verheißungsvoll! I Seidenzelte die Aufwartung ihrer Gäste: der Herzog war eine Zeitlang
Hatte er hier an feinen nächsten Menschen die Brücke vermißt, di« I an ihrer Seite zu sehen. .. ,
ihn ohne Gewalt in bas Erlebnis bes Südens hin Überleite, fo mochte I Auch die Weimarer Ge|ellfchaft iprach den Getränken und „guten er an der natürlichen Dämonie bes Tales und seiner sakralen Hut den I Pissen heiter zu. Der Herzog wurde rasch lebhaft und wollte rzuhlung seelischen Widerhall gewonnen haben, der ihn bes dritten Heilweges, i mit der schönen Welt, es hielt ihn bald nicht mehr bei den [eines Weges, bewußter werden ließ. I Charlotte fand sich mit Herder und Karoline in einer Nische des chinesi-
Jn dieser Nachtstunde glaubte Goethe, daß ihm die neuen Berse seiner I schen Hauses zusammen, die Waldner und Affeburg faßen bei ihnen. Iphigenie an keinem Orte zwingender entwachsen wären. Er brauchte I Herder führte das Wort, daß es an Geist und Wurde su Der schwarzen Widerhall, um zu feinem Heil« zu gelangen. Daß es ein Heil fei, hatte I Seidentracht und den Bäffchen paßte, war zu verstehen. Und sie war'S ar nun an seinen nächsten Menschen erfahren. Heil durch Kunst! Er I zufrieden, daß ihr Freund die Laune des Herzogs teile. Sein -Belud) am wollte es erleben, wo Kunst unter einer glücklicheren Sonne zur Natur I vorgestrigen Abend, dann die Vorlesung m den .Drei Rosen hatten sie, geworden schien, und wollt«, selig des Geschauten, weitergeben. — Los I der leicht zuviel geschah, weithin gestillt, und nun stand noch die Fahri eines deutschen Menschen: seiner inneren Widerstände mußte er erst gewiß I bevor, zu der sie vergeblich auch die Waldner hatte gewinnen wollen, und Herr sein, ehe er frei werden konnte. Wie anders, wie heiter die I Goethe ließ ihr und den andern Herder und die türkische Musik. Li Polker jener Sonne! Sie hielten Kindern gleich das Geschenk der Götter I gab sich dem Eindruck« hin, den die schöne Lanthiery auf ihn machte, und in den Händen, konnten feiner im Spiele wirksam werden. Das deutsche I da der Herzog vorerst noch die bunt« Fülle aller Schönheit und Anmut Wesen mußte es erzwingen. Den Dämon der Tiefe überwinden und I genießen wollte und mit einem Grafen Harrach unter die Gesetlschasi die düstere Mystik eines lebenleugnenden Heiles und dann: frei durch die I getaucht war, spazierte Goethe bald mit der Grazer Gräfin abseits und Kunst! Das war ein anderes, lastendes Geschenk, ein Verhängnis des I halb verborgen am äußersten Rande der Allee.
Gottes, der seinen neuen Schaffensweg aus der Kreatur will. I Sie trug ein Gewand aus grünem Taffet, von bauschigen Volants
Manche Antwort sank aus der erhellten Nacht dieses Tales, und er I umflossen, an ihrer Coiffure en bandeau damour sprühte eine Biamant- war voll Hoffnung, denn er hatte an ihnen, die von ihm gegangen waren, I agraffe das kostbarste Reiheraesteck, Hals und tiesentbloßter Busen trugen
erlebt, daß er schenken konnte. I einige Schnüre Perlen. Sie schwärmte von Italien, ohne zu wissen, wie
Die Gesellschaft Goethes zerstreute sich noch vor dem Haustor der I sehr sie Goethes feurige Befangenheit gerade dadurch hob, daß sie von
.Drei roten Rosen'. Sie waren alle fo weit über Ort und Alltag in eine I dem Lande feines Verlangens sprach.
geläuterte Erlebniswell versetzt, daß ein jeder allein zu fein verlangte. I ,/5ie tragen selbst den Hauch des Südens an sich, Aloisia, Darum Und fie erinnerten sich erst spät, gleichsam ernüchtert, daß Karlsbad schon I wissen Sie ihn zu schildern, daß mir das Blut wallt.'
seit Tagen von der Erwartung eines Festes erregt war. Bei diesem Ge- I „Es ist nur Ihr Desir nach Sonne! Die ewige deutsche Passion, Goethe. ' * ' ■’ - ■ ~ ~ ----- - .... . i verbannten Hyperboreer! Wie würde Ihr Genie blühen, Ihre Must
jubilieren! Sie mühten ihn einsaugen, den Süden, wie ein Lorbeerbaum, fo satt und grün."
„Da Sie ihn lieben, glaube ich ihn zu suhlen.
„Ich habe in einer Frühlingsnacht vom Tempel der Sibylla in die Schlucht von Tivoli gesehen: ein profundes Geheimnis! Die Kaskade, schimmernd wie Satin, und der Bogen der Brücke, die weißen Würfelwände der Häuser und ihre Schotten, dazu das Arom der Blüten, die nur in der Nacht ihre Kelche öffnen! Goethe — ein Raviffement!"
Sie selbst war ein Entzücken in ihrer reifen Schönheit, obgleich die Satin-Kaskade von Tivoli etwas ernüchterte. Sie liebte einen üppigen Maier und Ntadame Paul zu sehen gewesen, und ihre Mamsellen faßen I Stil, die schöne Gräfin, aber er stand ihr wohl an. Und da die Dame
Übermüdet und gehetzt hinter den Fenstern. Daß man an diesem Tage I den Tonfall eines Gespräches anzugeben hatte, fand sich Goethe nut mei
in der Allee nicht reiten und fahren konnte, fetzte auch die wohllebigen I natürlichem Feuer und beglückt in die Gehobenheit der Stunde, «tt
Kavalier« in Erwartung. Wer das Tal sperrte, der mußte zu entschädigen I schwärmten noch eine Weile. Goethe sah tief in die großen Augen, nno
wissen. Die Dienerschaft der Czinfka hatte überall Eile: schwere Fuhren I sie ließ die Lider kaum sinken, er huldigte bewundernden Blickes ihrer streiften ihre Ladungen über die ,Wiese' dem Böhmischen Saale zu: man I rüschenumrahmten Pracht, und sie wehrte ihm nur zögernd, indem sie hörte Axtschlag und Stimmen auf die Brauhauswiefe herüber und herauf I einen zarten Spitzenfächer, dessen Elfenbeinstäbe beim Entfalten leist zur Marienkapelle am Hang« des Hammerberges. Es mußte alles an I klapperten, vor bas Dekollete hob. Da kam der Herzog, angeregt uno einem Tage geschafft fein, die annehmlichen Gelegenheiten des Kurlebens I laut. Er bot der schönen Aloisia den Arm.
duldeten keine allzu lange Störung. Die Gräfin Czinfka blieb auf ihrem • (Fortsetzung folgt.)


