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breiten, leichigeschwungenen Steinbänke an den Wegen, die weiße« Säulen und Figuren leuchten hell aus bem dunklen, schattigen hinter» gründ. Die hohen Bäume lassen keinen der sengenden Strahlen durch ihr dichtes Dach, und wenn ringsum in der Ebene die Erde dorrt unter der Hitze, verbreiten hier die fließenden Wasser erfrischende Kühlung. Kein Laut bringt bis in die grünen Verstecke.
Heute ist auch das Lachen der srohen Gäste, das Lauten- und Sloten» spiel, das die ländlichen Feste begleitete, verstummt. Nur das Plätscher» der Brunnen und das Rauschen des großen Wehres unterbrechen die Stille, und ... die Vögel. „Schlagen bei euch in Aranjuez schon Di» Nachtigallen?" schreibt der zu Unrecht immer noch als finsterer, ge- sühlloser Tyrann gezeichnete Philipp II. an seine Kinder. „Hier in Lissabon höre ich sie schon seit zwei Wochen! Jetzt im Frühling muß es bei euch dort besonders schön fein!" Aber nicht nur im Frühling, der hier schon im März grüne Wiesen und blühende Gärten bringt, auch im Sommer, wenn Menschen und Tiere unter der glühenden Sonne fast nicht mehr atmen können, wird Aranjuez zu einer paradiesischen Insel. Und dann wieder im Herbst, wenn Bäume und Sträucher sich färben, vom hellen Gelb der Linden bis zum tiefen Rot des Kirfchlorbeers und die Blumen in einer letzten verschwenderischen Pracht prangen, wandelt man gerne in den weiten Gärten. Selbst im Winter behauptet sich dank des milden Klimas und der immergrünen Büsche und Nadelhölzer noch das Grün. ,. . „ ,
Von den ersten Sonnentagen bis spät in den November hmem Ziehen die Blumenbeete in immer wechselnder Farbenpracht in Blüte. Das Auge wird nicht müde, immer wieder diese Farbenskalen auf und ab zu tasten, vom warmen Rotbraun des Goldlacks bis zum Purpurrot bet Geranien, vom zarten Blau der Aquileja bis zum leuchtenden Gelb der Dahlien. Die kleinen Pavillons, umrankt von Efeu und Glyzinien, verschwinden hinter den blühenden Hecken von Rhododendron und Azalee». Die Rosen scheinen keinen Winter zu kennen; die Jahreszeiten ner- wischen sich: Frühlingsblumen stehen neben Sommerblüten, und Sommev» blumen enden erst spät im Herbst. Im. weiteren Umkreis dehnen sich Dl» Obst- und Gemüsegärten, die zum San-Jldefonso-Tag, am 23. Januar^ dem Hof die ersten Erdbeeren und Spargel liefern mußten. Zur gleiche» Zeit reifen aber auch schon zwischen neuen Blüten die Drangen und Zitronen, denen die Kirschen, Aprikosen und Pfirsiche, die Feige», Pslaumen und Granatäpfel folgten, bis sich im Herbst die Aeste bet Aepfel- und Birnbäume biegen unter der Last ihrer goldenen Früchte. Zwischen den Oliven- und Weingärten, den Tomaten- und Gemüsefelder» liegen die Geflügelfarmen und Wirtschaftsgebäude, deren Erzeugnisse lange Zeit nur der königlichen Tafel reserviert waren.
Eine grüne, fruchtbare Oase in einer dürren, trockenen Steppe, ei» Stück buntes, frohes Leben in einer trostlosen Eintönigkeit: das ist Aranjuez.
Karlsbader Novelle.
Von Erwin Guido Kolbenheyer.
Copyright by Verlag Georg Müller, München.
(Fortsetzung.)
Er stand auf, seine Stimme klang verhalten:
„Mit Fritzen hätte ich auch dich bei mir ... ich will aber mein ®cmüt beruhigen ... stünden mir Natur und alle schönen Künste bet! Ich will ihre heiligen Bilder recht in die Seele prägen und zu stillem Genuß bewahren. Auch für dich, Lotte."
Er war dicht vor sie getreten, und sie hatte seine Hand ergriffen. Er trug den Ring, ihren Ring. Ihr Namenszug war in den Stein geschnitten. Sie sah nicht zu ihm auf, sie sah in die Flamme der Kerze. Und die Flamme zerfloß in einen breiten Glorienkranz, der die Auge» füllte. Sie streichelte leise seine Hand.
Es kam leise zu ihr nieder:
„Ich bitte dich, Lotte, sei nicht süß zu mir."
Sie sah auf, ihre Augen waren voll, ihre Oberlippe zuckte.
Lotte sagte: „Ich kann nicht wie die artbern, so instinktmäßig. Du hast mich an dich gezogen ... es verlangt mich nach deiner Vollkommenheit ... so viel es auf Erden möglich ist, mußt du vollkommen sein."
Das nehme ich mit mir ... mein einziges Wesen ..."
Sie senkte die Lider. Er sah ihre Tränen, küßte ihren Scheitel. Er ^'^Stt^hielt die Augen geschlossen und stützte die Stirn in die Hand. Ihr Herz wollte lange nicht still werden. Sie meinte nicht. Ihr war müde lauschend müde, als wäre sie von der weichen, dunklen Stimme aufgehoben, die noch um sie schwebte; sie fühlte sie noch.
Und es sank mit dem verklingenden Pochen des Herzens wieder von ihr wie ein Mantel fällt. Er war nicht mehr da, der sie in seine Inbrunst hüllte. Kraft des Umfangens, Aufnehmens! Und das Zimmer war leer kalt war es. Sie schlug die Augen auf, erhob sich, griff nach einem Licht, trug es zum Sekretär. Dann stand sie, sah in die Flamme, wandte sich ab, ging einige Schritte zurück. Was sollte sie? Der Brief war nicht geschlossen, der Bries an Stein. Die Kerzen tropften; sie nahm bie Lichtschere und putzte die Kerzen, holte die andere noch und auch den Brief. Sie schrieb, was Goethe geraten hatte, als Nachwort und fehte Grüße von Goethe hinzu.
Draußen war der Abend im Verlöschen. Die kühle Enge des Tales wußte schon vom Herbst. Er fühlte, daß er ohne Mantel und Hut sei. Er mußte sich hüten, war leicht anfällig. In der Flur, einen Fuß schon auf der ersten Stufe, hielt er an und lauschte: die Stimme des Kleinen, ein wohliggurrendes Lallen, auch die leiselockende Stimme der Mutter. Sie hatten kein Licht. Hausfrau Helena mochte an einem der Fenster fitzen über den Wiegenkorb gebeugt. Keine Nachbarin war gekommen, kein Wort war da. — Wenn er einträte? Es wäre vorbei mit dem Glück bieier mütterlichen Stunde, die Kind und Frau in die Laute und Silben einer Urzeit lockte, darin es noch unmittelbares Glück gegeben haben mochte Er würde nur eine artige Wirtin finden, und der kleine Ferdinand müßte über den Raub schreien. Die Hand Goethes hob sich vom Trez-pen-
,u erhalten, den die spanischen Eroberer, die Söhne dieser dürren Erde, im neuentdeckten Amerika und, wenige Generationen später, Don Quichote nur noch in der Phantasie suchten.
Seit es ein vereinigtes Spanien gibt, gibt es Aranjuez. Während sich die spanische Krone mehr und mehr in Europa ausbreitete und jenseits des Meeres neue Länder in Besitz nahm, wurden hier, im Herzen Spaniens dürre Landstriche fruchtbar gemacht, Brunnen gegraben, Schlosser gebaut, Bäume und Blumen gepflanzt. Jede Generation trug etwas dazu bei, diesen Sommersitz zu vergrößern und zu verschönern, bis aus bem Kloster mit (einem Gemüsegarten diese monumentalen Schlosser unb weiten Gärten würben. Karl V., der mehr in Flandern als in feinem spanischen Königreich lebte, ließ aus dem Norden Ulmen und Sinöen kommen. Philipp II. sandte aus Portugal an seine Jnfanten Früchte und Pflanzen, die man in Spanien noch nicht kannte und „die sicher auch in Aranjuez gedeihen würden". Mit den Bourbonen tarnen französische Architekten, bie neue Gärten nach bem Versailler Vorbilb anlegten. Karl III. lieh im Schloß Decken unb Wände eines Saales aus Porzellan, der damals berühmten Madrider Porzellansabrik, Herstellen, Jladella II. baute einen anderen nach dem Muster der Alhambra in eine maurische Halle um. Säle und Gemächer, Treppen und Gange füllten sich mit Gobelins, gewirkt nach den berühmtesten Gemälden französischer, flämischer und spanischer Maler. Möbel aus bem Rokoko unb Empire von ausgesuchter Stilreinheit, Vasen aus Porzellan, Marmorkrüge, Schmuckstücke aus Golb unb Edelsteinen: all die vielen wert- v,llen Gebrauchs- unb Dekorationsstücke, ohne die ein prunkvolles, ver- | i venberisches Hofleben nicht zu denken war, fügen sich heute in den «i .inen Sälen zu einem harmonischen Ganzen. Die vielen, oft Jahr- ; hunderte alten Standuhren in den Gemächern, alle heute noch im Dienst, i gehen sicher auf die Tradition Karls V. zurück, der ohne ein paar be- । sondere Uhrmeister nicht reifen konnte. .
Die „Casa del Labrador", weit abseits vom königlichen Schloß un dichten Park, ist durchaus kein Bauernhaus, wie es der romantische Name gerne möchte, sondern ein kleiner Palast, den jeweils der Thronfolger bezog. Zwischen den hier in besonderer Fülle ausgehauften Schmuck- stücken mag bem jungen Prinzen manchmal das Leben schwer gesallen fein. Die übrigen Jnfanten hatten ihr besonderes Palais mit anschließenden Gärten, die Königinnen ihre Privatbesitzungen. Höflinge und Granden die nicht fehlen durften, wenn im Sommer der Hof die Residenz von Madrid nach dem wenige Reitstunden südlicher gelegenen Araniuez verlegte, bauten sich inmitten blühender Anlagen ihre eigenen Schlosser unb Villen. Aranjuez würbe langsam für bie heißen Sommermonate eine ebenso glänzenbe Resibenz, wie es das mehr und mehr sich aus- breifenbe Madrid für den Winter wurde.
Prunkvolle Feste, Jagden und Turniere losten einander ab. Gesandtschaften wurden empfangen und gingen, Könige wurden geboren unö starben hier. In den Schlössern und Gärten sangen italienische Sanger und pielten französische Komödianten, kleine Flötisten befuhren den Tajo wenn über dem Flusse die Feuerwerke brannten. Draußen war bie spanische Herrschaft längst am Verlöschen; aber hier in Araniuez ging das Spiel weiter, — bis heute. Arn User des Ta,o liegt noch bas Marinehaus, bem bis vor kurzem noch ein Kapttan vorstanb, nut einer Sammlung viel zu großer Prunkschiffe; bas einzige Ergebnis des gr h- zügigen Projektes Philipps II., ben Tajo von AranMZ bis ßt||u schiffbar zu machen, um von einem hier anzulegenben Binnenhafen ben Atlantik zu erreichen. Ader der Traum diefes Monarchen blieb Traum. Der ebenfalls von Philipp angelegte botanische Garten der erste m Europa, und die Gehege, in denen die exotischen Tiere Ausnahme fanden, die die spanischen Eroberer mit übers Meer brachten, die Wa (erspiele Statuen und Blumengärten begeisterten einen zeitgenössischen flaims) Geschichtsschreiber derart, br' er biesen Ort für ein neues Weliwunber ""Die6'Heine Stabt, die erst im 18. Jahrhundert mit königlicher Erlaubnis daneben ange' at werden Durfte, erhalt Sinn und Form nur durch diese höfische- Besitzungen, lebt nur von diesen und durch fie Sie ist streng geometrisch aufgeteilt in Langs- und ^.ue^raßen. D Dienstwohnungen und Verwaltungsgebäude, die Wagenhauser und Mar- ställe geben bem Ort ein gleichmäßiges, uniformes Aussehen. Kein Au und Ab der Häuserfronten, keine eigenwilligen Sttlformen. Der Uri ist offen, weit und gerade nur soviel geschmucktz .daß der Eindruck der Nüchternheit vermieden wird. Er ist der bescheidene Rahmen z prünkvollen Palästen und ausgedehnten ®°rten. p- in
Nur dem Tajo verdankt diese Oase in der Wüste das Leben Seme graugrünen Wellen feuchten die Weiden, füllen die Brun , die Obst- und Gemüseanlagen und lassen die Fontänen springen. In tausend kleinen Kanälen und Rinnsalen fließtdas W ff 5. bie weiten Parks und ermöglicht diese grünen, schattigen Lust? (Bärten verschwenderische Pracht der Blumenbeete. Die alteren Teile der Garten zeigen die noch etwas strengen Anlagen der Renaissance oder d> fdjnittenen Büsche unb Hecken Des Barocks; anbcre haben schon d'e fp-ete rischen Formen bes Rokoko mit Nischen und Laubengangen oder die weiten Rasen und dichten Gebüsche der englischen Garten. Dank^ wilden Klimas, der ausgezeichneten Bewässerung und der sch Erde, die teilweise aus den weit entfernten Nord- und ^udpr-nmzen herbeigeschasst wurde, gedeihen hier die Pflanzen aller Z • trotz der Palmen und Zedern, der Granatapfel- und Feigenbäume, d r Kakteen und Agaven haben bie Gärten feinen ausg sp ) ländischen ober gar exotischen Charakter; es ist ein Stuck nutteleuropa. Icher Pflanzen- und Baumwelt, das hier unter einem wärmeren Himm unb unter forafamfter Wege zu einem kleinen Parabies Leworden ist. Schwere dunkle Tannen und Fichten stehen neben bizarren -
weicher grüner Ahorn neben ernsten Zypressen ®*4*n “>« Mischen sich zwischen indische Kastanien und Euka.yptusbaume ^'eb und Haselnußsträucher zwischen Kirschlorbeer und Magno en. 3 I) hundertalte Ulmen und Linden säumen die Wege, hohe, Manke ^appein -io Kanäle. Rosenhecken sind zu kleinen Nischen «nd Wandelgangen schnitten, und im Schatten der Taxuslauben träumen diee t
griechischer Göttinnen. Kleine Springbrunnen an jeber Kreuzung.


