Ausgabe 
22.2.1932
 
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GiehenerZamilienblätter

Unterhattungrbeilage Zum Sretzener Anzeiger________

Jahrgang <952 ~Montag, den 22. Februar Nummer 15

Erkenntnis.

Von Gottfried Keller.

Willst du, o Herz! ein gutes Ziel erreichen, mußt du in eigner Angel schwebend ruhn; ein Tor versucht zu gehn in ftemden Schuhs. Nur mit sich selbst kann sich der Mann vergleichen!

Ein Tor, der aus des Nachbars Kinderstreichen sich Trost nimmt für das eigne schwache Tun, der immer um sich späht und lauscht und nun sich seinen Wert bestimmt nach falschen Zeichen!

Tu frei und offen, wenn du nicht willst lassen, doch wandle streng aus selbstbeschränkten Wegen und lerne früh nur deine Fehler hassen!

Und ruhig geh den anderen entgegen: kannst du dein Ich nun fest zusammenfassen, wird deine Kraft die fremde Kraft erregen.

Llnheimlicher Besuch.

Ein Erlebnis.

Von Wilhelm von Scholz.

Copyright 1931 by I. L. A. Wien.

Ich weiß nicht, ob ich mit der simplen Geschichte, oder besser: Ausrede, die ich erfand, mehr die Situation oder mich gerettet habe. Die Lage, aus der gerettet werden mußte, war peinlich genug: denn gefährliche Lagen find immer auch peinlich.

An einem dämmerigen Spätherbstabend, ich war nahe ans penster geruckt und las noch, hörte ich klingeln. Da niemand außer mir in der Wohnung war, trat ich aus meinem vor der Haustür gelegenen Arbeits­zimmer, indem ich rasch Licht machte, leichtsinmg-rweise, melle>cht >m Glauben, der Briefträger sei gekommen, unmittelbar auf den Treppen­flur hinaus.

Ich stand noch geblendet im dunklen Stiegenhaus als ich hinter nur in meinem Zimmer die Anwesenheit eines großen, stattlichen, mit alt­modischem schwarzem Gehrock angetanen Herrn bemerkte der mich höflich bat, näherzutreten. E- blieb mir trotz einigen besorgten Eistaunens nichts anderes übrig, Nis seiner Einladung in mem Zimmer zu so,gen. Ich tat es im Banne des Blickes oder der Gestalt, die nun zu reden anhub.

Sie klang von dem vollen, tiefen, sonoren Ton einer s'ch gern hören­den Stimme, die, aus mächtiger Brust schallend, eine selbst für mein geräumiges Arbeitszimmer zu starke Resonanz hatte.

Der Besucher verkündete mir zunächst, daß Königsblut durch seine Adern rolle wobei das Wortrolle mit R und ,,l reichlich Ge­legenheit gab, die klangvolle Stimme ihre Flügel ausbreiten, zu lassen da er durch einen Großohm mit den Stuarts verwandt sei, er setzte aber der Besuch fand kurz nach der Begründung der Republik statt um nicht minder dieser Staatsform gerecht zu werden, hinzu: er se^ durch eine Tante auch mit Herwegh, Blum oder Hecker (das habe ich vergessen) verwandt:Auch Revolutionsblut rollt durch meine Adern.

Die Stimme benutzte gern diese durch die Staatsumwalzung bedlng e doppelte Möglichkeit, zu schwingen, sich und dasBlut rollt zu Horen.

Des weiteren verkündete der, auch auf dem jetzt eingenoinmenen Stuhle motze und stattliche Mann, dessen schon gescheiteltes dunkles Haar und gewellter kurzer Vollbart ihm im L'ch"egA der Deckenlamp das Ansehen eines Apostels von Oberammergau gaben d°ß ' /i^ er aller Künste sei und mit seinen Leistungen als D.chter.Musiker, BM- hauer, Gartenkünstler alles übertroffen habe, was die Menschheit bisye 8ef3djf hörte - und dachte nicht gern daran, daß wir beide in der Woh- nung^allein waren. Mit möglichst sichtbarer Te'lnahme wollte ichau

'"ÄchLLVschp-'mch, ww <»«-. --- "ÄÄ'in Sle'swiW.b.m.rtung mil d.r «M»! «»: Siebenundzwanzig hat Beethoven. Ich habe neunundsunszig! Heber das Doppelte an Zahl!" f

Allerdings!" Ich hatte rasch nachgerechnet.

Und wissen Sie, wie ich diese fast sechzig Motive für Jubel gesunden habe? Ich habe drei Frühjahre hintereinander die Lieder der Lerche in Noten mitgeschrieben!" .

Er ging zur Bildhauerei, zunächst anschauend, über:Wieviel Stel­lungen der Venus von Milo kennen die Menschen? Eine einzige! Ich? Unzählige! Ich sehe sie bewegt, sehe sie lebend!"

Die Stimme des Erzählenden hatte an Stärke und Fülle noch ge­wonnen. Durch ihren Brustton hindurch lauschte ich sorgfältig nach dem vertrauten Knarren der Hauptwohnungstür, ob nicht vielleicht das Mäd­chen nach Haufe käme. Vergeblich. Alles blieb still.

Mein Freund verweilte weiter bei der Plastik und schilderte ein ge- wattiges Relief, das er für eine Kirchhofsmauer geschaffen, eine gött- liche Grablegung. Voran die Propheten des alten Bundes, dann, von den Aposteln getragen, der Leichnam des Herrn.

Da streckte sich der große Mann, lediglich von dem verhältnismäßig kleinen Stützpunkt des Stuhles getragen, rechts und links des Rohrge­flechtes in einer edlen, ernsten Waagerechten aus, schloß die Augen des wie auf Holbeins Predella leicht zur Seite gesunkenen Hauptes und stellte so die beherrschende Gestalt des Figurenfrieses eine Zeitlang dar so daß ich währenddessen wenigstens ins Treppenhaus hätte flüchten können. Aber der Bann des seltsamen Gesellen war zu stark geworden.

Ich harrte seiner Rückkehr aus der in einem Jnnenraum doppelt mächtigen Ruhelage in die gewohnte wache Vertikale und ließ mir von dieser dann den gartenkünstlerischen Friedhof schildern, den der alles Übertreffende Schöpfer zusammen mit einem gewaltigen Trauermarfch den schritt er, dunkle Rhythmen summend, mehrmals durch mein Zimmer zu seinem Relief entworfen habe.

Ich wagte nicht, ihn zu unterbrechen. Er kam glücklicherweise selbst bald auf den Zweck seines Besuches. Ich leitete damals das SchauspiA am Stuttgarter Landestheater. Schon breitete er auf dem Tische vor sich ein im Verhältnis zu seiner Körpergröße und der Größe seiner Mit- teitunoen kleines und dünnes Heft aus und verlangte sofort mem Ehren­wort, "daß ich ihm nach der Vorlesung dieses Menschheitswerkes

, Die bekannte ungeschminkte Wahrheit sagen würde", erwartete ich nein: daß ich ehrlich bekennen würde, ob dies Werk, das ich nun Horen faßte, über alles hinausrage, was die Menschheit bisher zutage gefor­dert, oder nicht! , ,

Man hat manchmal selbst in ängstlichen Lagen Anfalle großen Mutes. Ich erwiderte:Ich will mein Ehrenwort geben! Aber wenn ich dann nicht finde, daß Ihr Drama über alles, was bisher geleistet wurde, hinausgeht?" , . ...

Ich mar aufs höchste gespannt, was er antworten, wie er sich vor solcher, auch als Möglichkeit schon unsinnigen, Aussicht verhalten, ob er nicht jetzt mir zeigen würde, was eine Harke

Unruhe lies über sein Gesicht. Seine 'Augen flackerten unruhig suchend übet mich bin. Seine Hände bekamen ein leichtes Zikkecn. Dann glitt ein Lächeln über seine Züge, er sagte schlicht, doch sehr bestimmt:Sie wer­den es finben"

Seine auch psychologisch für mich reizvolle Entgegnung hatte etwas Erlösendes. Ich brauchte die Kühnheit meiner Frage nicht zu bereuen, wenn ich jetzt auch anfing, den Wunsch nach Alleinsein immer lebhafter zu empfinden- zumal zu der Aengstlichkeit vor dem unheimlichen Genie, da er fein Heft auffchlug, meine noch viel größere Furcht vor Dramen- Manuskripten hinzukam

Die Geschichte die ich erfand, um mich aus der unbehaglichen Lage zu retten? Ach, sie ist mit den glorreichen und Wort für Wort wahren Mitteilungen meines Gastes, welche die unheimliche Lage herbeiluhrten, oder sie mir wenigstens zum Bewußtsein brachten, nicht zu vergleichen. Ich erzählte einfach, daß es am Landestheater eine Kommission gäbe in öcr ich nur eine verschwindend einzelne Stimme hätte, eine Kommission, die allein gültig ausfagen könne, ob ein Werk über alles hmausgehe, was die Menschheit bisher hervorgebracht: eines so bedeutenden Werkes wie des feinen aber sei es allein würdig, dieser über b>e Jahrhunderte entscheidenden Körperschaft und nicht einem einzelnen Mitgttede der selben oorgetragen zu werden! .

Er rollte die kleinen Blätter des gewaltigen Werkes in der Rechten. Er rollte die Augen, lieber feinen großen Blick liefen dabei sichtbar wie Wolkenfchatten über einem tiefen See, ernste Erwägungen. Plötzlich stand der Allkünstler wieder groß wie beim Kommen vor mir:Sie haben recht' Es wäre nicht angemessen, dies einem einzelnen vorzulesen. Nur der Körperschaft! Bestellen Sie die Herren morgen auf 4 Uhr ins T^Während er seinen breiten schwarzen Schlapphut ergnff und die Klinke faßte Härte ich das Dienstmädchen draußen an der Glastür auf- schließen. Aufatmend gab ich dem großen Genius wie wir Kinder es einst in der Königin-Augufta-Straße m Berlin bei den häufig vor- Überkommenden bezopften Mitgliedern der chinesischen Gesandtschaft als Mutprobe gemacht hatten die Hand.