Ausgabe 
19.8.1932
 
Einzelbild herunterladen

GiehenerZamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (952 Hreitag, den l9. August Nummer 64

Sommer im Tessin.

Von Siegfried von Vegesack. Amselruf und Glockenschlag, Sonnenstrahl durch Rosenlaube. Unter grünem Blätterdach reift die blaue Traube.

Hinter krummem Rebenstock, grauer Feldstein-Mauer lugt ein bärtiger Ziegenbock: Pan sicht auf der Lauer.

Alle Dinge sind entrückt, ohne Last und Härte. An der Mauer, starr-verzückt, sonnt sich die Lazerte.

getroffen war.

Abends, fällt di« Dämmerung ein, schwingt ein Klang: Ave Maria. Dunkel blutet roter Wein in der Dfterm.

Da fehle sie sich auf einen Stein und hielt die Han> vor die Augen. Das tierr klovite und die Gedanken waren vor Angst ganz wild.

D^ ZäuK'hatte keine Ruhe, solange still zu. sitzen b.-^sieWieder klar und gefaßt war, sondern ging gleich wieder weiter n den Wald hinein um nack dem reckten Wege zu suchen. Sie dachte nicht mehr daran, iyre

Als sie lange umhergewandert war und keine

wo sie sich befand, wurde es auf einmal hell um sie. Der Wald h«": e Ende. Sie kam in eine offene Lichtung, und vor ihr lag em großer.

Geschichte aus Värmland.

Ein Märchen von S e l m a L a g « r l ö f.

Copyright 1932 by I. L. A. Wien.

Immer, wenn ich von Värmland und denen, die dort, Hausen, erzählen soll, fällt mir ein altes Geschichtchen em von einer Bäuerin die eines Morgens in den Hag ging, ihre Kühe melken. Aber da sie die Tiere nicht an der gewöhnlichen Stelle fand, wo sie sonst standen und aus sie war­teten, mußte sie tiefer in den Wald hineingehen, um nach ihnen zu suchen, "^e^äueri^war6schon, ehe sie von daheim wegging schlechter Laune gewesen und als sie die Kühe nicht fand, wurde es damit nicht besser. Sie halt« ihren Mann ja gerne, aber sie sah doch daß er anf.ng a und abgearbeitet zu werden, gerade wie sie. Auch den Hof mochte sw gerne, aber sie tonnte die Augen nicht davor verfließen daß er^doch reckt klein und unansehnlich aussah. Was aber das Gesinde anbetraf sie wollte sie ja nicht geradezu der Unehrlichkeit beschuldigen, aber faul und -W>ii. mw.

gaben gar zu wenig Milch, und die Felder waren hart und 0efr°- ren, und der Wald, wo bas Vieh den ganzen Sommer weiden sollte war ganz unwegsam, so groß und dunkel daß sie nie Hine,ngi g, h den Tag zu denken, wo sie sich hier noch einmal verirren wurde. ..

Plötzlich sah sie auf, und da war es chr klar, daß gerade das.-wovor sie sich schon seit ihrer frühesten Jugend immer gefürchtet hatte, letzt n-

PtaSaum h^tt^sie^ihn erblickt, als sie ganz erschrocken stehen^büebDenn sie wußte ia daß es in dieser Gegend keinen andern Bauernhof als oen hren gab'Was sie jetzt sah, konnte nichts anderes fern als eine Luft-

»liZÄi. !> »I »i< I" £i,QrSr gesehen. Das Wohnhaus war wohl alt, aber festMd r g f g , die Scheunen und Vorratskammern waren so zahlreich daß sie fr ^e^ ganzes Dorf gelangt hätten. Dennoch konnte sie sich ., sie all die Ernten bergen sollte, die diesen Sommer ^gebracht wurbm.

Dabei ist es hier nicht einmal so ganz andersi als bei uns bah , dachte sie,nur hundertmal größer und schöner. Wenn wch^very^ wäre, wenn ich meine Augen richtig gebrauchen kon, , 2{meifen= der ganzen Herrlichkeit wohl nicht (ooiel übrig bleiben w

Haufen/'

Sie sah Leute ihren Verrichtungen nachgehen, aber es tarn ihr nicht in den Sinn, auf sie zuzugehen und sie nach dem Weg zu fragen. Rein, denn dann Hütte man sie genötigt, von Speis' und Trank der Kobolde zu kosten, und damit wäre sie nie, nie wieder aus ihrer Gewalt gekommen.

Sie ging wieder in den Wald zurück. Sie ging wie auf dem Grunde eines grünen Sees, und sie dachte: hier muh ich gehen und gehen, bis die grünen Wogen über mir zusammenschlagen und mich verschlingen.

Aber wie sie so ging, fügte es sich plötzlich, daß sie abermals an den Waldessaum kam und da sah sie wieder denselben stattlichen Hof.

Sie war ihm diesmal so nahe, daß sie sehen konnte, wie ordentlich alles gehalten war.

Je länger sie all dies betrachtete, desto mehr Gefallen fand sie daran. Ach, wenn dieser Hof doch mein wäre", dachte sie.Wie gerne wäre ich da. Ich sehe ja, daß er ein bißchen einsam liegt, aber dafür ist er so schön, mit dem See davor und dem Berg dahinter."

Der Mann dort, der jetzt in den Hag geht, um die Pferde zu holen", dachte sie,ist wohl der Bauer. Mein Lebtag habe ich keinen gesehen, der so stattlich und kräftig ausgesehen hätte."

Aber die allergrößte Freude hatte fie an einer Schar Kühe, die eben aus dem Walde kam und vor dem Zaune stehen blieb.

Das sind Hexenkühe, das sieht man gleich", sagte sie,lange Leiber und pralle Euter und alle brandig in der Farbe. Eine solche Kuh zu melken, müßte eine Freude sein. Wieviel die wohl geben kann?"

Alles, was fie sah, lockte und zog sie mit solcher Gewalt, daß sie rasch wieder in den dunklen Wald eilen mußte.

Als sie wieder unter den Bäumen einhergißg, konnte sie es nicht lassen, zu meinen, weil sie so verzaubert und verhext war, daß sie sich in ihrem eigenen Wald nicht zurecht finden konnte, den fie doch schon von Kind auf kannte.

Das ist die Strafe, weil ich mit dem Heim, das ich habe, nicht zu­frieden war",sagte sie sich.Darum haben die Kobolde Gewalt über mich bekommen."

Sie meinte und fie ging. Immer heißer und fchrnindliger wurde ihr.

Wovor fie sich jetzt am meisten hütete, mar, nur ja nicht mehr in die Nähe des verzauberten Hofes zu kommen. Sie dachte mehr daran, sich ihm fernzuhalten, als zu ihrem eigenen Heim zurückzufinden.

Aber es kam, roie sie mußte, daß es kommen mußte. Plötzlich stand fie abermals am Waldessaum und sah darauf hinunter. Alles mar noch

mie zuvor.

Wieder fühlt« sie dieselbe Lockung mie zuvor, näher zu treten und die verhexten Kühe zu melken und zu sehen, mie alles in einem so prächtigen Hofe geordnet und eingerichtet mar.

Sie fühlte, daß sie nicht länger dagegen ankämpfen konnte, und ging auf den verzauberten Hof zu.

Als fie zu dem Zaun kam, vor dem die großen, mächtigen Kühe lagen, standen sie auf und brüllten ihr freundlich entgegen.

Nun konnte fie nicht umhin, zu sehen, daß dies ihre eigenen Kühe wären, sie erkannte sie rnieder, sie konnte den Namen einer jeden sagen.

Im selben Augenblick öffnete sich die Haustüre, und ein kleines Mäd­chen kam herausgefprungen. Sie hatte langes, blondes Haar, ein blau- gemustertes Kattunkleidchen und bloße Füße. Das war ihr eigenes Mädek- chen, das sah fie. Sie stieß die Zauntüre auf, nahm das Kind in ihre Arme und drückte es an sich.Du bist doch mein eigenes kleines Mädel", sagte sie,aber mie kannst du hier fein?"

Ich bin doch da, wo ich fein soll", sagte das Kind.

Die Bäuerin stand ganz wirr und ratlos da und konnte nichts ver­stellen. Unterdessen begann die Kleine, die fie in den Armen hielt, ihr Haar mit ber Hanb zu glätten. Dann versuchte sie, das Kopftuch hinauf­zuziehen, das in den Nacken gesunken war. Sie fand wohl, daß die Mutter nicht so schmuck aussah wie sonst. Aber der Knoten löste sich, so daß ihr das Tuch in der Hand blieb.

Warte ein bißchen", sagte die Mutter.Drehe das Tuch auf die andere Seite, bevor du es mir wieder umknüpfst."

Das Mittel half gegen die Verwirrung, wie es schon so »ft vorher geholfen hatte. Jetzt sah die Arme plötzlich, wo sie sich befand.

Sie stand auf ihrem eigenen Hose, da, wo sie geboren und auf­

begreift, was es wert ist/

(Deutsch von Marie Franzos.)

gewachsen war.

Sie blieb mit dem Kind auf dem Arm stehen und sah sich um. Nein, daß dieser Hof so schön und stattlich sein konnte, wenn man ihn mit fremden Augen ansah! Jetzt wußte sie, daß es in der ganzen Umgegend nicht seinesgleichen gab, und den hatte sie verlassen wollen; dessen war fie überdrüssig geworden.

Sie mußte zum Manne hingehen und ihm alles erzählen.

,Das war wenigstens kein böser Zauber, der sein Spiel mit ihr ge­trieben hat" sagte ber Mann.Seht ihr, ihr wißt eben nicht, was ihr an eurem Heim habt. Ihr müßt erst in bie Welt hinausziehen unb viele Male irre gehen, bis ihr es mit solchen Augen ansehen könnt, daß ihr