' Cs war ein ausgezeichneter Mensch. Seine Schwächen^lagen offen: al'[o waren jie eigentlich schon nicht mehr existent. Seine Stärken lagen ebenso offen und überwogen bei weitem. Wer ihn verstand und lieb hatte, hatte ihn in gleicher Weise um seiner Schwächen und um seiner Stärken willen lieb. Er war durchaus lauter. Er war o^ne Falschheit und ohne den leisesten Anflug einer Bosheit. Ich habe ihn niemals ein gehässiges Wort über irgentz einen Menschen sagen hören. Ich habe ihm aber oft genug vorhalten müssen, daß er Freundlichkeiten an solche ver­teile, die sie nicht wert seien und daß er sich aus Gefälligkeit gegen Unwerte manchmal selbst in ein schiefes Licht fetze. Das galt besonders bei Bücherbesprechungen. Er erwies gefährliche Dienste. Sein gutes Herz ließ ihn manchmal geistige Verantwortungen vergessen. Sein gutes Herz vermengte ihn literarischen. Klüngeln. Sein Solidaritätsge­fühl mit den Zünftigen trübte ost sein Urteil: gegen seinen besseren und reineren Instinkt. Er konnte schlecht eine Bitte abschlagen, obwohl er, wie er mir einmal sagte, eine ungeheure Bewunderung hatte für das kategorische Nein, das einer aussprach oder durch seine Haltung bekun­dete. Von diesem Punkte aus und nur von diesem erklärt sich auch sein sonderbares Verhältnis zu George und der Georgesichen Bewegung. Er setzte sich begeistert ein für eine bewußt abgrenzende Haltung, eben weil diese bewußte Haltung ihm fehlte und bewies gerade dadurch, daß auch er ein unzerstörbares und unbeeinflußbares geistiges Absolutum in sich trug: mochten auch dessen Maße an der George- scheu Weltspannung gemessen begrenzt erscheinen. Zu dem George- scheu Werke selbst aber nahm er niemals eine differenzierte Stellung. Er setzte sich nicht Buch um Buch mit diesem gewaltigen Dichter aus­einander: es genügte ihm zu wissen (und zu spüren), daß da unzweifel­hafte Werte waren. Er legte das Wissen um diese Werte als Tangente an sein geistiges Leben: aber er schuf keine Beziehung, keine dauernde Wechselwirkung zwischen ihnen und sich. Jedoch vermittelte er sie vielen durch eindringlichen Hinweis so wie er auch die Ursache dazu wurde, daß der Schreiber dieser Zeilen durch Vermittlung Wolfskehls mit George selbst und den Bedeutendsten des Kreises in Verbindung kam. Eben dieses war einer seiner schönsten Züge: das Bedürfnis, zu fördern, Möglichkeiten zu erschließen, persönliche Beziehungen zu schaffen, die vielleicht fruchtbar werden konnten. War einmal durch seine Vermitt­lung eine solche Beziehung hergestellt, so enthielt er sich jeder weite­ren'Einmischung. Aber es bedrückte ihn, wenn die Dinge nicht so gingen, wie er es sich vielleicht gedacht hatte oder wenn sie gar vollends ins Negative umschlugen. Er hielt auch in einem solchen Falle mit jedem Urteil zurück. Er ließ sich berichten, hörte Argumente, ohne Stellung zu nehmen und ging zur Tagesordnung über: d. h. er ordnete das über­mittelte Negativ sofort in jenes Grenzgebiet ein, von wo aus es fein Herz nicht mehr erreichen konnte und sicherte sich auf diese Weise durch eine Art Selbstschutz. Manche haben ihm eine solche Haltung ver­übelt: es waren immer solche, die fein wahres Wesen nicht verstanden.

Man konnte sich niemals bei ihm einen Rat holen. Einmal vermochte er kaum, die wirkliche Situation des Fragenden so zu erfassen, daß er bona ticke" einen Rat hätte erteilen können sodann aber auch hatte er eine ungeheure Scheu vor Verantwortungen, die ihn nicht selbst betrafen. Eigene Entschlüsse ließ er sich gern durch Dritte begutachten aber er befragte nicht einen oder zwei, die ihm kompetent erschienen: sondern er befragte ein Dutzend der verschiedenartigsten Menschen und erntete jedesmal verstärkte Unsicherheit. Einige Jahre vor seinem Tode hatte ihm irgendein Schwätzer eingeredet, er solle dasProvinznest" Gießen ver­lassen und nach München oder Berlin ziehen, um endlich, auf seine alten Tage hin in einem Milieu zu leben, das seiner würdig sei. Als ich ihn damals besuchte, teilte er mir sofort diese Anregung mit und erbat sich meine Meinung.

Niemand besser, sagte er, als Sie, der säst immer draußen lebt, der auch nach dem Kriege wieder so europäisch lebt wie vor dem Kriege, kann mir raten, was ich da zu tun und zu lassen habe ...

Ich sah ihn fast entsetzt an.

Welcher Narr hat sich denn unterstanden, Ihnen einen solchen Blöd­sinn zu unterbreiten?

Er nannte keinen Namen ... Er erwiderte nur:

Es war ein hochgebildeter Mann, der mein künstlerisches Schaffen viel bedingungsloser bewertet als Sie selbst ...

Was hat denn die Bewertung eines Werkes mit einem solchen irrsinnigen Vorschlag zu schaffen?

Es ärgert diesen Mann, daß ich hier nicht so gewürdigt werde, wie er es für angebracht hält ...

Was hat denn Ihr Verwurzeltsein in Ihrer Heimatstadt zu tun mit der Bewertung oder Nichtbewertung Ihres Werkes durch die zufälligen Bewohner dieser Stadt?

Er schwieg. Und sah mich an mit jenem guten und dankbaren Blick hinter den Brillengläsern, der seine lebendigste Sprache war.

Also, Sie meinen, ich solle hierbleiben? fragte er schließlich.

Und nun begann eines der schönsten Gespräche, das ich jemals mit ihm geführt habe. Ein langes, lebendiges Gespräch über den Sinn und die Krast der Heimaterde, das ungefähr fo abschloß:

So verschieden, so grundverschieden Sie und ich sind, sagte ich, so sehr gleich sind wir in diesem Einen: in der schicksalsmäßigen Ver­bundenheit mit unserem hessischen Land. Sie haben als erster seine Menschen, feine Bauern verkündet, ich habe feine Erde, feine Landschaft gestaltet. Das kommt, im letzten, auf das gleiche hinaus. Denn die Erde schafft sich ihre Menschen und diese Menschen strahlen sich wieder zurück in die mütterliche Erde. Die Entdeckung des hessischen Bauern kam Ihnen von dem langen Verharren in der hessischen Heimatlandschaft, die Ent­deckung der hefsifchen Erde aber gelang mir erst nach den langen und weiten Wanderwegen durch die Welt. Hier ist der triebmäßige Unterschied unserer Naturen. Sie waren nie der Wanderer, der ich von frühester Jugend an war, sein mußte: weil mein'Blut Wanderschaft als Lebens­element forderte. Wie können Sie je daran denken, sich noch in einer späten Lebensphase zu entwurzeln, außerhalb des Bodens zu stellen, der Sie geschaffen und zur Reise getrieben hat? Wie können Sie den Ring Ihres

äußeren und inneren Gebens spengen wollen anstatt ihn zu festigen? Wie können Sie Maßstäbe für Ihr eignes Leben hernehmen wollen aus beit Notwendigkeiten eines fremden meines Lebens? Habe ich Ihnen nicht oft genug erzählt, daß mich wie ein Talisman auf allen meinen Fahrten über die Grenzen der Länder und Meere eine kleine silberne Dose be­gleitet, die mit der Erde meines Heimatbodens gefüllt ist? Habe ich Ihnen nicht gesagt, wie der Sinn meines Wanderns erst gegeben ist durch das Wissen um den Ort, an den ich gehöre? Glauben Sie, ich ertrüge je eine gewaltsame Verbannung von diesem Ort? Niemals! Ich müßte ver­kümmern, absterben wie der Bauer, den man aus seiner nährenden Erbe reißt! Meine Wälder, meine Berge, meine Wiesen, meine Ackergründe, die Konturen meiner Stadt nicht mehr sehen, nicht mehr in jedem Hauch der Luft verspüren zu dürfen: wäre es nicht gleich einem Tode bei leben­dem Leib? Gewiß: Ich liebe es, in Paris zu leben, ich liebe Rom, idj liebe alles, was Mittelmeer heißt und nähre mich an ihm ich mürbe unaussprechlich leiden, wenn Mir das alles genommen würde: aber könnte es mir jemals ersetzen den Verlust des bedingtesten heimatlichen Rahmens, in dem sich die Grundrisse meines Lebens formten? Den Verlust desFußbreit festen Bodens", auf dem ich ft e h e? Jedes mensch­liche Leben ist eine Synthese zwischen gegebenen Werten und notwendigen Ergänzungswerten. Und jedem einzelnen Dasein sind diese Ergänzungs­werte in besonderen Kurven ausgezeichnet. Auch der Kamps um sie Hal sehr verschiedene Akzente. Ihre Kurve läuft anders als die meine Ihr Kamps hat kaum jemals die offensichtlichen Formen des Kämpfens an­nehmen müssen! Glauben Sie ja nicht, daß sich die Ferne kampflos einem Leben einoerleiben lasse! Und glauben Sie ja nicht, daß die Form dieses Kampfes auf die Hilfe einer sorgfältig vorbereiteten und unaufhörlich abzuwandelnden Diplomatie aller Geistes- und Sinnenkräfte verzichten könne. Was wollen Sie in den Ausklang Ihres Lebens Belastungen ein- beziehen, die Ihr Leben zu feiner letzten Rundung gar nicht nötig hat?

*

Er hat Gießen nicht verlassen. Er ist in seinem schönen alten Haus geblieben, in seinem niedrigen Arbeitszimmer unter dem Dach, bei (einem Garten, sich selbst und seinen Freunden zur Freude. Er hat die gute Gast­freundschaft weitergeübt und viele haben sie ihm ehrlich gedankt, und werden sie ihm über feinen Tod hinaus zwiefach danken: denn nun erst, da sie nicht wiederkehren kann, erscheint sie ganz als das Seltene, das sie war. Sie war eine Gastfreundschaft des Herzens. Sie war eine voll­endete Freundlichkeit. Sie war um ihrer selbst willen da. Sie wollte nut wohltun. Sie wurde auch niemals mißbraucht außer in einem Falle, den es sich lohnt, zu berichten. Nicht, um des unerhörten Verstoßes willen, den sich einProminenter" unserer Zeit zuschulden kommen ließ, sondern um der Art willen, wie der Hausherr sich dazu verhielt. Für diesenPro­minenten" also wurde in dem alten Hause an der Marburger Straße ein Tee gegeben. Viele Gäste waren geladen und glücklich darüber, dem berühmten Zeitgenossen in der Intimität des Salons zu begegnen. Der Herrliche erschien. Aber was tat er? Da ihn einige Sätze fesselten, die ein junger Bewunderer ihm gesagt hatte, zog er sich mit diesem zurück und verließ schließlich ohne weiteres das Haus, um auf einem Spazier­gang die begonnene Aussprache in einem langen Gespräch fortzusetzen. Gastgeber und Geladene waren nicht mehr vorhanden. Nach zwei Stunden erst, als schon viele der Gäste gegangen waren, erschien derProminente' wieder und wurde empfangen, als ob nichts gewesen wäre.

Was halten Sie von der Geschichte? fragte Sir Alfred, als er fit mir erzählt hatte.

Daß sie Ihnen recht geschieht! Wozu brauchen Sie sich diesenPro­minenten" einzuladen, über dessen Charakter Sie doch unterrichtet waren? Wozu brauchen Sie Ihr stilles Haus zu einer Schaustellung für einen Menschen herzugeben, dem Sie gerade nur Mittel zum Zweck sind? Haben Sie es etwa nötig, sagen zu können, daß diese Koryphäe bei Ihnen zn Gaste war?

Sie führen ein bitterböses Mundwerk, lautete die etwas betroffene Anwort.

Ganz und gar nicht! Ich sage nur, was ich empfinde ...

Aber wollen Sie denn dem Genie nicht eine Ausnahmestellung zu- geftehen?

Erstens bleibt die Frage offen, ob es sich in dem vorliegenden Fallt um ein Genie handelt. Und zweitens bin ich unweigerlich der Ansicht, daß sich die berühmte sogenannteAusnahmestellung" des Genies unter gar keinen Umständen in solchen Flegeleien zu äußern braucht.

Flegeleien?

Jawohl! Flegeleien! Wenn es dieserProminente" für angemessen und mit feinemGenie" vereinbar fand, eine Einladung zu einem sin ihn gegebenen Tee anzunehmen, fo hatte er sich auch den Gesetzen der gesellschaftlichen Gesittung zu fügen. Roheiten des Herzens um nichts anderes handelt es sich find immer unentschuldbar. Aber dreifach und vierfach unentschuldbar, wenn sie in unserer aufgelotferten Zeit von einem Manne begangen werden, der sich als geistiger Führer sühlt und an­sprechen läßt. Es kommt auf das schöne Beispiel des gebundenen und verbundenen Geistes an, ganz und gar nicht auf den in Willkürlichkeiten entbundenen. Geist!

Aber was hätten Sic denn gemacht in meinem Falle?

Das will ich Ihnen klipp und klar sagen: Ich hätte ihm bei seiner Rückkehr Hut und Mantel reichen und bedeuten lassen, der Weg zum Bahnhof führe den Geleisen entlang ...

Was? Sie hätten es auf einen solchen Skandal ankommen lassen? Und ob ich es darauf hätte ankommen lassen!

Aber was hätte man denn von mir gesagt, wenn ich fo etwas gewagt hätte?

Es hätten sich viele von Herzen gefreut, daß einer einmal den Mui aufgebracht hätte, der Katze die Schelle anzuhängen. Ihre ethische Valuta wäre rapid gestiegen, wenn Sie gehandelt hätten ...Im übrigen aber konnte Ihnen die Meinung der Leute völlig gleichgültig sein! Wer in diesem ungeheuerlichen Falle nicht a priori auf Ihrer Seite stand, den lohnte es sich wohl für Sie nicht gekannt zu haben ober noch weiter zu kennen