Nummer 5-
Freitag, den (5. Juli
Jahrgang 1952
dämpft — an
Ejre nicht mehr besuchen können soll, wenn mid) der -^eg führt. Wie oft habe ich einen Zu-, überschlagen, nur um en lag zu sagen, wie oft auch bin ich auf einen Nachmittag
fehlte. Für ihn
ten Hausstandes
stundenlang darüber diskutie» i[le — und hat sich gerade um
selbst war.
bürgerlich geregeltem Grunde. Und — scheinbares Paradox — dabei war er ganz und gar kein Bürger. Er erreichte in feiner seelischen Strahlung gar nicht den Bürger und dessen Dunstkreis: er war, bis zur letzten Minute feines Daseins — ein unverfälschtes, großes, reichveranlagte» Kind. Das Geheimnis feiner Wirkung auf fo viele verschiedenartig« Menschen lag lediglich in diesem seinem Kind-Sein. Er war nicht ein Kind geblieben: Er konnte — bei allem Wachstum — nie etwas anderes als Kind sein. So ist die Formel zu setzen.
|uluA u-n- —V er hat sich nie gequält wo er
einfach Wahrgenommenes" Geben in das ihm verliehene, besonder« Wort erhob und dort festhielt. Di« besten Teile seines Werkes sind kampflos: so wie im Grunde seine undualistische und lineare Natur es
Hyperions Schicksalslied. Bon Friedrich Hölderlin. Ihr wandell droben im Licht Aus weichem Boden, selige Genien! Glänzende Götterlüfte Rühren euch leicht Wie die Finger der Künstlerin Heilige Saiten.
Schicksallos wie der schlafende Säugling, atmen die Himmlischen; Keusch bewahrt In bescheidener Knospe, Blühet ewig Ihnen der Geist, Und die seligen Augen Blicken in stiller. Ewiger Klarheit.
Doch uns ist gegeben Auf keiner Stätte zu ruhn,^ Es schwinden, es fallen Die leidenden Menschen Blindlings von einer Stunde zur andern. Wie Wasser von Klippe Ju Klippe geworfen. Jahrlang ins Ungewisse hinab.
Erinnerung an Alfred Bock.
Von Albert H. Rausch.
Siefftner^amilienblättcr
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Wäre der Grad der Distanzierung zwischen Herz und Ding noch um einige Akzente stärker gewesen: hätte sich der Drang zu künstlerischem Gestalten ganz auf der Linie der einfachen, berichtenden Darstellung des — mit einer außergewöhnlichen Sonder-Intuiton — „Wahrgenommenen" auswirken können: so wäre das Gebenswerk dieses Mannes einzigartig geworden. Aber das Herz war eben noch um einige Punkte zu nah: es redete noch in den Ablauf eines künstlerischen Geschehens hinein — und wurde damit der schlimmste Feind der sachlichen Formung. Hunderte Mal haben wir über diesen Schlüsselpunkt seines Schaffens gesprochen —hundert Mal habe ich versucht, ihm klarzumachen, daß strenge Kunst völlig gefühllos sein kann: er konnte es nicht begreifen. Er wollte es auch nicht begreifen. Er sah einen Mangel in einem klaren Verzicht auf jeden Appell an das Sentimentalische. Di« geheimen, lyrischen Rudimente feiner Natur sollten mitreden dürfen — und nie hätte er $ugegeben, daß sie nicht stark genug waren, um als Positiv mitreden zu können.
zwischen bürgerlichem Mußberus und künstlerischer Bokatton: daß eine wundervolle Synthese bestehen könne, in der sich beide Komponenten wechselseitig förderten, schien ihm durchaus unmöglich. es hatte wohl seinem Geben etwas gefehlt, wenn er sich diesen Konflikt nicht immer wieder vorkonstruiert hätte: denn wirklich akut ist ^r nie gewesen. Als ich ihm ein anderes Mal nahelegte, doch einfach einmal die Ersah- rungen aufzuzeichnen, die er in früheren Jahren als Kaufmann auf seinen vielen Geschästsreisen gemacht habe, glaubte er, -ch rede im Scherz. Er ahnte nicht einmal, welches entzückende und aufschlußreich« Buch — welche psychologische Studie großen Stiles — er der deutschen Literatur hätte geben können. Auch daß ein Buch keine erfundene Fabel brauche, wollte ihm nicht in den Sinn. Der einfache Ablauf eines E^- f(hebens, ohne künstliche Spannung oder Hemmung, ohne sentimentalisch« Verkittung, genügte ihm nicht. Er konnte
ren, ob ein Buch so oder so „ausgehen" [oL. _ , . , „
solche Fragen reichlich gequält. Aber f
Ich kann es noch immer nicht recht glauben, daß ich ihn, den Freund so langer Jahre, nicht mehr besuchen können soll, wenn mich der Weg nach Gießen führt. Wie oft habe ich einen Zug überschlagen, nur um ihm rasch guten Tag zu sagen, wie oft auch bin ich auf einen Nachmittag ober einen Abend zu ihm hinübergefahren, wenn ich mich gerade in der heimatlichen Nachbarstadt aufhielt... War bies zu einer Seit, mo o Nächte lang und die Tage kurz find,. fo wußte man beim Anschretten auf sein Haus schon von weitern, ob „Sir Alfred —wie ich ihn nannte daheim war oder nicht: brannte die kleine Gampe an der niebrigen Decke seines Arbeitszimmers durch das nur mit kurzem Vorhang e- berfte Fenster in das Dunkel hinaus, so war man sicher, ihn “U fernem Schreibtisch zu finden.. Oder im Tete=ä=tete mit einer feiner .Zahlreichen Verehrerinnen.. War aber das schmale Fenster blmb. nun, brauch man deswegen den Versuch, ihn zu erreichen, noch nicht auszugeben. Vielleicht hatte er ein paar Geute um den Kaffeetisch versammelt vie leicht auch sand man ihn an seinem Flügel im Salon b .. J
Couch war er nach auswärts gefahren. Vor dem Kriege war dieses ärts häufig München oder Berlin — nach dem großen Umschwung von 1918 hielt er sich eher in der Nahe, m Frankfurt o^r ^rm tadt. und in Darmstadt besonders: denn die „schule ^r,Weisheit hatte es ihm angetan. Das war - „so wie er die Singe sah..um mit dem berühmten Kriegskanzler zu reden — sehr weift von ihm. Er f das gesellschaftliche Bild und die gesellschaftliche Bewegung, welch«er liebte Er fand dort vor allem eine Reihe lrh°u°r — oder wen gsten eleganter - Frauen, mit geistigen und anderen Ambitionen Er glaubte was diese Frauen ihm über sich und ihre Seele erzählten Den"-er war ein Mensch, der immer wieder an Frauen glaubte. ®r glaubte auch, was ihm männliche „Prominente" jagten — und überprüfte es kau jemals Er war dann oft schwer verwundert, wenn ein kritischer Dritter, dem er Gehörtes berichtete, den Kopf schüttelte — und ganz emftch aus dos Konto der Eitelkeit setzte, was ihm als unberechnete Aeußeru g wirklicher Bedeutsamkeit erschienen war. Er verstand nicht daß man ge_ sellschasttichen Angelegenheiten mit äußerster Skepsis gegenuberstand mit umso größerer, als man an ihnen bis zuin Ueberdniß Anteil,genommen halte — und verwechselte manchmal gesellschaftliche u d ! ) liche Beziehungen. Für ihn galt noch das was man vor dem Kriege »bie Gesellschaft" genannt hotte, und er ahnte kaum — da er cy ve^ wußt mit den „Apparencen" begnügte — die ganze f
Verfalls. Das war gut so. Denn er ertrug nurjchmer den -olia in dm Brüchige. Daß alles „richtig" und „in Ordnung «ehe, war chmilutz 1 wesentlich. Sein Schaffen, sein ganzes Geben war nur denkbar I
Es wird immer unergründbar bleiben, warum ihm die letzte Auflichtung über das Besondere seiner Begabung versagt blieb. Als ich ihm einmal sagte, ob er denn nicht die zwingende Parallelität zwischen seiner Art, Kaufmann zu sein (d. h. ein Geschäft ganz sachlich um eben des Geschäftes willen zu tun) und seiner Art, dos Geben der ober- hessischen Bauern „wohrzunehmen" erkenne, schaute er mich fa£t erschrocken an und so, als ob ich mich an ihm und seiner „Berufung versündigt hätte. Ob ich denn nicht spüre, wie er unter dem „bürgerlichen" Beruf leide und wie dieser ihn hemme? Als ich daraufhin erklärte, ich sähe nur, wie sehr er ihn fördere, blieb er sprachlos. So wie immer, Wenn ihm zu der Sicht eines anderen Menschen einfach di« Brücke fehlte Für ihn — den Sprossen des bürgerlich geordneten und normier« — gehörte es sich einfach fo, daß ein Konflikt bestand chern Muhberuf und künstlerischer Vokation: daß eine
Er war, wie alle Kinder, ganz in sich befangen. Er lebte in der Betrachtung und Auswertung der Aeußerungsbedürfnifs« feiner Natur. Im Horchen auf die inneren Stimmen überhörte er oft das Geräusch der feindlichen, umgebenden Welt oder hörte es nur soweit, als ihm die« nützlich erschien. Ich Hobe an ihm, solange ich chn konnte, niemals die unmittelbare Wirkung innerer oder äußerer Umstände verspürt. Di« „Ereignisse" gelangten nur auf Umwegen — und damit sehr gedämpft — an ihn. Ich habe nie ergründen können, obwohl ich viele gute Gespräche mit ihm hotte, ob er wirklich „erschütterbar" war. Ich glaub« es nicht. Denn er war durch feine Natur geschützt gegen jedes Extrem. Selbst die Gefchehnifs« seines privatesten Gebens blieben ihm peripherisch und kaleidoskopisch. Aber nicht etwa fo wie dem Stoiker, der fie aus der Dämonie feiner Erkenntnis heraus auf ihren Platz verweist und ihnen nicht mehr Anspruch beläßt als er will: sondern so wie einem Manne, dessen Herz die Ereignisse nur bis zu einer gewissen Grenzlinie heranpocht, weil sein Schlag nicht ousreicht, sie in das innerste Gehäu« zu treiben. Diese apriorische Begrenzung war fein wahres Wesen: sie allein erklärt Herkunft und Ausdruck feiner künstlerischen Geiftung, sie allein auch bestimmt das Positiv und Negativ seines Werkes.


